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Reinthal -  Patrick Karez

Reinthal (eBook)

eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
382 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7526-3853-0 (ISBN)
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Ein frisch vermähltes Paar, Caroline und Georg Andtner, lassen sich auf einen Hauskauf im nördlichen Weinviertel ein, obwohl alle Anzeichen gegen einen Erwerb dieses Anwesens sprechen. Nicht erst durch die Nachbarn müssen sie erfahren, daß dieses 3oo Jahre alte Landhaus keinem seiner Vorbesitzer je Glück gebracht hatte - ganz im Gegenteil sogar... "Reinthal" ist ein Roman Noir im ursprünglichen Sinne - also eine Gothic Novel, ein Schauerroman im Geiste des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts.

Patrick Karez wurde in den Siebziger Jahren als Kind Prager Eltern in Deutschland geboren. Nach seiner Matura lebte er zehn Jahre lang in Paris, wo er an der Université de Paris-Sorbonne in Kunst- und Architekturgeschichte s.c.l. promovierte und als Kunstkritiker für eine dem französischen Ministerium für Kultur anhängige Institution tätig war. In diesem Rahmen publizierte er bereits mit Mitte Zwanzig - so etwa Kunstkritiken, Übersetzungen aus dem Tschechischen, Englischen und Französischen - und verfasste nebenher kontinuierlich belletristische Texte. Nach seinem Studium ging er für ein Vierteljahr nach Südostasien, lebte ferner für mehrere Jahre in Budapest, Rom, New York und Wien, wo er sieben Jahre lang als Mitarbeiter für die Österreichische Nationalgalerie Belvedere samt anhängigen Häusern tätig war. Das 19. Jahrhundert und die Kunst der Jahrhundertwende zählen zu seinen Forschungsschwerpunkten. So stammen etwa aus der Feder des Autors u.a. die beiden Romanbiographien "Gustav Klimt" (erschienen im November 2014 im acabus Verlag, Hamburg; 4. Auflage 2020; russische Ausgabe bei Molodaya Gvardiya, Moskau, 2019) sowie "Egon Schiele" (erschienen im September 2016, im acabus Verlag, Hamburg). Nach seinen ironischen Romanen "Schwartz auf Weiss" (2004, publiziert 2018) und "Diva - Whatever happened to Martha Külföldi" (1999/2019), legt der Autor nun den Schauerroman "Reinthal" vor.

PROLOG


Der hohe Pfeifton war schier unerträglich. Seit Wochen litt Franz darunter und wußte sich weder ein noch aus. Und dazu dann noch diese Klopfgeräusche. Dumpf. Und bedrohlich. Alles hatte er versucht. Er hatte das Dach untersucht, war auf den Boden gestiegen, hatte die Regenrinnen überprüft, doch das alles hatte nichts genutzt. Das Klopfen blieb. Und das Pfeifen auch. Und das war noch viel schlimmer auszuhalten. Der Ton war hoch, so hoch, daß er kaum wahrzunehmen war. Wie das schrille Fiepen einer Sendeanlage, irgendwo im kaum hörbaren Bereich, doch Franz hörte ihn dennoch. Während der letzten Tage hatte er sich nurmehr mit den Fäusten gegen die Schläfen schlagen können, was ihm natürlich keinerlei Linderung oder gar Abhilfe zu verschaffen vermochte. Ganz im Gegenteil.

Doch jetzt war genug. Er hielt das einfach nicht mehr aus. Das Geräusch machte ihn im wahrsten Sinne des Wortes rasend. Nein: wahnsinnig! Und dazu noch diese Bilder! Oder wie auch immer man es nennen mochte. Denn auf diesem Gebiet war er sehr vorsichtig. Schließlich war ja Tante Martha einst in der Klapse gelandet, justament weil sie ebenfalls Dinge gesehen hatte, die andere nicht sehen konnten. Gut, bei ihr waren es eher fromme Bilder gewesen – Engel und Heilige und so – doch bei ihm war es alles andere als das! Kurz nachdem er dieses unselige Haus gekauft hatte, war es schon losgegangen. Zunächst waren es nur Schatten gewesen. Aus dem Augenwinkel hatte er sie sehen können. Wie sie von einem dunklen Eck ins andere huschten. Vermutlich Mäuse. Hatte er anfangs noch gedacht. Doch es waren keine Mäuse. Mäuse werden nicht zwei Meter groß. Beziehungsweise noch größer. Fast drei! Außerdem gab es nirgends Mäusekot. Zumindest hier oben im Haus nicht. Aber auch unten, im Kellerstüberl, hatte er niemals welchen finden können. Was seltsam war. Die Mäuse schienen dort nicht bleiben zu wollen und kamen auch nicht hinauf in die Stube, selbst in die Küche nicht, warum auch immer. Sogar, wenn er über Nacht Brotkrumen oder andere Essensreste auf dem Küchentisch liegen ließ, kamen sie nicht. Gar nichts kam hier rauf! Nicht einmal Ameisen. Oder Asseln. Oder Spinnen. Die wenigen Fliegen, die sich ab und an durchs halb geöffnete Fenster in die dunkle Stube verirrten, krepierten nur kurz darauf. Aus unerfindlichen Gründen.

