KAPITEL 1
2 MONATE SPÄTER
SAMSTAG, 2. NOVEMBER 2019, 17.30 UHR
LYDIA
5:1! Papa! 5:1! Wer hätte das erwartet!“ Ich starre immer noch wie paralysiert auf den Videowürfel, der mir beweist, dass ich das hier nicht träume.
„Hättest du das erwartet? Komm, sei ehrlich. Der größte Optimist der Welt hätte wohl nicht damit gerechnet. Und du schon mal gar nicht.“
Ich fühle mein Herz klopfen. Bestimmt dreimal schneller als normal. Gerade haben wir die Bayern nach allen Regeln der Fußballkunst zerlegt. Aus dem Stadion gefegt. Mit unglaublicher Wucht. Genau der Wucht, mit der wir im Mai in London dem großen FC Chelsea alles abverlangt haben. Sogar das Elfmeterschießen. Eine Wucht, die wir verloren geglaubt haben, nachdem die Büffelherde einer nach dem anderen in Madrid, London und Mailand angeheuert hat.
Aber das Besondere an diesem Tag ist eigentlich, dass Papa hier ist. Mit mir.
Als er immer noch nicht auf meine Jubelgesänge reagiert und weiter mit gläsernen Augen auf den Rasen blickt, rüttle ich ihn ein wenig.
„Papa! 5:1 – und dabei haben wir noch letzte Woche in Gladbach mit 2:4 einen aufs Dach bekommen. Und das Pokalspiel auf St. Pauli war in der zweiten Halbzeit auch nicht das Gelbe vom Ei. Aber jetzt: die Wiederauferstehung! 5:1 gegen die allmächtigen Bayern … Eintracht Frankfurt: füüünf! – Bayern: eins!“
Meine Stimme überschlägt sich beinahe. Mit einem schnellen Blick schaue ich mich um. Guckt mich jemand blöd an? Falle ich hier etwa auf? Mir wird ganz blümerant, aber Gott sei Dank: Nein. Alle hier auf der Stadionterrasse sind viel zu beschäftigt mit ihren eigenen Jubelgesängen.
Trotzdem, Lydia Heller! Benimm dich! Auch wenn du heute mal privat hier im Stadion bist, kennen dich die meisten und können ein wenig Contenance erwarten.
„Contenance“, höre ich mich nachbeten. Contenance? Jetzt? Wie soll das gehen? Am liebsten würde ich mir Papas Rolli schnappen und einfach losrennen. Quer durch den VIP-Bereich. Scheißegal, ob sie alle nur so zur Seite springen müssten. 5:1!
Papa ist inzwischen auch wieder unter den Lebenden. Er sitzt aufrecht, fuchtelt wie wild mit seinen Armen umher und eine dicke Träne hat sich gerade auf den Weg Richtung Kinn gemacht. Ich habe ihn lange nicht mehr so gesehen. So aufgekratzt.
„Hab ich dir doch gesagt: Du musst wieder ins Stadion. Du musst einfach einen dicken Strich unter die alte Geschichte machen und endlich wieder hierherkommen. Deine Eintracht spielen sehen.“
Er dreht sich langsam zu mir um, nickt fast unmerklich und ich sehe in zwei Augen, in denen pures Glück ausgelassen herumhüpft.
„Danke, mein Schatz“, murmelt er.
Erleichterung, Freude und unbändige Leidenschaft fließen durch meine Adern. Es hat mich schließlich fast zwei Monate all meine Überredungskünste inklusive doppeltem Hausverbot gekostet, den Sturkopf hierher zu lotsen. Und gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Boateng nicht so früh vom Platz geflogen wäre und die Jungs nicht ausgerechnet heute über sich hinausgewachsen wären. Und überhaupt. Egal. Es ist alles perfekt gelaufen und Papa hockt jetzt in seinem Rollstuhl und stammelt nur noch mitgenommen vor sich hin.
„Das war …“, beginnt er. Kurz versagt seine Stimme. „… wie 79. Im Oktober. 3:2 haben wir gewonnen und waren danach Dritter hinter Dortmund und Hamburg und die Bayern nur auf Platz 5. Das Wunder der zweiten Halbzeit war das, glaub mir: Das Wunder der zweiten Halbzeit!“
Er reckt beide Arme nach oben, hält seinen alten speckigen Eintracht-Schal fest umklammert und singt unbekümmert. „Zieht den Bayern die Lederhosen aus, die Lederhosen aus …“ Eine ganze Reihe von Zuschauern, die uns von der anderen Seite aus entgegenkommen, stimmen sofort euphorisch ein und klatschen bestens gelaunt ab.
Seit ich bei der Eintracht als stellvertretende Pressesprecherin angefangen habe, habe ich den VIP-Bereich schon oft in ausgelassener Stimmung gesehen, oh ja, die Mannschaft hat schließlich nicht nur halb Europa begeistert. Aber der Sieg gegen den FC Bayern toppt alles, was ich in den letzten anderthalb Jahren erlebt habe. Heute liegen sich völlig Unbekannte in den Armen, sogar die bornierten Anzugträger, und selbst Offenbacher werden zu Eintracht-Fans. Es stimmt, was Papa immer erzählt hat. Siege gegen die arroganten Bayern kitzeln aus jedem Frankfurter die gesamte Dosis Adrenalin.
Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir von 121 Spielen gerade mal 33 gewonnen haben. Und sich an den letzten Sieg kaum noch jemand erinnert. Am 20. März 2010 war das. Da haben Tsoumou und Fenin ein paar Minuten vor Abpfiff das Spiel noch gedreht.
