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Mado -  Wolfgang Franßen

Mado (eBook)

Roman
eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
376 Seiten
Europa Verlag GmbH & Co. KG
978-3-95890-366-1 (ISBN)
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Mado Kaaris ist inmitten von Gewalt aufgewachsen und nach Paris geflohen. Ihr Aufbegehren droht zu scheitern, als sie der ehemalige Boxer, mit dem sie zusammenlebt, aus Eifersucht einsperrt. Eines Abends erschlägt sie ihn und kehrt zu ihrer Familie in die Bretagne zurück, um bei ihrer Großmutter ein paar Tage unterzutauchen. Wieder begegnet sie dem Leben, das sie so sehr hasst: einer Mutter in einer Bauernkneipe, an deren Theke Männer sich besaufen und deren Anzüglichkeiten sie in Kauf nimmt, weil sie mit ihnen ihr Geld verdient. Einer jüngeren Schwester, die sich angepasst hat. Aus Langeweile lässt sie sich auf eine Liebschaft mit Thierry ein, dem seine eigene Familie ebenso fremd ist. Nur ihre Großmutter, die einige Jahre im Gefängnis saß, hat immer auf einem eigenen Leben bestanden. Nun ist sie alt und versucht, Mado zu helfen. Die Bedrohung rückt immer näher und fordert Opfer. Sie kann ihre Enkelin nicht beschützen. Die Gewalt kehrt zurück. Als Mado hinter das Geheimnis ihrer Geburt kommt, bricht eine Welt für sie zusammen und sie fühlt sich von allen betrogen. Sie beschließt, sich zur Wehr zu setzen - in einer Welt, in der Männer vorgeben, wie eine Frau zu sein hat. Angesichts von MeToo und Cancel Culture hat Wolfgang Franßen einen unkorrekten Roman geschrieben. Die Geschichte einer Revolte, des Zorns, die sich zu keiner Seite absichert. Mado verspürt eine Kraft in sich, die selbst die Liebe und das Chaos überlebt. Sie will sich nicht abfinden, sich ihr Leben nicht vorschreiben lassen, um es aus zweiter Hand weiterzuleben. Denn schließlich besitzt sie nur diese eine Leben.

Wolfgang Franßen wurde in Aachen geboren. Er inszenierte 22 Jahre am Theater, neben Shakespeare und Büchner auch zeitgenössische Autoren wie Heiner Müller und Thomas Brasch. Sein Stück 'Hasenclever' wurde 1993 im Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen uraufgeführt. Weil er das Gefühl hatte, auf der Bühne alles erzählt zu haben, wandte er sich dem Verlegen zu und gründete 2014 in Hamburg den Polar Verlag. Autoren und Autorinnen, die abseits des Mainstreams Geschichten erzählen, in denen die Sieger von den Verlierern kaum zu unterscheiden sind, haben ihn stets fasziniert. 'Mado' ist sein erster Roman.

Wolfgang Franßen wurde in Aachen geboren. Er inszenierte 22 Jahre am Theater, neben Shakespeare und Büchner auch zeitgenössische Autoren wie Heiner Müller und Thomas Brasch. Sein Stück "Hasenclever" wurde 1993 im Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen uraufgeführt. Weil er das Gefühl hatte, auf der Bühne alles erzählt zu haben, wandte er sich dem Verlegen zu und gründete 2014 in Hamburg den Polar Verlag. Autoren und Autorinnen, die abseits des Mainstreams Geschichten erzählen, in denen die Sieger von den Verlierern kaum zu unterscheiden sind, haben ihn stets fasziniert. "Mado" ist sein erster Roman.

BESUCH


Wenn Rosa Kaaris an ihren Mann Matthieu dachte, befiel sie eine gewisse Schwermut. Er war der Sohn eines alteingesessenen Taxiunternehmers in Bordeaux gewesen, bevor er zur Bahn ging und mehr Fahrgäste von einem Ort zum anderen brachte als sein Vater in seinem ganzen Leben. Er war verrückt nach ihr gewesen, hatte alles hinter sich gelassen, um vor ihrer Tür aufzutauchen und stotternd zu gestehen, dass er nicht mehr ohne sie sein wolle. Das hatte so gar nicht zu ihr gepasst. Wie sie ausgerechnet an so einen Kerl gelangt sei, hatten die Schmuggler, mit denen sie Geschäfte machte, sie aufgezogen.

Von Grund auf ehrlich und rechtschaffen.

Matthieu besaß eine hohe Stirn, eine Nickelbrille und verdammt gute Manieren. Ein Sohn, der regelmäßig in die Kirche ging, aber das hatte sie niemandem erzählt, um es ihm in ihren Kreisen nicht noch schwerer zu machen. Er kontrollierte die Fahrkarten auf der Strecke Le Havre–Marseille. Sie sahen sich an seinen freien Tagen. Sie waren verheiratet und auch nicht verheiratet gewesen, je nachdem, wie ihr danach war. Aber sie wurde geliebt. Unendlich.

