Das Zeitalter des Kometen #18: Lennox und der Herr der Erde (eBook)
129 Seiten
Uksak E-Books (Verlag)
978-3-7389-3969-9 (ISBN)
2
Atlantischer Ozean, 49° Nord, 28° West Oktober 2517
»… ich sehe Schnee, höre, wie er unter Stiefelsohlen knirscht, ich spüre Angst und auch Hoffnung … Er glaubt nicht wirklich an sein Ende …«
Die Frau murmelte leise vor sich hin. Unter den Planken des Kajütenbodens stampfte die Maschine, das Schaufelrad an Steuerbord quietschte, und das Schaufelrad an Backbord knarrte – Merlin musste sich konzentrieren, um jedes Wort zu verstehen. Wenigstens sprach sie einwandfreies Meerakanisch. Satz für Satz tippte er in die Tastatur seines kleinen Computers.
»… jetzt ein Schrei, bei Wudan, was für ein Geschrei! Die Schritte werden schneller. Angst; er sieht Spuren im Schnee, Spuren von Menschen, darunter seine eigenen …«
Die Frau kniete auf Merlins Lager. Die Handflächen gegen Wangen und Schläfen gepresst, bohrte sie die Stirn zwischen ihre Knie. Meistens jedenfalls. Manchmal schnellte ihr Oberkörper nach oben, dann legte sie den Kopf in den Nacken und riss den Mund auf. Manchmal richtete sie sich auch nur halb auf, wiegte ihren Oberkörper wie in Trance hin und her und biss sich auf die Unterlippe.
Das gefiel Merlin, denn es erinnerte ihn an so viele Stunden, in denen er mit ihr geschlafen hatte. Ja, bei solchen Gelegenheiten bewegte sie sich ähnlich, nur trug sie dann keinen weißen Pelz und auch keinen dunkelbraunen Wildlederanzug wie jetzt.
»… er denkt an ein Haus, er rennt und rennt … nein, kein Haus, eine Höhle …« Ihr Rücken wölbte sich, sie zog die Schultern hoch und schüttelte sich. »… nein, auch keine Höhle – ein Bunker, ja, ich sehe unterirdische Räume, Monitore, einen Sarkophag, grüne Kristallsplitter … dort will er hin, in den Bunker …«
Nur eine Holzwand trennte die Telepathin und den Mann, dessen Geist sie belauschte. Merlin hatte dafür gesorgt, dass man seinem rätselhaften Passagier die Nachbarkabine zugewiesen hatte. Jacob Blythes Bett stand direkt an der Wand. Von Zeit zu Zeit, wenn die Telepathin unter der Flut der Bilder und Gedanken verstummte, konnte Merlin den Mann trotz des Maschinenlärms und der Schaufelräder schnarchen hören. Karyaana hatte ihm ein Psychopharmakon ins Bier geträufelt. Das Tor zum Labyrinth seiner Erinnerungen stand weit offen.
Karyaana richtete sich auf. »Da ist ein Mann!«, rief sie. »Blond, groß, jünger als er selbst – er kann fliegen!« Das lange graue Haar klebte ihr in der Stirn, am Hals, in den Mundwinkeln. Ihr bronzefarbenes Gesicht glänzte von Schweiß. Merlin sah, dass ihre Hände zitterten. Den Fremden zu belauschen strengte sie an. Seit fast einer Stunde kniete sie schon hier auf Merlins Koje.
»… er spielt eine wichtige Rolle in seinem Leben; ich glaube, er sucht den jüngeren Mann … und er hasst ihn, abgrundtief …ich sehe, wie er ihn würgt, wie er ihn tritt, auf ihn einprügelt … o Wudan, dieser Hass! Jetzt wacht er auf …«
»Wie heißt der Blonde?«
»Ich konnte es nicht genau erlauschen.« Karyaana lehnte sich mit Schulter und Kopf gegen die Kajütenwand und schloss die Augen. »Locks? Oder Lennox?« Sie war erschöpft.
