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Die Frauen vom Zieblingerhaus (eBook)

eBook Download: EPUB
2019 | 1. Auflage
280 Seiten
Th. Gut Verlag
978-3-85717-286-1 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Frauen vom Zieblingerhaus -  Hanna Steinegger
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Während eines Arbeiteraufstands kommt beim Brand von Uster 1832 einer der jungen Anfu?hrer ums Leben. Seine Witwe Barbara, geächtet und mittellos, versucht mit ihrer kleinen Tochter Emma in ihrem Heimatdorf einen Neuanfang, der aber missglu?ckt: Emma muss bei ausbeuterischen Verwandten als billige Magd dienen, Barbara verdingt sich in einer Weberei fu?r einen Hungerlohn. Als sie bei einem kleinen Diebstahl erwischt wird, kommt sie ins Gefängnis in Oetenbach ZH. Doch dann geschieht ein kleines Wunder: In Zu?rich kann Barbara mit Emma ein neues Leben beginnen. Dank einer geschickten Heirat, unermu?dlicher Tu?chtigkeit und Mut zu neuen Ideen mausert sie sich zur geachteten Geschäftsfrau. Steineggers vierter Roman im Th. Gut Verlag beeindruckt mit seinem sorgfältig recherchierten historischen Hintergrund, lebendig geschilderten Schicksalen der Land- und Stadtbevölkerung des 19. Jahrhunderts und der spannenden Geschichte eines ungewöhnlichen Frauenlebens.

Hanna Steinegger, 1944 in Horgen geboren und in Wädenswil aufgewachsen, ist verheiratet, hat zwei Söhne und fünf Enkelkinder. Sie lebt und schreibt in Schönenberg oberhalb des Zürichsees. Von Hanna Steinegger sind im Th. Gut Verlag bereits die historischen Romane «Kein gewöhnliches Leben», «Agnes und Rudolf» und «Der unheilvolle Kuss» erschienen.

Barbaras Rückkehr


Es ist fünf Uhr morgens, noch liegt die Kühle der Juninacht über dem Land. Morgentau netzt die Füsse. Nur langsam kommen sie vorwärts, die junge Frau, die ungeachtet der bevorstehenden Sommerhitze drei Kleider übereinander trägt und das zehnjährige Kind, dem schon jetzt die Haare am Kopf kleben, weil auch es viel zu warm angezogen ist. Schlaftrunken stolpert es neben der Mutter her.

«Wohin gehen wir?»

«An einen neuen Ort», weicht Barbara aus. Emma gibt sich nicht zufrieden mit der Antwort.

«Warum nehmen wir alles mit? Gehen wir nie mehr heim?»

«Nein, Schatzeli, aber ängstige dich nicht, du wirst es dort gut haben, und hör jetzt auf mit der Fragerei.»

Eine Zeit lang schweigt Emma. Dann beginnt sie zu jammern: «Mir ist heiss, Mutter, warum muss ich so viele Kleider tragen?»

«Was soll das Geklöne?», weist Barbara sie zurecht, «was wir am Leib tragen, drückt uns nicht auf den Buckel.»

Das Gewicht des schwer beladenen Reffs zwingt sie, leicht vornübergebeugt zu gehen. Ihr Hab und Gut ragt ein beachtliches Stück über ihren Hinterkopf hinaus. Pfannen, Geschirr, Besteck und Wegzehrung. Bei jedem Schritt geben klappernde, aneinanderschlagende Gefässe den Takt an. Sie gehen beide barfuss. Die Schuhe befinden sich zur Schonung im Gepäck. Immer wieder steckt sie die Daumen unter die Tragriemen, weil sie qualvoll einschneiden. Emma stolpert ständig. Zweimal schon ist sie hingefallen. Die grossen Zehen sind aufgeschlagen und bluten. Doch die Mutter strebt vorwärts. Weg von dem Ort, wo man sie nicht mehr will. Wo man ihr nach dem Leben trachtet.

«Los, Emma, reiss dich zusammen, bald werden wir Schiff fahren!»

Getröstet gehorcht das Kind.

«Auf einem richtigen Schiff?»

«Gewiss, wirst es dann schon sehen.»

Von Stäfa aus fahren Ledischiffe hinüber nach Wädensweil, erinnert sich Barbara. Sie wählt den kürzesten Weg abseits von Strassen, durch dichte Wälder, gefährliche Tobel und über schmale Brücken, unter denen sich reissendes Wasser seinen Weg erzwingt. Hie und da machen sie Halt an einem ruhigen Bächlein oder kehren in abgelegenen Gehöften ein, in der Hoffnung auf einen Becher Milch oder ein Stück Brot. Höfe, wo knurrende Hunde den Weg versperren, umgehen sie. Das wenige Ersparte steckt zuunterst in Barbaras Rocktasche, eingeknüpft in einen Nasenlumpen.

