Tollkirschen (eBook)
684 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-7439-3081-0 (ISBN)
Samuel F. Krämer wurde am 14. August 1962 in Pfäffikon ZH (CH) geboren und wuchs mit drei Geschwistern auf. Schon früh wusste er, dass er dereinst Romane schreiben wird, aber erst nachdem er tausend Bücher gelesen hat. Samuel F. Krämer ist beinahe krankhaft bibliophil und befasst sich seit Jahrzehnten intensiv mit Literatur und Philosophie. Nach der Primarschule besuchte er die Klosterschule in Näfels (Kanton Glarus) und das Gymnasium in Glarus. Nach seinem unrühmlichen Abgang von der Schule jobbte er ein paar Jahre in verschiedenen Firmen, bevor er eine Stelle bei den «Glarner Nachrichten» annahm. Heute, dreissig Jahre später, arbeitet er immer noch im selben Betrieb (inzwischen Somedia). Er arbeitete über Jahre als Systemoperator, dann hauptsächlich als Layouter und Korrektor. Ausserdem gründete er zu Beginn der Neunzigerjahre mit drei Freunden eine Webagentur, die sie während zehn Jahren erfolgreich führten. Seine wahre Berufung aber ist die Schriftstellerei.
Samuel F. Krämer wurde am 14. August 1962 in Pfäffikon ZH (CH) geboren und wuchs mit drei Geschwistern auf. Schon früh wusste er, dass er dereinst Romane schreiben wird, aber erst nachdem er tausend Bücher gelesen hat. Samuel F. Krämer ist beinahe krankhaft bibliophil und befasst sich seit Jahrzehnten intensiv mit Literatur und Philosophie. Nach der Primarschule besuchte er die Klosterschule in Näfels (Kanton Glarus) und das Gymnasium in Glarus. Nach seinem unrühmlichen Abgang von der Schule jobbte er ein paar Jahre in verschiedenen Firmen, bevor er eine Stelle bei den «Glarner Nachrichten» annahm. Heute, dreissig Jahre später, arbeitet er immer noch im selben Betrieb (inzwischen Somedia). Er arbeitete über Jahre als Systemoperator, dann hauptsächlich als Layouter und Korrektor. Ausserdem gründete er zu Beginn der Neunzigerjahre mit drei Freunden eine Webagentur, die sie während zehn Jahren erfolgreich führten. Seine wahre Berufung aber ist die Schriftstellerei.
«Dummheit, Irrtum, Sünde, Geiz hausen in unserm Geiste, plagen unsern Leib, und wir füttern unsere liebenswürdigen Gewissensbisse, wie die Bettler ihr Ungeziefer nähren.» Charles Baudelaire
Erstes Kapitel
Den Tod überlistet
Zum ersten Mal, seit ich hier bin, sind schon seit Tagen die Schleusen des Himmels geöffnet. Das ist sehr ungewöhnlich. Normalerweise hüllt ein hartnäckiger Nebel die eigentümliche Szenerie ein, die sich mir draussen offenbart. Aber jetzt ist ein steter Bindfadenregen hinzugekommen, der mich einerseits mit seinem eintönigen Rauschen beruhigt, mich aber andererseits seit seinem unerwarteten Auftreten in ebensolchem Masse beunruhigt. – Langsam verschwindet der Nebel, und es sind absolut keine Regenwolken zu sehen. Ich kann durch die Regenwand hindurch die kosmische Schwärze erkennen und deutlich die Sterne funkeln sehen.
«Wenn es weiterhin wie aus Kübeln schüttet, ziehe ich den Bau einer zweiten Arche ernsthaft in Betracht», dachte ich lächelnd.
Auch wenn es dazu eigentlich schon zu spät wäre.
***
Zuweilen schränkt ein pulsierendes Skotom mein Gesichtsfeld beträchtlich ein, und ich habe das Gefühl, als schaute ich in den Eingang eines Wurmlochs, zumindest zu Beginn des Prozesses, den mein Hirn völlig unerwartet und zumeist unpässlich einleitet. Als leuchtete eine Aurora borealis vor meinen Augen, oder als tauchte eine Qualle aus den Tiefen meines Bewusstseins langsam an die Oberfläche empor, elegant und anmutig wie ein Engel, um schliesslich an der Innenseite meines Schädels anzustossen, wieder und wieder. Mein Gesichtsfeld ist deutlich eingeschränkt, vor meinen Augen scheint etwas herumzuwabern wie Antimaterie in einem Vakuum. Dieses wabernde Etwas schickt sich unmittelbar nach seinem Erscheinen an, unter Begleitung von plötzlich auftretenden Kopfschmerzen anzuwachsen und schliesslich nach zirka einer halben Stunde mein Gesichtsfeld zu verlassen und sich hinter meinen Augen im Kopf einzunisten, wo es bleibt und sich dezent zurückhält.
