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Hilligenlei (eBook)

Religiöses Streben
eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
370 Seiten
Musaicum Books (Verlag)
978-80-272-2470-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Hilligenlei -  Gustav Frenssen
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Gustav Frenssens Buch 'Hilligenlei' ist ein beeindruckender Roman, der das Leben der ländlichen Bevölkerung Norddeutschlands im 19. Jahrhundert einfängt. Der Autor verwendet einen besonderen literarischen Stil, der von Realismus und Regionalismus geprägt ist, um die Geschichte von Hilligenlei und seinen Bewohnern zu erzählen. Frenssen beschreibt detailreich die Natur, Traditionen und das alltägliche Leben der Menschen in diesem Dorf, wodurch der Leser tief in die Welt des 19. Jahrhunderts eintaucht.

Zweites Kapitel


Und siehe da: als der Lehrer in Freestedt, oben auf dem Deich, gestorben war, da kam ein neuer Lehrer dahin. Der hieß Wilhelm Boje.

Der hatte noch niemals ein Weib berührt, außer daß er einmal, wie aus Versehen, die Hand der Schwester eines Freundes berührt hatte, bloß um zu wissen, wie ein Frauenkörper sich anfühlt. Aber damals war er noch sehr jung gewesen; jetzt war er vierundzwanzig.

Er hatte sich auf die Zeit des ersten Amtes sehr gefreut. Er hatte es sich sehr schön gedacht, an jedem Tag nach der Schularbeit und nach einem Spaziergang auf dem Deich in den herrlichen Büchern zu lesen, die er sich als Seminarist mühselig zusammengekauft hatte. Die Geschichte von Odysseus, das schrecklich schöne Spiel von dem König Macbeth und dem Professor Faust, und die Geschichte von Robinson, und einige andere erschienen ihm wie klare Gläser, in die man hineinsieht, und sieh, man schaut das ganze Spiel der Welt.

Aber er wohnte noch nicht vier Wochen in dem leeren, stillen Hause, da wurde es März. Und da fiel er in Liebe.

Er wußte nicht, wie ihm geschah. Es war eine schlimme, selige Zeit.

Er stand eine Weile an seinem kleinen Bücherbord und griff nach einem Buch; aber seine Gedanken liefen gleich wieder aus dem Buch heraus. Er sah zwar noch hinein, aber er dachte nicht mehr daran; und plötzlich überfiel ihn eine so starke Freude, daß er das Buch rasch hinstellte, mit beiden Händen in sein helles Haar griff und vor lauter Lust aufschrie. So selig machte ihn der Gedanke an sie. So sehr liebte er sie schon, obgleich er sie noch nie mit seinen Augen gesehen hatte.

Oft ging er in die vordere größere Stube, die ganz leer stand, und malte sich aus, wie es werden würde, wenn sie hier mit ihm hauste. Da, an der Dielenwand, sollte das Sofa stehen; da wollte er abends mit ihr sitzen und sie herzen und küssen ... Von der Stube ging er auf die Diele und griff mit der Hand in den Schrank und sagte bei sich selbst: »Da wird ihr Sonntagskleid hängen ...« Er ging in die Küche und stellte sich an den Herd, seitwärts, daß er ihr nicht im Wege war; aber er hörte doch, wie sie schalt und sagte, sie könnte es nicht haben, wenn jemand bei ihrem Kochen zusähe ... Er ging in den Garten und rief sie, aber sie schwieg. Da suchte er sie und fand sie richtig hinterm Stachelbeerbusch kauernd. Er schalt sie, daß sie die unreifen Beeren aß; sie leugnete zwar, daß sie welche gegessen hätte; aber die Schalen, die auf der Erde lagen, verrieten sie. »Nein,« sagte er, »was bist du noch für ein Kind! Was für ein liebes, schönes, seltsames Kind bist du.« ... Abends bevor er schlafen ging, trat er in die mittlere Stube, die auch ganz leer war; aber in verliebter Sehnsucht sah er das Lager und sah sie daneben stehen. Sie war stattlich und voll junger Kraft, und hatte unter schwerem, hellem Haar, das lang und glatt herunterhing, stolze, fliegende Augen, die sahen ihn weder gut noch gnädig an, sondern mit einem klugen, klaren Blick. Aber dann hob sie plötzlich die Arme, wobei sie den ganzen Oberkörper hob, und legte sie um seinen Hals und war nichts als Güte; und er durfte das Schönste sehen, was Gott gemacht hatte ... So deutlich stand sie vor seiner Seele, obgleich er noch gar nicht wußte, wer sie sein würde. Es war eine selige, schlimme Zeit.

