Ihr wart mein Licht an dunklen Tagen (eBook)
285 Seiten
Lübbe (Verlag)
978-3-7325-8596-0 (ISBN)
Vera ist 27, als man bei ihr Krebs entdeckt. Kurz zuvor hat sie ihr drittes Kind entbunden. Statt unbeschwertem Familiensommer bedeutet das: abstillen, Klinikaufenthalte, OPs, Strahlentherapie. Mehr als um sich selbst sorgt sie sich in dieser Zeit um ihre kleinen Kinder, die ihr gleichzeitig eine wichtige Kraftquelle sind und ihr immer wieder neue Hoffnung geben.
Zwei Jahre später ist der Krebs gebannt. Gerade denkt Vera, endlich sei alles wieder gut, da entdeckt sie bei ihrem vierjährigen Sohn eine Beule am Hals. An der gleichen Stelle und erschreckend ähnlich wie bei ihr damals. Der Albtraum scheint von Neuem zu beginnen ...
<p><strong>Vera Käflein</strong>, geboren 1986 in Freiburg im Breisgau, ist gelernte Sozialpädagogin und Mutter von fünf Kindern. Nachdem sie 2006, direkt nach dem Abitur, eine Tochter bekommen hat, begann sie zunächst ein Fernstudium der Bildungswissenschaften und wechselte später an die FH Freiburg, wo sie ihr Studium der sozialen Arbeit absolvierte. Nach der Geburt ihres 3. Kindes erkrankte sie an Krebs und ist seither aufgrund der Nachwirkungen ihrer Erkrankung arbeitsunfähig. Ehrenamtlich engagiert sie sich für einen Verein junger an krebserkrankter Erwachsener.</p>
Vera Käflein, geboren 1986 in Freiburg im Breisgau, ist gelernte Sozialpädagogin und Mutter von vier Kindern. Nachdem sie 2006, direkt nach dem Abitur, eine Tochter bekommen hat, begann sie zunächst ein Fernstudium der Bildungswissenschaften und wechselte später an die FH Freiburg, wo sie ihr Studium der sozialen Arbeit absolvierte. Nach der Geburt ihres 3. Kindes erkrankte sie an Krebs und ist seither aufgrund der Nachwirkungen ihrer Erkrankung arbeitsunfähig. Ehrenamtlich engagiert sie sich für einen Verein junger an krebserkrankter Erwachsener.
1
Das Finale
»Ein Hoch auf uuuu-uns … auf dieses Leben …!« Lukas und Milena hüpften aufgeregt auf unserem roten Sofa umher und grölten begeistert das Lied mit, das seit Wochen im Radio gespielt wurde. Durch die geöffneten Fenster fiel warmes Sommerlicht in unsere kleine, gemütliche Dreizimmerwohnung, in der wir im Studentenheim lebten. Kreuz und quer lagen Strampler, Babymützchen und andere Willkommensgeschenke herum, die ich gerade aus der Kliniktasche ausgepackt hatte. Mein Blick fiel auf einen besonders süßen, türkis-weiß geringelten Body. Vor über sieben Jahren hatte ihn schon Milena direkt nach ihrer Geburt getragen. Nachdem er vor zwei Jahren auch zu Lukas’ erstem Kleidungsstück auserkoren wurde, hatte ich mir fest vorgenommen, ihn wieder mit in die Klinik zu nehmen. In der Aufregung nach dem Kaiserschnitt hatte ich ihn dann aber völlig vergessen.
Seltsam, dachte ich, während ich die Kleider aufsammelte, um Platz für die tanzende Meute zu schaffen, irgendwie war dieses Mal überhaupt alles etwas anders gewesen. Trotz unendlicher Freude über meinen bezaubernden kleinen Sohn verspürte ich eine seltsame innere Ruhelosigkeit. Die Erleichterung über das gesunde Kind, die mich nach den ersten beiden Geburten auf so wundersame Weise durch die ersten Babywochen hat schweben lassen, wollte diesmal nicht so recht aufkommen. Auch fühlte ich mich deutlich erschöpfter und kraftloser, schob dies aber darauf, dass neben dem Säugling nun auch noch die beiden anderen Kinder mitversorgt werden mussten und mein Körper am dritten Kaiserschnitt bestimmt deutlich mehr zu nagen hatte.
Im Tragetuch regte sich etwas, Mio gähnte und streckte seinen winzigen Körper. Ich bat Milena und Lukas, das Radio etwas leiser zu drehen, und hob Mio aus dem Tragetuch heraus, um ihn in Ruhe stillen zu können, bevor die Gäste kamen. Die beiden Großen rannten ins Kinderzimmer, um die riesige Deutschlandfahne und die Fußballgirlande fertigzustellen, die sie für das lang herbeigesehnte Babywillkommens- und WM-Fest heute Abend gebastelt hatten. Mio gähnte noch einmal und begann dann zufrieden zu trinken. Ich streichelte die feinen Haare auf seinem kleinen Köpfchen. Welch perfektes Wesen! Sachte küsste ich seine winzigen Finger.
