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Der Weihnachtswunsch und andere Geschichten aus Dingsda (eBook)

eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
88 Seiten
Musaicum Books (Verlag)
978-80-272-3767-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Der Weihnachtswunsch und andere Geschichten aus Dingsda -  Johannes Schlaf
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Das Buch 'Der Weihnachtswunsch und andere Geschichten aus Dingsda' von Johannes Schlaf ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die einen Einblick in das Leben der einfachen Menschen des 19. Jahrhunderts bieten. Schlaf, ein Vertreter des literarischen Naturalismus, zeichnet sich durch seine präzise Beobachtungsgabe und detaillierte Beschreibung aus, die in jedem seiner Werke zu finden sind. Die Geschichten in diesem Band spiegeln die Realitäten der damaligen Zeit wider und bieten dem Leser einen Einblick in die sozialen Strukturen und Konflikte dieser Ära. Außerdem wird Schlafs einfacher, aber dennoch eindringlicher Schreibstil den Lesern ermöglichen, sich in die gezeichneten Figuren und Situationen hineinzuversetzen.

Die Rezension


Eins verursacht mir zuweilen eine stille Freude: daß ich hier so gar nicht wählerisch bin.

Es ist unglaublich, was für ein höllisches Beizkraut von Tabak ich nebenan beim Krämer bekomme. Es würde mich in der Stadt zur Verzweiflung gebracht haben. Und wie schön schmeckt mir hier im Garten bei einem Buch oder draußen zwischen den Feldern meine Pfeife Paetum optimum supter solem...

Auf der Enveloppe ein Hahn auf einer Tabaksrolle, mit lang ausgespreizten, spießartigen Sonnenstrahlen herum, oder ein Reiter auf einem Pferd mit wahren Elefantenbeinen. Ein haarsträubend primitiver Holzschnitt... Ich weiß nicht, ob ihr die Sorte kennt. Kaum. Das macht, ich lebe hier in so ganz anderen Dingen. Ich bin so gleichmäßig, so ruhig, so heiter-durchsättigt von all dem schönen, sonnigen, sommerlichen Leben hier.

Jetzt seh ich erst, wie ich in der letzten Zeit meine Kraft, meine Gedanken und mein Empfinden in allerlei nebensächlichen Kleinigkeiten verkrümelt hatte. In den heikelsten Raffinements hatt ich mich verloren. Ach Gott, wer weiß, was alles! Immer von einem zum anderen. Alle möglichen Japanereien.

Aber jetzt? Wie ausgetauscht bin ich!

*   *   *

Ich stehe z. B. jeden Morgen um fünf Uhr auf. Sobald die Sonne über das Dach geklettert ist und zwischen der Lücke im Fenstervorhang hindurch kann und mir mit ihren goldenen Fingern übers Gesicht streichelt, muß ich heraus. Unten im Garten trink ich dann meinen Kaffee, unter einem weitüberhängenden Apfelbaum, zwischen Kohlbeeten, Stachelbeerbüschen, Stiefmütterchen, vis-a-vis einer rotaufgeblühten Nelke, die durch den ganzen Garten leuchtet, recht prätentiös über all die Rosen, die roten und gelben und weißen am Staket hin. Oben im Hofe piepsen die flaumigen Hühnerküchelchen um die Glucke herum, und der große weiße Hahn, Herr Meier, mit dem feuerroten, in der Sonne transparenten Kamm trompetet in den frischen Morgen hinein auf dem schönen, goldgelben und sammetbraunen Düngerhaufen. –

Dann streif ich durch die Felder.

Zuerst an einer Bergkante hin, unter mächtigen schattenden Buchen, Linden und Kastanien. Bläuliche Schattenflecke und goldiggelbe Lichtkringel zucken über den braunen Weg. Nach unten, den grünen Hang hinunter bis zur Chaussee, Kirschbäume und Rotdorn. Zwischen den Bäumen hindurch seh ich über weite, tauglitzernde Wiesen weg am Bache hin. Jenseits winden sich Felder kreuz und quer und bunt durcheinander die Hügelhänge hinauf. Und hier und da, zwischendurch, blitzt lang der See auf. Links liegt das Nest in dem Talwinkel in das Grün eingekuschelt, und die blauen Rauchsäulen steigen steilgerade in die Morgenluft hinein.