Das Haus war verflucht. Dachte er. Denn anders konnte man all diese Vorkommnisse hier nicht erklären. Zumal die Schatten im Laufe der Zeit immer konkreter wurden. Sie hatten Hand und Fuß. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und dabei war Franz kein Spinner. Nein. Er war ein gestandener Mann. Mitte Fünfzig. Handwerker. Weder gläubig. Noch ungläubig. Einfach nur ein einfacher Mann. Der von alledem hier völlig überfordert war. Alleingelassen. Und alleinstehend. Packte er heute den Spiegelschrank über dem Waschbecken mit beiden Händen. Und schlug mit aller Kraft seinen Schädel hinein. Das hohe Fiepen hörte trotzdem nicht auf. Fledermäuse konnten es nicht sein. Obwohl es draußen im Garten – und vermutlich auch oben, auf dem Boden – nur so von ihnen wimmelte. Ganz kapitale Biester, die man tatsächlich Fiepen hörte. Aber deren Fiepen war nur kurz. Und nicht so hoch. Nicht ganz so hoch. Längst hatte er den Fernseher von der Wand abgesteckt. Und ihn nur kurz danach aus dem Fenster der Stube geworfen. Auf die Gasse hinaus. Sehr zum Mißfallen seiner wenigen Nachbarn. Die ihn alle für verrückt hielten. Nicht etwa, weil er den Fernseher hinaus auf die Gasse geworfen hatte. Sondern weil er so verrückt gewesen war, dieses Haus hier zu kaufen. Jahrelang hatte es leer gestanden. Jahrzehntelang sogar. Niemand hatte es haben wollen. Und es rankten sich zahlreiche Geschichten darum. Die mit jedem Jahr immer noch unvorstellbarer und noch unglaubwürdiger wurden. Die Dorfjugend war einmal in dieses Haus eingebrochen. Aber nur ins Kellerstüberl, nicht ins Herrenhaus. Doch das schien ihnen genug gegeben zu haben, um nie wiederzukommen. Heute waren sie übrigens alle tot. Einer hatte sich mit dem Wagen gegen einen Baum gefahren. Draußen, an der ellenlangen Landstraße nach Großkrut. Ein anderer hatte sich bei der Arbeit die Hand abgetrennt. Im Sägewerk. In Poysdorf. War er verblutet. Vor den Augen seiner Kollegen, die nichts für ihn hatten tun können. Ein anderer war in Bernhardsthal mitten auf der Straße überfahren worden. Am hellichten Tage. Ein anderer wiederum, war einfach nicht mehr aufgewacht. Einfach so. Mit knapp 17 Jahren. Und so ging es munter weiter. Dumme Dorfjugend. Mit einer naturgemäß eher niedrigen Lebenserwartung. Könnte man meinen. Doch die Einwohner hier sahen es naturgemäß ganz anders. Das Haus ist verflucht. Sagten sie. Und machten seit jeher einen großen Bogen darum. Selbst die direkt angrenzenden Nachbarhäuser standen allesamt vakant. Es war tatsächlich wie verflucht. Niemand schien hier leben zu wollen. In der Nähe dieses Hauses. Und überhaupt. An der mährischen Grenze. Die nur wenige hundert Meter dahinter lag. Aber die slowakische war auch nicht weit. Nicht einmal 2o Kilometer. War das nächste slowakische Kaff entfernt. Den Österreichern war es hier offensichtlich nicht geheuer. In diesem keilförmigen Zipfel. Nördlichsten Österreichs. Eingepfercht. Zwischen Tschechei. Und Slowakei. Vor allem die Wiener schienen dieser Gegend nicht zu trauen. Für sie hörte die Welt ja schon in Floridsdorf auf. In nördliche Richtung zumindest. Die Tschechen, weiter oben, wurden seit jeher mit Argwohn und Mißtrauen beäugt. Die „foischen Behm“. Die „Ziegelbehm“. Aber der nordöstlichste Zipfel Österreichs, keine 8o Kilometer von Wien entfernt, grenzt gar nicht an Böhmen, sondern an Mähren. Allerdings kennt diesen Unterschied heutzutage niemand mehr. Franz kannte