»Ja, Lennox. Ein Mann, der fliegen kann.« Merlin hörte die Koje in der Nachbarkajüte knarren, dann Schritte, dann öffnete sich eine Tür.
»Ruh dich aus.« Merlin speicherte seinen Text und stand auf. »Ich weiß nicht, wie lange das Mittel noch wirkt.« Er küsste Karyaana auf die Stirn, drückte sie auf die Koje und zog ein Fell über sie. »Wenn er wieder schläft, versuchen wir es noch einmal. Ich will wissen, woher er kommt und wohin er will.« Er ging zur Kajütentür. »Ich schau mal nach ihm.«
Angeblich stammte der Mann von den britanischen Inseln, und angeblich war er auf der Suche nach seinen Kindern, die mit einem Luftkissenboot über den Atlantik nach Westen gefahren waren. Merlin kannte Luftkissenboote nur aus den Datenbanken des Pentagon und der Lokiraaburg. Er neigte dazu, dem Professor zu glauben. Gleichzeitig warnte ihn aber eine innere Stimme, darin allzu eilfertig zu sein. Da war es gut, dass er mit Hilfe Karyaanas und des Neuromorphans dem Fremden in die Karten schauen konnte.
Er schloss die Kajütentür hinter sich und stieg die schmale Stiege zum Außendeck hinauf. Es war kalt, eiskalt. Die Luft roch nach Holzfeuer und Meer.
Ein Mann namens Lennox, der fliegen kann … warum denkt er nicht an seine Kinder, die angeblich Richtung Meeraka unterwegs sind?
Das Quietschen und Knarren der Schaufelräder und das Rauschen des aufgewühlten Wassers waren lauter hier draußen, dafür klang das Stampfen der Maschine gedämpfter. Matter Lichtschein warf den Schatten der oberen Balustrade auf die Stufen. Sie bewegten sich, denn die Öllampen an den Unterständen der vorderen Deckaufbauten pendelten im Wind hin und her.
Die Stufen waren feucht, teilweise sogar mit Raureif überzogen. Merlin hielt sich am kalten Geländer fest, während er hinauf aufs Oberdeck ging.
Der Mann stand an der Reling und pinkelte ins Meer. Er schwankte. Sein weißer Pelz flatterte im Wind. Merlin lehnte gegen die Balustrade und beobachtete ihn.
Blythe drehte sich um, während er die Hose schloss. »Was für ein Gesöff geben Sie ihren Kretins da zu trinken, Roots?« Er raffte den weißen Pelz um seinen dürren Körper zusammen. Die Arme vor der Brust verschränkt, wankte er auf Merlin zu. »Kein Wunder, dass die Burschen in jedes Feuer rennen – ich fühl mich, als hätte ich einen Mahlstrom im Schädel!« Er sprach laut, um sich trotz des Rauschens und Knarrens verständlich zu machen.
»Tut mir Leid, Sir.« Auch Merlin hob die Stimme. »Das Zeug ist gewöhnungsbedürftig. Aber es macht satt, und es betäubt Schmerzen und Kälte. Wir nennen es Bier.«
Der seltsame Mann – er schätzte es, mit »Professor« angesprochen zu werden – blieb vor Merlin stehen. Nur die Balustrade trennte sie. Er hielt sich mit beiden Händen am Geländer fest. »Bier … nun ja, alles hat sich also nicht verändert«, murmelte er wie zu sich selbst.
Der Wind riss an seinem blonden Haarzöpfchen. Mit linkischen Bewegungen zerrte er die Kapuze des Pelzes über seinen knochigen Schädel, bis ihm der Rachen des Izeekepirs tief in die Stirn rutschte und der ausgestopfte Schädel Merlin anglotzte.
Blythe schwankte wie die Öllampen an den Unterständen. Die Droge, ein Mohn-Derivat mit neuroleptischer Komponente, beeinträchtige auch seine Motorik. Das war der Grund, warum Merlin ihm aufs Oberdeck gefolgt war. Er wollte nicht, dass der Professor über Bord ging. Jedenfalls nicht, bevor er ihm sein Geheimnis entlockt hatte.
