Wächter der Zukunft (eBook)
100 Seiten
Uksak E-Books (Verlag)
978-3-7389-4829-5 (ISBN)
Für einen Augenblick lang war da nur das Tal, in grelles Licht getaucht. Schmal, lang, von schroffen Felswänden begrenzt. Alles wirkte hart, unwirtlich und von feinen Nebelfetzen durchwoben. Nur im Boden, da konnte man versinken ...
Dann aber, nachdem er schwerfällig seinen schmerzenden Körper aus dem feinen Sand hochgehievt hatte und sich mehrmals die Augen rieb, noch etwas unsicher auf dem Boden stehend, begannen die Nebel um ihn herum allmählich zu verschwinden, und er konnte zum ersten Male klar erkennen, wo er sich befand.
Das Tal war ziemlich abschüssig, machte nach unten hin einen weiten Bogen und wurde zusehends breiter. Dort, wo er jetzt stand, maß es etwa zweihundert Schritte in der Breite, war gänzlich in graues Licht getaucht, welches an keiner Stelle größere Schatten warf.
Sein Schatten jedoch wies nach oben, und schwerfällig drehte er sich in diese Richtung um. Nach oben hin wurde das Tal steiler, und es schien, als hätte man nicht mehr allzu weit bis zu seinem oberen Ende, aber hinter dem Horizont konnten sich ja noch höhere Gipfel befinden.
Gedankenlos warf er seinen demolierten Raumhelm zu Boden, wischte sich das Blut aus dem Gesicht, drehte sich um und begann, langsam aufwärts zu stapfen.
Weiter vor ihm lag ein dunkler Schemen, und als er diesem nähergekommen war, sah er, dass es ein Mensch war.
„Mein Gott! Bart!“, stieß es überrascht aus ihm hervor. Krächzend kamen die Worte aus seiner Kehle, voll Angst und Besorgnis, die das Echo seiner Stimme jedoch verschluckte.
Nun beugte er sich langsam über die Figur im Raumanzug vor sich, und mit einem Male fiel ihm alles wieder ein ...
Die Ohnmacht, der Unfall, die Explosion, das Schiff, der Auftrag ... Er war der Kapitän des Raumschiffes. Und Bart war sein Erster Offizier gewesen.
Und jetzt war er tot.
Langsam stapfte er weiter, sein durch Schürfe verletztes Gesicht von Tränen benetzt, die Augen zwei fassungslose Fragezeichen.
Wo war er nur?
Irgend etwas musste schiefgelaufen sein, versuchte er sich zu erinnern. Die Schmerzen hatten sich mittlerweile aus seinem Schädel zurückgezogen, sodass er jetzt rascher vorankommen konnte. Es musste nicht lange nach ihrem Start passiert sein, aber die gute alte Erde war das hier nicht! Wo also befand er sich jetzt?
Plötzlich rief jemand laut seinen Namen in die atembaren Atmosphäre: „Käpt‘n Ejlund! Hallo, Käpt‘n Ejlund!“ Zweimal.
Bevor der Rufende ein drittes Mal zu hören war, hatte ihn Meredith Ejlund schon gefunden.
Bald waren sie schon wieder zu viert und näherten sich nun langsam dem oberen Ende des Tales.
Dort angelangt, blieben sie stehen, plötzlich von dem Wunsch befallen, sich alle einander fest bei den Händen zu halten.
Garnett, der Funkoffizier, hielt sich beide Hände vor die Augen, Bosso, der Maat, kratzte sich verwundert am Hinterkopf. Aldrick, der Zweite Offizier, fiel mit einem erstickten Aufschrei zu Boden und krallte die Hände in den weißen Sand.
Und Ejlund, ein paar Schritte vor ihnen, stand ungläubig da wie ein kleines Kind vor einem bunten Riesenrad, dessen Gondeln einladend auf ihn warteten.
Dann gaben sich alle einen Ruck und liefen weiter in den großen, flachen Talkessel hinein, in den das kleine Hochtal sie geführt hatte.
Im Laufen sprach Ejlund in ein kleines Gerät, welches ihm um die Schultern hing und den Absturz offensichtlich gut überlebt hatte. Es war ein Vocoprint-Recorder, welcher das Gesprochene in Buchstaben umwandelte und auf schmalen Folien ausdruckte.
Zudem hatte er eine Far-Distance-Bluetooth-Verbindung zu dem Bordbuch ihres havarierten Raumschiffes, der guten alten Skylark II.
„... meiner Kindheit habe ich so etwas nicht mehr gesehen. Die ganze Szene wirkt so fremd und bizarr, dass sie einfach jeder Beschreibung spottet. Dieser silbergraue Himmel über mir, der gebirgige Horizont vor meinen Augen, der relativ feste Boden unter unseren Füßen, das ist die einzige Gemeinsamkeit mit dem, wo wir bisher sonst gelandet sind. Falls wir überhaupt gelandet sind ...
War es wirklich ein Absturz gewesen? Und wo ist das Wrack unseres Raumschiffes?“
Hier wurde er von Bosso unterbrochen, der sich ihm von der Seite her genähert hatte.
„Den Eindruck habe ich verdammt auch, Mer“, meinte er nachdenklich. Seine wuchtigen Finger strichen nervös durch sein rotes Bürstenhaar.