Matthieu stellte nur zwei Bedingungen für die Hochzeit: Er wollte nichts von ihren Geschäften wissen, und sie würden zusammen in die Rue Lomenech ziehen. Ihre Ehe hielt fünfunddreißig Jahre.

Rosa schüttelte den Kopf. Fünfunddreißig Jahre.

Warum ausgerechnet dieser Mann so elendig an Krebs verreckt war, wollte ihr nicht in den Kopf. Sie ja, Serge auch, aber Matthieu? Dieser stille Mann, der kein Laster kannte, der sonntags Cadre spielte und sich nicht wie andere Männer beschwerte, wenn kein Essen auf dem Tisch stand.

Sie musste ihn alleine sterben lassen, weil sie im Gefängnis saß. Verurteilt für etwas, an dem sie keine Schuld trug. Serge war bei ihm gewesen. Sie hätte den Namen des Verräters, der sie ans Messer geliefert hatte, nur auszusprechen brauchen, doch das hätte bedeutet, dass auch Serge ins Gefängnis gekommen wäre. Einen einzigen Namen, um wenigstens am Begräbnis teilnehmen zu dürfen. Doch Rosa Kaaris hatte geschwiegen.

Egal, wie alt und verschrumpelt sie war, es gab nichts zu bereuen, sie würde alles wieder so machen. Im nächsten Leben, im übernächsten, selbst wenn sie auf der Stelle noch mal jung wäre. Es hatte ihr gefallen, den Staat um seine Steuern zu betrügen. Die neun Jahre im Gefängnis war sie klargekommen. Als sie freikam und alles sich verändert hatte, war sie auch klargekommen. Dass sie die Wohnung nicht mehr verlassen konnte, weil ihre Beine sie nicht mehr weit genug trugen, damit kam sie klar. Dass ihre Tage gezählt waren, sowieso. Nur dass die Sommersprossen aus ihrem Gesicht verschwunden, in Altersflecken übergegangen waren, das ärgerte sie maßlos.

Rosa war groß und schlank und breitschultrig gewesen. Eine herbe Schönheit, der sie nicht nachtrauerte. Die Männer waren ihr mit Respekt begegnet. Sie hatte schon als Kind auf dem Hof ihrer Eltern gearbeitet und bemerkt, dass sie ein Geschick im Verhandeln besaß. Sie war nicht einmal vierzehn gewesen, als ihr Vater sie vorschickte, um ein Schwein zu verkaufen. Von dem Geld, das sie zusätzlich herausschlug, hatte sie allerdings nichts gesehen. Sie begriff früh, dass sie ihr eigenes Geschäft aufziehen musste, wenn für sie etwas übrig bleiben sollte. Mit siebzehn war sie schon nicht mehr auf dem Hof gewesen. Für einen Fischer stand sie auf dem Markt und sorgte dafür, dass sein ganzer Fang an einem Vormittag unter die Leute kam. Mit knapp zwanzig lernte sie einen Flamen kennen, der sein Geld mit bezahlten Leerfahrten verdiente, weil ihn die eigentliche Fracht nicht ernährte. Ein kleiner Betrug, den Rosa sofort einsah. Ihr konnte niemand weismachen, dass alle ihr Geld auf redliche Weise verdienten.

Der alte Leveque nahm sie schließlich unter seine Fittiche und brachte ihr alles bei. Er bezog schottischen und irischen Whisky ohne Steuermarke direkt von den Destillerien, versah sie in einem Schuppen auf einer Landstraße nach Concarneau mit den entsprechenden Siegeln und verschob sie nach Paris. Zu seinem Imperium gehörten Schnaps, Zigarren und Kaffee. In den Siebzigern hatte Rosa sich selbstständig gemacht und auf Medikamente spezialisiert, die auf Frachtern aus Nordirland über Bord gingen. Auch Ärzte wollten schließlich Geld verdienen.

Allein in ihrer Zelle, hatte sie sich oft den Kopf darüber zerbrochen, warum sie so blind gewesen war, warum sie es nicht hatte kommen sehen. Der Kerl, der sie ersetzt hatte, war jünger, gieriger und brutaler gewesen. Nicht daran interessiert, sein eigenes Geschäft aufzuziehen, da sie ja über alle Kontakte verfügte. Mit gepanschten Medikamenten ließ sich mehr Geld verdienen. Ein unschlagbares Argument. Und er war ein Kerl. Als die ersten Patienten Ende der Siebzigerjahre im Koma lagen, war der Skandal vertuscht worden, Rosa war ausgestiegen und hatte das Maison Blanche eröffnet. Sie musste an Matthieu und ihre Kleine denken. Sie war nie ein großes Risiko eingegangen. Nur so weit, dass es für ein gutes Leben reichte, aber halt nicht für eine Villa in Biarritz.

