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Menschenfischer (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2014 | 1. Auflage
330 Seiten
OCM (Verlag)
978-3-942672-24-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Menschenfischer -  Markus Veith
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Kurz vor Ostern wird der Volontär Patric spontan und unvorbereitet in ein Interview geschickt. Die Künstlerin Elisa Hain will die Hintergründe des Rosenmontagsanschlags aufdecken, der Wochen zuvor verübt wurde. Bei dem noch nicht identifizierten Todesopfer, so behauptet sie, handele es sich um ihre Nichte Susanne. Während die Künstlerin den bizarren Leidensweg ihrer Nichte beschreibt, führt sie den Volontär zu Orten, an denen sich Susannes Lebensgeschichte zugetragen haben soll. Patric bemerkt, dass Elisa panisch auf stadtbekannte Gestalten reagiert, die allgemein als Spinner belächelt werden. Schließlich weiht sie Patric in das mysteriöse Wirken des 'Klubs der Menschenfischer' ein, in dessen Kreis auch Susanne aufgenommen worden war. Sie hatte eine Geheimidentität entwickelt: die 'Eule'. Durch ihre Liebesbeziehung mit dem 'Prediger', einem Ex-Menschenfischer, zerstritt sich Susanne mit dem Geheimbund, was zu einem skurril-dramatischen Kleinkrieg führte, der darin gipfelte, dass Susanne bei jenem Bombenanschlag ums Leben kam. Da Patric Beweise verlangt, führt Elisa Hain ihn zum abgelegenen Klubhaus der Menschenfischer. Eine grausige Entdeckung lässt ihn Hals über Kopf flüchten.

Markus Veith, am 5. März 1972 in Dortmund geboren, arbeitet seit 1997 als freischaffender Schauspieler und Autor. Während seiner Bühnentätigkeit spielt er deutschlandweit in vielen speziellen Theater-Genres. Als Autor hält er regelmäßig Lesungen, produzierte Hörbücher und Hörspiele und wurde mit mehreren Preisen und Nominierungen geehrt. Seine Texte umfassen viele Genres, sowohl inhaltlich als auch stilistisch.

Markus Veith, am 5. März 1972 in Dortmund geboren, arbeitet seit 1997 als freischaffender Schauspieler und Autor. Während seiner Bühnentätigkeit spielt er deutschlandweit in vielen speziellen Theater-Genres. Als Autor hält er regelmäßig Lesungen, produzierte Hörbücher und Hörspiele und wurde mit mehreren Preisen und Nominierungen geehrt. Seine Texte umfassen viele Genres, sowohl inhaltlich als auch stilistisch.

Karfreitag


Obwohl das Fenster weit geöffnet war, nahm Patric das Geläut der Glocken erst wahr, als es schon laut angeschwollen zu ihm ins Schlafzimmer tönte. Sein Bewusstsein kehrte nur langsam zu ihm zurück. Seine Klamotten waren durchgeschwitzt. Er hatte sich am Vorabend gar nicht erst entkleidet, sondern sich einfach aufs Bett fallen lassen.

Er rollte an den Rand der glühenden Schlafstatt, stemmte sich auf wackelige Füße. Am ganzen Leib fiebrig zitternd, entledigte er sich der klammen Sachen. Alle Knochen taten ihm weh. Er ging ins Bad. Im Spiegel sah er Blutergüsse an Schulter und Rippen, an den Unterarmen war Haut abgeschürft. Auf seinem Kopf juckte Staub und rieselte herab, als er sich mit der Hand durch die Haare fuhr, die sich anfühlten wie das Fell eines kranken Tieres. Er streifte seinen Morgenmantel über. Der Frotteestoff rieb empfindlich auf seiner Haut, als habe diese sich über Nacht in Pergament verwandelt.

Er wankte in die Küche. Die Wanduhr zeigte zehn. Er machte Kaffee. Fünf Esslöffel Pulver. Er hielt die Dose über den Filter. Seine Hände zitterten, trotz der Hitze in seinem Tempelkopf fror er. Schüttelfrost ließ seine Zähne klappern. Apathisch schaltete er die Maschine an, blieb aber vor ihr stehen, seine schmutzig verschrammten Hände auf der Arbeitsfläche abgelegt, schlaff wie überflüssige Gegenstände, verfolgte er mit starrem Blick das Zischen und Tröpfeln des heißen Wassers. Der Duft des Kaffees stieg ihm in die Nase.