»Was treiben Sie eigentlich hier mitten in der Nacht, Roots?« Misstrauisch musterten die durch eine Schilddrüsenüberfunktion hervorquellenden Augen den schwarzen Merlin. »Warum schlafen Sie nicht?«
»Ich hörte Ihre Kajütentür und Ihre Schritte auf der Treppe. Es ist nicht ungefährlich, sich bei Dunkelheit an Deck zu bewegen. Die Planken sind glatt.«
Blythe winkte ab. »Um mich brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.« Er ging um die Balustrade herum und schob sich an Merlin vorbei auf die Treppe. »Nicht um mich, und so lange ich bei Ihnen bin, auch nicht um sich selbst.« Behutsam tastete er sich am Geländer entlang Stufe um Stufe hinab. »Die Vorsehung hat noch viel vor mit mir, wissen Sie?«
Das war es, was Merlin von Anfang an faszinierte hatte an diesem Mann: diese atemberaubende Selbstsicherheit, diese selbstverständliche und über jeden Zweifel erhabene Art zu reden, sich zu bewegen, seine Umgebung zu taxieren. Das war es, was Merlin sofort beeindruckt hatte, als er ihm zum ersten Mal begegnete. Die Schlächter hatten dem Professor vor etwas weniger als zwei Monaten den Weg zur Lokiraaburg gewiesen, und statt vor Angst zu zittern, wollte er ihren Herrn sprechen und hatte verlangt, dass man ihm die Festung zeigte.
Anfangs dachte Merlin, das unterwürfige Verhalten der Schlächter Blythe gegenüber rührte daher, dass er die gleiche Sprache wie die meerakanische Besatzung der Lokiraaburg sprach. Gut, das mochte eine Rolle spielen – der eigentliche Grund ihrer Ehrfurcht aber war die Aura des Unbedingten, die den Professor umgab: Das überirdische Flackern in seinen Glupschaugen, die Gesten und die Stimme, die Widerspruch nicht einmal denkbar erscheinen ließen.
Merlin vermutete, dass die Schlächter den Professor für einen Sohn der Götter hielten. So wie sie auch ihn und die anderen Meerakaner in der Basis für Göttersöhne hielten. Blythe selbst – daran zweifelte Merlin keinen Augenblick – hielt sich auf alle Fälle für etwas ganz Besonderes. Vielleicht war er das sogar. Vielleicht war er auch einfach nur übergeschnappt. Merlin würde es herausfinden.
Die Hand schon an der Klinke, drehte Blythe sich noch einmal um und sah zu ihm hinauf. »Morgen sind wir eine Woche unterwegs!« Er rief gegen das Rauschen und Rattern an. »Noch vier Wochen bis zum amerikanischen Kontinent, das haben Sie doch gesagt, oder?«
Merlin nickte. »Wenn nichts dazwischen kommt.«
Er wunderte sich einmal mehr, weil Blythe den antiken Namen für Meeraka benutzte. Kein Mensch redete so, schon seit zwei Jahrhunderten nicht mehr. Die ältesten Quellen, die »Amerika«, statt »Meeraka« schrieben, und »amerikanisch« statt »meerakanisch«, stammten aus der Regierungszeit des Präsidenten Christopher Iron Roots. Die ältesten Quellen jedenfalls, die Merlin bekannt waren. Aber als Historiker hatte er einen sehr präzisen Überblick über die Quellenlage.
Blythe am unteren Treppenabsatz schüttelte den Kopf. »Fast vierzig Tage …« Er schüttelte den Kopf. »Fast vierzig Tage, nur um eine Leiche auf die andere Seite des Großen Teiches zu schaffen …« Blythe kicherte und drückte die...
| Erscheint lt. Verlag | 24.4.2020 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| ISBN-10 | 3-7389-3969-5 / 3738939695 |
| ISBN-13 | 978-3-7389-3969-9 / 9783738939699 |
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