Durchs Fenster den Wolken zuschauen (eBook)
88 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7526-7838-3 (ISBN)
Jens Korbus studierte Germanistik und Philosophie in Bonn und Düsseldorf. Mitarbeit an der Uni Düsseldorf und am Heine-Institut. Gymnasiallehrer und Mentor in der Referendarausbildung. 1988 erster Preisträger beim Fachinger Kulturpreis für seinen "Brief an Goethe". Er ist mit ungefähr 40 literarischen Veröffentlichungen hervorgetreten. Davon 8 Erzählungen über Goethe, sein Umfeld und Motive aus seinem Werk. www.jenskorbus.de
2. EIN TRAUM UND WAS DARAN HÄNGT
Heute Nacht hatte er geträumt, er sei in seiner Pariser Wohnung und habe einen hohen Preis gewonnen. Den Literaturpreis der Fruchtbringenden Gesellschaft. In einer Halle, nicht weit entfernt, wartete schon das Publikum. Er sammelte in seiner Wohnung die letzten Manuskriptreste für seine Rede ein. Das Wichtigste stand wohl auf einer Menge kleiner roter Karten, die auf dem Boden verstreut liegen und die er mühsam zusammensuchte. – Endlich hat er sie beisammen! – Seine Schwester Ursula Sibylle wartet unten vor der Halle schon auf ihn und weist ihn wohl in die Versammlung ein! – Ist er zu spät? Den Sinn dieses Traums hätten nicht einmal die Sterndeuter von Ninive herausbekommen. Eine Geliebte ist eine Geliebte ist eine Geliebte, und eine Herzogstochter wartete auf ihn:
Doch legt er sich endlich zu bette / ein unaussprechliches verlangen nach der schönen Aramena ankunft in sich entfindend: welches aber mit einer ungemeinen angst begleitet war / und zwar um so viel mehr / je näher die zeit kame / dass sie sich einfinden sollte. das geringste geräusche / so er vername / erregte bei ihm / wegen ihrer ankunft ein herzklopfen: und wann es dan wieder still worden / stellte sich die traurigkeit ein / dass er vergebens auf sie gehoffet hatte. Mein Gott, wusste Aramena denn nicht, dass neben ihr ein verkleideter Mann lag? weil die kammer ganz finster war / und man also nichtest sehen konte / laurete er / bis dass sie zu reden anheben würde; welches dan / auch gleich erfolgte / und hörte er diese holdselige stimme also zu ihm sagen: liebste schwester!
„Teutsche Sprachkunst“ wollte er zeigen. Und in seiner Esaugestalt, eines Esau, der mit der biblischen Wirklichkeit nichts zu tun hatte, würde er sich für die gesamte Nachwelt selbst abbilden. Natürlich verkleidet, denn die Verkleidung, die Doppelrollen, die wiederentdeckten Kinder, die untergeschobenen Kinder würden das, was seine Schwester Ursula Sibylle in schäferlicher Manier angefangen hatte, in das Höfische, Heroische und Kriegerische münden lassen. Überhaupt hatte diese ältere Dichtung die ideale Schäferwelt vom realen Leben völlig getrennt. Noch seine Schwester hatte die Schäferdichtung in den ersten zwei Teilen der Aramena für etwas völlig Modernes gehalten. Aber dieser Krieg, der dreißig Jahre gedauert hatte, hatte sie fast zum Verlöschen gebracht. Opitz war der Wegweiser dieser Dichtungsart gewesen. Und Schlesien weit im Osten war jetzt ihr Zentrum. Opitz hatte sich als stoischer Philosoph gesehen und hatte viele uneheliche Kinder. In den Gedichten und Schäferromanen der Zeit wurde ein Erlebnis auch in den besten Gedichten nie greifbar. Der Schäferdichter war ein Artist. Oft prunkte er mit seinem Bildungsstoff. Der unerschrockene Mann, der durch nichts erschüttert werden konnte, war sein Ideal. Gryphius‘ „Catharina von Georgien“ spricht in abgezirkelten Alexandrinern, während ihr Soldaten aus dem Dreißigjährigen Krieg die Därme mit einer Winde aus dem Leib rollen. War das Stoik? Er, Anton Ulrich, würde die Literatur immer mehr von der Theologie lösen, seinen Gottesglauben aber nie leugnen.
Ja, Gryphius … Er starb, als er, Anton Ulrich, einunddreißig Jahre alt war. Er hatte sich mit Gryphius auseinandergesetzt bis ins Kleinste. – Jetzt wollte er ihn überwinden. Die Trauerspiele und was man über ihn erzählte: Höhenwege der Literatur oder seine Unruhe des Daseins. Sein eigenes Dasein würde, bis auf die Geisteskriege, die er zu führen gedachte, ruhig und stoisch bleiben. Er würde die höfische Sprache zur Hauptsprache erheben. Den Gegensatz von Zeit und Ewigkeit gab es bei Gryphius. Das waren aber nur Worte. Über allem thronte natürlich Gott. Für den hatte er seine Kirchenlieder geschrieben. Als er mit siebenundsiebzig zum katholischen Glauben übertrat, hatte er zurückgeblickt und wusste, dass er den Übertritt eigentlich Gryphius verdankte. Gryphius hatte auf ihn gewirkt, ihm konnte sich zu seiner Zeit niemand entziehen.