Nach der Jahrtausendwende kam das ganze Ausmaß zutage. Mehrere Patienten waren gestorben. Der Kerl, der sie aus dem Geschäft gedrängt hatte, verfügte inzwischen über so viel Einfluss, dass er dem Gericht eine Schuldige präsentieren konnte: Rosa. Er ließ einen Kronzeugen aussagen, der sie mit Dreck bewarf. Sie stellten es so dar, als trage sie Schuld am Tod Dutzender Patienten. Madame la Mort, wie die Presse sie nannte. Als seien die Toten nicht bereits krank gewesen, sondern hätten alle gerettet werden können. Neun Jahre Schweigen, erst danach hatten sie den wahren Drahtzieher überführt.

Rosa hielt sich vorm Spiegel im Flur eine Hand über den Kopf. Dass sie langsam zu schrumpfen begann, sich nicht mehr richtig aufrecht hielt, auch damit kam sie klar. Die grauen Strähnen hatte sie mit jeder Farbe bekämpft, die ihr Friseur hatte auftreiben können. Nur rothaarig hatte sie nie sein wollen.

Du altes, eitles Biest, dachte sie, als es an der Tür klingelte. Um die Zeit öffnete sie normalerweise niemandem. Egal, wie hartnäckig er auch auf die Klingel drückte.

Sie setzte Wasser auf. Auf jenem Gasherd, den ihre Tochter jedes Jahr zu entsorgen versuchte, weil sie davon überzeugt war, dass ihre Mutter eines Tages vergessen würde, den Hahn abzusperren, und sich in die Luft sprengte.

Das Klingeln nervte sie. Vielleicht ein neuer Postbote, der nicht wusste, dass er ihre Pakete bei der Nachbarin im Erdgeschoss abgeben sollte. Sie hörte ihren Namen. Ein Klopfen. Mit dem vollen Kaffeefilter in der Hand näherte sie sich der Tür und hörte die Stimme ihrer Enkelin.

»Nun mach schon auf. Ich weiß, dass du da bist. Wo sollst du sonst sein?«

Fünf Jahre war es her, seitdem Mado verschwunden war. Fünf Jahre ohne einen Anruf, ohne eine Karte. Was bildete das Kind sich ein? Dass es einfach auftauchte und alles war beim Alten? Rosa kehrte in die Küche zurück, setzte den Filter auf die Kanne, nahm den Kessel vom Herd und goss Wasser hinein.

Das Klopfen ging in ein Hämmern über.

»Was soll das? Mach die Tür auf«, rief Mado.

Es gab drei Phasen bei Rosa Kaaris. In der ersten regte sie sich auf. In der zweiten wurde sie wütend. In der dritten ganz ruhig. Etwas, was niemand wirklich erleben wollte.

Die Hand auf dem dicken Bund liegend, an dem zu viele Schlüssel hingen, von denen sie nicht wusste, zu welchem Schloss sie passten, sagte Rosa: »Nein.«

»Ich bitte dich.« Das klang nicht nach Mado. Ihr kleines Mädchen bat nie um etwas.

Rosa drehte den Schlüssel um. Die Tür sprang einen Spalt weit auf. Als müsse sie all ihren Mut aufbringen, dauerte es einen Moment, bevor Mado ihr in die Küche folgte, wo ihre Großmutter eine Brioche mit Marmelade bestrich.

Mados Hände umklammerten sie von hinten. Sie lehnte den Kopf an ihren Rücken. Sie sollte sich nichts vormachen, dachte Rosa. Sie würde ihre Enkelin nicht wegschicken, obwohl sie das verdient hatte. Sie freute sich, sie zu sehen, aber sie kam auch nicht gegen ihre Natur an. Sie drehte sich um und ohrfeigte Mado, die zurückschrak und auf die Küchenbank fiel, wo sie gesessen hatte, seitdem sie über die Tischkante blicken konnte. Sie war dürr gewesen, mit viel zu langen Fingern. Immer voller Zorn auf ihre Mutter. Auch jetzt sah sie abgemagert aus. Vor allem erschreckte Rosa der leere Blick in ihren Augen.

»Ist das jetzt deine Entschuldigung?«, schnauzte Rosa sie an.

Mados Grinsen explodierte auf ihren Lippen. Sie und sich entschuldigen, was für ein idiotischer Gedanke. Als Kind hatte sie jegliche Bestrafung wortlos hingenommen.

Eine Stunde nachdem Mado ihr alles gestanden hatte, nahm ihre Großmutter sie in den Arm. Am liebsten hätte sie ihr gesagt, dass alles nichts nutzte, egal, was eine Frau anzog, für welche Frisur sie sich...

Erscheint lt. Verlag 19.3.2021
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Aufbegehren • Auflehnung • Boxer • Bretagne • Frankreich • Freiheit • Jacques • Kaaris • Kind einer Vergewaltigung • Krimi Noir • Le Havre • Mado • Mado Kaaris • nur ein Leben • Paris • Rebellion • Selbstverrat • Spannung • Thierry
ISBN-10 3-95890-366-5 / 3958903665
ISBN-13 978-3-95890-366-1 / 9783958903661
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