Zuletzt kam ein Tag, da er besonders unruhig war. Den ganzen Tag dachte er an sie und abends fand er sich, wie er sich über sein Bett beugte und mit einem sonderbaren freundlichen und lieben Ton, den er bisher nicht in der Kehle gehabt hatte, sagte: »Du ..., die Deern soll Heinke heißen und der Junge Piet.«

Da erschrak er und dachte: »Gott sei Dank, daß ich unter Menschen wohne! Und daß Mädchen wie Brombeeren wachsen. Ich will die suchen, welche ich meine, und will heiraten.«

Am andern Tag hörte er, daß drüben in Hilligenlei ein großer Bauerntanz wäre: da wartete er, bis der Hafenmeister Lau mit seinem Boot herüberkam, und fuhr mit dem nach Hilligenlei.

Als er im Tanzsaal ankam, sah er unter den jungen Mädchen, die da an den Säulen saßen, eine, die war dem Bilde, das er im Geiste trug, sehr ähnlich. Sie war von stattlichen Gliedern und hellem Haar; und wenn sie zum Tanz aufstand, trug sie ihre frische Schönheit wie ein Königskleid. Als sie oftmals an ihm vorübertanzte, sah er, daß sie schöne, tiefe Augen hatte, die wegen der Unschuld ihrer Seele stolz und unsicher zugleich waren; und er gewann sie noch lieber. Er versah sich so sehr in die Schönheit ihres starken Körpers und in die herbe Süßigkeit ihres kleinen hellen Gesichts, daß seine Seele freudig und liebevoll ihr entgegenflog.

Da traf es sich, daß sie in seiner Nähe vom Tanzen abließ und am Arm ihres Tänzers vorüberging und mit scheuen Augen nach den Männern sah und auch zu seinen Augen kam. Da irrte sie rasch mit den Augen weg – so schwirrt die Taube ab vom fliegenden Habicht – ging mit gesenktem Kopf weiter und dachte: »Was ist das für ein langer, schmucker Mensch und wie hat er mich angesehen ... Ach, wenn er doch mit mir tanzte.«

Es war aber ein unordentliches Tanzen im Saal, weil der junge Ringerang, der Wirt, so lappig ist wie ein nasses Handtuch. Die jungen Leute stürmten beim Beginn der Musik auf die los, die begehrt waren, so daß es jedesmal ein unwürdiges Drängen gab. Wilhelm Boje versuchte zweimal, bis an sie heranzukommen, mußte es aber wieder aufgeben und stand und sah finster drein.

Sie hatte ihn aus ihren Augenecken genau beobachtet. Und als sie nun wieder tanzte, dachte sie in wirrem, wunderlichem Weibssinn: »Ich tu' es – ich tu' es nicht, heut ist er da; nachher seh' ich ihn niemals im Leben wieder ... Ich tu' es! ...«

Da flog ihr Schuh zu seinen Füßen.

Sie schrie leise auf. »O,« sagte sie zu ihm, »ich bin aus meinem Schuh getanzt,« und wandte sich zu ihrem Tänzer. »Es ist aus und vorbei mit dem Tanzen, die Spange ist gerissen,« und verneigte sich vor ihm. Der ging. Denn er war noch jung und dumm.

»Wenn du nicht mehr tanzen kannst,« sagte Wilhelm Boje leise mit schwerer Stimme, »dann geh' mit mir.«

Sie legte die Hand auf seinen Arm, sah in den Schuh und glitt hinein und sagte leise: »Nicht nach den Stuben zum Weintrinken, sondern hinaus.«

»Ich geh' voran,« sagte er leise, »du kommst nach.«

Er ging und hatte unterwegs im Gewühl Aufenthalt; und fand sie nicht, als er aus der Tür unter die kahlen Kastanien trat, unter denen es dunkler war. Aber dann sah er sie an der schmalen Brücke stehen, die über den Burggraben in den Stadtgarten führte. Die Burg ist schon lange nicht mehr da.

