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Treffpunkt im Unendlichen (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2021
Anaconda Verlag
978-3-641-27649-2 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Treffpunkt im Unendlichen - Klaus Mann
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Sebastian schreibt, Sonja ist Schauspielerin. Zwischen Kunst und Rebellion leben die jungen Leute in höchster Intensität, doch auch immer nah am Abgrund. Die Goldenen Zwanziger verlieren an Glanz, die politische Lage verdüstert sich: Vor dieser Kulisse fängt Klaus Mann das Lebensgefühl der Verlorenen Generation ein.

Erstes Kapitel


Berlin, den 6. Oktober 193… Am Bahnhof Zoo.

Viele Taxis fahren vor; dazwischen, seltener, ein eleganter Privatwagen. Aus einem Auto steigt ein Mann, aus einem anderen eine Frau; aus diesem dritten ein Paar mit Kindern, aus dem vierten ein Paar, kinderlos. Auf dem Dach dieses fünften liegt ein großer Koffer. Er wird heruntergehoben. Es steigen aus: eine sehr große Dame mit einem blassen jungen Gesicht; ein kleiner Herr mit hängendem schwarzen Schnurrbart; ein junger brünetter Mann, ohne Hut, mit offenem Trenchcoat.

Sie wollen zum Pariser Morgenzug.

Do bezahlte das Taxi. Sie wusste, dass es Sebastian gerne hatte, wenn man Kleinigkeiten für ihn auslegte. Sebastian sagte nervös zum Träger, der sich den großen Koffer auflud: »Glauben Sie, dass er noch mitkommt? Wäre idiotisch, wenn ich die Sachen heute Nacht nicht hätte –« Er sprach so gehetzt, dass der Mann ihn misstrauisch ansah. Doktor Massis sagte mit zartem Lächeln: »Tiens – unser Freund hat Reisefieber.«

Während Do sich um die Gepäckaufgabe bekümmerte, kaufte Sebastian Zeitungen und Zigaretten. Gegen seine Gewohnheit war er streitsüchtig und ungeduldig mit den Leuten, die ihn bedienten. »Nein, ich wollte doch ohne Mundstück«, machte er enerviert. »Ach, ich muss mir ja auch noch französisches Geld einwechseln.« Obwohl er viel reiste, erregte es ihn jedes Mal wieder. – Inzwischen kam Do mit dem Schein für den aufgegebenen Koffer.

Sie ging, ohne ihn zu beachten, an Doktor Massis vorbei, der nervös an den Enden seines Schnurrbarts kaute. Sie winkte mit dem Kofferschein wie mit einer Blume. Der Gang war schön und beschwingt, mit dem sie durch die Bahnhofshalle auf Sebastian zukam. Sie wiegte sich leicht in den Hüften und lachte. Sie lachte mit großem und geschwungenem Mund, wobei ihre Augen freilich ernst blieben. Als sie Sebastian gegenüberstand, überragte sie ihn um einen halben Kopf. Sie war sehr schlank im hellgrau karierten, knapp gegürteten Mantel.

»Wie viel hast du für mich ausgelegt?«, fragte Sebastian. Sie lachte: »Das soll meine letzte milde Gabe für dich sein.« – »Sei nur nicht so sicher, dass es die letzte ist.« Er lachte auch, während er das Papier einsteckte.

Inzwischen war das Auto angekommen, in dem Frau Grete mit zwei jungen Leuten zum Bahnhof Zoo gefahren war. Frau Grete nahte sich eilig, ihr Busen wogte, sie kam bunt und stattlich daher, Blumen im Arm, die schönen, dunklen Augen kurzsichtig zusammengezogen und erregt mit den Nüstern schnuppernd. Sie rief laut: »Sebastian – Engel!«, und hielt ihm die Blumen hin. Dann sagte sie gleich: »Da ist ja auch mein Herr Chef!« – denn sie arbeitete als Sekretärin bei Doktor Massis. Der suchte nach etwas Ironischem, was er antworten könnte, fand aber nichts und lächelte nur fein. Frau Grete küsste erst Sebastian, dann Do. Währenddessen waren auch die jungen Leute herangeschlendert.