Gegen Mittag, als sie auf der Höhe des Pfannenstils ankommen und in der Ferne den Zürichsee glitzern sehen, weiss Barbara, dass es von nun an abwärts und dadurch ringer gehen wird. Ein Seufzer der Erleichterung begleitet die Worte: «Lueg, Emmeli, gsesch de See, wie schön er isch?»

Durch Obstwiesen und grüne Rebberge schlängelt sich der schmale Pfad südwärts, hinunter nach Stäfa. Mittlerweile steht die Sonne hoch am Himmel und brennt gnadenlos auf die Wandernden nieder. Blickt man allerdings nach Westen, türmen sich über der Albiskette mächtige dunkle Wolkenburgen auf, die vor einer halben Stunde noch harmlose Wölkchen waren.

Barbara betrachtet sorgenvoll den Himmel: «Da kommt ein Wetter, Emmeli, hoffentlich fährt noch ein Schiff.»

Schon beginnt sie im Kopf auszurechnen, was die Übernachtung in einer Herberge kosten würde, als ihr unten am See ein uniformierter Mann auffällt, der, wie sie vermutet, für die Schifffahrtskompanie arbeitet.

«Ägsgüsi, seid Ihr einer von der Schifffahrt?»

«Wowohl», erwidert er freundlich. Barbara spürt bei ihm diesen typischen, hintergründigen Stolz eines Mannes, der in sicherer Anstellung ist. So war früher auch Conrad …

«Fährt heute noch ein Schiff hinüber?»

Der Mann nimmt die Tabakpfeife aus dem Mund, streicht sich über den Schnurrbart und antwortet dienstbereit: «Freilich geht noch eines, eine Stunde müsst Ihr Euch aber noch gedulden.»

Umständlich stopft er die zuvor sorgfältig auf dem Ufermäuerchen ausgeklopfte Pfeife, streicht ein Schwefelholz über die Mauer, bis es flammt, hält dann den Pfeifenkopf mit der Hand umfangen, als müsste er sich daran wärmen, zieht und pafft genüsslich, die zusammengekniffenen Augen prüfend gegen den grauen Himmel gerichtet.

«Ei, da braut sich aber etwas zusammen.»

«Haltet Ihr die Überfahrt für gefährlich?», erkundigt sich Barbara unsicher.

«Woher auch, unsere Kähne sind so sicher wie die Wiege eines Säuglings», beruhigt er sie und kontrolliert noch einmal die Ware auf dem bereitstehenden Leiterwagen, die dringend hinüber nach Wädensweil muss.

Die Fahrtkosten reissen ein empfindliches Loch in ihr Erspartes. Ohne Emma wäre sie zu Fuss nach Rappersweil und von dort über den alten Holzsteg hinüber ans andere Ufer gegangen. Aber so …

Eine Stunde später steigen sie zusammen mit acht andern Reisegästen, von denen einer zwei verängstigte Geissen hinter sich her zerrt, über schwankende Bretter auf das Ledischiff, einem bauchigen Einmaster mit Rudern und einer Steuermannskabine im Heckteil. Unter der Überdachung in der Schiffsmitte machen sie es sich so gut es geht bequem. Viel Platz ist da nicht neben all den Obstzainen, Fässern und Kisten, die über den See transportiert werden müssen. Am breitesten macht sich der Schiffskasten, dessen Frachtgut aus Briefen, Paketen und kleineren Frachtstücken besteht. Eine einzige, am Boden festgeschraubte Sitzbank steht den Reisenden zur Verfügung, die allerdings selten benützt wird, weil die meisten lieber auf ihrem Gepäck, auf dem Boden oder vorne bei ihren Tieren hocken. Für gewöhnlich herrscht im vorderen Teil des Kahns ohrenbetäubendes Plärren und Grunzen angebundener Schweine und Kälber. Heute sind es nur die beiden Geissen.

Trotz Gegenwind geht es zügig vorwärts. Ab der Seemitte aber wird es ungemütlich. Der Wind verstärkt sich und es beginnt zu schütten. Der Schiffsführer muss sich allerhand Vorwürfe gefallen lassen.

«Die Fracht hätte gäbig warten können!»

Die Mannschaft ist gereizt. Niemand redet mehr von «Sicher wie die Wiege eines Säuglings».

