Shalom Berlin – Gelobtes Land (eBook)
288 Seiten
Piper ebooks (Verlag)
978-3-492-99861-1 (ISBN)
Michael Wallner spielte nach seiner Ausbildung am Wiener Max Reinhardt-Seminar am Burgtheater und am Berliner Schillertheater. 1982 erhielt er den Schauspielerpreis beim Norddeutschen Theatertreffen. Seit 1987 arbeitet er als freischaffender Theater- und Opernregisseur und inszenierte unter anderem in Düsseldorf, Frankfurt, Bochum, Wien, Hamburg und Lübeck. Wallner erhielt die Kainz-Medaille der Stadt Wien für die Regie von 'Krieg'. Seit 2000 lebt er als freier Autor in Berlin. Sein Bestseller 'April in Paris' wurde in über 20 Sprachen übersetzt.
Michael Wallner spielte nach seiner Ausbildung am Wiener Max Reinhardt-Seminar am Burgtheater und am Berliner Schillertheater. 1982 erhielt er den Schauspielerpreis beim Norddeutschen Theatertreffen. Seit 1987 arbeitet er als freischaffender Theater- und Opernregisseur und inszenierte unter anderem in Düsseldorf, Frankfurt, Bochum, Wien, Hamburg und Lübeck. Wallner erhielt die Kainz-Medaille der Stadt Wien für die Regie von "Krieg". Seit 2000 lebt er als freier Autor in Berlin. Sein Bestseller "April in Paris" wurde in über 20 Sprachen übersetzt.
1
»Modernes Hebräisch.« Onkel Chaijm wiegte den Kopf. »Gibt es so etwas wie modernes Hebräisch?«
Die Gesellschaft lachte und erhob die Gläser.
»Dreitausend Jahre ist unsere Sprache alt, aber eines ist sie nie gewesen: modern.« Chaijms Blick blieb an dem jungen Paar hängen. »Im modernen Hebräisch heißt ›Erusin‹ Engagement. Im Allgemeinen bedeutet das Wort Verlobung. Wir sind hier, um Verlobung zu feiern.«
Einige Gäste nahmen das als Stichwort, die Gläser klingen zu lassen. Die Liebermanns kannten die biblische Länge von Chaijms Ansprachen und warteten erst mal ab.
»Gemäß rabbinischer Tradition zelebriere ich Erusin als Kiddushin«, fuhr der Rabbi fort. »Das bedeutet Heiligung. Die Braut soll dem Bräutigam geheiligt übergeben werden. Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb die Juden die Eheschließung seit dem Mittelalter gleich nach der Verlobung vollziehen. Sie fürchten wohl, dass die Unberührtheit der Braut in Gefahr gerät, wenn nach der Verlobung zu viel Zeit verstreicht.«
Obwohl wieder Gelächter erklang, entging Chaijm nicht, dass die Aufmerksamkeit der Gesellschaft nachließ. Er ergriff sein Glas. »Und so rufe ich euch zu: Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen ist! L’Chaim!«
»L’Chaim!«, echoten sie einstimmig, gerührt und ein wenig erleichtert, weil es gleich etwas zu essen geben würde.
Alain küsste die Braut. »Das wäre geschafft.«
Diana löste sich aus seiner Umarmung. »Ich liebe es, wenn du romantische Sachen sagst.« Sie hatte den Schalk im Auge, außerdem einen weißen Schleier im Haar, mit Spitze verbrämt, ihr einziges Zugeständnis an den Status der Braut. Im Übrigen trug sie ein knapp sitzendes, knielanges Kleid.
Während die Liebermann-Meute zum Büfett drängte, manövrierte Alain seine Braut in die Gegenrichtung. Im grünen Salon küsste er sie noch einmal.
»Wofür war das?« Sie wischte ihm Lippenstift vom Kinn.
»Dafür, dass du es wirklich mit mir riskierst.«
»Im Gegenteil. Mit mir hast du dir ganz schön was eingebrockt.«
»Herrliche Zeiten werden das.« Er warf einen Blick ins Balkonzimmer. »Kümmere dich besser um deinen Vater. Er sitzt ganz allein da drüben.«
»Ich beneide dich.«
»Wofür?«
»Dass du mit deiner wunderbaren Großmutter plaudern kannst, während ich zu meinem miesepetrigen Vater muss.«
»Setz dich später einfach zu uns. Helene freut sich, mit dir über Italien zu reden.«
Diana wechselte ins Balkonzimmer, wo Vater Göring an einem Stück Matze knabberte.
