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Das Meer von Mississippi (eBook)

Roman
eBook Download: EPUB
2021
Heyne Verlag
978-3-641-25652-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Das Meer von Mississippi - Beth Ann Fennelly, Tom Franklin
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1927, im Süden der USA. Es regnet seit Tagen, und der mächtige Mississippi droht über die Ufer zu treten, als die Prohibitionsagenten Ingersoll und Johnson die kleine Ortschaft Hobnob erreichen. Sie sind auf der Suche nach zwei verschwundenen Kollegen, die einem örtlichen Schwarzbrenner auf der Spur waren. Am Schauplatz eines Verbrechens finden sie ein schreiendes Baby, das Ingersoll nicht zurücklassen will. Bei Dixie Clay Holliver, einer jungen Frau aus dem Ort, findet er ein Zuhause für das Kind. Die beiden mögen sich auf Anhieb, doch Ingersoll weiß nicht, dass Dixie Clay die beste Schwarzbrennerin des Landes ist und etwas mit den vermissten Ermittlern zu tun haben könnte.

Beth Ann Fennelly, 1971 in New Jersey geboren, hat drei Gedichtbände und ein Sachbuch veröffentlicht. Sie leitet den Studiengang Kreatives Schreiben an der Universität von Mississippi. Tom Franklin wurde 1963 in Dickinson, Alabama geboren. Für sein literarisches Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2019 mit dem Deutschen Krimipreis. Franklin unterrichtet an der Universität von Mississippi. Beth Ann Fennelly und Tom Franklin sind seit 1998 verheiratet und leben mit den gemeinsamen Kindern in Oxford, Mississippi.

PROLOG

4. April 1927

Dixie Clay stapfte am Ufer des angeschwollenen Bachs durch den schmatzenden Schlamm und verscheuchte mit ihrem Hut die Mücken, als sie einen Kindersarg im Wasser dümpeln sah. Er hatte sich an einem Platanenstumpf verfangen. Bei dem Gedanken, ihr Sohn Jacob, den sie vor zwei Jahren begraben hatten, könnte zurückgekehrt sein, gaben ganz kurz ihre Knie nach. Aber dann ließ sie Hut und Gewehr fallen und warf sich in den Bach.

Sie kam erst wieder zu Sinnen, als sie schon hüfttief im schäumenden kaffeebraunen Wasser stand. Das war nicht Jacob in dem Sarg. Genau genommen war es nicht einmal ein Sarg. Dixie Clay stutzte, watete näher heran und sah, dass die hölzerne Kiste von Nieten und Metallbändern zusammengehalten wurde. Sie hatte einen Schiffskoffer für Hüte vor sich.

In den dicht bewaldeten Schluchten trug der Schall manchmal kilometerweit und erzeugte das seltsamste Echo, doch niemals hätte sie hier mit Männerstimmen gerechnet. Sie waren über das Rauschen und Brodeln hinweg zu hören, was bedeutete, dass irgendwo in der Nähe herumgebrüllt wurde. Eigentlich war Dixie Clays Mann Jesse heute Nachmittag gar nicht zu Hause. Sie machte kehrt, kämpfte sich ans Ufer zurück und kletterte aus dem wirbelnden Bach, die Watstiefel voll Wasser.

Das Haus war etwa einen halben Kilometer entfernt. Dixie Clay legte die Strecke im Laufschritt zurück und war froh, ausgerechnet heute eine von Jesses alten Hosen zu tragen und die Winchester dabeizuhaben. Sie war eine leichtfüßige Frau, aber der Regen hatte ihre vierzig Hektar Land überflutet, und der knöcheltiefe, schlürfende Schlamm zerrte schmatzend an ihren Stiefeln. Sie duckte sich unter Kiefernästen durch und schlug einen Bogen um ein Brombeergestrüpp, als sie plötzlich Jesse hörte. Was er sagte, konnte sie nicht verstehen, aber da waren auch noch fremde Stimmen, mindestens zwei. Bis vor ein paar Jahren waren die Kunden zu ihnen nach Hause gekommen, aber Jesse wollte das nicht mehr. Er hatte etwas dagegen, dass sie mit anderen Männern sprach. Doch diese Fremden klangen ohnehin nicht wie Kunden.