Fenin – so hoch gejubelt, so tief gefallen. Fußball kann schon grausam sein, schießt es mir durch den Kopf. Danach folgten in neun Jahren 17 Pleiten. Jedenfalls in der Liga. Im Pokal gab es ja noch das Endspiel in Berlin … Ich muss innerlich grinsen. Schadenfroh grinsen. Was einer stellvertretenden Pressesprecherin eigentlich nicht gut zu Gesicht steht. Aber was soll’s. Eric würde sagen: „Fußball ohne Emotionen ist wie Ramazzotti ohne Eis. Ungenießbar fad!“
„Ja, Papa“, lache ich, „das haben wir gemacht. Ihnen die Lederhosen ausgezogen.“
Ich ergreife seine Hand und schwenke mit ihm den Schal, als mir einfällt, dass er ja gerade angefangen hat, eine seiner alten Geschichten zu erzählen. Normalerweise wäre ich einfach drüber weggegangen. Weil ich die meisten seiner Geschichten schon kenne. Vor allem aber, weil ich immer, wenn er von früher erzählt, tief in mir drin Neid spüre. Ich war nicht dabei. Ich musste mich bis zum letzten Jahr mit Aufstiegsfeiern begnügen. Und immer, wenn dieses Gefühl in mir aufkeimt, sage ich mir, man muss in der Gegenwart leben. Nicht in der Vergangenheit.
Aber habe ich nicht eben selbst in der Eintracht-Historie herumgestochert? Vielleicht bieten sich gerade Tage wie heute an, alte Heldengeschichten hervorzukramen?
„Wie war das denn nun damals mit dem Wunder der zweiten Halbzeit? Im Herbst 1979?“
Er holt dankbar Luft. So wie immer, wenn er zu einer seiner Geschichten ansetzt. Jetzt zaubert es mir ein leichtes Lächeln auf die Lippen.
„60.000 waren damals im Waldstadion. Es war ein strahlend schöner Tag und die Bayern haben uns an die Wand gespielt. Nach zwei Toren hätte keiner mehr einen Pfifferling auf unsere Jungs gesetzt. Dann gab es Ecke für die Bayern und – das werde ich nie vergessen – Paule Breitner ist von der Mittellinie aus gemütlich, ach, was sage ich, genüsslich zur Fahne geschlappt. Das gab ein gellendes Pfeifkonzert. Du kannst es dir nicht vorstellen. Wir haben ihn gehasst! Abgrundtief gehasst. Und dann haben Körbel, Nickel und Karger das Spiel innerhalb von nur zehn Minuten gedreht und Jürgen Grabowski hat dem Schnösel eine Lehre erteilt, die sich gewaschen hatte. Stell dir vor: Eckball für die Eintracht und der Grabi schlurft von halblinks Richtung Eckfahne. Zwei, drei Schritte. Fast in Zeitlupe. Genauso wie vorher der Breitner. Aber dann hat er die Beine in die Hand genommen und ist losgelaufen. Auf Zeit spielen – nicht mit Grabi! Das Stadion hat getobt. So geht Fußball, Paule Breitner, haben sie gebrüllt und auch ein paar nettere Worte waren darunter. Das glaubst du aber. Ich werde es nie vergessen. Hätte mir mitten im G-Block fast in die Hose gemacht, so sehr hat mich die Szene bewegt. Der Grabi war in dem Moment für mich der liebe Gott … höchstpersönlich!“
„Da wäre ich gerne dabei gewesen“, seufze ich ein wenig melancholisch, bevor ich mich wieder fange.
„Aber jetzt freuen wir uns an dem, was die Jungs heute hingekriegt haben, nicht wahr?“
Ich beiße mir heftig auf die Unterlippe. Warum kann ich es einfach nicht lassen? Warum muss ich immer schulmeistern? Dabei habe ich mir doch gerade eben noch vorgenommen, es heute mal nicht zu tun. Warum kann ich nicht damit zufrieden sein, dass er einen der schönsten Momente von früher mit dem Jetzt verbindet und einfach nur glücklich dabei ist? Warum will ich immer alles noch perfekter? Das war doch früher nicht so.
Papa hat meine Bemerkung offenbar gar nicht gehört. Er zuppelt an meinem Ärmel. Ich beuge mich zu ihm hinunter. „Weißt du, mein Schatz. Dass du mich überredet hast, wieder ins Stadion zu gehen, das war …“ Er zögert einen Moment. „Echt anständig von dir. Danke dir, Lydia!“ Die zweite Träne macht sich auf den Weg und ich muss ein paar Mal durchatmen. Anständig war wahrscheinlich das höchste Kompliment, das er in den vergangenen 15 Jahren für mich bereitgehalten hat.
Dann sehe ich Eric um die Ecke kommen.
„Ach, Papa!“ Ich schiebe ihm die Eintracht-Mütze etwas tiefer ins Gesicht. Schließlich kann ich mir vorstellen, dass das alte Raubein dem Präsi nicht als Heulsuse begegnen möchte. Nach so vielen Jahren.
„Lydia. Du willst den alten Mann doch wohl nicht vor mir verstecken.“ Erics Stimme erinnert wie immer nach Eintracht-Spielen an eine schonungslose vorabendliche Mischung aus Whisky-Tasting und einer Menge blauer Gauloises. Dabei hat er wahrscheinlich nur zu viel geredet. Wenn er, wie so oft, spätestens um 14 Uhr im Stadion war, gute dreieinhalb Stunden und dazu noch fünfmal „Tor, Tor, Tor!“ gebrüllt hat. Das halten selbst die sprachbegabtesten Stimmbänder nicht durch.
„Klaus Heller ... Alter Freund!“ Eric scheint wirklich berührt. Die kleine Pause zwischen „Heller“ und „Alter“ zeigt es deutlich. Er musste schlucken, bevor er den „Alten Freund“ herausbringen konnte. Und ich...