Dunkel Hell (eBook)
164 Seiten
myMorawa von Dataform Media GmbH (Verlag)
978-3-99110-721-7 (ISBN)
Harald Gerl wurde 1963 in Österreich geboren. Nach einem Studium der Experimentalphysik in Wien und einem dreimonatigen Aufenthalt in den USA war er als Techniker, Verkäufer und Manager in verschiedenen Branchen wie IT, Haushaltsgeräte-Produktion und Fachverlagen tätig. Der Autor schreibt seit mehr als 20 Jahren, hat sich aber erst jüngst zu einer Erstveröffentlichung - einem Reisebericht mit Horror-Elementen - entschlossen. Weitere Werke sind in Arbeit, von Romanen über Lyrik bis zu Fantasy.
I Siegen?
Bei jedem mühsam hervorgestoßenen Atemzug bildete sich in seinem Blickwinkel ein rötlich schimmernder Nebel. Reigh-Lane stützte sich schwer auf sein blutverschmiertes Schwert. Er war der letzte noch aufrecht stehende Paladin, Hüter des Lichts, ein magiekundiger Krieger. Er kämpfte für die Heimatverteidigung von Loran, jener wunderbaren Stadt, unter deren Herrscher sich Menschen, Zwerge und Elfen zur Koin’Dan gegen die Gefahr aus dem Westen vereinigt hatten. Reigh-Lane war sich nicht sicher, ob sein Atem, der vor seinem Gesicht gefror, rot war vom Schein der untergehenden Sonne oder ob sich in seinem Atem das Blut der Freunde und Feinde widerspiegelte, die auf der Ebene bei Golat lagen.
Der Tod hatte reichlich Ernte gehalten im Land der Zwerge. Die größte Streitmacht, die Reigh-Lanes Augen jemals erblickt hatten, war von Loch Taran gekommen und hatte sich auf Loran zugewälzt. Die Dul’Nur, jene Vereinigung von Orks und Totenwanderern, die sich mit den Menschen, den Elfen und den Zwergen um die Vorherrschaft auf dieser Welt stritt, hatte zum Sturm auf die Stadt geblasen. Nur dem Zufall war es zu verdanken gewesen, dass eine ungefähr gleich starke Streitmacht der Koin’Dan sich ihnen entgegenstemmen konnte.
Die grünhäutigen Orks waren unermesslich brutale Kämpfer, denen man, wollte man sie besiegen, schon alle Gliedmaßen abhacken musste. Und selbst dann tat man noch gut daran, sich vor ihrem kräftigen Gebiss und den riesigen Hauern in Acht zu nehmen. Die Totenwanderer ihrerseits waren früher Teil des Menschengeschlechts gewesen, jedoch hassten sie alles Fremde. Ihr erklärtes Ziel war es, den Pakt zwischen Menschen, Zwergen und Elfen zu zerstören, wenn nötig auch mit Gewalt. Vor vielen Blühzyklen waren sie auf Dul, den Kontinent im Westen, verbannt worden in der Hoffnung, dass die Orks ihrer schnell Herr werden würden.
Doch die Totenwanderer erwiesen sich als ebenso grausame wie herzlose Kämpfer und wussten sich wider alle Erwartungen gegen die Orks zu behaupten. Mehr noch: Nach dem Motto »Der Feind meines Feindes ist mein Freund« verbündeten sie sich sogar mit ihnen – zumindest vorübergehend. Mithilfe von Magie hatten die Totenwanderer zudem einen Zustand erreicht, in dem es schwierig war, sie zu töten. Wie sollte man auch etwas umbringen, dem jede Form von menschlichem Leben und Gefühl abhandengekommen war?
Wankend suchte Reigh-Lanes Blick nach Überlebenden. Nach Gefährten, denen er beistehen konnte, nach Feinden, die es noch zu töten galt. Aber da war niemand mehr außer ihm. Dampf stieg von den Leichen der Gefallenen auf, die ihre schwindende Lebenswärme langsam der herannahenden Nachtluft entgegensandten.