»Das ist ungesalzen«, begrüßte er seine Tochter. »Trocken ist es auch.«
»Es ist Matze, Papa. Es soll trocken und ungesalzen sein.«
Die jüdischen Liebermanns waren in Großmutter Helenes Wohnung auf dem Ku’damm zusammengekommen, um mit der nicht-jüdischen Familie Göring Verlobung zu feiern. Die Görings stammten aus Wuppertal, wo Dianas Vater immer noch lebte. Der Rest der Familie hatte sich in der Nachkriegszeit nach Dänemark abgesetzt. Diana pflegte keinen Kontakt zu ihren dänischen Familienangehörigen und außer zu Weihnachten auch keinen zu ihrem Vater. Aber bei ihrer Verlobung wollte sie nicht die einzige Göring unter all den Liebermanns sein und war das Risiko eingegangen, ihre Familie nach Berlin einzuladen.
»Ich bring dir etwas anderes vom Büfett.« Sie nahm ihrem Vater den Teller ab.
Alain setzte sich vor seiner Großmutter auf den Boden. Der schöne Makartsessel, der während der Weimarer Republik in den Besitz der Liebermanns gekommen war und die Nazizeit überdauert hatte, diente der alten Dame als Thron. Da keine weitere Sitzgelegenheit in der Nähe stand, beugten sich unerfahrene Familienmitglieder zu ihr herunter. Die Klugen wählten den Platz des Hofnarren und saßen zu Füßen Helenes.
»Hast du meine Nachricht gekriegt, Oma?«
»Eine Nachricht, Vegele?« Um ihn anzusehen, legte sie den Kopf schief. An Weihnachten war der Bügel von Helenes Brille abgebrochen. Im Alter von sechsundneunzig Jahren fand sie, es lohne sich nicht mehr, das reparieren zu lassen. Die Brille saß beängstigend schief. »Ich habe keine Nachricht von dir bekommen.«
»Hast du deinen Laptop überhaupt aufgeklappt?«
Helene nippte am Cognac. »Nicht oft.«
»Ich habe dir den Computer geschenkt, damit wir einander besser erreichen. Du kannst jeden damit erreichen. Die ganze Welt kannst du dir so in die Wohnung holen.«
»Was soll ich mit der ganzen Welt in meiner Wohnung? Mir reicht der Unsinn, den das ZDF verzapft.«
»Das ZDF kannst du auch auf dem Computer gucken.«
»Wozu?« Helene zeigte zu ihrem Fernseher. Das mächtige Röhrengerät nahm die ganze gegenüberliegende Ecke ein.
Plötzlich kam sich Alain mit seiner Digital-Pädagogik lächerlich vor. In Helenes Gesicht konnte man die ganze Welt, die Geschichte Deutschlands, die Geschichte der Juden ablesen, ihr Gesicht war eine Landkarte, die man auf Google Maps nicht fand.
»Aber jetzt bist du da, Vegele, und kannst mir deine Nachricht persönlich ausrichten.« Sie hielt ihr leeres Glas hoch. Sofort griff eine dienstfertige Hand danach. Die anderen Liebermanns hielten höflichen Abstand, während Helene im Gespräch war, doch sie stand stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
»Noch ein Cognac?«, fragte Alains Cousine Anna.
»Hunger hab ich. Bring mir bitte was von den Kreplach.«
»Kreplach? Sind die nicht zu schwer?«, erwiderte Anna fürsorglich. »Eigentlich solltest du nicht …«
»Hast recht.« Helene tätschelte die Hand ihrer Enkelin. »Ich sollte nicht. Aber wir feiern Erusin. Also bring mir zwei schöne Kreplach.«
»Ich habe Italien gebucht«, sagte Alain, während Anna zum Büfett loszog. »Das habe ich dir in meiner Mail geschrieben. Aber dann habe ich mir doch Gedanken gemacht.«
»Worüber?«
»Mir sind so Sachen eingefallen.«
»Zum Beispiel?«
»Dass du deine Brille nicht reparieren lassen willst. Du willst den Computer nicht einschalten. Willst du denn überhaupt nach Italien fahren?«
»Was hat das eine mit dem andern zu tun?« Sie berührte seinen Scheitel.
»Du sagst in letzter Zeit so Sachen … Zum Beispiel, wenn ich dir neue Hausschuhe kaufen will, sagst du: Zahlt sich das noch aus? Oder wenn ich finde, du rauchst mehr in letzter Zeit, antwortest du: Glaubst du, es könnte mich umbringen? Was du sagst, hat oft mit … mit …«
»Mit dem Tod zu tun.«
Er sah sie an.