ihn. Und er war wie alle anderen in diesem Kaff regelmäßig rüber, über die Grenze, einkaufen gefahren. Dazu waren die Tschechen dann plötzlich doch wieder gut. Immerhin hatten sie einen Albert. Und sogar einen Tesco. Gleich drüben. In Břeclav. Zu Deutsch Lundenburg. Etwas, von dem man hier im nördlichen Weinviertel nur träumen konnte. Denn da gab es ja oft nicht einmal einen Supermarkt im Ort. Wie in Maustrenk zum Beispiel. Oder in Katzelsdorf. In Reinthal und in Bernhardsthal gab es immerhin einen Adeg. Aber der war nur alle Jubeljahre mal offen. Und bei weitem nicht so günstig. Also fuhr man im Verbund rüber zu den Tschechen. Nur mal ganz schnell. Um tunlichst vor Einbruch der Dämmerung wieder zuhause zu sein. Denn den „foischen Behm“ traute hier niemand. Weshalb man die Häuser regelrecht verrammelte. Des Nachts. Um nicht überfallen und ausgeraubt zu werden. Was jedoch so gut wie nie geschah. Eigentlich nie. Jede Woche fuhr man also rüber. Zum Albert. Und zum Tesco. Es waren ja bloß zwei müde Kilometer ab der Grenze. Nur ein Steinwurf entfernt. Von Reinthal. Und von Bernhardsthal. Ein Katzensprung. Sozusagen. Von Katzelsdorf. Aber die großartigen böhmischen, beziehungsweise mährischen, beziehungsweise liechtensteinischen Schlösser dort, die sah man sich natürlich nicht an. Obwohl diese auch nur wenige Kilometer hinter der Grenze lagen. Nicht einmal sieben! Und dabei war Feldsberg, heute Valtice, während der Monarchie noch Gerichtssitz vom politischen Bezirk Mistelbach gewesen! Mit einem wahrhaft pompösen Barockschloß und einer monumentalen, barocken Basilika. Bloß 7 Kilometer entfernt. Von Schloß Eisgrub. Heute Lednice. Einem der schönsten und meistbesuchten Schlösser Böhmens und Mährens, vulgo der Tschechischen Republik. Gut eine halbe Million Menschen kam jedes Jahr hierher, um sich dieses phantastische Schloß im neugotischen Tudor-Stil anzusehen, welches natürlich in diese Gegend hineinpaßte wie die Faust aufs Auge. Wie ein vom Mond heruntergefallener Fremdkörper. Sozusagen. Kamen die Menschen aus New York. Aus Paris. Aus London. Aus Tokyo. Und aus Hongkong. Nur die Weinviertler, die kamen nicht. Obwohl sie es von Katzelsdorf oder von Reinthal aus nur eine Handvoll Kilometer weit hatten. Wozu Schlösser anschauen, wenn doch im Abendprogramm die Millionenshow läuft. Und dann noch nach Lednice! Was gefühlt am anderen Ende der Erde lag. Und was übrigens wortwörtlich übersetzt „Kühlschrank“ im Tschechischen bedeutet. Im Deutschen heißt es immerhin Eisgrub. Was nicht ganz so pragmatisch klingt. Aber das alles interessierte hier keinen. Denn niemand sprach hier tschechisch. Man lebte zwar nur wenige Kilometer von der Grenze weg, aber man war nicht die Bohne am Nachbarn interessiert. Schließlich waren die da drüben ja auch mal Österreicher gewesen. Vor exakt 1oo Jahren nämlich noch. Und was sind schon 1oo Jahre angesichts der Jahrtausende alten Geschichte dieser Region? Nichts! Damals hatte man jenseits der Grenze nicht nur deutsch gesprochen, sondern die Bevölkerung dort war auch fast zu 1oo Prozent deutsch gewesen. Jetzt war alles anders. Jetzt sprachen die da drüben diese seltsame Tschuschensprache. Mit all ihren offenen Vokalen. Den gerollten Rs. Und den ganzen...

Erscheint lt. Verlag 5.1.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-7526-3853-2 / 3752638532
ISBN-13 978-3-7526-3853-0 / 9783752638530
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