Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurter Ausgabe (eBook)
500 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-76745-0 (ISBN)
»Um neun Uhr ist sie fort«, heißt es am Ende der Gefangenen, und »Mademoiselle Albertine ist fort«, klingt es wie ein Echo zu Beginn der Flüchtigen, des sechsten Bandes der Recherche. War Marcel Albertines eben noch überdrüssig gewesen, sucht er nun die Eentflohene mit allen Mitteln zurückzugewinnen, doch vergebens: Ihr Versöhnungsbrief wird von dem Telegramm überholt, in dem ihm ihr Tod mitgeteilt wird.
<p>Marcel Proust wurde am 10. Juli 1871 in Auteuil geboren und starb am 18. November 1922 in Paris. Sein siebenbändiges Romanwerk <em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit</em> ist zu einem Mythos der Moderne geworden.</p> <p>Eine Asthmaerkrankung beeinträchtigte schon früh Prousts Gesundheit. Noch während des Studiums und einer kurzen Tätigkeit an der Bibliothek Mazarine widmete er sich seinen schriftstellerischen Arbeiten und einem - nur vermeintlich müßigen - Salonleben. Es erschienen Beiträge für Zeitschriften und die Übersetzungen zweier Bücher von John Ruskin. Nach dem Tod der über alles geliebten Mutter 1905, der ihn in eine tiefe Krise stürzte, machte Proust die Arbeit an seinem Roman zum einzigen Inhalt seiner Existenz. Sein hermetisch abgeschlossenes, mit Korkplatten ausgelegtes Arbeits- und Schlafzimmer ist legendär. <em>In Swanns Welt</em>, der erste Band von Prousts opus magnum, erschien 1913 auf Kosten des Autors im Verlag Grasset. Für den zweiten Band, <em>Im Schatten junger Mädchenblüte</em>, wurde Proust 1919 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Die letzten Bände der <em>Suche nach der verlorenen Zeit</em> wurden nach dem Tod des Autors von seinem Bruder herausgegeben.</p>
Manchmal auch führte mich die Lektüre eines eher traurigen Romans jäh in die Vergangenheit zurück, denn gewisse Romane sind wie eine große, rasch vergehende Trauer; sie heben die Gewohnheit auf und setzen uns wieder mit der Wirklichkeit des Lebens in Verbindung, doch nur für einige Stunden, einem Alpdruck gleich, denn die Mächte der Gewohnheit, das Vergessen, das sie erzeugen, die Fröhlichkeit, die sie infolge der Ohnmacht unseres Gehirns, gegen sie anzukämpfen, und das Wahre neu zu erschaffen, in uns heraufführen, sind unendlich viel stärker als die beinahe hypnotische Suggestion eines schönen Buches, die wie alle Suggestionen nur sehr kurze Zeit wirkt.
Hatte ich nicht das erstemal in Balbec vor allem deshalb so sehr gewünscht, Albertine kennenzulernen, weil sie für mich all die jungen Mädchen verkörperte, deren Anblick auf Straßen und Feldwegen mich so oft gefesselt hatte? Und war es nicht natürlich, daß jetzt der untergehende Stern dieser meiner Liebe, in der sie alle sich verdichtet hatten, von neuem in aufstäubende Sternennebel zersprühte? Alle schienen mir Albertine zu sein; das Bild, das ich in mir trug, ließ sie mich überall wiederfinden; die eine, die an der Biegung eines Parkweges in ihr Automobil stieg, erinnerte mich sogar mit ihren rundlichen Formen so stark an sie, daß ich mich einen Augenblick fragte, ob ich nicht sie vor mir sah und ob man mich nicht getäuscht hatte, als man mir ihren Tod mitteilte. Ich sah sie wieder vor mir, wie sie ebenfalls am Ende eines Wegs, vielleicht in Balbec, auf die gleiche Art in den Wagen stieg, damals, als sie noch so großes Zutrauen zum Leben hatte. Die Geste dieses jungen Mädchens aber, das ins Automobil stieg, registrierte ich nicht nur mit meinen Augen als eine flüchtige Erscheinung, wie man sie häufig auf einer Spazierfahrt kurz erblickt; zu einem zeitlosen Akt geworden, schien sie für mich auch in die Vergangenheit zurückzureichen, dank jenem Aspekt, der ihr hinzugesetzt war und mir so lust-, so trauervoll zu Herzen ging.