Dann bieg ich rechts in einen steinigen Hohlweg ein. Von beiden Seiten hängt dichter, staubiggrüner Teufelszwirn über. Oben, zwischendurch, ein langgestrecktes, tiefblaues Bandstück vom Morgenhimmel; und in den Gärten die Finken und Meisen und die Bachstelzchen, die Wippschwänzchen, trippeln vor mir über den Weg.

Und dann, auf einmal, bin ich im freien Felde.

*   *   *

Sonne! Sonne!

Die ganze Welt ist trunken von Sonne.

Weit die Hänge hinunter, hinauf und wieder hinunter; in die Länge und Breite und Tiefe. Weit! Weit!

Und oben: mächtig, mächtig der lerchenschmetternde Himmel mit dem großen, gleißenden Sonnenauge.

Sonne! Sonne!

Die Morgenluft wühlt in werdenden und verebbenden und wieder neuen silbrigen Wellen über die weitgedehnten Felder hin. Und jeder Gedanke ertrinkt mir in diesem goldigen, weitleuchtenden Lichtmeer. Aber über die Arme und den Körper rieselt es mir, heiß, belebend wie elektrische Ströme, und meine Brust hebt sich, und freier rühren sich die Füße. Und hinein in den sonnigen, frischen, gesunden Morgen; in die Luft, in die Sonne! Weiter, immer, immer weiter!

Und meine Augen weiten sich, und meine Nüstern dehnen sich und schnaufen die Luft ein, und mir ist, als wollt ich mit jeder Fiber das alles in mich aufnehmen, die ganze lichte, singende, weite, herrliche Welt!

Und ich stammle wunderliche, wahnselige Worte vor mich hin, die ich nicht höre. Es ist nur, als flute etwas aus meiner Seele heraus, hinaus wie überströmendes Leben, überwallende Kraft.

Und alles liegt unter mir, weit unten in der Sonne.

Die hohen Talbäume so klein, mit krausem, zitterndem Laub, und die Pflüger, wie Schnecken langsam die sattbraunen Feldbänder hinkriechend, und die kleinen Dächer und der Fluß.

Nur hoch, hoch da oben, ewig über mir, das jubelnde, golddurchblitzte Blau; weißleuchtendes Gefieder drin, dort und dort.

Und ich möchte aufschreien vor unbändiger Lust und quälender Ungeduld, und ich recke die Arme und verliere mich in Kraft und Leben.

Bis ich taumlig werde von alledem, bis es mir über die Kräfte geht und ich hinsinke in das krause Weggras, und mein trunkenes Auge sich sammelt und beruhigt an den stillen, roten, nickenden Wegnelken und dem gelben Steinklee und dem violetten Thymian, den bunten Schmetterlingen und den leise, leise summenden Hummeln. Wie betäubt lieg ich und starre vor mich hin in das kurze Gras und wage nicht, seitwärts zu blicken ...

*   *   *

Hier ein Grashalm, scharf an beiden Rändern von unzähligen Kristallen. Vorn an der zierlichen Spitze ein rundes, funkelndes Tautröpfchen. Das Hälmchen schwankt leise in der wehenden Luft hier oben. Und der Tropfen leuchtet. Jetzt orangen, jetzt goldig, jetzt bläulich, grün, violett, silberhell.

Halme, dünn, schlank, mit krißligen Dolden.

Wenn ich den Kopf in das kleine, krause Rasengewirr lege und die Augen etwas zusammenkneife, wanken sie wie sturmbewegte, hohe Baumkronen gegen den blauen Himmel hin und her, hin und her. Wie ein Wald von wunderlichen Fabelbäumen.

Und die Hummeln mit dem schwarzsamtenen Leib und der braunsamtenen Verbrämung, eifrig von einem Kelch zum anderen. Und dann in die Luft hinein, in den sonnigen Morgen, hinunter in das Tal, taumelnd im zackigen Flug, in der Luft schwebend wie riesige Ungeheuer.

Vor mir eine Feldnelke. Wie ich sie betrachte, ragt sie hoch, hoch über eine einsame Feldscheune weit draußen am hügeligen Horizont und taucht mit ihrer glutroten Krone in den Himmel.

*   *   *

Und ich atme auf, tief, einmal, wieder und wieder.