Sein Kopf trudelte weit entfernt durch ein Irgendwo wie eine Kugel durch einen Flipperautomaten, wurde von Bildern hin und hergeschubst, zu schnell, um mehr als undeutliche Schemen zu erkennen. Und doch fühlte er sich gleichzeitig wie in Watte verpackt, blinzelte nicht einmal, gab sich machtlos der Benommenheit hin und gaffte wie hypnotisiert auf den rot leuchtenden Schalter der Kaffeemaschine. ‚Nicht denken. Jetzt noch nicht. Müde … so müde …‘

Er lauschte dem Gurren der Tauben draußen, fröstelte bei der Vorstellung, wie kühl es sein dürfte, wie Dunst über den Dächern lag, Leute in Mänteln unten durch die Straße gingen, zur Kirche. Sie müssten sich beeilen. Die Glocken waren längst verstummt. ‚Karfreitag.‘ Das Wort wühlte sich durch dichten Morgennebel zu ihm durch. ‚Der Hirte ist tot. Seine Schafe blöken durch den Weihrauch nach ihrem Hirten.‘

Die Maschine röchelte letzte Tropfen in den Pulverschlamm. Noch bevor der Aufguss ganz versickert war, goss sich Patric eine große Schale mit Kaffee voll. Pechschwarz. Das Glas der Kanne klirrte an den Keramikrand. Die Tropfsperre klickte, als er die Kanne zurückstellte. Er umklammerte die Schale mit beiden Händen, wankte aus der Küche. Seine nackten Fußsohlen machten Schmatzgeräusche auf dem Linoleum. Schmerz hieb ihm bei jedem Schritt in die Waden, erinnerte ihn an den harten Sprung die Treppe hinab.

Im Flur lag seine Tasche auf dem Boden. Daneben seine Jacke mit auf links gezogenen Ärmeln. Aus der Innentasche lugte das Aufnahmegerät.

Details der Ereignisse drangen unaufhaltsam zu ihm durch. Er war aus dieser Ruine gestürmt. War gelaufen, ohne sich ein Mal umzuschauen, kilometerweit, wie ihm schien, wie im Vollrausch, bis obenhin vollgepumpt mit Angst. In einer Gegend, die ihm bekannt vorgekommen war, in der es Menschen gab, die erleichternd gewöhnlich aussahen, war er in eine Bahn hineingesprungen, die an der Haltestelle direkt neben ihm gestoppt hatte. Er war so weit es ging mitgefahren und hatte sich das letzte Stück nach Hause durch dunkle Nebenstraßen geschleppt. Unendlich erschöpft hatte er seine Wohnung erreicht, danach nur noch am Rande der Bewusstlosigkeit agiert.

Patrics Blick verharrte wie paralysiert auf dem Aufnahmegerät. Er hob es auf.

‚Es muss in die Redaktion …‘ Seine Augen weiteten sich. ‚Du lieber Himmel!‘

Das war ihm vollkommen entfallen. Er ging ins Wohnzimmer. Am Anrufbeantworter blinkte das Lämpchen. ‚Scheiße! Lass mich raten …‘

Rasch setzte er die Trinkschale ab, legte den kleinen Apparat auf den Schreibtisch und rammte den Finger auf den Knopf des ABs.

Die Stimme klang ziemlich ungehalten: „Britta hier! Bin gespannt auf deine Ausrede! Ruf zurück!“

Patric knetete seine Stirn. Nach dem Endfiepen griff er gehorsam zum Telefon, drückte die seit Beginn seines Volontariats gespeicherte Mobilnummer seiner Vorgesetzten. Er lauschte dem leisen Knacken, mit dem die Verbindung sich aufbaute – und legte den Hörer noch vor dem ersten Tuten zurück in die Station.

Was sollte er sagen?

Tschuldigung, mir ist was dazwischen gekommen‘?

‚Hi, Britta, ich bin einer dubiosen Geheimorganisation auf der Spur‘?

‚Vergiss Elisa Hain, Schätzchen, die Frau ist komplett durchgeknallt, hat mich gekidnappt, zu einem seltsamen Ort geführt und nach Strich und Faden vergewaltigt‘?

Nein.

Ohne weiter nachzudenken, wählte er erneut.

Er wusste, dass sie seinen Namen auf ihrem Display lesen konnte. Ihre Stimme setzte ohne Begrüßung ein, mit einem Timbre, das an Brisanz kaum zu überbieten war: „Jetzt bin ich gespannt.“

„Komm vorbei. Sofort. Ich bin zu Hause.“

„Aber …“, wollte sie einwenden.

„Bitte“, fügte Patric weniger brüsk hinzu und legte schnell auf.

Er atmete durch. – Also gut, Britta wohnte ziemlich weit entfernt, fuhr jeden Morgen mit dem Auto durch zwei Städte zur Arbeit. Es war Feiertag, also würde sie gut durchkommen, ungefähr eine dreiviertel Stunde brauchen, um zu ihm zu fahren. Hoffentlich tat sie das auch und rief jetzt nicht zurück, um ihn zur Rede zu stellen. Er musste sich in Ruhe etwas einfallen lassen. Seine Gedanken sortieren, die in seinem Hirn wie gegen eine Staumauer drückten und es mit massiven Kopfschmerzen überfluteten.

Er ließ sich in seinem Schreibtischstuhl nieder, lehnte sich vorsichtig zurück und seufzte. So war es zu ertragen. Er schloss die Augen.