Schon aber war das junge Mädchen verschwunden. Etwas weiter entfernt sah ich eine Gruppe von drei ein wenig älteren jungen Mädchen, vielleicht bereits jungen Frauen, deren elegantes und energisches Auftreten so sehr dem entsprach, was mich am ersten Tag entzückt hatte, als ich Albertine und ihre Freundinnen sah, daß ich diesen drei neuen Mädchen folgte und, als sie einen Wagen nahmen, verzweiflungsvoll in alle Himmelsrichtungen nach einem zweiten ausspähte, den ich auch fand, aber es war schon zu spät. Ich konnte sie nicht wiederfinden. Einige Tage später aber bemerkte ich beim Nachhausekommen in der Toreinfahrt unseres Hauses die gleichen drei jungen Mädchen, denen ich im Bois gefolgt war. Sie gehörten ganz und gar, die beiden brünetten vor allem, nur waren sie etwas älter, zu jenen jungen Mädchen der Gesellschaft, die häufig, wenn ich sie vom Fenster aus sah oder ihnen auf der Straße begegnete, tausend Pläne in mir angeregt hatten und mir das Leben lebenswert erscheinen ließen, deren Bekanntschaft ich aber nicht hatte machen können. Die Blonde hatte eine etwas zartere, fast leidende Miene, die mir weniger gefiel; dennoch war sie die Ursache, daß ich mich, als hätte ich Wurzeln geschlagen, nicht damit begnügte, sie einen Augenblick lang zu betrachten, mit jenem Blick, der in seiner unablenkbaren Starrheit, als müsse er einem Problem auf den Grund gehen, sich dessen bewußt zu sein scheint, daß es gelte, weit über das, was man sieht, hinauszugelangen. Ich hätte sie sicherlich entschwinden lassen wie so viele andere, wenn in dem Augenblick, in dem sie an mir vorübergingen, die Blonde – war es, weil ich sie mit solcher Aufmerksamkeit betrachtete? – mir nicht heimlich einen ersten, dann, nachdem sie an mir vorbeigegangen war, mit zurückgewandtem Kopf einen zweiten Blick zugeworfen hätte, der mich vollends entflammte. Da sie sich jedoch sofort nicht mehr mit mir beschäftigte und sich ihren Freundinnen zuwandte, wäre meine Glut sicherlich erloschen, hätte sie sich nicht durch das, was nun folgte, verhundertfacht. Als ich den Concierge fragte, wer sie seien, erhielt ich von ihm die Antwort: »Sie haben nach der Frau Herzogin gefragt. Ich glaube aber, nur die eine von ihnen ist mit ihr bekannt, die anderen haben sie wohl nur bis zur Tür begleitet. Hier ist ihr Name, ich weiß nicht, ob ich ihn richtig aufgeschrieben habe.« Ich las: »Mademoiselle Déporcheville«, und ich erriet dahinter ohne Mühe d’Éporcheville, das heißt den Namen oder doch ungefähr den Namen, soweit ich mich erinnerte, des jungen Mädchens aus bester Familie, das entfernt mit den Guermantes verwandt war und von dem mir Robert erzählt hatte, er sei ihm in einem Stundenhotel begegnet und habe intimen Umgang mit ihm gehabt.1 Ich begriff jetzt die Bedeutung ihres Blicks und weshalb sie sich hinter dem Rücken ihrer Freundinnen nach mir umgedreht hatte. Wie oft hatte ich an sie gedacht, wobei ich sie mir immer nur nach dem Namen vorstellte, den Robert mir genannt hatte. Nun hatte ich sie gesehen und in keiner Weise verschieden von ihren Freundinnen gefunden, es sei denn durch den verhüllten Blick, der zwischen mir und ihr einen geheimen Zutritt zu Teilen ihres Lebens aufgetan hatte, die offensichtlich ihren Freundinnen verborgen waren, sie mir aber zugänglicher – schon halb als die meine – erscheinen ließen, gefügiger auch, als gewöhnlich junge Mädchen der Aristokratie es sind. In ihrem Geist bestand von vornherein zwischen ihr und mir etwas Gemeinsames in Gestalt der Stunden, die wir zusammen hätten verbringen können, wenn sie in der Lage gewesen wäre, mir ein Rendezvous zu versprechen. War es nicht das, was ihr Blick mit einer Beredsamkeit hatte ausdrücken wollen, die einzig ich verstand? Mein Herz schlug mit aller Macht, ich hätte nicht genau sagen können, wie Mademoiselle d’Éporcheville aussah, ich sah unbestimmt ein blondes Gesicht vor mir, das ich nur im Profil wahrgenommen hatte, war aber bereits unsterblich in sie verliebt. Plötzlich wurde mir klar, daß ich argumentierte, als könne von den dreien Mademoiselle d’Éporcheville nur die Blonde sein, die sich umgedreht und mich zweimal angeschaut hatte. Der