Sie erreichte die Hügelkuppe und ließ sich auf den Bauch fallen. An der Hintertür war niemand zu sehen – die Männer mussten irgendwo vor dem Haus sein. Dixie Clay machte sich an den Abstieg und schreckte zusammen, als sie im nassen Laub ausrutschte und eine kleine Lawine aus Geröll und Kiefernzapfen lostrat. Mit mehr Vorsicht schlich sie im dunklen Baumschatten zur Hausecke. Die Stimmen waren jetzt deutlicher zu hören, die Männer aber immer noch außer Sicht. Sie war jetzt noch etwa zweihundert Meter entfernt. Um näher heranzukommen, würde sie ihre Deckung verlassen und hinter die Tulpenbäume am Ende der Wäscheleine laufen müssen. Sie duckte sich, rannte los und hatte schon den halben Weg geschafft, als ein Schuss fiel.

Sie warf sich hinter die Bäume und kauerte atemlos im Gras.

Eine fremde Stimme ertönte. »Du willst wohl, dass ich dich einfach erschieße?«

Die Antwort war nur ein Murmeln.

»Dann halt das Maul.«

Dixie Clay musste unbedingt näher heran. Sie hörte ein ratterndes Stakkato – eine Klapperschlange? Doch es war Anfang April und die Klapperschlangen noch unter der Erde. Es sei denn, der Regen hätte sie herausgespült? Sie atmete tief durch und zwang sich, nach unten zu schauen. An ihren zitternden Fingern schlug der Ehering gegen den Lauf der Winchester. Dix, sagte sie zu sich selbst. Dixie Clay Holliver. Immer mit der Ruhe.

Sie schob sich zwischen den glatten Baumstämmen durch und duckte sich wieder. Ihr Blick wanderte zu dem Graben, wo die mickrigen Rosensträucher ertrunken waren, und weiter bis zur Veranda. Und da war Jesse. Er saß im Schaukelstuhl, neben ihm standen zwei Männer. Der eine war Anfang zwanzig, glatt rasiert und gerade dabei, seine Pistole ins Schulterhalfter zurückzustecken. Der andere, älter und mit Vollbart, trug einen Homburger und lehnte am Handwagen, auf dem sich die Whiskeykisten stapelten.

Zuerst erkannte sie die Männer nicht wieder, aber dann fiel ihr ein, wie sie vor ein paar Tagen am Tresen von Amitys Laden die Stärke der verschiedenen Seile geprüft hatte, als neben ihr ein Mann aufgetaucht war. Sie hatte ihn gar nicht beachtet. »Ich frage mich, ob man damit eine kaputte Reisetasche verschnüren könnte«, sagte er und ließ ein Stück Seil zwischen den Händen schnappen. Sie tat so, als fühlte sie sich nicht angesprochen, ging zu den Angelködern weiter und überließ Amity das Reden. Trotzdem hatte sie die Blicke des Fremden auf sich gespürt. Sie war eine kleine Frau, das mochten die Männer. Sie mochten auch ihre braunen Locken und das Sternbild aus Sommersprossen auf ihrer Nase. Doch Dixie Clay konnte sich nicht darüber freuen. Lange war es her, dass sie ihre Beine zu etwas anderem gebraucht hatte, als zur Destille zu laufen, oder ihre Arme zu etwas anderem als zum Rühren von Maische.

Als sie an jenem Tag aus dem Laden auf die Straße getreten war, hatte sie den Fremden noch einmal gesehen. Er hatte an einem Auto gelehnt und sich mit einem zweiten Mann unterhalten – über sie, das war offensichtlich. Vielleicht wäre ihr, wenn sie – statt davonzueilen – einen zweiten Blick riskiert hätte, klar geworden, wer diese Männer wirklich waren. Aber Dixie Clay hatte keinen zweiten Blick riskiert. Der Regen hatte viele seltsame Typen in die Stadt gespült. Manche schleppten Sandsäcke, andere waren Ingenieure oder Reporter, wieder andere patrouillierten als Nationalgardisten auf den Deichen und hielten die Saboteure fern.

Und jetzt hatte der Regen ihnen also diese beiden Prohibitionsagenten gebracht. Dixie Clay hockte mit klopfendem Herz im Gras und spähte durch die kümmerlichen Azaleen am Fuß der Tulpenbäume. Jesse wirkte sehr klein, wie ein ungezogener Schuljunge. Seine Arme waren auf den Rücken gebogen und steckten zwischen den Streben der Schaukelstuhllehne. Vermutlich trug er Handschellen. Sie hatten ihn gefesselt, aber nicht erschossen. Sein zitronengelbes Hemd steckte noch im Hosenbund.