Karfreitag. Morgen hatte er frei. Ostersonntag ebenfalls. Montag arbeitete die Redaktion mit kleiner Besetzung, zu der auch er gehörte. – Drei Tage Galgenfrist.

Mit einem Interview-Auftrag die Redaktion zu verlassen und dann den Rest des Tages nicht mehr aufzutauchen, war während des Volontariats weiß Gott keine Heldentat. Und Patrics Probezeit war noch längst nicht vorbei; ob ihm nur Maßregelung drohte oder Kündigung, das lag im Ermessen seiner Vorgesetzten. Möglicherweise könnte Britta ihm als Ausbildungsredakteurin Rückendeckung geben, wenn er ihr die Aufnahmen vorspielte. Immerhin waren sie sein Beweis dafür, dass er nicht untätig war. Aber ob Brechtmann Elisa Hains Geschichte als brauchbares Ergebnis werten würde? Der Chefredakteur war ein Vollblutjournalist; es ging ihm um Fakten, nicht um Spinnereien. Ergebnisorientiertes Arbeiten war eine seiner Maximen für einen optimalen Redaktionsbetrieb.

Patric mochte Brechtmann; er war der fähigste Journalist des Kuriers. Und als Chef gehörte er zu dem Typus Lehrer, von denen man das meiste lernte, eben weil sie so streng waren. Ein knorriger Kerl, der Auftrag und Ziel klar und eng hintereinander im Blick behielt und sich bewusst war, dass er für ein seriöses Blatt arbeitete, das seinem Ruf gerecht bleiben musste. ,Wir sind Reporter‘, hatte er mal zu dem Volontär gesagt. ,Wir müssen den Kern einer Nachricht finden und vermitteln. Alles Weitere ist Lametta.‘ Britta hatte mal gescherzt, den Chef fuchse es wohl am meisten, dass seine Zeitung zwar heute schon kann, aber morgen erst soll.

Patric überlegte, wie Brechtmann an seiner Stelle beim Interview vorgegangen wäre, und war sich sicher, dass er sich auf den Part ihrer Erzählung konzentriert hätte, der den Bombenanschlag betraf. Das betraf die Stadt. Das trug zur Aufklärung bei. Das war aktuell. Noch. Er hätte die Künstlerin höflich, aber direkt aufgefordert, auf den Punkt zu kommen und alles abgeblockt, was ihm überflüssig erschienen wäre.

Der Volontär würde sich anhören müssen, warum er nicht ebenso gehandelt hatte. Er dachte daran, wie vor zwei Wochen ein gemaßregelter Mitarbeiter mit hochrotem Kopf aus Brechtmanns Büro gekommen war. Nach seinem Gang nach Canossa wäre der Kollege am liebsten zu seinem Schreibtisch zurückgekrochen – unter dem Teppich.

Was also galt es zu tun, um Ähnliches zu umgehen?

Elisa Hains Freistellung, wie die Story erscheinen solle, wob sich in sein banges Grübeln. Ob als Artikel oder Geschichte oder überhaupt.

Patric schüttelte den Kopf. Als Zeitungsartikel schied die Geschichte aus. Mal davon abgesehen, dass die Redaktion verständliche Skrupel äußern würde, diese unglaubliche Story zu drucken: Welcher Leser sollte sie glauben?

‚Diejenigen, die ein Gerücht für wahr halten, weil es als Nachricht erscheint.‘

Patric ließ es zu, als die Stimmen in ihm begannen, miteinander zu diskutieren.

‚Die beste und subtilste Marketingstrategie, die es gibt.‘

‚Aus Gerüchten wird Mythologie.‘

‚Wenn dein Schrei nach Freiheit einen Grammatikfehler voraussetzt …‘

‚Welche Fehler gilt es denn NOCH zu begehen?‘

Er hatte versäumt, sich Elisa Hains Telefonnummer geben zu lassen. Aber die dürfte sich ermitteln lassen. Doch was war mit der Künstlerin geschehen, nachdem er hysterisch aus dieser Horrorruine geflüchtet war? Hoffentlich war sie nicht …

‚Quatsch! Das Haus war leer! Es war schwachsinnig, einfach abzuhauen.‘

‚Aber ihr Verhalten … Es schien, als habe sie sich lustig gemacht. Warum?‘

‚Weil es zu blöd ausgesehen haben muss, wie du reagiert hast.‘

Patrics Blick verharrte auf dem MP3-Player. Plötzlich verspürte er einen...

Erscheint lt. Verlag 11.4.2014
Verlagsort Dortmund
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Schlagworte Anschlag • Bestatter • Bestattungen • Bombenanschlag • Detektiv • Ermittler • Faust • Geheimbund • Gerücht • Goethes Faust • Grafittis • Kriminalfall • Mord • Mörder • Polizei • Psychothriller • Rosenmontag • Schein und Sein • Thriller • thrillerautor • Todesopfer • Urlaubslektüre • Verbrechen • Verschwörung • Zitate
ISBN-10 3-942672-24-3 / 3942672243
ISBN-13 978-3-942672-24-5 / 9783942672245
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