Stille Rebellen (eBook)
360 Seiten
Aufbau digital (Verlag)
978-3-8412-2761-4 (ISBN)
Mut kennt kein Kalkül: Der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz. Am 19. April 1943 stoppen drei junge Männer einen Zug, der 1.618 Juden vom belgischen Sammellager Mechelen nach Auschwitz transportiert. Ausgerüstet mit drei Zangen, einer mit rotem Papier beklebten Sturmleuchte sowie einer Pistole, führen Youra Livchitz, Jean Franklemon und Robert Maistriau einen Plan aus, den jüdische Widerständler erdacht, bewaffnete Partisanen aber als zu riskant verworfen hatten. Sie befreien 17 Männer und Frauen, dann eröffnen die deutschen Bewacher das Feuer. Bis der 20. Konvoi die deutsche Grenze erreicht, können weitere 225 Insassen fliehen. Während der Besatzung haben viele Belgier aus allen sozialen Schichten Juden vor der SS geschützt, gefälschte Pässe besorgt, Unterkunft oder Arbeit gewährt, Kinder versteckt. Neben Menschlichkeit und Mut gedeiht Verrat: Mit Hilfe von Spitzeln kann die Gestapo Widerstandsgruppen und Juden festnehmen. Youra, der als Kind mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder Alexandre nach Brüssel immigriert war, vielseitig begabt, grüblerisch, lebenshungrig ist und die Frauen fasziniert, wird denunziert, gefoltert und im Februar 1944 erschossen. Auch Robert und Jean werden festgenommen, überleben aber die Haft im Konzentrationslager. Das Buch beruht auf privaten Dokumenten, Archivakten und Polizeiberichten, Recherchen und Interviews, darunter Gesprächen mit sechs Zeitzeugen, die aus dem 20. Konvoi fliehen konnten. Sie verschweigen weder Verzweiflung noch Ohnmacht und Trauer, dennoch stärken ihre Erfahrungen Zuversicht und Lebensmut. Paul Spiegel, ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, berichtet im Vorwort über das Schicksal seiner Familie, die in Belgien ein Versteck gefunden hatte, wo sie den Holocaust zu überleben versuchte.
Marion Schreiber wurde 1942 in Drossen bei Frankfurt/Oder geboren. Aufgewachsen im niedersächsischen Bad Pyrmont und Wolfsburg. Studium der Germanistik, Romanistik und Publizistik in Freiburg, Göttingen und an der Freien Universität Berlin. Freie Journalistin in Berlin und Bonn. 1970-1986 Redakteurin beim 'Spiegel' in Bonn, 1986-1998 'Spiegel'-Korrespondentin in Brüssel. Mutter von drei erwachsenen Söhnen. Lebt in Brüssel als freie Autorin.
Erstes Kapitel
Der 20. Januar 1943
Eine seltsam euphorische Stimmung lag über der Avenue Louise. In der breiten, von Kastanien gesäumten Allee strömten die Menschen wie auf ein geheimes Kommando zu dem Haus Nummer 453. Aus allen Stadtteilen Brüssels kamen sie an diesem kalten Wintertag, um die unverhoffte Demütigung der deutschen Besatzer zu besichtigen, die sich in der hellen Kalksandsteinfassade des Appartmentgebäudes in der Nähe des Stadtwaldes offenbarte. Mehr als ein Dutzend Einschußlöcher verunzierten das Haus.
Unglaubliches war geschehen. Ein Pilot der englischen Luftwaffe hatte sich an diesem Januarmorgen 1943 in den Luftraum über Belgien gewagt. Im Tiefflug donnerte er über die breiten Boulevards von Brüssel auf die belgische Außenstelle des Reichssicherheitshauptamtes zu, übersäte das Gebäude mit Granaten und Geschossen, drehte ab und verschwand.
Er hatte gut gezielt. Keines der benachbarten Bürgerhäuser war getroffen. Allein die cremefarbene Front des berüchtigten Hochhauses bot ein Bild der Verwüstung. Scheiben waren zersplittert, Metallrahmen verbogen und die Gitter der Balkons zerborsten. In den oberen Stockwerken klafften schwarze Fensteröffnungen.
Langsam schob sich die Menschenmenge an dem Haus vorbei. Niemand wagte, stehenzubleiben. Und niemand traute sich, seiner Freude laut Ausdruck zu geben. Nur jene, die in der überfüllten Straßenbahn vorbeifuhren, winkten triumphierend den Heerscharen der Spaziergänger zu. Sie wähnten sich vor dem Zugriff der grimmig blickenden deutschen Polizisten in den feldgrauen Uniformen sicher, die das Gebäude in einem Halbkreis abgeriegelt hatten. Allein ihre Trillerpfeifen und Kommandos, mit denen sie die Neugierigen immer wieder auseinanderzutreiben suchten, übertönten schrill die gelöste Stimmung.
