Friedrich Schiller: Literatur- und theatertheoretische Essays (eBook)
355 Seiten
Musaicum Books (Verlag)
978-80-272-0427-4 (ISBN)
Erste Verwandlung
Ein angenehmer Prospekt von Orangenalleen, Boskagen, Statuen, Urnen, und springenden Wassern. Die Beleuchtung wird so eingerichtet, daß die vordere Bühne dunkel bleibt, die hintere aber munter und hell ist.
Erster Auftritt
Karlos kommt langsam und in Gedanken versenkt aus dunkeln Boskagen, seine zerstörte Gestalt verräth den Kampf seiner Seele; einigemal steht er schüchtern still, als wenn er auf etwas horchte. Der Zufall führt ihn vor die Statue der Biblis und des Kannus, er bleibt nachdenkend davor stehen – indem hört man hinter der Szene eine ländliche Musik von Flöten und Hoboen, die sich allmählig in der Entfernung verliert. Der Prinz verläßt die Statue in großer Bewegung, man sieht Traurigkeit und Wut in seinen Gebärden abwechseln, er rennt heftig auf und nieder, und fällt zulezt matt auf ein Kanapee. Unterdessen zeigt sich im Hintergrund der Pater Domingo, und bleibt eine Zeitlang stehen ihn zu beobachten. Endlich nähert er sich, auf das Geräusch ermuntert sich Karlos, und fährt unwillig auf.
Karlos.
Der Erzspion verfolgt mich überall
wie die Gerichte Gottes – – Was verlangt ihr?
Wen sucht ihr hier? – Dorthin, soviel ich weiß,
hat sich der König mit dem Hof gezogen.
Domingo.
Der König, Prinz, und alle Grandes stehn
versammelt im Zitronenwald. Die Freude
herrscht allgemein, sie zu vollenden fehlt
nur Karlos noch.
Karlos.
Sie plözlich zu vergiften?
Ist König Philipp seiner guten Laune
schon satt, daß er die Nattern seines Sohns
zu Gaste ruft?
Domingo.
Mir unbegreiflich, Prinz.
Der schönste Frülingstag – die muntern Gärten –
und rings herum die blumenvolle Flur –
Der Himmel selbst wetteifert mit der Gegend,
die Kunst mit der Natur – sie aufzuheitern.
Gleich einem Paradies lacht weit und breit
das prächtige Aranjuez, und doch
in ihrem Aug nicht eine Spur der Freude?
Karlos.
In diesem lachenden Aranjuez
sieht Karlos nichts – als seine finstre Seele.
Domingo.
Doch eben dieser räzelhafte Gram,
den wir schon lang in ihren Blicken lesen,
der Schrecken ihres Reichs, und das Geheimniß
des ganzen Hofs, hat manche Thräne schon
dem König ihrem Vater ausgepreßt.
Karlos.
Fließt mir deßwegen eine einz’ge minder?
heilt dieses Herz vielleicht, wenn seines blutet?
Nur Thränen hat er für den einz’gen Sohn? –
die giebt auch wohl ein Bettler seinem Kinde.
Er presse doch nur einen Tropfen Mohn
aus seines Perus unerschöpften Schachten,
den Schmerz in diesem Busen einzuschläfern; –
er biete doch den pralenden Tribut,
den ihm sein furchtbarer Vasall, das Meer,
aus beiden Indien herüberfrohnt,
ob er vielleicht den Henker seines Karls
damit bestechen kann? – Seht rings herum –
Diß Paradies rief euer großer König
in eine fürchterliche Wildniß her –
er rufe doch – sein Karlos läßt ihn bitten –
ein Lächeln auf mein Angesicht.
Domingo.
Er wirds.
Nur brechen sie diß grauenvolle Schweigen,
nur öfnen sie ihr Herz dem Vaterherzen.
Was Karl dem Philipp anvertraut, wird ja
der König ihm gewähren.
Karlos.
Wird er das? –
Weh mir, und wenn er wollte – kann er das?
und wenn ich mit des Todes leztem Lechzen
es foderte? wenn der erhörte Wunsch
den schon entwichnen Geist aus der Behausung
des Grabs zurücke hohlte? – Nimmermehr.
Domingo.
Ich zittre Prinz – Was sagt mir dieses Räzel?
Karlos.
Bin ich nicht eines großen Königs Sohn?
Mit halben Welten theil ich meinen Vater,
und dennoch soll an einem einz’gen Wunsch
der große Königssohn zu Tode schmachten?
O welch ein Wunsch – – und doch – ich will ja wenig –
will ja nicht mehr, als ich mit so viel Armen
umreichen kann – –
Domingo.
Wie! Wär es möglich Prinz?
Wär noch ein Wunsch zurücke, den der Himmel
dem liebsten seiner Söhne weigerte? –
Ich stand dabei, als in Toledos Mauren
der stolze Karl die Huldigung empfieng,
als graue Fürsten zu dem Handkuß wankten,
und jezt in einem – einem Niederfall
Sechs Königreiche ihm zu Füßen lagen.
