Meine afrikanische Leidenschaft (eBook)
320 Seiten
Lübbe (Verlag)
978-3-7325-8920-3 (ISBN)
'Warum ich den Stammeshäuptling von Banganté geheiratet habe, obwohl er schon 30 Frauen hatte? Weil ich ihn liebte, das ist alles.'
Claude wächst als Tochter französischer Missionare in Kamerun auf. Sie liebt das Leben in Afrika und geht völlig darin auf - bis sie mit dreizehn Jahren nach Frankreich zieht, um sich auf das konventionelle Leben einer zivilisierten Europäerin vorzubereiten. Ihr geliebtes Afrika kann sie jedoch nie vergessen. Nach einigen Jahren trifft Claude eine Entscheidung, die ihr Leben für immer verändern soll: Sie bricht ihr Studium ab, trennt sich von ihrem Mann und kehrt mit den beiden Söhnen 'nach Hause' zurück. Eigentlich plant sie nicht, für immer zu bleiben. Doch das Schicksal will es anders: Sie verliebt sich in den Stammeshäuptling ihres Dorfes. Und obwohl Claude gegen viele Widerstände und Hindernisse ankämpft, sieht sie keinen anderen Weg: Sie muss ihrem Herzen folgen ...
Französische Jahre
Nein, ich werde nicht nach Bagam gehen. Wenn ich Bangangté verlassen muss, beantrage ich, nach Frankreich zurückversetzt zu werden.«
Hinter der Tür ihres Schlafzimmers hörte ich diese Worte meines Vaters und das Weinen meiner Mutter. Aus Bangangté fortgehen! Diese Nachricht traf mich wie ein Schlag. Es war Anfang Januar 1956, das übliche Neujahrsfest meiner Eltern war gut verlaufen. Die Versammlung hatte mit dem Gottesdienst begonnen. Gleich nachdem die Gläubigen gegangen waren, feierten meine Eltern in der Kirche mit weißen Missionaren, die zu Besuch gekommen waren.
Die Ankündigung seiner Versetzung kam für meinen Vater völlig unerwartet. Mfetom, das er seit zehn Jahren mit eigenen Händen aufbaute, war sein Werk, sein viertes Kind. Er hatte gerade die sechste Hütte fertiggestellt. Ganz vertieft in seine enorme, nun fast beendete Aufgabe, hatte er vergessen, dass ein Missionar jederzeit versetzt werden kann. Er hatte Gott und seiner Kirche ganz zur Verfügung zu stehen.
Für mich war es noch schlimmer. Ich war nun fast dreizehn und eigentlich groß genug, um die Situation meiner Eltern zu verstehen. Aber ich dachte, die Mission sei eine Art großer Bauernhof, der uns gehörte, etwa so wie der von Großvater Jean drüben in Saint-Malo.
Ich musste die sechste Klasse wiederholen. Vor vierzehn Monaten, nach unserem zweiten Aufenthalt in Frankreich, hatte meine Mutter mich und meinen älteren Bruder für den Fernunterricht in Vanves bei Paris eingeschrieben. Es gab zwar Gymnasien in Jaundé und in Douala, aber ich hätte dort ins Internat gehen müssen. Da sie die guten Ergebnisse bei Jean-Pierre sahen, beschlossen meine Eltern, das Experiment mit mir fortzusetzen. Es klappte nicht, mir wollte nicht in den Kopf, dass ich anders behandelt werden sollte als meine einheimischen Schwestern. Sie durften weiterhin die Dinge lernen, die mir sinnvoll und praktisch erschienen. Warum sollte ich mehr lernen? Aber immerhin hatte ich mehr Freiheit als vorher. Ich saß ganz allein in meinem Zimmer vor den Hausaufgaben. Manchmal, wenn mein Vater Zeit hatte, half er mir, aber im Allgemeinen wurde ich im Haus eingeschlossen, die Nase in meinen Heften. Sobald ich meine Eltern außer Sicht wusste, sprang ich aus dem Fenster und überredete eine meiner Schwestern, mit mir loszuziehen.