Warum nur lösen die Synapsen in meinem Gehirn eine derartige Aktion aus und schränken meine kongenitalen optischen Fähigkeiten durch diese Fehlkontakte so ein, dass ich Dinge sehe, die mir mein Gehirn vorgaukelt zu sehen – das unbekannt Vertraute, aber dennoch nicht Erwünschte – und trotzdem in seiner Art Wunderschöne. Es hilft auch nichts, während dieser Phase eingeschränkter optischer Wahrnehmung die Augen zu schliessen und zu warten, bis es vorüber ist. Ich sehe es auch mit geschlossenen Augen, es ist einfach da, es hat sich in meinem Sehzentrum als etwas manifestiert, das auf seiner Daseinsberechtigung beharrt wie eine Narbe oder eine Tätowierung. Wie dem auch sei, ich habe mit diesem szintillierenden Skotom, wie es im Fachjargon heisst, nun mal zu leben. Aber, und das müsst ihr mir glauben, es gibt Schlimmeres, als ein funkelndes Etwas vor Augen zu haben, das eigentlich gar nicht da ist und flimmert wie ein Stroboskop auf niedriger Betriebsstufe.
Auslöser ist jeweils ein unkontrollierter Blick in einen Punkt gebündelten Lichts, der sich auf der Innenseite meiner Augen festhakt und sich zu einem ruckenden Diamanten ausweitet, welcher ständig seine Farbe wechselt. Das ist mir vor ungefähr fünfundvierzig Minuten widerfahren, weswegen ich gezwungen war, die Niederschrift meiner Geschichte kurz zu unterbrechen und abzuwarten, bis sich mein Gesichtsfeld wieder normalisiert hat. Während dieser physischen Beeinträchtigung habe ich dann kurzerhand beschlossen, meine Geschichte mit der Beschreibung dieses Handicaps zu beginnen, auch wenn es nicht einfach ist, dies in Worte zu fassen. Wenn das Skotom in seinem vermeintlichen Vorhandensein auch wächst und wieder verschwindet, heisst das nicht, dass die damit einhergehenden Kopfschmerzen gleichfalls verschwinden. Im Gegenteil, die sind nur der Auftakt zu einem veritablen Migräneanfall. Die Qualle in meinem Kopf macht mir mit ihrem Erscheinen deutlich, dass ich in absehbarer Zeit unter so heftigen Kopfschmerzen leiden werde, dass meine Gedanken brennen – ein Flächenbrand auf der Gehirnrinde.
Das kann ich nur bestätigen, denn dieser Zustand ist bereits eingetreten. Ich bin bestimmt kein klassischer Migränepatient, der sich während der Schmerzattacken am besten bei völliger Verdunkelung in die Horizontale begibt, nein das bin ich nicht. Ich bin auch jetzt noch durchaus imstande, klar zu denken und meine Gedanken – wie ihr seht – nachträglich zu Papier zu bringen. Vielleicht will mir das Skotom aber nicht nur verraten, dass eine Migräne im Anmarsch ist, sondern noch etwas ganz anderes mitteilen, nämlich etwas, das zu verstehen ich noch nicht befähigt bin. Vielleicht sind es visualisierte Gedanken von der Person, in deren Traum ich mich befinde, und mein Gehirn – oder zumindest einige Gehirnregionen – müssen erst noch lernen, mit einer solchen Information umzugehen. Und die Kopfschmerzen sind bloss eine Folge der Überlastung dieser bestimmten Gehirnregionen. Na ja, das sind natürlich nur Mutmassungen, und vielleicht ein wenig Wunschdenken. Auf alle Fälle werde ich mein Skotom – und das im wahrsten Sinne des Wortes – im Auge behalten.
