Master Humphrey's Wanduhr (eBook)
1663 Seiten
Musaicum Books (Verlag)
978-80-272-3422-6 (ISBN)
Master Humphrey’s Wanduhr.
Master Humphrey von der Wanduhrseite seines Kaminwinkels.
Der Leser erwarte nicht, daß ich ihm namhaft mache, wo ich wohne. Im gegenwärtigen Augenblick mag allerdings mein Aufenthalt für Niemand von besonderer Wichtigkeit seyn; wenn ich aber meine Leser mit fortreiße, wie es hoffentlich der Fall seyn wird, wenn sich zwischen ihnen und mir Gefühle traulicher Zuneigung und Achtung entspinnen sollten, welche vielleicht manchen Verhältnissen, wären sie auch noch so leicht mit meinen Erlebnissen oder Weltanschauungen verbunden, Interesse zu verleihen im Stande sind, so wäre es wohl möglich, daß eines Tags sogar meine Wohnung eine Art Zauber für sie gewänne. In der Voraussetzung dieser Möglichkeit möchte ich ihnen daher gleich Anfangs zu verstehen geben, daß sie vergeblich darauf rechnen, ihn je zu erfahren.
Ich bin kein sauertöpfischer alter Mann. Freundlos kann ich nie seyn, denn ich zähle das ganze menschliche Geschlecht zu meiner Verwandtschaft und stehe mit jedem Gliede meiner großen Familie auf gutem Fuße. Ich habe jedoch seit vielen Jahren ein einsames, abgeschiedenes Leben geführt; — welche Wunden ich dadurch zu heilen, welchen Kummer ich zu vergessen suchte — gleichviel; die Versicherung möge zureichen, daß mir die Einsamkeit zur Gewohnheit wurde, und daß ich nicht gerne den Zauber zerstören möchte, dessen beruhigender Bann so lange mein Herz und meinen Herd gefangen hielt.
Ich wohne in einer ehrwürdigen Vorstadt London’s, in einem alten Hause, welches in vergangenen Tagen der Aufenthalt lustiger Lebemänner und unvergleichlicher Damen gewesen, die aber jetzt lange dahin sind. Es ist ein stilles, schattiges Plätzchen mit einem gepflasterten Hofraum voller Echos, so daß ich bisweilen glauben möchte, die leisen Nachklänge eines früheren geräuschvollen Treibens weilten noch hier und die Geister längst erstorbener Töne begleiteten meine Fußtritte, wenn ich auf und nieder gehe. Diese Annahme findet noch darin eine Bekräftigung, daß in den letzten Jahren der Wiederhall, der meinen Spaziergängen zu folgen pflegt, schwächer und unbestimmter geworden ist, als früher; und man träumt sich in demselben lieber das Rauschen eines seidenen Gewandes und den leichten Tritt einer anmuthigen Jungfrau, als in dem veränderten Tone das unsichere Auftreten eines gebrechlichen Alten.
Wer gerne von prunkenden Gemächern und prachtvollem Möbelwerk liest, wird nur wenig Geschmack an einer umständlichen Beschreibung meiner einfachen Behausung finden; aber sie ist mir aus demselben Grunde theuer, welcher sie für andere unbedeutend macht. Ihre vom Wurm durchbohrten Thüren, die niederen, mit schwerfälligem Gebälke durchzogenen Decken, die getäfelten Wände, die dunkeln Stiegen, die offenen Cabinette, die kleinen Kammern, welche durch Wendeltreppen oder schmale Stiegen mit einander in Verbindung stehen, die vielen Nischen, welche kaum größer als Wandschränke sind, selbst der Staub und das Düster — all’ dieß hat einen eigenthümlichen Reiz für mich. Motten und Spinnen sind meine beständigen Miethsleute, denn die eine wärmt sich bei mir in ihren langen Schlaf und die andere webt geschäftig ihr luftiges Haus, ohne eine Störung zu erleiden. In Sommertagen macht es mir Freude, Betrachtungen darüber anzustellen, wie viele kleine Staubflügler der Strahl der Sonne und des Lichtes wohl zum erstenmale aus irgend einer dunkeln Ecke dieser alten Wände hervorgelockt hat.