Sie nickte freundlich. »Womit denn sonst, Vegele? Der alte Freund ist ständig da. Er streicht durch die Zimmer, er schmökert in meinen Büchern. Er kostet von meinem Essen, wir plaudern beim Cognac miteinander. Was denkst du? Dass der Tod irgendwann gewaltsam zupackt, so wie der Mörder im Tatort? In meinem Alter ist der Freund immer um mich, Vegele, auch jetzt. Das ist das Schöne, wenn man so alt wird wie ich. Man hat Zeit, diese Freundschaft zu pflegen.«
»Ich will aber nicht, dass du stirbst.« Alain war Hauptkommissar, ein tougher Kerl vom Staatsschutz, aber er konnte nichts dagegen tun, dass seine Augen feucht wurden.
»Mein Jingele, ach, mein Jingele.« Sanft und streng streichelte sie seinen schwarzen Haarschopf. »Frag mich bloß nicht nach der Kehrseite des Alters.«
»Wieso? Ist irgendwas nicht in Ordnung?«
»Ich mag dir solche Sachen nicht erzählen.«
»Was für Sachen?« Er stemmte sich auf die Knie hoch.
»Letzte Woche hatte ich Durchfall, und diese Woche kann ich überhaupt nicht aufs Klo gehen.« Sie zwinkerte. »So, jetzt weißt du’s. So sieht das gesegnete Alter aus.«
Alain verstand genau, dass sie ihm solche geriatrischen Fakten nur an den Kopf warf, um ihm seine Sentimentalität auszutreiben. Niemand besaß so viel Gefühl wie Helene, aber Sentimentalität konnte sie nicht leiden.
»Erzähl mir von Italien. Du hast für uns gebucht?«
»Ja, du wirst staunen, ein schönes Haus mit Garten. In der Anzeige schreiben sie rollstuhlgerecht, aber was weiß man schon in Italien? Es liegt am Rande der Amalfiküste, fast auf der Sorrento-Halbinsel. Dort dürfte es mit den Touristen nicht so schlimm sein. Ich frage mich trotzdem, ob dir das nicht zu viel wird.«
»Zu viel? Ich freu mich. Ach, ich freu mich so.« Temperamentvoll schlug Helene mit der Linken auf die Armlehne, mit der Rechten nahm sie den Teller von Anna entgegen.
»Worüber freust du dich?«, erkundigte sich die Enkelin.
»Auf meinen Urlaub.«
Konsterniert wandte sich Anna an Alain. »Wann hat Oma das letzte Mal Urlaub gemacht?«
»Neunzehnhundertvierundneunzig«, antwortete die Großmutter. »Auf Teneriffa. Eine grässliche Insel. Wer will schon schwarze Strände sehen? An der Amalfiküste sind die Strände weiß, oder?«
Im Balkonzimmer wurde es laut. Alain stand auf. Es sah nach einem Streit zwischen Diana und ihrem Vater aus.
»Entschuldige mich bitte, Oma.«
Diana war nicht sicher, ob sie es mit Ignoranz, Demenz oder Antisemitismus zu tun hatte. »Worüber regst du dich auf, Papa? Dir war Religion doch immer egal.«
»Du willst zum Judentum übertreten? Die Görings sind Katholiken. Die Görings waren immer katholisch.« Der grauhaarige Göring gestikulierte wie ein schlechter Schauspieler.
»Wann bist du das letzte Mal in der Kirche gewesen?«
»Ich bin Spendenmitglied der Laurentius-Basilika Wuppertal!«
»Was hat das mit meiner Verlobung zu tun?«
Wie ein Geier, der das Fliegen verlernt hatte, wedelte Göring mit den Armen. »So war es immer schon! Du machst, was du willst! Alle andern sind dir egal.«
»Komm mir...
| Erscheint lt. Verlag | 31.5.2021 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Alain-Liebermann-Reihe |
| Alain-Liebermann-Reihe | Alain-Liebermann-Reihe |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | 1. Band der Reihe • aktueller Krimi • Alain Liebermann • Antisemitismus • Berlin • Berlinkrimi • Buch 2020 • Ermittler-Krimi • Judentum • jüdische Familie • jüdischer Ermittler • Krimi 2020 Neuerscheinung • Krimi deutsch • Krimi Deutschl • Krimireihe • Michael Wallner • Palästina • Politischer Kriminalroman • Shalom Berlin • spannende Bücher • spannende Bücher für Männer • Taschenbücher deutsch |
| ISBN-10 | 3-492-99861-5 / 3492998615 |
| ISBN-13 | 978-3-492-99861-1 / 9783492998611 |
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