Ihr könnt es mir glauben oder nicht: Ich bin einer jener Menschen, die einfach ein Buch schreiben müssen, so wie es Menschen gibt, die unbedingt kopfüber an einem Gummiseil von einer Brücke springen müssen. Ob ich dazu fähig bin – zum Schreiben eines Buches –, weiss ich in diesem Moment noch nicht. Wahrscheinlich muss man zum Schreiben geboren sein, das Talent dazu muss einem schon in die Wiege gelegt worden sein. Epigenetisch betrachtet heisst das etwa, dass das Gen, das fürs Schreiben zuständig ist – und ich meine jetzt nicht das Schreiben an und für sich, das man in der Schule lernt, sondern das Schreiben von anspruchsvoller Prosa oder die Dichtkunst – dass also dieses Gen, das eingebettet ist in der Doppelhelix der DNA, aktiviert werden muss. Dafür zuständig sind chemische Stoffe in unserem Körper, welche quasi als on-/off-Schalter fungieren.
Nun, wie dem auch sei, wichtig ist im Moment, dass ich beginne zu schreiben und euch erzähle, was sich in meinem nichtigen Leben zugetragen hat. Ich rate euch: Erwartet nicht zu viel. Ob ich von mir erzähle oder von wem oder was auch immer, spielt keine Rolle. Alle Geschichten gehören zusammen, sie sind ineinander geschachtelt und bilden als Ganzes das Leben, das für die Dauer seiner berechtigten Existenz den universellen Kräften zu trotzen versucht – und das in der Tat mit erstaunlichem Erfolg, denn die Zeit kennt keine Gnade und lässt alles ins Chaos driften.
Zurzeit sitze ich hier an meinem Schreibtisch und muss diese Geschichte zu Papier bringen, weil ich Teil einer Geschichte bin, in der ich eine Geschichte schreibe. Und überhaupt: Schliesslich lebt man, um zu erzählen. Während ich diese Zeilen niederschreibe, hocke ich in meinem Hotelzimmer, das ich seit geraumer Zeit bewohne und wo ich bestimmt noch eine Zeitlang bleiben werde – wie lange, kann ich nicht sagen, vielleicht für immer. Es ist ein sehr angenehmes Zimmer, die Einrichtung entspricht exakt meinen Vorstellungen eines perfekten Hotelzimmers – es ist sehr geräumig und von ansprechender Raumhöhe, der Riemenparkett ist teils mit exklusiven Teppichen belegt und die Möblierung ist in ihrer Gesamtheit sehr geschmackvoll ausgefallen. Die beiden Kreuzstockfenster bieten einen wunderbaren Blick aufs Wasser, schade nur, dass die Sicht meistens durch einen hartnäckigen Nebel getrübt ist. Und dass es jetzt auch noch wie aus Kübeln schüttet, nährt in mir den Verdacht, dass meine Zeit möglicherweise bald abgelaufen ist.
***
Das Erste, das ich zu hören bekam, als ich das Licht dieser wunderbaren Welt erblickte, war das Gespräch zwischen meiner Mutter und der Hebamme, die damals in der Nachbarschaft wohnte und allen werdenden Müttern in unserem Viertel, die zu Hause gebaren, im entscheidenden Moment zur Hand ging.
«Na wenn das mal kein strammer Junge ist», sagte die Geburtshelferin, während sie mich kopfüber an den Füssen hielt. «Wie soll der Kleine denn heissen?»
Erschöpft und schweissnass vor Anstrengung gestand meine Mutter, dass man sich noch für keinen Namen für mich entschieden habe und fragte die Hebamme, welche mich gerade von oben bis unten wusch, wie sie mich nennen würde. Da es heute der 15. August sei und sie ihren eigenen drei Kindern jeweils einen der Namen gab, deren Namenstag gerade war, schlug sie meiner Mutter vor, mich Rupert zu nennen.
So, nun wisst ihr es: Mein Name ist Rupert. Ich wurde am 15. August 1962 zu Hause geboren. Hausgeburten waren damals gang und gäbe. Ich war ein Säugling durchschnittlicher Grösse und schien gesund, nur gab ich partout keinen Laut von mir. Aus diesem Grund wurde ich zur Untersuchung ins Spital gebracht und gründlich durchgecheckt. Aber auch dort blieb ich still. Und so blieb es auch: Bis zu meinem dritten Lebensjahr sollte ich weder schreien noch sonst...
| Erscheint lt. Verlag | 12.10.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Bildungsroman • Historischer Roman • Kriminalroman • Künstlerroman • Magischer Realismus • Reiseroman |
| ISBN-10 | 3-7439-3081-1 / 3743930811 |
| ISBN-13 | 978-3-7439-3081-0 / 9783743930810 |
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