Als ich vor vielen Jahren hieherzog, hätten die Nachbarn gar zu gerne wissen mögen, wer ich wäre, woher ich käme und warum ich so allein lebte. Die Zeit verstrich jedoch, ohne daß sie Aufklärung erhalten hatten, und so wurde ich denn der Mittelpunkt einer allgemeinen Währung, welche sich auf eine halbe Meile in die Runde, nach einer gewissen Richtung hin sogar auf eine Meile erstreckte. Verschiedene Gerüchte kamen über mich in Umlauf. Man machte mich zu einem Spion, einem Ungläubigen, einem Teufelsbanner, einem Kinderdieb, einem Flüchtling, einem katholischen Priester oder einem Ungeheuer. Die Mütter nahmen ihre Kinder auf den Arm und eilten mit ihnen nach Hause, wenn ich vorüber ging, und die Männer sahen mir grimmig nach, Drohungen und Flüche murmelnd. Ich war der Gegenstand des Argwohns und des Mißtrauens — ja, ich darf wohl sagen, des offenen Hasses.
Als sie jedoch im Laufe der Zeit fanden, daß ich Niemanden ein Leides that, sondern mich, Trotz ihrer unbilligen Behandlung, gerne überall gefällig erwies, so wurde ihre Stimmung gegen mich milder. Man spähte nicht länger jedem meiner Tritte nach, wie es sonst an der Tagesordnung gewesen, und auch die Mütter flüchteten sich nicht mehr mit ihren Kindern, sondern blieben stehen und sahen mir nach, wenn ich an ihren Thüren vorbei ging. Ich nahm dieß für eine gute Vorbedeutung und harrte geduldig auf bessere Zeiten. Nach und nach gewann ich auch Freunde unter diesen anspruchslosen Leuten, und obgleich sie noch zu schüchtern waren, mich anzureden, so wechselten wir doch beim Begegnen die üblichen Grüße. Bald machten sich’s diejenigen, mit welchen ich einen solchen Verkehr eingeleitet hatte, zur Ehrensache, zur gewöhnlichen Stunde an ihre Thüren oder Fenster zu kommen und mir durch ein Kopfnicken oder einen Kratzfuß ihre Aufmerksamkeit zu beweisen; auch die Kinder wagten sich furchtsam in meinen Bereich und eilten verschüchtert wieder fort, wenn ich ihre Köpfe pätschelte und ihnen sagte, sie sollen in der Schule fleißig aufmerken. Das kleine Volk wurde jedoch bald zutraulicher. Auch gewann nachgerade der steife Gelegenheitsverkehr mit meinen älteren Nachbarn an Herzlichkeit, und ich wurde allmälig ihr Freund und Berather, dem sie ihre Sorgen und Leiden anvertrauten, da ich hin und wieder, wo es meine kleinen Mittel gestatteten, auch thätlich an die Hand ging. Und jetzt mache ich nie einen Spaziergang, ohne daß angenehme Erinnerungen und lächelnde Gesichter des Master Humphrey harren.
Es war eine Grille von mir, vielleicht um die Neugierde meiner Nachbarn zu steigern und wegen ihres Argwohnes Rache zu nehmen — ich sage, es war eine Grille von mir, daß ich mir bei meiner Niederlassung an diesem Orte keinen andern Namen als Humphrey beilegte. Bei denen, welche mir übel wollten, hieß ich der garstige Humphrey; sobald ich sie jedoch zu meinen Freunden umgewandelt hatte, war ich ihnen Herr Humphrey oder der alte Herr Humphrey, bis sich dieses endlich stereotyp in die einfache Benennung Master Humphrey umwandelte, weil man wußte, daß sie meinen Ohren die angenehmste sey: überhaupt wurde sie zuletzt so ganz und gar zu einer Sache, die sich von selbst verstand, daß ich oft, wenn ich in dem kleinen Hofraume meinen Morgenspaziergang machte, auf der andern Seite der Mauer meinen Barbier — der eine hohe Verehrung gegen mich hegt und um keine Welt meinen Ansprüchen Abbruch thun würde— von »Master Humphrey’s« Gesundheitszustand sprechen und irgend einem Freunde das Wesentliche der Unterhaltung mittheilen höre, die er während des eben beendigten Rasirens mit Master Humphrey gehabt hat.