Sie legte den Arm in den seinen und sagte: »Mein Vater ist hier in Hilligenlei. Wenn er mich sieht, schilt er.«

»Oh,« sagte er, »das laß jetzt.«

Sie lachte leicht auf: »Darf ich davon nicht reden?«

»Nein,« sagte er.

»Wovon denn?«

»Ob du mich leiden magst.«

Sie beugte sich im Gehen und sagte zögernd: »Magst du mich denn leiden?«

»Ich habe noch niemals ein Mädchen geküßt, du ... und noch keine im Arm gehabt. Wenn ich eine lieb habe, so ist das eine ernste Sache.«

Sie beugte sich wieder vor und sah wieder auf die Erde und sagte schüchtern: »Es ist auch für mich das Ernsteste auf der ganzen Welt.«

Da blieb er stehen und griff nach ihrer Hand und bat: »Sieh doch auf und sieh mich doch an.«

Aber sie hielt den Kopf gebeugt; sie scheute sich, ihr Gesicht zu zeigen, in welchem die plötzliche Liebe eine große Verwirrung anrichtete, wie sie wohl fühlte. Lichter fielen durch die wehenden Zweige und spielten auf ihrem Haar.

Da legte er seine Hand gegen ihr Stirnhaar und bog ihren Kopf zurück und sagte bittend: »Gib doch her,« und küßte sie scheu; und da sie mit heruntergeschlagenen Augen still hielt, küßte er sie wieder und wieder. Dann ging sie langsam neben ihm her, beide Hände an seinem Arm und zutraulich an ihn gedrängt, die Augen wieder an der Erde.

»Ist es deinem Vater nicht recht, daß du zu Tanz gehst?«

»Nein,« sagte sie, »er will uns alle behalten, daß er billige Arbeitspferde hat. Unser Hof ist schwer verschuldet. Meine ältere Schwester ist schon alt und kalt geworden.«

Er war ganz außer sich: »Das soll dir nicht widerfahren. Du? ... Du sollst nicht ledig bleiben.«

»Will ich auch nicht,« sagte sie. »Aber wer nimmt mich?«

»Ja, wen willst du? Sieh, darauf kommt es dann ja an! Komm' doch mal her mit deinen Augen. So, sieh doch auf und sieh mich an. Sei doch nicht bange ... So! ... Was hast du für klare, kluge Augen! Sag' mal, wie muß der aussehen, den du lieb hast?«

Sie sah ihn eine Weile unbeweglich mit freundlicher Neugier an; dann hob sie die Hände weich und scheu; sie wollte sie wohl auf seine Schulter legen, brachte es aber nicht fertig und sagte mit rührender Verlegenheit: »Ungefähr so wie du.«

Er streichelte sie und sagte: »Zu lieb bist du.«

Sie waren noch ganz darin versunken, sich in die Augen zu sehen, da kam ein Schritt unter den Kastanien her. Ein breitschultriger, arbeitsschwerer Mann ging vorüber und sagte mit einer eingerosteten Stimme: »Du kommst mit nach Haus.« Sie trat, ohne ein Wort zu sagen, von Boje fort und ging an ihres Vaters Seite den Baumgang entlang und verschwand.

Da ging Wilhelm Boje zu Fuß um die Bucht herum nach Freestedt und kam wieder in sein leeres Haus.

Am andern Tag dachte er: »Nein, wie zutraulich war sie, wie lieb und köstlich! Was für ein liebes, weißes Gesicht.« Am zweiten Tag malte er sich aus, wie nun diese, die er nun ja kannte, in diesem Hause wohnen...

Erscheint lt. Verlag 16.10.2017
Verlagsort Prague
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Literatur Klassiker / Moderne Klassiker
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Bildungsroman • Das Traumbuch • Das Zeichen der Schwalbe • Dem Leben so nah • Der Jahrhundertsturm • deutscher Schriftsteller • Deutschland um 1900 • Die Belagerung • Die Hütte • Existentialismus • Hermann Hesse • Kaiserreich • keine illustrationen • ländliche Gemeinschaft • Norddeutschland • nostalgische Stimmung • Paolo Coelho • realistischer Stil • Thomas Mann • Und Gott sprach
ISBN-10 80-272-2470-5 / 8027224705
ISBN-13 978-80-272-2470-8 / 9788027224708
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