Ich stammle vor mir hin, alte, vertraute Laute. Und die fügen sich zu rhythmischem Tonfall, wie die Luft weht und stoßweise mir in die Ohren knattert, gleich flatterndem Seidenband; wie die Grashalme sich biegen und beugen, hin und her, hin und her; wie die Lerchen trillern in bestimmtem Rhythmus, der wiederkehrt und wiederkehrt, leiser, lauter, ferner, näher; wie der unaufhörliche Feldgesang der Insekten; wie die weiten Felder den Hang hinab fluten und fluten; immer, unersättlich in demselben Rhythmus. Und erstaunt lausch ich mir selbst.

Ich glaubte, ich könnte das nicht mehr.

Und wie ich lausche, ist es dieselbe alte, ewige Melodie. Immer dieselbe, unersättlich dieselbe. Fragend, sehnend, wild, beruhigt, angstvoll und glückgesättigt.

Die alte Weise. Das alte Lied.

In Ewigkeit wohl wird es gesungen werden ...

Und so lieg ich und liege, in der Sonne, im Grün. Über mir die blaue Unendlichkeit, und unter und vor mir die weite, grüne, jubelnde Welt. Und die Gedanken schweifen, bis mich ein Grauen faßt, ein wonniges und drückendes Grauen, daß ich mit ihnen so allein bin, so allein hier oben in der stillen, rätselhaft raunenden Einsamkeit ...

Und hinunter wieder, taumelnd, träumend, mit wankendem Fuß in die talfriedliche Enge der Menschen ...

*   *   *

Das erste Haus, eine kleine weißgetünchte Kate, an einen laubigen Hügel gelehnt, sich duckend zwischen aufgeschichtetem Birkenholz und Dünger, flachsköpfige Kinder in bunten Kittelchen vor dem schwarzen Türloch, knallrote Geranien und Fuchsien auf den grünen Fensterbrettern, macht mich wieder zum verständigen Menschen. Ich bin sogar imstande, über die Gasse weg dem dicken Krämer einen »guten Morgen« zuzurufen, wie er in der Ladentür steht und in die Morgenluft hineinschnüffelt. Nein, er dankt mir ganz normal! Es ist unmöglich, daß man mir so etwas wie den verrückten Engländer anmerkt. In so einem kleinen Klatschnest wäre das auch in mancher Hinsicht fatal.

Für alle Fälle ist es auskömmlicher, man merkt mir gar nichts an, gar nichts, so wenig wie möglich, wes Geistes Kind ich bin. Ganz kann ich mich sowieso nicht verleugnen, und ich weiß, daß mich dieser infame Tütchendreher mit Wonne bei meinen Einkäufen übervorteilt. Wer weiß, was für Lapsus ich mir sonst noch in meiner göttlichen Unbewußtheit zuschulden kommen lasse. –

Fidel pfeif ich mich die Gasse hinab und habe dabei so meinen Spaß, wie sich allerlei Gedankenwerk in meinem Schädel zusammenkreiselt. Sicher werd ich heute noch was zusammenleimen, was die ganze Morgenherrlichkeit wiederholt, kindlich, kindisch stammelnd, trotz aller Mühe und zerkautem Federhalterende.

Ach ja! –

Und dann wieder die Rezensenten im Winter. Wie sie mir alle meine Gebresten vorfingern werden. Da merkt man erst wieder mal, was für ein kapitaler Ignorant man ist ... Ja, ja, die Rezensenten! –

*   *   *

Mit dieser, allerdings etwas flüchtigen Berücksichtigung einer gewiß nützlichen Menschensorte tret ich in mein Zimmer ein.

Ein lichtgrau tapezierter quadratischer Raum voll Sonne und Luft. Ein weißes Bett, ein...

Erscheint lt. Verlag 14.12.2017
Verlagsort Prague
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Essays / Feuilleton
Literatur Historische Romane
Schlagworte Brontë • Der Name der Rose • Der Zauberberg • deutscher Naturalismus • Dingsda-Skizzen • Dramatiker • Erzähler • Frühling Dichtung • Henry Fielding • Hermann Hesse • historischer zeitraum • Impressionistische Gefühlssprache • In Dingsda • Joseph Conrad • Ludwig Thoma • Naturmystik • Outlander • Stefan Zweig • Tolstoi • Walt Whitman Übersetzungen
ISBN-10 80-272-3767-X / 802723767X
ISBN-13 978-80-272-3767-8 / 9788027237678
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