Concierge hingegen hatte so etwas gar nicht gesagt. Ich kehrte zu seiner Loge zurück und fragte ihn noch einmal; er aber erklärte mir, er könne mir darüber keine genauere Auskunft geben, weil alle drei heute zum erstenmal gekommen seien, noch dazu justament, als er selbst nicht da war. Doch werde er seine Frau fragen, da diese sie schon einmal gesehen habe. Sie putzte gerade die Hintertreppe. Wer hat nicht im Lauf seines Lebens in irgendeiner Form diese mehr oder weniger köstliche Ungewißheit erlebt? Ein hilfreicher Freund hält, wenn man ihm ein junges Mädchen beschreibt, dem man auf einem Ball begegnet ist, für ausgemacht, es müsse sich um eine seiner Freundinnen handeln, und lädt einen daraufhin mit ihr zusammen ein. Könnte aber nicht zwischen so vielen anderen und einem Wesen, von dem man nur eine mündliche Schilderung gegeben hat, dennoch eine Verwechslung sich ergeben haben? Wird die Person, die man gleich sehen wird, nicht eine andere sein als die, welche man so sehr begehrt? Oder wird man gleich darauf erleben, daß einem ausgerechnet jene lächelnd die Hand entgegenstreckt, von der man gewünscht hat, daß sie es sei? Dieser letztere Glücksfall kommt ziemlich häufig vor und ergibt sich, ohne immer durch eine so überzeugende Beweisführung gerechtfertigt zu sein wie diejenige, die Mademoiselle d’Éporcheville betraf, aus einer Art von Intuition sowie aus der Tatsache, daß der Wind des Zufalls uns eben dann und wann einmal günstig weht. Dann, wenn wir sie vor uns sehen, sagen wir uns: Das ist sie. Ich erinnerte mich, wie genau ich erraten hatte, welche innerhalb der kleinen Schar am Strand promenierender junger Mädchen Albertine Simonet hieß. Diese Erinnerung weckte in mir einen durchdringenden, aber kurzen Schmerz, und als der Concierge seine Frau holen ging, stellte ich mir vor allem vor – während ich an Mademoiselle d’Éporcheville dachte, wie man es in den Minuten der Erwartung tut, in denen ein Name, eine Auskunft, die man aus nicht ganz klaren Gründen zu einem bestimmten Gesicht in Beziehung gesetzt hat, einen Augenblick lang frei zwischen mehreren tastend umherschweben, bereit, wenn sie sich an ein neues heften, das erste, über das sie einem etwas ausgesagt hatten, nachträglich wieder unbekannt, unbeschrieben und ungreifbar zu machen –, daß der Concierge mir vielleicht die Mitteilung machen würde, Mademoiselle d’Éporcheville sei im Gegenteil eine der beiden Brünetten. In diesem Fall würde das Wesen, an dessen Existenz ich glaubte und das ich bereits liebte, dessen Besitz meine Vorstellung ausschließlich beherrschte, dieses blonde, tückische Fräulein von Éporcheville, dahinschwinden, da die schicksalträchtige Antwort sie dann wieder in zwei verschiedene Elemente auflösen würde, die ich willkürlich zusammengefügt hatte, nach der Art eines Romanschriftstellers, der verschiedene der Wirklichkeit entnommene Elemente miteinander verschmilzt, um eine fiktive Person zu schaffen, zwei Elemente, die, jedes für sich allein – da der Name nicht mehr die Absicht des Blicks unterstützte – alle Bedeutung verloren. In diesem Fall würden meine Schlußfolgerungen hinfällig sein, aber wie fanden sie sich im Gegenteil bestätigt, als der Concierge kam und mir sagte, Mademoiselle d’Éporcheville sei in der Tat die Blonde! Von da an konnte ich nicht mehr an eine Homonymie glauben. Es wäre ein zu großer Zufall gewesen, daß von diesen drei jungen Mädchen die eine sich Mademoiselle d’Éporcheville nannte, daß gerade sie (und dies war eine erste sachliche Bestätigung meiner Vermutung) diejenige war, die mich in der...
| Erscheint lt. Verlag | 21.6.2020 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Angabe fehlt |
| Themenwelt | Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 19. Jahrhundert • 20. Jahrhundert • Die Flüchtige • Erinnerung • Fin de siècle • Frankfurter Ausgabe • Frankreich • Liebesromane historisch • Marcel Proust • Moderne • Proust • Roman • ST 3646 • ST3646 • Suche • suhrkamp taschenbuch 3646 • Westeuropa • Zeit |
| ISBN-10 | 3-518-76745-3 / 3518767453 |
| ISBN-13 | 978-3-518-76745-0 / 9783518767450 |
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