Ich stand, und sah das junge stolze Blut
in seine Wangen steigen, seinen Busen
von fürstlichen Entschlüssen wallen, sah
sein trunknes Aug durch die Versammlung fliegen,
in Wollust brechen – Prinz – und dieses Aug
sprach laut: Ich bin gesättigt!
Karlos.
(nach einem tiefen Nachdenken)
Jener Stunde
vergeß ich nie – mit jener Stunde fieng
Mein Leben an – sie floh – es war vollendet.
Domingo.
Vollendet Prinz? – ein mattes Vorgefühl
der königlichen Zukunft – –
Karlos.
Es ist aus.
Wenn schon das Kind von Diademen träumte,
was kann der Jüngling wünschen?
Domingo.
(der ihn laurend ansieht)
sie zu tragen?
Karlos.
Verwegner Mensch – Ihr sprecht mit Philipps Sohn,
nichts mehr davon – mir schauert vor dem Morgen,
der hinter meines Vaters Sarge nur
mir scheinen kann
Domingo.
Und dennoch edler Prinz.
Wenn Karlos ohne Hoffnung wünscht, was sonst
was sonst als eine Krone kann er wünschen?
Groß ist die Welt – der Arm der Könige
reicht weit –
Karlos.
Hier bricht er.
Domingo.
Auch der Arm der Kirche?
O reden sie – Die Ruhe seines Sohns
kann Philipp nicht zu theuer kaufen.
Karlos.
Nicht?
Auch dann nicht, wenn mein rasender Gelust
geradenwegs nach seinem Herzen zielte?
Auch dann nicht, wenn den frevelhaften Durst
nur das abscheulichste Verbrechen löschte,
worüber die besudelte Natur
erschrocken beben, und in Fieberschauern
sich werfen würde.
Domingo.
Das ist schrecklich Prinz.
Karlos.
Jezt wißt ihr alles – Geht, und denkt auch nie
darüber nach – Hier endet Philipps Größe,
kann sein Befehl die Sterne rückwärts drehn,
und machen, daß sich Nord und Süd umarmen? –
Ein ewiges, ein schreckliches Gesez
mit Blut in unsre Brust geäzt – die starre
unwandelbare Regel der Natur
steht gegen mich, ein aufgethürmter Pfeiler,
und keine Macht auf Erden reißt ihn um.
Domingo.
Ich steh erstaunt – Was für ein Ungeheuer
liegt hier im Hinterhalt, wenn selbst die Hoffnung
so vieler Throne keinen Reiz mehr hat?
Karlos.
Vergebens grübelt ihr ihm nach. Ihr müßtet,
Monarch wie ich, in Mutterleib gekrönt,
ihr müßtet in dem Himmelstrich des Thrones
erzogen worden seyn, und an den Brüsten
des Glücks gelegen haben, wenn ihrs faßtet
was einen Fürsten foltert.
Domingo.
Wunderbar –
Noch wunderbarer – – – daß auch ihre Mutter,
die Königin, daßelbe spricht – –
Karlos.
(heftig auffahrend)
Was? Mutter? –
Das Wort auf deiner Zunge sei verflucht,
verflucht der Name aus der Schöpfung.
Domingo.
Prinz?
Karlos.
(in großer Aufwallung herumgehend)
Sie meine Mutter? – Geh Unglücklicher,
an eine Mauer hast du mich geschleudert –
Sie meine Mutter – Mutter sagtest du?
O Himmel gib, daß ich es dem vergesse,
der sie zu meiner Mutter machte.
Domingo.
Prinz,
es sind die heiligste von allen Banden
die sie hier lästern.
Karlos.
Ketten wollt ihr sagen,
Furchtbarer, merkts euch, raßeln sie im Abgrund
der Hölle nicht – Galeeren lassen los –
das Grab gibt frei – die Ketten der Verdammniß
zerbrechen endlich – diese Bande nicht.
Die Zärtlichkeit von allen Müttern, die
gewesen sind, und die noch kommen werden,
macht ewig nimmer wieder gut, was mir
die einzige verdorben hat.
Domingo.
Was hör ich?
Täuscht mich mein Ohr? hat mich ein Traum betrogen?
Ganz Spanien liebt seine Königin
bis zur Anbetung – Prinz – und Sie allein,
Sie sollten sie mit solchem Haß verfolgen?
Karlos.
(hat sich gesammelt, und wird betroffen)
Domingo.
Unmöglich, Prinz – so plözlich werden sie
die Stimme Spaniens nicht Lügen...
| Erscheint lt. Verlag | 7.8.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | Prague |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Essays / Feuilleton |
| Kunst / Musik / Theater ► Theater / Ballett | |
| Schlagworte | Ästhetische Betrachtungen • Deutsche Nationalepoche • Drama • Dramatische Literatur • Goethe • Historische Theaterkritik • Kant • Klassizismus • Kunsttheorie • Literarische Dramaturgie • Moraldramen • Naive und sentimentale Dichtung • Philosophische Essays • Schönheit und Ästhetik • Shakespeare • Walter Benjamin • Weimarer Klassik |
| ISBN-10 | 80-272-0427-5 / 8027204275 |
| ISBN-13 | 978-80-272-0427-4 / 9788027204274 |
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