Youra Livchitz konnte den Blick nicht von der zerstörten Fassade abwenden. Ein solches Gefühl des Triumphes hatte er seit langem nicht verspürt. Der junge jüdische Arzt kannte die fürchterlichen Geheimnisse dieses Gebäudes. Freunde von ihm, Widerständler, waren in diesem Gebäude verhört und gefoltert worden, ehe sie im Gefängnis oder im Arbeitslager verschwanden. Im Keller warteten jüdische Frauen, Männer und Kinder, die bei den Razzien von Hitlers SS-Schergen, den Mitgliedern der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, verhaftet worden waren, auf die Weiterfahrt in das Sammellager Mechelen. Je höher die Etagen, desto grausamer die Methoden dieser Polizeizentrale für Menschenfang und Menschenvernichtung. In den beiden obersten Stockwerken hatte die Geheime Staatspolizei, die Gestapo, ihre Büros.
Livchitz hatte an diesem Nachmittag früher als gewöhnlich seinen Arbeitsplatz verlassen. In den Büros und Labors der Firma Pharmacobel, wo er als Laborleiter arbeitete, seit die Besatzer ihm als Juden die Ausübung des Arztberufs verboten hatten, sprach man an diesem 20. Januar von nichts anderem. Kündigte sich vielleicht das baldige Ende der Naziherrschaft an? Erstmals zeigten sich die Deutschen verwundbar. Warum sollte den Alliierten nicht bald im Großen gelingen, was dieser wagemutige Pilot im Alleingang geschafft hatte? Sogar die von den Nazis gleichgeschaltete Abendzeitung »Le Soir« vermochte nichts mehr an der hoffnungslosen Situation der Deutschen in Schnee und Eiseskälte an der Ostfront zu beschönigen. Die Einheiten der Wehrmacht, hieß es, seien vor Stalingrad »isoliert« und Ziel »unerbittlicher Angriffe von russischer Seite«.
Doch Youra hörte auch pessimistische Stimmen. Sie fürchteten, die gedemütigten Nazis würden nun um so rabiater agieren und Hausdurchsuchungen und Razzien verstärken, um ihre Autorität des Schreckens zurückzugewinnen. Mit Sicherheit aber würden die Deutschen alles tun, damit in den belgischen Zeitungen nichts von der Fliegerattacke gegen ihr Hauptquartier zu lesen sein würde.
Der junge Arzt wollte die Niederlage der verhaßten Besatzer mit eigenen Augen sehen, wollte hören, was die Leute auf der Straße sagten. Auch wenn er damit ein Risiko einging. Denn sicherlich verschärften die Deutschen die Personenkontrollen. Sollte sich herausstellen, daß er keinen Judenstern trug, dann wäre sein weiterer Weg vorgezeichnet: Er würde selbst im Keller dieser Nazizentrale landen und ins Sammellager Mechelen transportiert werden, von wo aus die Züge nach Polen abgingen. Doch Youra vertraute wie immer darauf, daß er jener krummnasigen Nazikarikatur eines Juden so gar nicht ähnlich sah, die auf den Plakaten in der Stadt für die »Antibolschewistische Ausstellung – Das sind die Sowjets« im Cinquantenaire warb. Livchitz war groß, sportlich, und er hatte blaue Augen – ein Typ, den Frauen mochten.
Die Menschen hier in der Avenue Louise, so schien es dem jungen Arzt, gingen heute aufrechter als sonst, sie wirkten entspannter, hoffnungsvoller. Die Angststarre war von ihnen gewichen. Den aufgeregten Gesprächen um sich herum entnahm der junge Mediziner, daß ein belgischer Pilot, ein ortskundiger Patriot offensichtlich, den Angriff geflogen haben mußte. Präzise habe er das Hochhaus Nummer 453 angesteuert. Und auf dem Anflug über Brüssel habe er über dem Haus einer bekannten adligen Familie die von den Nazis verbotene belgische Nationalflagge abgeworfen. Bei der verhaßten deutschen Polizei habe es offensichtlich Blutopfer gegeben. Die Bewohner der Nachbarhäuser berichteten, den ganzen Vormittag über hätten sie Feuerwehr und Ambulanzen vorfahren sehen.
Erst später wurde in Belgien bekannt, daß der 32jährige Jean de Sélys Longchamp den Angriff geflogen hatte. Der belgische Pilot hatte sich mit seiner britischen Typhoon bei einem Erkundungsflug der Royal Air Force über Belgien von seinem Geschwader entfernt und das Gestapo-Gebäude beschossen. Ein Racheakt für seinen Vater, einen angesehenen Politiker, der an den Folgen der Folterungen der nationalsozialistischen Sicherheitspolizei gestorben war.