Blitz und Donner fahren über die Köpfe der verängstigten Passagiere. Weisse Gischtkronen auf grüngrauen Wellen umtanzen jetzt das schwerfällige Schiff und lassen es wie ein Gampiross auf und nieder schaukeln. Eilig ziehen die Männer das Segel ein. Ruderknechte und Steuermann haben einen schweren Stand, den Kurs zu halten. Windböen jagen Fontänen über das Deck und durchnässen alles. Wasser sammelt sich auf dem Schiffsboden. Die Geissen meckern jämmerlich. An Streit denkt niemand mehr. Schiffsführer und Mannschaft haben alle Hände voll zu tun. Befehle gellen vom einen Ende des Schiffes zum andern. Vom Wind verzerrt oder weggetragen.

«Haltet euch fest, keiner steht auf!»

Krampfhaft hält Barbara mit der einen Hand ihr durchnässtes Reff und klammert sich mit der andern an die Bank, an die sie Emma vorsorglich festgebunden hat.

«Mutter!», weint das verstörte Kind, «ich habe Angst, müssen wir jetzt sterben?»

«Dummes Zeug, das andere Ufer ist nicht mehr weit weg.»

Nass und durchfroren gehen sie in Wädensweil an Land, heilfroh, das Gewitter überstanden zu haben. Schon drückt die Sonne wieder zwischen den Wolken durch.

«Unser Zürichsee kann sich wild gebärden, wenn ihm etwas nicht passt!», ruft der Schiffsmann von vorhin Barbara scherzend zu, «zum Glück ist nichts passiert! Wie nasse Mäuse seht ihr aus!»

«Trocknet alles wieder», gibt Barbara zurück und beginnt sich umzublicken. Jetzt gilt es, Susannas Wohnstatt zu finden.

Lange brauchen sie nicht dazu. Das Dorf hat sich kaum verändert, seit Barbara das letzte Mal hier war.

Lücken im Gartenzaun und wucherndes Unkraut in den Gemüserabatten zeugen von Nachlässigkeit. Barbara will sich davon nicht abhalten lassen. Unbewusst hält sie Emmas Hand so fest, dass diese sich gegen den schmerzhaften Griff wehrt.

«Du tust mir weh … Was machen wir hier, Mutter?»

Jetzt muss sie Farbe bekennen.

«Du wirst eine Zeit lang bei meiner Schwester, deiner Tante Susanna, bleiben», dann etwas leiser, wie zu sich selber: «Das heisst, wenn sie dich will.» Den Griff lockernd, wendet sie sich dem verstört zu ihr aufblickenden Kind zu und versucht es zu beschwichtigen: «Sei jetzt brav, es wird dir sicher gefallen, es ist ja nicht für immer.»

Emma bricht in Tränen aus.

«Ich will aber bei dir bleiben, Mutter!»

Barbara windet sich. Am liebsten wäre es ihr, Emma mit nach Horgen zu nehmen. Aber wer weiss, was sie dort erwarten würde. Waisenhäuser haben nicht den besten Ruf. Seidenwebereien, was Kinder anbelangt, schon gar nicht. Susanna ist mit Sicherheit das kleinste Übel.

«Ach Schatzeli, sieh, ich muss für uns beide Geld verdienen und werde vom frühen Morgen bis zum späten Abend werchen, damit ich dich so bald wie möglich zu mir holen kann. Es wird nicht lange dauern, das verspreche ich dir – und jetzt sei tapfer, mir zuliebe.»

Der tränennasse Blick ihres Kindes bricht ihr fast das Herz, aber sie darf sich davon nicht rühren lassen. Es würde alles nur schlimmer machen. Susanna und Jakob Landolt sind ihre einzigen Verwandten. Susanna war nie von sonnigem Gemüt gewesen, aber vielleicht hat sich das ja inzwischen gebessert. Seit sie unterwegs sind, schickt sie stumme Gebete zum Himmel empor:

«Lieber Gott, mach, dass sie gut zu dem Kind ist. Emma ist alles, was ich noch habe.»

Einen Klopfer gibt es nicht, also pocht sie ans ebenerdige Fenster unmittelbar neben dem Eingang. Schritte tappen inwendig heran. Knarrend öffnet sich die Haustür einen Spalt weit, und ein spitznasiges Frauengesicht zeigt sich in der Öffnung.

«Wer seid ihr?»

«Ich bin es, deine Schwester, kennst du mich nicht mehr, Susanna?»

Mit einem...

Erscheint lt. Verlag 1.3.2019
Verlagsort Zürich
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Schlagworte 19. Jahrhundert • Arbeit • Fabrik • Frauenhaus • Frauenschicksal • Textilindustrie • Weberei • Zürich • Zürichsee
ISBN-10 3-85717-286-X / 385717286X
ISBN-13 978-3-85717-286-1 / 9783857172861
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