Also musste ich die sechste Klasse wiederholen. Doch anstatt sich nach einer anderen Lösung umzusehen, bestanden meine Eltern zum Schulbeginn 1955 darauf, den Fernunterricht fortzusetzen. Wahrscheinlich wären meine Ergebnisse wieder nicht besser geworden, doch davor bewahrte mich nun die Tatsache, dass wir fort mussten.
In dem Haus, unter den großen Bäumen und zwischen den sechs Hütten der Schule, überall liefen die Schüler und das Personal ziellos und hilflos umher und unterhielten sich ganz leise, als mein Vater am Tag nach dem abgebrochenen Fest beim Morgengebet ankündigte, dass wir in drei Wochen nach Frankreich zurückkehren würden. Alle Mädchen der Schule weinten. Ich selbst konnte es noch immer nicht glauben. Weg aus Bangangté, für immer? Unmöglich! Mit welchem Recht riss man mich von hier fort? Dies war mein Land, mein Leben, das durfte mir niemand wegnehmen!
Der Tag der Abreise kam, das Gepäck stand fertig im Hausflur. Zwischen den Kisten und Koffern nahmen meine Eltern die Abschiedsgeschenke der gesamten Bevölkerung als Dank und Beweis ihrer Freundschaft entgegen. An diesem letzten Sonntag weinte ich während des ganzen Gottesdienstes, denn mir wurde erst jetzt so richtig bewusst, dass ich mein Heimatland für immer verlassen musste. Als das Auto den Weg von der Schule zur Straße nach Douala hinunterfuhr, liefen mir noch immer die Tränen übers Gesicht. Das hatte nichts mehr mit dem Kummer eines Kindes zu tun, das weinte, weil die Ferien vorbei sind. Es zerriss mir fast das Herz. Einem jungen Baum, den man aus seiner Baumschule reißt und in einen Topf verpflanzt, muss ähnlich zumute sein. Das Auto schaukelte jetzt über die Sandpiste nach Douala, meine Tränen waren versiegt, und mit einem gewissen Zorn dachte ich: Das ist mir egal, ich komme doch wieder.
Ich wusste damals noch nicht genau, was »endgültig« bedeutet. Aber mir war klar, dass ich mein Land nicht wiedersehen und meine Freiheit verlieren würde. Wie mochte mein neues Leben wohl aussehen? Ich konnte es mir nicht vorstellen, fühlte mich wie am Anfang eines dunklen Tunnels und empfand die Entscheidung der »Mission« als persönliche Kränkung. Ich sann auf Rache, doch dieser ganze Hass und Schmerz verdampfte in der feuchten Hitze von Douala. Ich war völlig benommen, wie betäubt.
Dann kam die Überfahrt auf einem Bananenfrachter. Wir spielten wieder Schwarzer Peter mit dem Kapitän. Und das kleine hübsche Mädchen mit seinen dreizehn Jahren fühlte sich geschmeichelt, wenn der Zweite Offizier »Du, meine kleine Närrin, mein kleines Körnchen Eden ...« sang.
Jahre später gestand mir mein Vater, für ihn sei diese Versetzung ebenfalls äußerst schmerzlich gewesen. Er und Mama hatten sie wie eine Niederlage empfunden, wie eine Strafe Gottes. Rückblickend war er sich gleichzeitig sicher, dass es richtig war, die neue Stelle in Bagam abzulehnen, obwohl es nur etwa hundert Kilometer von Bangangté, im Norden des Bamiléké-Landes, lag. Ohne es zu wissen, hatte er uns die Schrecken des Bürgerkriegs erspart, der wenige Jahre später dort ausbrach. Außerdem, sagte er, wären wir Kinder nicht mehr fähig gewesen, uns in die französische Gesellschaft einzugliedern, wenn wir länger geblieben wären – ich ganz besonders.