Die Schaurigkeit des Jenseits und die Furcht vor der Hölle hatte keiner so wie er zu schildern gewusst. Alles bekam erst durch die Beziehung zum Göttlich-Überirdischen seinen Sinn. Die geistige Welt spiegelte sich in den irdischen Vorgängen. Durch Gryphius war auch er, Anton Ulrich, wenn auch spät, den Ausstrahlungen des Katholizismus verfallen. Er, Anton Ulrich, glaubte nicht an die Unsicherheit des Daseins wie Gryphius. Das hatte er mit seinem Leben und seinem Werk bewiesen. Seine Romane waren Diesseitserlebnisse gewesen, Gryphius‘ Dramen nicht. Aber in beiden konnte der christliche Stoizismus triumphieren. Nichts war imstande, den Helden von seinen sittlichen Grundsätzen abzuwenden. Er, Anton Ulrich, und seine Schwester Ursula Sibylle waren so stark miteinander verbunden, dass man in dem Aramena-Roman zwischen den ersten eineinhalb Bänden, die Ursula Sibylle geschrieben hatte, und den seinigen kaum einen Unterschied erkennen konnte. Sie kamen beide aus der gleichen Welt. Ob es Individuen in dem Roman gab? Er, Anton Ulrich, war doch ein Individuum! Aber ein höfischer Mensch erschien nur unter höfischem Sehwinkel als Person. Es gab im Roman drei Aramenen. Die zeigen einige der vielen Facetten seiner Schwester!
Es sind / dieser Art Historien / vor allen anderen Schriften / ein recht-adelischer und darbei hochnützlicher Zeitvertreib / sowohl für den / der sich schreibet / als für den / der sie liset: Wie dann auch die jenigen / so der gleichen geschrieben / meist entweder vornehme stands = und sonsten adeliche Personen / oder doch Leute gewesen / die mit solchen Personen Kundschaft gepflogen haben. Ja, er würde ein Geschichtenerzähler werden, er Anton Ulrich, auf den die Welt stolz zurückblicken würde. Siegmund von Birken hatte in der Vor-Ansprache niedergeschrieben, was er, Anton Ulrich, mit der Aramena hat bewirken wollen: Unter diesem grausamen Gefechte / eilete die schöne Königin von Ninive / die nach dem sie mit Schrecken und Entsetzen erwachet / ihre Nachtkleider angelegt hatte / oben auf das Dach des Hauses / begleitet von der Prinzessin Ammornide / der Fürstin Perseis / der Dersine / Siringe und Merone: Von dar sie dem Streit zusehen / nicht anders denken konnte / als das Belochos sie wolte entführen lassen. Ja, er hätte seine Schwester gerne entführt, die erst spät geheiratet hatte, weil sie für ihren Bruder leben und nicht von ihm lassen wollte. Dann hatte sie aber doch mit vierunddreißig Jahren geheiratet, weil sie einen eigenen Hof halten und eigene Leute nach oben bringen wollte. Er erinnerte sich an das letzte Gespräch mit seiner Schwester im Schloss, als er zwölf war und sie sechzehn.
Wieviel Uhr ist es?
Ich weiß nicht.
Sie schliefen in einem Zimmer und sie tastete auf ihrem Bett herum. Sie wollte ihm ein Blatt zeigen, das sie beschrieben hatte, fand es aber nicht.
Komisch, da sitzt man und lässt was fallen und muss dann ewig herumsuchen. Hört das denn gar nicht mehr auf?
Er hielt sie fest. Ich bin stärker als du.
Sie war starr und unnachgiebig. Ihr Nachtkleid raschelte, aber es rührte ihn nicht. Geh wieder ins Bett, sagte er. Ich möchte mit dir zusammen ein Buch schreiben, sagte sie.
Ich wollte, du wärest tot, antwortete er. Geh wieder ins Bett. Sonst wecken wir unsere Eltern.
Du kannst mir nichts befehlen, sagte sie.
Sie schliefen wieder ein. Nur im Schlaf hatten sie die Ruhe des Gemütes, das Vollkommene, die tranquilitas amini. Die „Gestalt“ seiner Schwester war Ausdruck ihres Wesens. „Aus der Ordnung kommt alle Schönheit her, und diese Schönheit erweckt Liebe.“ Hatte Leibniz gesagt. Die Sinnenwelt affiziert das Gemüt. Auf der anderen Seite stehen Geist, Vernunft und Wille. Eine Vermittlung dieser beiden Seiten ist nur durch die unio mystica möglich. Deren Wesen aber spiegelt sich in der Gestalt, der forma, also der Schönheit. Sie ist das Inbild der Geistperson. Sie wird in der Gestalt fassbar, aber nicht durch sie erklärbar. Schönheit ist Augenweide. Und die Empfindungskräfte des Herzens offenbaren sich nur in „edlen Formen“: Tarsis sahe hiermit seine Eldane an / und wie die errötete und ihn anlächelte / vermeinte er / keiner ferneren Überredung nötig zu haben / weil sie ihn so gütige Gedanken ihres Herzens lesen ließe.
Er hatte seiner Schwester seinen letzten Traum erzählt. Er breitete eine Art Schleier über eine üppige nackte Frau, die nass, wohl vom Bade ist und die er abtrocknen muss. Er steht vor ihr, sie liegt rücklings auf einem Bett. Er beugt sich schützend über sie und denkt: Wenn die Toten erwachen! – Er weiß nicht, was sie dazu sagen wird, wahrscheinlich, dass der Traum mit ihr nichts zu tun hat. Sie kann doch auch Träume deuten und über die Wirklichkeit schreiben:
Denn durch bloße Fabeln / wird man dem Spielschauer keine Gemütsbewegung abgewinnen. In die wahrhaftige Spielgeschichte / kann man Umstände und Begegnise einstreuen / die darbei sich begeben können. An diese Vorgabe haben seine Schwester und er sich in der Aramena nicht gehalten. Was in diesem Roman passiert, ist...
| Erscheint lt. Verlag | 15.10.2020 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-7526-7838-0 / 3752678380 |
| ISBN-13 | 978-3-7526-7838-3 / 9783752678383 |
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