Im Schatten der Buchen (eBook)
252 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7526-9965-4 (ISBN)
Sylvia Bäßler lebt mit ihrer Familie in Kirchenkirnberg, einem Stadtbezirk von Murrhardt. Ihre Faszination für menschliche Verhaltensweisen, die Freude an tiefsinnigen Geschichten, leidenschaftliches Interesse an Historischem und Mystischem, ihr tiefer Glaube an Gott und ihren Auftrag, sowie die Liebe zu ihrer Wahlheimat im Schwäbisch-Fränkischen Wald sind ihre Inspirationsquellen.
AUF DEM WALDE,
ABENDWÄRTS VON WALKERSBACH
ANNO 1562
Das erste Kapitel
Hüttenzauber
Nun komm schon!“ Wütend stampfte das Selvamädchen mit dem nackten Fuß auf den weichen Waldboden. Immer musste sie auf diesen Langweiler warten. Wenn sie sich nicht beeilten, würde ihnen die Dunkelheit noch alles verderben. Und das nur, weil er mal wieder rumtrödelte. Ungeduldig bohrte sie mit dem Zeh kleine Löcher in den Schlamm, bis ein etwa gleichalter Junge gemächlich neben sie trat. Am liebsten hätte sie ihn am Kragen geschnappt und kräftig durchgeschüttelt, so gereizt war sie.
„Sei doch nicht so furchtbar ungeduldig, Tilia“, sagte der Junge, betont gelassen. „Und hab es nicht immer so eilig, zu diesen verrückten Humanos zu kommen. Diesen Narren begegnet man am besten nur im Mondschein oder noch besser überhaupt nicht, wie es sich gehört. Aber das Fräulein Tilia pfeift ja bekanntlich auf alle Regeln und macht am liebsten was es will. Je riskanter desto besser.“
Der Junge wäre in diesem Moment lieber in der behaglichen Wohnhöhle bei seiner Mutter gesessen, um mit ihr über das Leben zu philosophieren, als auf dieser lebensbedrohlichen Mission unterwegs zu sein. Schließlich war es den Selvas strikt verboten, sich auch nur in die Nähe der Humanos zu begeben, doch Tilia wollte einfach nicht einsehen, was an ihnen so gefährlich war.
„Wie oft denn noch, Falco?“ Tilia verdrehte die Augen. „Deine ständigen Ermahnungen hängen mir schon lang zum Halse raus. Diese närrischen Wesen sind vielleicht gefährlich, aber dadurch umso interessanter. Und sie stellen schöne Dinge her, für die sich ein wenig Risiko lohnt.“
Falco schnaubte verächtlich. Ihm waren diese riskanten Spielchen, die Tilia bei den Humanos immer bunter trieb, zu gefährlich. Ihm graute beim Gedanken daran, was geschehen konnte, wenn sie bei diesem Schabernack letztendlich doch einmal in die riesigen Hände dieser Kreaturen geriet. Wie könnte er ihr dann noch beistehen? Bei diesen unberechenbaren Wesen bestand doch keine Möglichkeit der Gegenwehr. Warum nur kam sie nicht endlich zur Vernunft?
„Wegen dir ziehen wir ja nur in der Abenddämmerung los“, versuchte sie ihn von diesem Abenteuer zu überzeugen. „Dann brauchen wir uns erst recht nicht mehr vor ihnen zu fürchten. Sie sind nachts doch so blind wie ein Maulwurf im Sonnenschein. Jämmerliche Geschöpfe, die nur tagsüber richtig leben können und dennoch für ihre merkwürdigen Arbeiten ständig die Nacht zum Tage machen. Aus denen muss man erst einmal schlau werden, doch dazu muss man sie erforschen.“
Falco wurde ungeduldig: „Zuerst muss ich mal aus dir und deinem Verhalten schlau werden. Wir verstehen diese Wesen nicht und sollten sie daher unbedingt meiden, damit kein Unheil geschieht! Die Regeln sind in dieser Hinsicht mehr als eindeutig!“ Er fühlte sich wie in einem Albtraum gefangen. Schon wieder steckte er in dieser fruchtlosen Diskussion fest. Jeder Versuch, diesen Sturkopf zu überzeugen, war doch nur vergebliche Liebesmüh. Dennoch würde er immer weiter an ihre Vernunft appellieren, denn auch er konnte hartnäckig sein. Tilia winkte ungeduldig ab:
„Nachts haben sie doch genug von diesem stinkenden Zeug aus den Krügen getrunken und können dadurch noch schlechter sehen als sonst. Selbst das Laufen fällt ihnen dann schwer. Was soll da schon groß passieren?“
Falco ließ nicht locker: „Sie aus sicherer Entfernung zu beobachten und zu erforschen ist eine Sache, aber warum musst du dich ihnen immer wieder zeigen?“
„Weil es lustig ist“, erwiderte Tilia leichthin. „Die Humanos erzählen die Geschichten über ihre Begegnung mit mir am nächsten Morgen den anderen. Die verspotten sie dann und machen mit der Hand eine Trinkbewegung. In dem Zeug muss irgendetwas sein, das nicht nur stinkt, sondern sie auch dafür empfänglich macht, uns zu sehen, obwohl sie ja sonst nicht an uns glauben wollen. Merkwürdig – sehr merkwürdig.“ Tilia rieb sich grinsend das Kinn. Irgendwann würde sie herausfinden, was es mit diesem Getränk auf sich hatte, wie es wirkte, und vor allem, wie es schmeckte. Falco verriet sie von diesem Vorhaben natürlich nichts. Im Moment war sie drauf und dran, ihn zurückzulassen und alleine weiterzugehen.