Wieder in Frankreich, wurde meine Vater nicht sofort an eine neue Stelle versetzt. Wir richteten uns zunächst bei meiner Großmutter väterlicherseits in Cognac ein. Seit sie Witwe war, lebte sie dort allein. Es war für sie nicht einfach, sich mitten im Winter an eine Familie mit drei Kindern zu gewöhnen, die nichts anderes kannten als die Weite Afrikas. Auch für meine Mutter war die Lage ein bisschen heikel, denn ihre Schwiegermutter ließ sie durch ihre ständigen Anspielungen – »Mein Gott, sind diese Kinder schlecht erzogen!« – immer wieder spüren, dass wir bloß kleine Wilde waren. Und da meine Mutter erfüllt war von der Sorge, was andere von uns denken könnten, herrschte eine gewisse Spannung. Die erste Maßnahme zur Europäisierung war ein sehr einschneidender Schritt. Von nun an durfte nicht mehr Bangangté gesprochen werden. Meiner Großmutter zufolge würde uns diese Sprache nie mehr nützen. In Wirklichkeit konnte sie es nur nicht ertragen, dass wir uns in ihrer Gegenwart in einer Sprache unterhielten, die sie nicht verstand, denn sie glaubte zwangsläufig, wir redeten schlecht über sie. Also hielt ich von nun an den Mund und zog mich immer mehr in jenen Zustand der Benommenheit zurück, der seit meiner Abreise aus Afrika anhielt. Es war passiver Widerstand. In Cognac standen wir ständig unter Aufsicht, überall Hindernisse, Mauern, nur sehr selten waren wir uns selbst überlassen. Und mit wem hätte ich mich schon in meiner Sprache unterhalten können? Mein älterer Bruder hatte mit achtzehn Jahren ganz andere Dinge im Kopf. Meine Schwester war sehr viel disziplinierter als ich und hätte sich geweigert. Ich vergaß daher – überraschend schnell – meine Sprache und mit ihr auch mein Land. Ich wurde Europäerin, eine richtige Weiße.
Schon bald galten in Cognac noch weit schlimmere Vorschriften: nicht zu viel trinken, damit sich der Magen nicht ausdehnt, langsam und ohne Gier essen, jeden Lärm vermeiden, sich sauber halten, im Haus nur in Filzpantoffeln umhergehen und dabei gleich das Parkett polieren.
Es war Winter. Die Kohleöfen verbreiteten in jedem Zimmer eine angenehme Wärme. Im Wohnzimmer, in dem es stark nach Wachs roch, erinnerten mich Möbel, Nippes und Fotos an der Wand an das väterliche Neu-Kaledonien. Aus der Küche kam der Duft des Gemüses und der Kräuter der Provence, der selbst die Straße noch erfüllte.
Und dann die Musik: Meine Großmutter war vor ihrer Heirat Pianistin gewesen, sie hatte sogar in einigen europäischen Ländern Konzerte gegeben. Ich, die früher nicht stillsitzen konnte, hörte ihr nun stundenlang zu, wenn sie Beethoven, Bach oder Chopin spielte. Ich staunte über die Energie, die Sanftmut, die sie in ihr Spiel legte. War sie vielleicht doch nicht so hart und schroff, wie sie immer tat? In solchen Augenblicken fühlte ich mich in völligem Einklang mit ihr, hineingezogen in ihre Welt der Musik. Das Gleiche empfand ich auch sonntags, wenn sie beim Gottesdienst auf der Orgel spielte. Allerdings brachte ich nie die Geduld auf, die Übungen zu machen, die sie mir aufgab. Ehrlich gesagt war sie nur mit meinem begabteren Bruder zufrieden und mit meiner Schwester, die sich mehr Mühe gab und fleißiger übte. Sie meldete uns bei der »Jeunesse musicales de France« an. Jede Woche wartete ich ungeduldig auf den Tag der Konzerte, denn dort eröffnete sich mir eine völlig neue Welt. Ohne diese »Entdeckung« der Musik – ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, sicher nichts Ordentliches.
Nach...
| Erscheint lt. Verlag | 29.6.2020 |
|---|---|
| Übersetzer | Balzer Karin |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Ma passione africaine |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Erfahrung • Erfahrungsbericht • Erfahrungsbücher • Kamerun • Memoir • Polygamie • Stamm • Stammeshäuptling |
| ISBN-10 | 3-7325-8920-X / 373258920X |
| ISBN-13 | 978-3-7325-8920-3 / 9783732589203 |
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