Von unten hörte ich die fröhlichen Stimmen der großen und kleinen Mitbewohner unseres Eltern-Kind-Studentenwohnheims, die sich im Garten um das große Planschbecken versammelt hatten. Mein Freund Daniel werkelte währenddessen am Grill, um ihn schon mal für später vorzubereiten. Seine dunklen, inzwischen wieder recht langen Haare fielen ihm dabei immer wieder in sein sonnengebräuntes Gesicht. Im nahe gelegenen Freibad erklangen die Lautsprecher, und der Bademeister wünschte der Nationalmannschaft so laut und inbrünstig viel Glück für das heutige entscheidende Spiel, dass ich selbst auf die Entfernung jedes einzelne Wort verstehen konnte. Es schien, als ob das ganze Land wie gebannt auf den Abend wartete. Die Aufregung war überall zu spüren, in den Vorgärten, auf den Straßen, ja selbst in der Stimme des Radiomoderators, der soeben verkündete, dass dieser Tag ein ganz besonderer werden würde, einer, der in die Geschichte eingehen wird.
Als unsere Freunde nach und nach eintrudelten, die Würstchen auf dem Grill lagen und der Fernseher angeschaltet war, spürte ich, dass Mio ein wenig unruhig wurde. So viel Trubel hatte er bisher noch nicht erlebt, und so nahm ich ihn mit ins Schlafzimmer, um ihn dort hinzulegen. Vor dem großen Spiegelschrank blieb ich stehen, um uns beide zu betrachten. Was für ein kleines süßes Kerlchen er doch war mit seinen braunen Haaren und der winzigen Stupsnase. »Das bist du, mein Schatz«, flüsterte ich und trat noch ein wenig näher an den Spiegel heran. Mio zwinkerte mit den Augen und schaute müde seinem Spiegelbild entgegen, ohne zu ahnen, dass er es war, den er dort erblickte. Seine Augenlider wurden sichtlich schwerer, und ich spürte, dass er bald einschlafen würde. So blieb ich noch einen Moment stehen und blickte uns weiterhin an. Mio sieht mir wirklich ähnlich, stellte ich fest, als ich von ihm aufsah und mich selbst im Spiegelbild betrachtete. Dunkle Haare, dieselbe Nase, ganz ähnliche Wangen …
Plötzlich fiel mir auf, wie lange ich mich selbst nicht mehr richtig angeschaut hatte. Die Tage nach der Geburt des Babys, mit Milcheinschuss und Hormonwirrwarr und den beiden großen Kindern, hatten dafür wenig Zeit gelassen. Meine Haare sahen etwas zerzaust aus, und unter meinen Augen zeichneten sich blaue Ringe ab. Das Gesicht wirkte eingefallen. Ich versuchte vorsichtig die Stoffwindel, die ich vorhin über meine Schulter gelegt hatte, herunterzunehmen, ohne Mio beim Einschlafen zu stören.
Aus dem Wohnzimmer erklangen die Nationalhymne und aufgeregtes Stimmengewirr. Mit einem leichten Ruck löste sich endlich die Windel, die sich im Knopfloch meiner Stillbluse verfangen hatte. Auf einmal zuckte ich zusammen, als ich beim Wegziehen des Stoffs eine Stelle am Hals berührte, die sich seltsam anfühlte. Ich trat näher zur Lampe, um mich im Spiegel besser sehen zu können – und erschrak. Unterhalb meines linken Ohrs zeichnete sich eine deutliche Wölbung ab. Irritiert drehte ich mich nach links und nach rechts. Vielleicht handelte es sich dabei ja nur um einen Schatten? Das Licht änderte sich, doch der seltsame Knoten blieb. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Was war das? Warum hatte ich es bisher nicht bemerkt? Ich drückte mit meiner freien Hand vorsichtig darauf herum. Es tat nicht weh. Immerhin!, dachte ich hoffnungsvoll. Vielleicht spielen meine Hormone gerade nur verrückt, und ich bilde mir das alles nur ein, versuchte ich mich zu beruhigen. Ich spürte meinen Puls an meinen Handgelenken, der Boden unter meinen Füßen begann zu schwanken.
»Mamaaa!«, rief aufgeregt Lukas, der zur Feier des Tages länger wach bleiben durfte und gemeinsam mit unseren Gästen im Wohnzimmer auf mich wartete.