„Los, nun mach schon, Falco. Beweg dich ein bisschen schneller, wenn ich bitten darf!“, drängte sie den Jungen zur Eile.
„Also ganz ehrlich“, entgegnete dieser, „mir ist nicht wohl in meiner Haut, weil du mich immer so nah zu den Humanos mitschleppst. Das ist ein zu gefährliches Spiel!“
Tilia winkte verächtlich ab. „Die sind dumm und genauso feige wie du. Sie fürchten sich einfach vor allem. Vor Raubtieren, der Dunkelheit und vor Dingen, die sie sich nicht erklären können. Und davon gibt es wahrlich mehr als genug. Ihr Verstand scheint nicht besonders groß zu sein. Und dennoch tun und bauen sie merkwürdige Dinge, die es zu ergründen lohnt. Das fasziniert dich doch auch, gib es zu. Wenn du dich fürchtest, kannst du ja nach Hause zu Mama gehen und an ihrem Rockzipfel nuckeln. Die hat ja noch mehr Furcht vor den Humanos als du. Feige Bande – alle miteinander!“, empörte sie sich und setzte ihren Weg fort.
Wenn Falco sich nicht für Tilia verantwortlich gefühlt hätte, wäre er nie und nimmer mit ihr mitgegangen, aber einer musste schließlich auf sie aufpassen. Sie kannte keine Furcht und keine Grenzen. Er starb jedes Mal tausend Tode, wenn sie vor diesen schrecklichen Humanos ihre Faxen machte. Währenddessen hielt er sich unsichtbar im Hintergrund verborgen, wo er scheinbar deren Technik zu ergründen suchte. In Wahrheit behielt er dabei aber Tilia im Auge, um ihr beizustehen, falls die Sache doch einmal schiefgehen sollte. Wenn seine Mutter davon erfahren würde, wäre beiden eine saftige Strafe für diese unerhörte Regelverletzung sicher. Daher mussten diese „Humanos Operationen“, wie Tilia sie zu bezeichnen pflegte, unbedingt geheim bleiben. Keiner im Clan durfte jemals davon erfahren. Er betete täglich zur Großen Macht, dass sie niemals dabei erwischt würden.
Wo sich einst dichter Wald erstreckte, klafften immer größere Rodungsflächen. Die Gier der Humanos nach Holz war unersättlich. Der Lebensraum der Selvas ging immer mehr zugrunde. So häufig, wie sie ihren Clansitz deswegen schon verlegen mussten, konnte man sie inzwischen als Nomaden bezeichnen. Vielleicht lag Tilia mit ihrer Aussage gar nicht so falsch, wenn sie behauptete, man müsse die Humanos verstehen lernen, damit man sich nicht mehr vor ihnen zu fürchten und zu verstecken bräuchte. Wenn sie den Wald letztendlich niedermachen würden - was ganz offensichtlich nur noch eine Frage der Zeit war - blieb den Selvas sowieso nichts anderes übrig, als in den Schoß der Großen Macht zurückzukehren, oder bei den Humanos Quartier zu beziehen und mit ihnen auszukommen.
Inzwischen hatten die beiden die Rodungsgrenze am Rande des engen Tals erreicht, an dessen breitester Stelle bereits vor langer Zeit eine Menschensiedlung angelegt worden war. Nicht zum ersten Mal sahen sie die merkwürdige große Hütte, die sich - seit nunmehr über fünfzig Sommern – etwas abseits, gegen Mitternacht des Ortes, befand. Sie besaß keine Wände, sondern lediglich ein großes, festen Dach, das als Regenschutz diente. In der Mitte dieser Halle stand ein gewaltiger Ofen, daneben mehrere kleine. Durch reine Beobachtung konnten die beiden jungen Selvas nicht klären, was genau sich dort abspielte. So wussten sie nicht, dass es sich bei dem großen Ofen um einen Glasofen handelte, und die kleinen Öfen mit geringerer Hitze zum Abkühlen der geblasen Gläser dienten. Der Grund für die fehlenden Außenwände der Hütte war die enorme Hitze, die darin entstand. Sie hatten jedoch beobachtet, aus was für Rohstoffen diese Gegenstände gefertigt wurden. Die Humanos gewannen Quarzsand aus den untersten Schichten der Sandsteine, die es hier in der Gegend sehr häufig gab. Direkt neben der Hütte stand eine Mühle. Das Wasser des Baches wurde durch einen Kanal auf das Mühlrad geleitet, um dieses zu drehen. Das Rad trieb ein Pochwerk an, das die Steine zu feinem Sand zerstieß. Außerdem wurde die Hütte immer wieder von Fuhrwerken angefahren, die etwas anlieferten. Dank ihrer Neugier wussten sie inzwischen, dass es sich dabei um Asche handelte, welche die Humanos der umliegenden Siedlungen sammelten und hier zur Weiterverarbeitung abgaben. Sie hatten ausgiebig die Stampfmüller, Ascheknechte, Holzschlepper, Schürer, Ofenmaurer, Glasmacher, Glasbläser, Laboranten, Packer und Glasträger bei der Arbeit beobachtet und belauscht. Es hatte den Anschein, alle männlichen Einwohner des Dorfes waren an dieser Stätte beschäftigt. Die Humanos hatten zur Herstellung des Materials, welches in den Öfen geschmolzen wurde, die zermahlenen Sandsteine mit der Asche vermischt, welche sie zuvor sehr lange in einem großen Pott über einem...
| Erscheint lt. Verlag | 14.1.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| ISBN-10 | 3-7526-9965-5 / 3752699655 |
| ISBN-13 | 978-3-7526-9965-4 / 9783752699654 |
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