Nur noch dunkel konnte sich der Paladin an den Kampf erinnern. Freunde, die von Zaubersprüchen von innen heraus zerfetzt, Feinde, deren Körper und Gliedmaßen von Schwertern und Äxten gespalten worden waren – das alles vermischte sich in seinem Kopf zu einem Kaleidoskop des Todes, das sich schneller und schneller drehte. Reigh-Lane hatte sein Schwert geschwungen und seine Heil- und Segenssprüche gesprochen, bis seine magische Kraft versiegt war. Zuerst waren die Elfen-Priester und Druiden gefallen, doch nicht ohne vorher den Kriegern und Paladinen der Menschen und Zwerge genug Kraft zu geben, um unter den leicht gerüsteten Magiern der Dul’Nur furchtbar zu wüten.
Nachdem ihre Magie aufgebraucht war, begannen die blutigen Einzelkämpfe mit den Ork-Kriegern, den Kriegsschamanen und den Assassinen der Totenwanderer. Einer nach dem anderen fielen seine Kameraden, aber jeder von ihnen konnte zuvor zumindest einen aus der Dul’Nur mit in den Tod nehmen. Als die Zahl seiner Freunde und Gefährten, die neben ihm kämpften, immer weniger wurde und seine eigene Magie ebenfalls beinahe erschöpft war, begannen die Trommeln der Feinde in seinem Kopf widerzuhallen und vermengten sich mit dem Rasen seines eigenen Blutes. Das Töten wurde plötzlich zu einer neuen Quelle der Kraft. Jeder Feind, dessen Eingeweide er auf den glänzenden Schneeflächen im Land der Zwerge verteilen konnte, gab ihm neue dunkelrote Kraft, die es ihm ermöglichte, sich auf einen weiteren Feind zu stürzen.
Zuletzt standen ihm nur noch drei Feinde gegenüber: ein mächtiger Ork-Krieger, ein Assassine und ein Magier der Totenwanderer. Alles, woran er sich ab diesem Zeitpunkt erinnern konnte, waren tiefe, unmenschliche Schreie und das Klirren der Waffen. Dann – Dunkelheit.
Nach wie vor schwer atmend über sein Schwert gebeugt, blickte Reigh-Lane auf die drei Feinde, die vor ihm hingestreckt lagen. Ihre teilweise grotesken Wunden passten nicht zu den Verletzungen, die er seinen Gegnern normalerweise mit seiner Waffe zufügte. Der Paladin hatte selbst unzählige Wunden davongetragen, doch keine davon war wirklich tödlich gewesen. Ein kleines Rinnsal allerdings, das an seiner Seite zwischen den Stoßkanten seiner Plattenrüstung hervorsickerte, hatte eine ungesunde, leicht gelbliche Farbe. Bei diesem Anblick erinnerte er sich, dass die Waffe des Assassinen ein fahles gelbes Leuchten von sich gegeben hatte, und der Gedanke an Gift schoss ihm durch den Kopf.
Mit einem Mal spürte er, wie die Energie, die ihn bis zu diesem Moment beflügelt und aufrecht hatte stehen lassen, stetig aus seinem Körper floss. Der Paladin sank auf die Knie und ließ sein Schwert kraftlos neben sich auf den Boden gleiten. Sein Blick fiel auf den blutverkrusteten Kopf seiner Gefährtin Elianî, der weit entfernt vom Körper seiner geliebten Elfen-Priesterin lag. Tiefe Trauer füllte sein Herz.
»Wozu all das Sterben, wenn wir dann doch nicht siegen? Wenn niemand mehr da ist, um über die Tapferkeit der Helden zu erzählen? Wenn nur noch jene übrig bleiben, die am Morgen die Toten beklagen und die irdischen Dinge aufsammeln, die wir zurücklassen, aber schon übermorgen unsere Seelen vergessen haben?« Der Gedanke an die Vergänglichkeit des Daseins ließ die Kraft noch schneller aus seinem Körper fließen.