„Aber ich finde, du solltest wichtigere Dinge festhalten. Wer weiß, was hier noch alles auf uns zukommt. Gib mir mal bitte dein altes Glas!“
Ejlund reichte ihm sein antiquiertes Fernrohr, welches, technisch gesehen, schon seit Ewigkeiten überholt war. Es war ein Überbleibsel aus alten Zeiten, welches ihm aber schon des Öfteren gute Dienste geleistet hatte. Außerdem: wurde Christopher Kolumbus nicht auch immer wieder mit diesem Anachronismus abgebildet, den es doch im Jahre 1492 noch gar nicht gegeben haben konnte?
„Was kannst du sehen, Bosso?“, wollte Ejlund neugierig wissen und ärgerte sich im Stillen, dass er nicht zuerst auf die Idee gekommen war, das Fernrohr zu benutzen.
„Die Berge und überhaupt alles hier flimmert unentwegt, als ob eine große Hitze herrschen würde. Es ist aber nicht einmal richtig warm hier. Mir scheint, dass da irgendwelche großen Energien im Spiel sein müssen.“
„Irgend eine Spur von Leben zu sehen?“, fragten die anderen gleichzeitig. „Irgendeine Vegetation, Einwirkungen von Witterung oder so etwas Ähnliches, was wir mit dem bloßen Auge nicht sehen können?“ Ejlund stand angespannt neben Bosso.
„Rien, mon Capitaine. Rein gar nichts. Sieht von Nahem alles genauso aus wie von Weitem. Nur die Berge scheinen nicht so hoch zu sein, wie es von hier aus den Anschein hat.“
Bosso musste mit einem Male blinzeln und wechselte nun das alte Fernrohr auf sein anderes Auge über.
Im Zickzack langsam die Bergkette absuchend, wandte er sich immer mehr nach rechts. Plötzlich setzte er das Fernrohr ab und deutete mit dem linken Arm in eine bestimmte Richtung.
„Dort vorn sieht es so aus, als ob dieses verdammte Tal weiterginge, wieder aus dem Kessel heraus.“
Ejlund überlegte scharf und machte ein paar Schritte nach vorn, um dann wieder stehen zu bleiben. Er drehte sich zu den anderen um und winkte ihnen. Langsam schritten er und Bosso in Richtung des vermuteten Ausgangs aus dem Talkessel.
„Irgendwie läuft es sich hier furchtbar beschwerlich“, bemerkte der Maat einmal, als sie den schrägen Talkessel an seinem oberen Ende wieder verlassen hatten und sich nun erneut im Schutze des kleinen Tals befanden, von dem sie nicht wussten, wohin es sie führen würde.
„Ja“, pflichtete ihm Aldrick, der Zweite Offizier, bei, der am meisten Angst von allen hatte und sich schon allein aus diesem Grund über alle Merkwürdigkeiten dieser fremden Welt Gedanken machte.
„Im Talkessel vorhin schien das Gelände zum Horizont hin stark anzusteigen, obwohl ich hätte schwören können, dass jeder meiner Schritte auf derselben Höhe war wie der vorangegangene. Mir war, als wate ich in Wasser und balanciere gleichzeitig auf einem Seil in schwindelnder Höhe.
Dazu noch überall der schwache, wie von einem Dunst durchdrungene Nebel am Horizont und auch hoch über uns. Als ob auf diesem Planeten, oder wo auch immer wir uns auch befinden mögen, völlig andere Naturgesetze herrschten als auf Terra.“
Bosso nickte bestätigend. Er konnte das Erlebte eben nur nicht so gut ausdrücken wie sein Kumpan.
Dann war die Reihe an Garnett, dem Funker, seine Empfindungen zu beschreiben.
„Ich komme mir vor, als sei ich in einem zweidimensionalen Bild gefangen, als ob das alles um mich herum nur eine Fläche sei und kein dreidimensionaler Raum. Wie diese Gestalt in der Geschichte von M. R. James, Der Kupferstich, jener bekannten Geistergeschichte, die schon vor über dreihundert Jahren geschrieben wurde.“
Bei seinen letzten Worten überfiel alle wie auf Kommando ein leises Schaudern. Garnett entging dies nicht. Lächelnd fügte er hinzu: „Ich komme deswegen auf diesen Vergleich, weil ich sie erst kürzlich wieder gelesen habe. Und zwar an Bord unserer guten alten Skylark II“, schloss er träumerisch.
Die Skylark II, mit der sie bis zu der Katastrophe im All unterwegs waren, und deren Trümmer auf dieser seltsamen Welt nirgends zu sehen waren, dachte der Kapitän. Den Namen seines Schiffes wiederum nahm Ejlund jetzt zum Anlass, mit seinen Vocoprint-Notizen fortzufahren, während die Unterhaltung der restlichen Crew allmählich entspanntere Züge annahm.
„... haben wir drei von uns tot aufgefunden: Bart, Cattowicz und Jettison. Wir sind jetzt die einzigen Überlebenden“, berichtete er mit zitternder Stimme, während ihre Raumstiefel ihnen einen Weg durch den grauen Sand pflügten.
„Da wäre ich mir aber gar nicht so sicher, Käpt‘n“. Garnetts Einwurf kam plötzlich. „Schau doch einmal hinter uns!“
Abrupt wandten sich alle um....
| Erscheint lt. Verlag | 24.12.2020 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| ISBN-10 | 3-7389-4829-5 / 3738948295 |
| ISBN-13 | 978-3-7389-4829-5 / 9783738948295 |
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