»Wie wäre es«, sagte der jüngere Agent und klopfte eine Lucky Strike aus dem Päckchen, »wenn wir später wiederkommen und einen Reporter von der Zeitung mitbringen?« Der ältere Mann schüttelte den Kopf, doch der jüngere sprach weiter. »Wie haben diese Typen aus Jackson es denn angestellt, dass ihr Foto in der Zeitung abgedruckt wurde? Hast du dich das mal gefragt?« Er hielt inne, schob sich die Zigarette zwischen die Lippen und entzündete ein Streichholz. »Sie haben vorher bei der verdammten Zeitung angerufen. So läuft das nämlich.« Er blies den Rauch aus und ließ das Streichholz auf die Holzplanken der Veranda fallen. »Sie fahren nicht in die Pampa und hacken auf Fässer voller Feuerwasser ein, ohne dass jemand danebensteht. Nein, Sir. Vorher rufen sie bei der Zeitung an, binden sich eine Krawatte um und schmieren sich Pomade ins Haar. Und erst wenn das Stativ steht, machen sie einen auf Jack Dempsey.«

Dixie Clay hoffte, Jesse würde in ihre Richtung sehen und ihr irgendwie vermitteln, was sie jetzt tun sollte. Aber falls er ahnte, dass sie in der Nähe war, ließ er sich nichts anmerken. Er starrte stur geradeaus, mit erhobenem Kinn. Aus dieser Entfernung wirkten seine Augen schwarz, ganz anders, als sie eigentlich waren: das rechte blau und das linke grün.

Der ältere Mann verschränkte die Arme, stützte sie auf den Griff des Handwagens und stellte einen Fuß auf die Metallstange. Er trug Brogans, keine Stiefel, was bedeutete, dass er keine Waffen an den Knöcheln trug, und ein Schulterhalfter konnte Dixie Clay auch nicht erkennen. Neben der Haustür lehnte eine Schrotflinte – möglicherweise seine einzige Waffe. »Warum willst du deine Visage unbedingt in der Zeitung sehen?«

»Du denn nicht?«, fragte der jüngere Agent zurück. »Möchtest du denn nicht, dass deine Frau bei den Abstinenzlerinnen was zum Prahlen hat? Außerdem wäre es gut für den Wahlkampf. Und wir kriegen eine Gehaltserhöhung, jede Wette.« Er steckte sich die Zigarette zwischen die Lippen und sah seinen Partner fragend an. »Stell dir doch mal vor, wie wir da hinten stehen« – er wedelte mit der Zigarette zur Brennerei hinüber – »und die Axt schwingen, dass der Whiskey nur so aus den Fässern spritzt. Die Destille ist groß, noch größer als die, die sie neulich in Sumner hochgenommen haben, das garantiere ich dir. Und im letzten Monat hatten wir so wenige Verhaftungen, dass wir uns nicht mal ein Steak im Restaurant leisten konnten.«

»Hier draußen gibt es kein Telefon. Wir müssten in die Stadt zurückfahren, die Zeitung anrufen und wieder herkommen. Das würde fast eine Stunde dauern.«

»Dann sollten wir uns auf den Weg machen, bevor es dunkel wird. Ich hole das Auto.«

Zum ersten Mal sagte Jesse etwas. »Meine Herren …«

Der ältere Mann wirbelte augenblicklich herum und versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht, so heftig, dass der Schaukelstuhl sich auf den Kufen wiegte, für eine Sekunde auf der gebogenen Spitze innehielt und dann wieder nach vorn kippte.

Dixie Clay hatte nicht gezielt, sie hatte nicht einmal schießen wollen, aber plötzlich zischte eine Gewehrkugel über das Hausdach hinweg. Die Männer zuckten zusammen und warfen sich zu Boden, so wie Dixie Clay selbst. Der Bärtige kroch hinter die Whiskeykisten, der andere hinter Jesses Schaukelstuhl. Dixie Clay starrte erschreckt nach unten, auf die Winchester. Nun würden sie bestimmt noch größeren Ärger bekommen, denn auf keinen Fall würde sie zwei Prohibitionsagenten erschießen, nur um Jesse zu...

Erscheint lt. Verlag 24.5.2021
Übersetzer Eva Bonné
Verlagsort München
Sprache deutsch
Original-Titel The Tilted World
Themenwelt Literatur Historische Romane
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Baby • Deutscher Krimi Preis • eBooks • Flutkatastrophe • Historische Kriminalromane • Historische Romane • Hochwasser • Krimi • Krimibestenliste • Kriminalromane • Krimis • Mississippi-Flut • Prohibition • Schwarzbrenner • Südstaaten • Überschwemmung • Waisenkind
ISBN-10 3-641-25652-6 / 3641256526
ISBN-13 978-3-641-25652-4 / 9783641256524
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