Um jedoch die Bekanntschaft mit meinen Lesern nicht unter falschen Voraussetzungen zu eröffnen und ihnen damit Anlaß zu geben, hintendrein Beschwerde über mich zu führen, weil ich einen Punkt verschwiegen, den ich durchaus gleich Anfangs hätte mittheilen sollen, so mögen sie erfahren — und es preßt mir ein trübes Lächeln ab, wenn ich denke, daß es eine Zeit gab, wo mir das Bekenntniß schmerzlich geworden wäre — daß ich ein mißbildeter, häßlicher, alter Mann bin.
Dieser Umstand hat mich jedoch nicht zum Menschenfeind gemacht. Nie kränkte mich eine Spottrede oder ein Scherz über meine verkrümmte Gestalt. Als Kind war ich melancholisch und schüchtern; aber der Grund lag in der zärtlichen Rücksicht, welche man auf mein Unglück nahm und welche mir tief zu Herzen ging, so daß ich selbst in diesen frühen Tagen in eine wehmüthige Stimmung verfiel. Ich war noch sehr jung, als meine arme Mutter starb, und doch erinnere ich mich noch, daß sie mich oft, wenn ich an ihrem Halse hing, und noch öfter, wenn ich im Zimmer zu ihren Füßen spielte, an ihr Herz drückte, in Thränen ausbrach und durch die zärtlichsten und liebevollsten Worte mich zu beruhigen suchte. Gott weiß es, ich war damals ein glückliches Kind — glücklich, wenn ich mich an ihre Brust schmiegte — glücklich, wenn ich mit ihr weinen konnte — glücklich, ohne zu wissen warum?
Diese Rückerinnerungen haften tief in meiner Seele, als hätten die Anlässe dazu ganze Jahre umfaßt; ich zählte indeß deren sehr — sehr wenige, als erstere für immer aufhörten, obgleich mir schon damals ihre Bedeutung kein Geheimniß mehr war.
Ich weiß nicht, ob alle Kinder für kindliche Schönheit und Anmuth, wie auch für eine lebhafte Vorliebe zu derselben empfänglich sind: bei mir war es wenigstens der Fall. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich je darüber nachdachte, ob ich sie selbst besaß, oder ob sie mir abgingen; das aber weiß ich noch, daß ich eine unbeschreibliche Bewunderung dafür unterhielt. Ein kleines Häuflein von Spielkameraden — sie müssen schön gewesen seyn, denn ich kann mir sie noch vergegenwärtigen — schaarte sich eines Tages um die Knie meiner Mutter, eifrig das Gemälde einer kindlichen Engelgruppe bewundernd, welches sie in ihrer Hand hielt. Wem das Gemälde gehörte, ob ich es früher schon gesehen, oder wie alle die Kinder zusammen gekommen, habe ich vergessen: es schwebt mir nur noch dunkel vor, daß es an meinem Geburtstag gewesen, und etwas lebhafter ist die Erinnerung, daß wir alle mit einander in einem Garten waren, und zwar an einem Sommertage,...
| Erscheint lt. Verlag | 6.12.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | Prague |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker | |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 19. Jahrhundert • Charakterstudie • Das weiße Blut der Erde • Die Australierin • Einsamkeit • Englisch • Erwachsene • Gesellschaftskritik • herman hesse • Im Lautlosen • Jeder stirbt für sich allein • Ken Follett • Leilani • London • Munich • Roman • Soziale Probleme • Stefan Zweig • Thomas Mann • viktorianisches |
| ISBN-10 | 80-272-3422-0 / 8027234220 |
| ISBN-13 | 978-80-272-3422-6 / 9788027234226 |
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