»Mama, komm endlich! Das Finale beginnt!«
*
Später in dieser Nacht. Noch immer hupten vereinzelt vorbeifahrende Autos. Scheinwerferlicht fiel durch die geöffneten Fenster und erleuchtete für einen kurzen Moment das Wohnzimmer, sodass ich die Uhrzeit lesen konnte. Fast vier! Ich seufzte und wälzte mich abermals auf dem Sofa umher. Im Schlafzimmer im Bett neben dem Spiegel hatte ich es nicht ausgehalten. Es war, als würde der Schock, den ich dort vorhin erlebt hatte, noch in allen Ecken des Raums lauern und nur darauf warten, mich erneut zu überfallen. Also war ich mit Mio auf das Sofa ins Wohnzimmer umgezogen, wartete aber auch hier vergeblich auf mehr innere Ruhe und Schlaf.
Die Freunde waren längst gegangen und die Wohnung wieder leer nach dem allgemeinen Freudentaumel.
Ich hatte mich bemüht, all meine Konzentration auf das Fußballspiel zu lenken, wollte ebenso mitfiebern wie alle anderen. Was allein zählte, war ein Sieg, andere Gedanken bekamen die rote Karte. Ein hartes Match, dem ich nur standhielt, solange vollste Ablenkung gegeben war. Als Mio zwischenzeitlich wach geworden war und ich ins Schlafzimmer ging, um ihn zu stillen, traf mich die Stille wie ein Schlag. Der Spiegel lauerte verräterisch, wartete nur darauf, mir mein Spiegelbild erneut zu präsentieren. Ich ging seitlich an ihm vorbei, um nicht hinsehen zu müssen, und kuschelte mich zu Mio ins Bett. Angestrengt versuchte ich, positive Energie zu erzwingen, denn ich wollte nicht zulassen, dass die quälende, sich anschleichende Angst Besitz von mir ergriff und die Muttermilch tränkte. Um ruhig zu bleiben, sprach ich mit Mio. Erzählte ihm von dem spannenden Spiel und dass er ein Weltmeisterbaby werden würde, wenn es weiterhin so gut für die Deutschen lief. Dass er dann später sagen könnte, in dem Sommer geboren worden zu sein, in dem Deutschland den Weltmeistertitel gewonnen hatte. »Wenn das kein perfekter Sommer ist, um auf die Welt zu kommen, mein Kleiner.« Ein perfekter Sommer. Leise wiederholte ich die Worte. Wie hatte ich mich auf diesen Sommer gefreut! Die Geburt von Mio, die WM, Gartenfeste, Sonne, ganz viel gemeinsame Zeit. Da war weit und breit kein Knoten eingerechnet, in diesem perfekt geplanten Glück.
Halb fünf! Die Uhr tickte und tickte, und doch ging sie nicht vorbei, diese Nacht, die so unendlich schien. Meine Hand wanderte an meinen Hals. Widerstrebend. Da war er! Immer noch. Hart und unbeweglich. Nicht wegzudenken, obwohl ich mich doch so bemühte. Seit Stunden raste mein Herz im Wettlauf mit panischen Gedanken, hin und wieder kurz gestoppt von Momenten, in denen ich mir einredete, dass doch alles in Ordnung ist und ich mich unnötig sorge.
Die naive Hoffnung, dass ich mir dieses unheimliche Ding nur eingebildet hatte, wurde das erste Mal jedoch schon zerstört, als ich beim Fußballschauen eine Freundin anstupste und sie möglichst beiläufig fragte: »Sag mal, Katha, siehst du da zufällig einen kleinen Knoten an meinem Hals?« Ich hielt die Luft an und verkrampfte mich, während ich auf ihre Antwort wartete. Sie war niederschmetternd: »Oh, krass, ja! Was ist das denn? Das ist ja heftig! Kommt das noch von der Geburt?« Um Kathas Feststellung zu ertragen, sagte ich: »Stimmt, das könnte sein. Vielleicht hat das was mit der Hormonumstellung oder so zu tun …«
An diesen Gedanken hielt ich mich fest. Ich nahm mein Handy und googelte nach hormonbedingten Knotenbildungen, während in Brasilien die reguläre Spielzeit endete, das Finale in die Verlängerung ging und die Stimmung im Wohnzimmer kochte. Ich war gewillt, jede positive Erklärung, und sei sie noch so absurd, zu akzeptieren, doch ich fand keine, die mich beruhigte. So redete ich mir ein, dass einzig die...
| Erscheint lt. Verlag | 28.8.2020 |
|---|---|
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | alleinerziehend • Autobiographie • Autobiographien • Baden-Württemberg • biografische Romane • Chemo • Deutschland • Erfahrungsbücher • Erinnerung • Erinnerungen • Erzählung • Familie • Familiengeschichte • Frau • Freundschaft • Gedanken • Junge Mutter • Krankenschwester • Krankheit • Krebs • Lebensbericht • Lebensbeschreibung • Lebensgeschichte • Memoir • OP • Patient • Romanhafte Biografien • Schicksal • Schicksalsschlag • Schilddrüse • Schmerz • Schweiz • Schwester • Tochter |
| ISBN-10 | 3-7325-8596-4 / 3732585964 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-8596-0 / 9783732585960 |
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