Richard Darmstädter drückte dem Sebastian innig die Hand. Die Art seines Blickens war vertraulich und intensiv. Auf seinem langen, rassigen Gesicht standen Schweißperlen. Er brachte dieses erregte und sentimentale Antlitz, in dem die schwarzen Brauen an der Nasenwurzel temperamentvoll zusammenwuchsen, in bedenkliche Nähe von Sebastian. Dabei schwieg er bedeutungsvoll und ergriffen.

Der andere junge Mensch verhielt sich zurückhaltender und konventioneller. Er war ein eleganter und schöner junger Engländer, der einen braun seidigen Tschau-Hund an der Leine führte. Der Tschau-Hund hieß Leu und schien empfindlich, ja äußerst scheu von Charakter, obwohl er mit seiner Mähne, seinen kleinen goldenen Augen etwas von einem Miniaturraubtier hatte, von einer Zwergmischung aus Bär und Löwe. Mitten auf seiner Stirne, zwischen den Augen, bildete ein schmales Stück schwarzen Fells eine Art dunkler Falte, was seinem Blick, seinem ganzen Ausdrucke etwas Ängstliches und Besorgtes verlieh.

Do nahm die Perronkarten für alle. Sie gingen die Treppe hinauf, die zum Bahnsteig führte. »Noch acht Minuten, Sebastian«, sagte feierlich Richard Darmstädter. Jemand fragte: »Wo ist Gregor Gregori?« Sebastian, der vorne neben Frau Grete ging, wandte sich um: »Von dem habe ich mich schon verabschiedet.« Der junge Engländer bemerkte mit etwas schwerer Zunge – oder klang sein Deutsch nur behindert durch den englischen Akzent?: »Natürlich – wenn die alten Freunde arrivieren, machen sie sich rar.« Diese Bemerkung ward als taktlos empfunden, es entstand eine kleine Pause. Schließlich bemerkte Frau Grete, die stets auf dem Laufenden war: »Er konnte ja gar nicht kommen, denn heute früh trifft seine Freundin aus München ein; diese Sonja. Kennst du sie eigentlich?«, wandte sie sich an Sebastian. – »Nein, Gregor hat mir nur dauernd von ihr erzählt.« Sebastian antwortete mit einem merkwürdigen Anflug von Ungeduld in der Stimme, als habe man ihn nach einem Gegenstand gefragt, über den er so viel habe hören müssen, dass er ihn nachgerade unerträglich langweilte.

Der junge Engländer, der übrigens Freddy hieß, hatte wegen seines schüchternen braunen Tieres Streit mit einer älteren Dame bekommen, wobei er sich sehr reizbar und hochfahrend zeigte. Sein helles und breites Gesicht flammte rot; er stampfte. Als die Dame ihn schließlich kurzerhand »Sie Lausejunge!« nannte, schrie er mit funkelnden Augen: »I am a british boy!« –, wozu Doktor Massis gedämpft bemerkte: »Dabei ist unser guter Freddy zu drei Vierteln Amerikaner.«

Derart abgelenkt, wandten sie alle dem Zuge, der unerwartet einfuhr, den Rücken. Der Schaffner schrie schon sein: »Einsteigen! Einsteigen!«, und Sebastian, wieder von Nervosität gepackt, lief einige Schritte sinnlos umher, um seinen Träger zu finden. Der war aber schon dabei, die Handkoffer im II. Klasse-Raucherabteil zu verstauen. Sebastian hatte erst vor, allen seinen Freunden auf dem Bahnsteig die Hand zu schütteln, überlegte es aber anders, sprang die Stufen hinauf in den Wagen, lief den Gang hinunter, bezahlte im Coupé erst den Träger und versuchte dann die Scheibe herunterzulassen, um denen draußen adieu zu sagen. Es gelang ihm nicht gleich, er stellte sich ungeschickt an. Hastig zerrte er am Riemen, indessen klopfte Richard Darmstädter von außen mahnend an die Scheibe. Endlich war der Trick gefunden, die Scheibe sank – da setzte sich der Zug auch schon in Bewegung.