Plötzlich warnte ihn sein Kampfsinn. Er beugte sich vor, versuchte, nach seiner Waffe zu greifen und das Schwert zu heben, doch er war bereits zu schwach dazu. Unter großer Mühe drehte er seinen Kopf in Richtung der untergehenden Sonne und nahm im Dämmerlicht eine gänzlich in Schwarz gekleidete Gestalt wahr. Das Gesicht unter der Kapuze konnte er nicht erkennen, er vernahm nur eine kalte Stimme.
»Armer Paladin …« Die Worte klirrten wie Eis, klangen jedoch weder hochnäsig noch herablassend, nicht einmal grausam. »Tapfer gekämpft, und dennoch alle tot. Sterben und Tod, wohin du blickst.
Sieh nur, das Blut von Feind und Freund klebt an dir.« Die Stimme war von der gleichen unglaublichen Kälte, wie sie die Natur im Norden Galunds hervorbrachte. Oder der Tod.
Mit einem letzten herzzerreißenden Seufzen schloss der Paladin seine Augen und ließ sich zu Boden sinken.
In seinem langen, schwarzen Traum reihten sich lodernde Flammen, eine stickige warme Höhle und eine eiskalte Stimme aneinander. »Trink, armer Paladin. Trink, wenn du überleben möchtest.«
Ein ekeliger, süßlicher Geschmack machte sich in ihm breit. Als er wieder bewusst die Augen öffnete, sah Reigh-Lane zuerst nichts und dann Schatten, hervorgerufen durch den Schein eines kleinen Feuers, die auf den glatten Wänden einer Höhle ihr verwirrendes Spiel trieben. Der Stein war so glatt behauen, wie man es sonst nur in den Prunksälen der Zwerge fand. Aber er war auch mit Mustern verziert, die jenen der Elfen glichen, wiewohl diese hier unsagbar älter und stärker wirkten. Dagegen nahmen sich die feinen Strukturen, die er im Haus seiner geliebten Elianî gesehen hatte, wie Gekrakel von Kindern aus.
Als er sich aufsetzte, merkte er, dass er nur mit einem langen, schwarzen Hemd bekleidet war. Obwohl vom scheinbar langen Liegen noch steif, fühlte sich sein Körper ansonsten erstaunlich stark an. Neben seinem Bett bemerkte Reigh-Lane eine Gestalt, die derjenigen glich, die er zuletzt auf dem Schlachtfeld gesehen hatte. Nun jedoch war die schwarze Kapuze zurückgeschoben und der Paladin blickte in das Antlitz eines jungen Mannes. Das Erste, was ihm an dessen Gesicht auffiel, waren die unglaublich kalten blauen Augen und der unendlich traurige Blick.
»Ah, endlich wieder wach, armer Paladin«, stellte der junge Mann mit eiskalter Stimme fest. »Bist du bereit für den nächsten Schritt?«
»Wer seid Ihr? Welcher nächste Schritt? Was war der Erste? Wo …?« Noch mehr Fragen wollten aus Reigh-Lane hervorbrechen, doch der Fremde hob abwehrend eine Hand.
»Halt ein, mein armer Paladin. Wir sollten am Anfang beginnen. Mein Name ist Femotis. Lass dich von meiner äußeren Erscheinung nicht täuschen. Ich bin weit älter, als ich aussehe. Ich war schon hier, als die Alten Götter das letzte Mal auf Taran verweilten, und noch immer wandere ich über diese Welt und suche nach besonderen Wesen. In dir...
| Erscheint lt. Verlag | 24.9.2020 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| ISBN-10 | 3-99110-721-X / 399110721X |
| ISBN-13 | 978-3-99110-721-7 / 9783991107217 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 4,3 MB
Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopierschutz. Eine Weitergabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persönlichen Nutzung erwerben.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich