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Frei ist nur der Blick zum Himmel (eBook)

Sieben Jahre Haft in Thailand

(Autor)

eBook Download: EPUB
2020 | 1. Aufl. 2020
394 Seiten
Lübbe (Verlag)
978-3-7325-9836-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Frei ist nur der Blick zum Himmel - Sandra Gregory
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In diesem bemerkenswert offenen und ehrlichen Bericht erzählt Sandra Gregory, welche Umstände zu ihrer Verhaftung in Thailand führten. Sie beschreibt die entsetzlichen Lebensbedingungen in einem der härtesten Gefängnisse der Welt - und welche Gefühle sie bewegten, als sie in diesem fremden Land ihrem Prozess beiwohnen musste, ohne ein Wort zu verstehen. Sie schildert ihre Hoffnungslosigkeit und die Verzweiflung in den langen Jahren der Haft in Thailand, die Überführung in englische Justizvollzugsanstalten und schließlich die Begnadigung durch den thailändischen König und ihre Befreiung.

KAPITEL 2


Jugendlicher Übermut


Schulzeugnis, 1978

Ich fürchte, dass Sandras bedauerliche Neigung, immer das letzte Wort haben zu müssen, sie auch in Zukunft in Schwierigkeiten bringen wird ...

Swadelands School, Lenham

Ich schließe die Augen. Da sind wir, mein Bruder und ich, auf Fahrrädern vor unserem Haus; auf meinem roten Rad klebt ein Comicsticker. Es ist ein warmer und etwas windiger Sommertag im Jahr 1971, und ich bin ganz bestimmt glücklich. Augenblicke zuvor – oder Augenblicke danach, ich weiß es nicht mehr so genau – sausen wir unsere Sackgasse hinunter, und in der Ferne höre ich typische Familiengeräusche. Ob von unserer Familie oder einer anderen, weiß ich nicht mehr, aber die Geräusche bewahren diese leuchtende, kinderäugige Wärme lang vergangener Tage, die dem Heute irgendwie abhanden gekommen ist.

Und hier bin ich noch einmal, Sandra Mary Gregory, zwei Jahre alt, mit lockigem, blondem Haar und einem Funkeln in den Augen. Ich habe mein neues rosa Nachthemd an und schaue in die Kamera, als ob sie mich an irgendeinen magischen Ort versetzen könnte. Neben mir wieder mein Bruder, alltäglich und doch glanzvoll; er ist fünf Jahre älter als ich, obwohl es manchmal wie ein ganzes Leben scheint.

Ich stelle mir eine andere Szene vor, diesmal mit John, meinem ersten und besten Freund ein Jahrzehnt meiner Kindheit lang; er trägt mich huckepack über ein Feld. Keine Aufsehen erregenden Erinnerungen, nur kurze Schnappschüsse aus meiner Kindheit, aber sie sind mir kostbar und mein Gedächtnis ist voll davon. Und noch eine: Darin bin ich zwölf Jahre alt und reite auf Goldie, meinem wunderbaren Pony, über die Wiese. Jahrelang stellte ich mir vor, er sei meines, etwas ganz Besonderes, ganz und gar kein Reitschulpony. Ich war ein verschlossenes Kind, in meine eigenen kleinen Träume versunken, manche fröhlich, manche traurig, die meisten vor allem ichbezogen. Mit zwölf wollte ich einfach alles.

Ich kam am 30. Mai 1965 in einem Ort namens Minchinhampton im englischen Gloucestershire zur Welt, bin aber in Hollingbourne, acht Kilometer von Maidstone in Kent, aufgewachsen, wohin meine Eltern umzogen, als ich sechs Monate alt war. Hollingbourne ist so pittoresk, wie der Name vermuten lässt; es ist der Inbegriff eines mittelenglischen Städtchens, geprägt von den Imagebemühungen seiner Bildungsbürger, die sich zum bescheidenen Volk der heimatlichen Scholle stilisieren. Die Leute, die dort wohnten, verbrachten ihre Zeit damit, Marmelade einzukochen und Kuchen zu backen, Rezepte mit ihren Nachbarn auszutauschen und Dorffeste zu besuchen. Ihre Gärten waren ihr ganzer Stolz. Die wohl bemerkenswerteste Attraktion von Hollingbourne ist Eyehorn House, dessen Bewohner seit Jahren von einem berüchtigten Poltergeist geplagt werden.

Ich genoss eine typisch bürgerliche Erziehung, obwohl meine Eltern, Stan und Doreen Gregory, beide in Arbeitervierteln in Stockport beziehungsweise Dundee aufgewachsen waren. Sie lernten sich in London kennen und heirateten dort kurz nach ihrer ersten Begegnung. Es brach meinen Großeltern mütterlicherseits das Herz, dass sie und natürlich Schottland ihre Tochter an einen Engländer verlieren mussten. Doch meine Mutter, die damals gerade ihre Ausbildung zur Krankenschwester abschloss, war bis über beide Ohren verliebt.

Hollingbourne war wirklich ein wunderbarer Ort für Kinder. John, mein Bruder und ich bauten fantastische Baumhäuser und Höhlen, wir durchstreiften die weitläufigen Felder und plantschten in Flüssen und Bächen herum. Ich ging in Hollingbourne zur Grundschule, eine wundervolle kleine Schule, die nie mehr als etwa 70 Schüler hatte.

Als ich vier war, brachte mich meine Mutter zum Ballettunterricht im Tanzsaal des Dorfs, aber schon damals entsprach es einfach nicht meinem Wesen, brav im rosa Tutu herumzulaufen.

»Sie bewegt sich wie ein Elefantenbaby«, erklärte die Lehrerin meiner Mutter, »und sie weigert sich, zu pirouettieren. Außerdem ist sie ein bisschen ungestüm.«

Sie hatte Recht. Es mangelte mir an der Feinkoordination, die meine Mitschülerinnen an den Tag legten; ich zappelte lieber wild herum, statt mich zierlich auf die Zehen zu stellen. Meine Mutter sagt, sie sei über die abschätzigen Bemerkungen der Lehrerin etwas schockiert gewesen und habe gefragt, ob es Zweck hätte, mich noch einmal zum Unterricht zu bringen.

»Nein, ich denke nicht«, antwortete die Lehrerin, bevor sie sich naserümpfend abwandte. Ich habe ihr nicht lange nachgetrauert.

Im Rückblick denke ich, dass meine Mutter sehr glücklich mit ihrer kleinen Tochter war, aber wohl von Anfang an die Verlustängste auszuhalten hatte, die unweigerlich damit verbunden sind, wenn man sehr an jemandem oder etwas hängt. Ihr standen mit mir viele Enttäuschungen bevor. Sie arbeitete als Krankenschwester in einer Familienplanungsstelle und war wirklich die liberalste Mutter, die man sich denken kann; was immer ich tun wollte, sie fand stets einen Weg, es mir zu ermöglichen. Vorgetäuschte Trotzanfälle sorgten dafür, dass sie manchmal sogar die Arbeit schwänzte, um sich stattdessen mir zu widmen und mich mit Geschichten von Feen in blauen Kleidern zu unterhalten. Sie war eine gute Geschichtenerzählerin.

Ich hasste die Schule vom ersten Tag an und konnte weder dem Lernen etwas abgewinnen noch mich daran gewöhnen, dass mir jemand vorschrieb, was ich tun sollte, ob es nun ums Laufen, Singen, Tanzen oder das Aufsagen blöder Zahlen ging. Es hatte nichts mit der Schule als solcher oder mit meinen Eltern, sondern ausschließlich mit mir selbst zu tun.

Als ich acht oder neun war, war meine Kindheit wie ein verschwommener Traum, in dem ich normale Dinge schwer zu begreifen fand. Das Fernsehen langweilte und verwirrte mich. Während all meine Freunde und Freundinnen von Dr. Who, Raumschiff Enterprise und später Happy Days schwärmten, konnte ich einfach nichts damit anfangen, und ich wurde trotzig und introvertiert.

Ich vermute, ich war außerdem verzogen, klammernd und eine ziemliche Nervensäge.

Meine Mutter hingegen war voll enormer Vitalität und Begeisterungsfähigkeit. Sie nähte die meisten meiner Kleider selbst und wählte die Muster und Stoffe mit liebevoller Sorgfalt aus. Außerdem backte sie und machte wunderbares Naschwerk. Eines Samstags kam ich mit einer kleinen Tüte Süßigkeiten nach Hause, für die ich mein ganzes Taschengeld ausgegeben hatte. Meine Mutter war entsetzt. Die Woche darauf machte sie mit Sirup gefüllte Sahnebonbons, Pfefferminzbonbons und -täfelchen und Karamell; es war ein wahrer Festschmaus, und Kinder aus der ganzen Gegend strömten zu uns, um etwas davon zu kaufen.

Es war wundervoll, und ich lernte rasch, solche Sachen nach ihren fabelhaften Rezepten selbst zu machen. So sehe ich meine Mutter jetzt noch vor mir: Feuriges Haar und graue Augen, vom Zuckerduft ihrer Leckereien eingehüllt.

Es gibt viele Fotos von meinem Vater zwischen meiner Mutter, meinem Bruder und mir. Er ist darauf stets elegant, aber auch etwas distanziert, als ob er sich von der zudringlichen Kamera nicht einfangen lassen wollte. Als ob ihm dieses Einfangen einen Teil seiner selbst rauben oder erlauben würde, dass jemand anders von ihm Besitz ergreift. Das konnte er nicht zulassen. Das wollte er nicht. Er gehörte – er gehört – meiner Mutter.

Mein Vater ist sich der Kamera ebenso bewusst, wie er sich seiner selbst bewusst ist. Er ist verschlossen und misstrauisch, und auf Fotos, besonders auf Familienfotos, gibt seine Haltung selten Aufschluss über seine Beziehung zu denen, mit denen er vor der Linse steht.

Stan Gregory ist ein wunderbarer Mann mit gütigen Augen, aber seine Scheu, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, ist so ausgeprägt, dass sie schon fast eine Charakterschwäche ist. Er fürchtet, wie ich, jede Beurteilung durch andere, und das prägte unsere Beziehung in meinen frühen Lebensjahren. Er redete nie viel, sprach mit mir selten über irgendetwas Nennenswertes, bis ich ein ungebärdiger Teenager war, der ihm nicht mehr zuhören konnte oder wollte. Ich bin nicht sicher, was andere Erwachsene von ihm hielten, denn er war und ist bis heute eine sehr ernsthafte, starke und distanzierte Gestalt, die sich selten zu einem Lächeln hinreißen lässt. Er ging jeden Morgen in einem frischen Anzug zur Arbeit, nachdem er uns alle zum Abschied geküsst hatte, und kam abends spät zurück. Er arbeitete als Ingenieur, und vielleicht erklären die Erfindungsgabe und die Geheimhaltung, die seine Planungstätigkeit erforderten, wenigstens etwas von seinem Wesen.

Es fühlt sich seltsam und fast schon unpassend an, über meinen Vater zu schreiben, weil meine Mutter mich immer wieder darauf hinweist, wie ähnlich wir uns sind, aber erst jetzt, nachdem die Ereignisse der letzten Jahre meiner Persönlichkeit ihren Stempel aufgedrückt haben, kann ich sehen, wie Recht sie hat. Er wird hierüber vermutlich lächeln, vielleicht stimmt er sogar zu, doch sicher mit einer gewissen Traurigkeit. Ich möchte gern glauben, dass er mich durch all unsere kleinen Zerwürfnisse während meiner schwierigen Teenagerjahre auf etwas jenseits der Kindheit vorbereitet,...

Erscheint lt. Verlag 27.11.2020
Übersetzer Inga-Brita Thiele
Verlagsort Köln
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Erfahrung • Erfahrung in fremden Ländern • Erfahrungsbücher • Exotische Erfahrungen • Fremde Länder • Leben in fremden Ländern • Lebensbericht • Memoire
ISBN-10 3-7325-9836-5 / 3732598365
ISBN-13 978-3-7325-9836-6 / 9783732598366
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