Die fünf Personen, denen Sebastian winkte, standen auf dem Pflaster nebeneinander, plötzlich ein dickes und kompaktes Häufchen Menschen, das zusammengehörte. Er, über ihnen, schon ganz isoliert, schon ganz fern, losgelöst und entschwindend. Welcher Schriftsteller – dachte Sebastian – hat gesagt, bei jeder Abreise verwandelt sich der, welcher am Coupéfenster steht, in einen Pfeil, der gefiedert ins Ferne zielt; der aber, der am Bahnsteig zurückbleibt, in ein Ei, aus dem die Bewegung noch nicht geboren ist. Stolz du Scheidens, du Bald-nicht-mehr-da-seins; Stolz du Sterbens.

Sebastians Gesicht, das sich langsam davonbewegte, sehr allmählich weggezogen wurde, stand hochmütig über den Gesichtern seiner Freunde. Wie aus Mitleid beugte er sich noch einmal zu ihnen. Er berührte einen Augenblick Frau Gretes runden, kleinen schwarzen Hut und nahm dann die Hand, welche Do nach ihm streckte. Do hob ihre Hand, damit er sie noch einmal anfassen sollte. Er legte sie, als wenn er sie in aller Eile wärmen wollte, zwischen seine beiden Hände, und er fand noch einmal, wie schön Dos Hand war, mit den langen, schlanken, spitz zulaufenden Fingern; etwas abgemagerte und doch so unschuldige Hand. Do musste nun schon ein wenig laufen, um neben Sebastian zu bleiben. Die anderen liefen mit, nur Doktor Massis blieb stehen. Er rief plötzlich ganz konventionell: »Gute Reise!«, aber mit so geheimnisvoll gesenkter Stimme, dass es Sebastian nicht mehr hören konnte. Auch was Frau Grete ihm noch mitteilen wollte, verstand er nicht mehr, er sah nur noch ihr aufgerissenes, nacktes und buntes Gesicht, in dem plötzlich etwas wie Angst stand – eine ganz wilde, unerklärliche Angst. »Wovor fürchtet sie sich nur?«, dachte flüchtig Sebastian. Und dann: »Wie schwammig und schlapp die Partie um den Mund bei ihr wird. Arme Frau Grete –«

Er musste Dos Hand loslassen und empfing ihren letzten Blick, der tränenvoll war über dem lachenden Mund. Freddy und Richard waren zurückgeblieben; endlich gaben auch die beiden Frauen den Wettlauf mit der Lokomotive auf. Freddy rief plötzlich – es war viel zu spät – mit einer tiefen, brummenden Stimme: »Wiederkommen! Wiederkommen!« –, während Massis seinen schwarzen Schlapphut im weiten Halbkreis schwang und sich ironisch tief verneigte. Ehe der Zug in die Kurve bog, erkannte Sebastian noch einmal Dos Gesicht. Nun glaubte er auch in ihren Augen Angst zu finden. Wovor fürchtet sie sich?, dachte Sebastian, während er sich vom Fenster zurückzog. Er dachte es so gründlich und besorgt, dass er mehrere Sekunden vergaß, sich hinzusetzen oder überhaupt seine Stellung zu ändern.

Sonja, im schwarzen Pelzmantel mit grauem Kragen, winkte aus dem Coupéfenster: »Hallo, Gregor! Hallo! Hallo!« Gregor sagte aus Verlegenheit, noch ehe er Sonja begrüßte: »Da ist ja auch Froschele.« Froschele verkroch sich listig in sich selbst, sie schien winzig klein und verhutzelt zu werden, während sie hinter Sonja aus dem Schlafwagen stieg. »Kalt«, sagte sie zur Begrüßung.

Sonja und Gregor lachten; Sonja tief, herzlich und laut, Gregor etwas angespannt und verzerrt. In seinem fahlen Gesicht ist sein Mund entzündet, fleischig weich und dunkelrot. Er nimmt den hellgrauen leichten Hut ab, sein blondes, schütteres Haar weicht weit von den Schläfen zurück und ist auf der Scheitelhöhe künstlich über...

Erscheint lt. Verlag 18.1.2021
Reihe/Serie Große Klassiker zum kleinen Preis
Große Klassiker zum kleinen Preis
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Klassiker / Moderne Klassiker
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Drogen • eBooks • Klassiker • Lebensgefühl • Liebe • Machtergreifung • Nationalsozialismus • Politik • Rebellion • Reclam • Roman • Sehnsucht • Serien • Suizid • Verzweiflung
ISBN-10 3-641-27649-7 / 3641276497
ISBN-13 978-3-641-27649-2 / 9783641276492
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