Plötzlich zuckte Youra zusammen. Jemand hatte ihm auf die Schulter geschlagen. Es war Robert Maistriau, sein alter Schulfreund. Die beiden jungen Männer hatten sich seit Wochen nicht gesehen. Auch Robert war hierher gepilgert, um die Blamage der deutschen Besatzer zu besichtigen. Der vier Jahre jüngere Robert mit seinem blonden gewellten Haar war für den Juden Youra ein unverdächtiger Begleiter in dem Gedränge. Beide waren begeistert: Dieser sichtbaren Niederlage der Deutschen, spekulierten sie, würden weitere folgen. Wurde nicht die Stimmung der von Hunger und Kälte geplagten Bevölkerung den Besatzern gegenüber immer feindseliger? Und die Anschläge der Untergrundkämpfer häuften sich.
Robert war wild entschlossen, sich auch einer Widerstandsbewegung anzuschließen. Der Schreibtischjob bei der Metallgesellschaft Fonofer, wo er nach einem abgebrochenen Medizinstudium zu arbeiten angefangen hatte, langweilte ihn. Er brannte darauf, endlich etwas gegen die Deutschen zu tun. Nicht genug damit, daß alles, was die Belgier erwirtschafteten, Lebensmittel, Textilien oder Kohle, nach Deutschland ging. Nun sollten auch noch die jungen Leute zur Arbeit in deutschen Fabriken zwangsverpflichtet werden, um die Räder von Hitlers Rüstungsindustrie rotieren zu lassen. Robert mußte in diesen Tagen häufig an seinen Vater denken. Der Militärarzt, ursprünglich ein glühender Verehrer der deutschen Kultur, hatte im Ersten Weltkrieg an der Yser-Front all seine Hochachtung vor dem Volk der Dichter und Denker verloren. Für besonders barbarisch hielt er, daß die Deutschen beim Einmarsch 1914 die kostbare Universitätsbibliothek von Leuven mit ihren unersetzlichen Schriften in Brand gesetzt hatten. »Irgendwie«, erinnert sich Maistriau, »waren wir jungen Leute gegen die Deutschen, auch vor dem Zweiten Weltkrieg.«
Sein großer Freund Youra, den Robert im Gymnasium so bewundert hatte, war ihm auch jetzt wieder voraus. Er sei in der Résistance aktiv, erzählte er Maistriau, und arbeite als Kurier. Weil er sich in einigen Kliniken gut auskenne, habe er auch schon geholfen, gemeinsam mit jungen Untergrundkämpfern im Arztkittel ein krankenhausreif geschlagenes Gestapo-Opfer aus der Klinik herauszuschmuggeln. Doch anders als sein älterer Bruder Alexandre, ein überzeugter Kommunist, der den bewaffneten Partisanen angehörte, hatte sich Youra bisher noch keiner Gruppe angeschlossen. Der intellektuelle Freigeist verabscheute jede Form des Zwanges und wollte sich weder organisatorisch noch ideologisch einbinden lassen.
Auf einmal drängten sich deutsche Polizisten in die Menge, einige hielten Schäferhunde an der Leine. Offensichtlich hatten sie Anweisung, die Menschenansammlung aufzulösen. Sie griffen einzelne Neugierige heraus und führten sie ab. Höchste Zeit für Youra, das gefährliche Pflaster zu verlassen. Die beiden Schulkameraden wohnten noch immer im selben Viertel, in der Nähe ihres Gymnasiums in Uccle. Und so legten sie wie in alten Zeiten den Fußweg von zwanzig Minuten gemeinsam zurück.
Vom dritten Stockwerk der Avenue Louise Nummer 453 beobachtete Judenreferent Kurt Asche, wie sich die Menge langsam zerstreute. Im Laufe des Tages war der NS-Funktionär immer wieder ans Fenster getreten, um durch die zersplitterten Scheiben auf das Treiben zu blicken. Der Anblick dieser heiteren Menschen machte ihn wütend. Um nicht gesehen zu werden, hielt sich der kleinwüchsige Mann mit dem verkniffenen Gesicht im dunklen Hintergrund seines Büros, das wie durch ein Wunder unversehrt geblieben war.
Asche war Adolf Eichmanns verlängerter Arm in Belgien. Und als Referent und Obersturmführer der SS genoß er das Privileg eines Büros an diesem Prachtboulevard mit Blick auf den Park der Abbaye de la Cambre. Als am Morgen...
| Erscheint lt. Verlag | 15.3.2021 |
|---|---|
| Vorwort | Paul Spiegel |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2. Weltkrieg • Belgien • Deportation • Judenbefreiung • Judenverfolgung • Rebellen • Zug nach Auschwitz • Zugüberfall |
| ISBN-10 | 3-8412-2761-9 / 3841227619 |
| ISBN-13 | 978-3-8412-2761-4 / 9783841227614 |
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