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Das Amulett der Heilerin (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2020 | 1. Auflage
416 Seiten
Aufbau digital (Verlag)
978-3-8412-2478-1 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Das Amulett der Heilerin - Gabriele Breuer
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Im Frühjahr des Jahres 1436 zieht die junge Seiltänzerin Alessandra mit ihrer Gauklertruppe durch die Pfalz. Ihr Ziel ist Bacharach, wo am Ostersonntag ein Jahrmarkt stattfinden soll. Unterwegs finden sie durch Zufall einen verletzten Mann. Alessandra verliebt sich unsterblich in den fremden Ritter und durch ihre Heil- und Kräuterkunde gelingt es ihr den Mann gesund zu pflegen. Aber Simon ist bereits einer Adligen versprochen, und Alessandra gerät als Heilerin schon bald ins Visier der Inquisition und wird als Hexe angeklagt ...

 Der Titel ist vormals unter dem Titel 'Die Seiltänzerin' bei Ullstein Buchverlage GmbH erschienen.



Gabriele Breuer, geboren 1970, lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Köln. Sie arbeitet in einem Seniorenheim und schreibt in ihrer Freizeit gerne historische Romane. 

Kapitel 1


Die Herrin der Lüfte zu sein, über dem Boden zu schweben, über allen anderen… Dabei erhaben, voller Anmut und von allen Menschen bewundert. Alessandra betrachtete versonnen das Seil und spürte, wie sich ihr Bauch vor Freude zusammenzog.

»So müsste es halten. Sieh selbst.« Ihr Großvater hängte sich mit beiden Händen an das Hanfseil, das er kurz zuvor zwischen zwei Eichen am Ufer des Rheins gespannt hatte. Seine karminroten Pluderhosen flatterten im Wind. Er stellte sich wieder hin, ließ das Seil los und rieb sich die Hände. Mit einem Lächeln wandte er sich Alessandra zu. »So, mein liebes Kind, jetzt zeig mir, wie anmutig du darauf tanzen kannst.«

Alessandra ließ sich von ihm auf das Seil heben. Als sie das Gleichgewicht gefunden hatte, löste sie sich von dem Baumstamm und lächelte ihren Großvater an.

»Bis du soweit?« Die Enden von Silvios ergrautem Schnauzbart zitterten leicht.

»Ja, Papo, das bin ich.« Alessandra hob den Blick und schaute auf das Siebengebirge auf der anderen Seite des Rheins. An manchen Stellen verwandelte sich das triste Braun bereits in ein zartes Grün. Dann schloss sie die Augen. Unter ihren bloßen Füßen fühlte sie den rauen Hanf. Die Arme ausgestreckt, setzte sie einen Fuß vor den anderen und schwebte über dem Boden. Die Natur hatte nicht vorgesehen, dass die Menschen fliegen konnten – doch sie konnte es. Sie war frei. Frei wie die Herrin der Lüfte. Mühelos balancierte sie über das Seil, ließ ihre Welt unter sich und flog in Gedanken über das blaue Band des Rheins, hinauf zu den schönsten Burgen des Landes.

Ihr Großvater applaudierte. »Wunderbar, mein Kind. Die Zuschauer auf den Marktplätzen werden dir zu Füßen liegen. Und unsere Truhe wird sich mit Kupfermünzen füllen.« Seine Stimme zitterte vor Stolz.

Alessandra sprang vom Seil und lockerte in dem kühlen Gras ihre Zehen. Ihr Großvater legte den Arm um ihre Schulter und drückte sie an sich. »Ich habe eine gute Nachricht für dich.« Ein verschmitztes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Stell dir vor, Sami hat bei mir um deine Hand angehalten. Ist das nicht großartig?« Er sah seine Enkelin erwartungsvoll an.

Alessandra fühlte, wie sich ihr Hals zuschnürte. Sie riss sich von ihrem Großvater los und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. »Denke nicht einmal daran! Diesen aufgeblasenen Gockel werde ich niemals heiraten«, zischte sie.

»Bist du von Sinnen?« Ihr Großvater hob die buschigen Augenbrauen. In seinen dunklen Augen spiegelte sich Unverständnis. »Sami ist ein stattlicher junger Mann. Die Mädchen des Stammes umschwärmen ihn wie die Motten das Feuer! Jede von ihnen träumt davon, dass er um ihre Hand anhält.«

»Dann soll er doch eine von ihnen heiraten. Mich jedenfalls nicht!« Sie wollte sich abwenden, doch ihr Großvater hielt sie an der Schulter zurück.

»Alessandra, was ist bloß in dich gefahren? Er ist der wohlhabendste Erbe des Stammes. Sein Vater besitzt einen Tanzbären, mit dem er auf den Jahrmärkten ein Vermögen verdient.«

Alessandra schob trotzig die Unterlippe vor. »Pah, das Geld interessiert mich nicht. Mit meinem Seiltanz verdiene ich genug, um nicht hungern zu müssen.«

Ihr Großvater band sich das graue Haar, das auf seinen Schultern lag, zu einem Zopf. »Das ist nun dein achtzehnter Frühling, meine Liebe. Andere Mädchen in deinem Alter sind längst verheiratet.« Seine Stimme nahm einen scharfen Ton an. »Du musst Nachkommen gebären, damit unser Stamm nicht ausstirbt.« Er griff nach ihrem Oberarm.

»Das ist doch nicht alles, wofür ich auf der Welt bin!«, keifte Alessandra und entzog sich ihm abermals. »Wenn du mich zwingst, laufe ich davon!« Sie raffte ihre buntgeflickten Röcke und verschwand zwischen den Zelten der Schausteller. Erst als sie den Blick ihres Großvaters nicht mehr in ihrem Rücken spürte, verlangsamte sie den Schritt. Außer Atem lehnte sie sich an die Speichen eines Wagenrads und wischte sich mit einem Ärmel den Schweiß von der Stirn. In ihren Augen brannten Tränen. Warum nur wollte Papo sie so schnell verheiraten? Voller Unwillen runzelte sie die Stirn, als sie an Sami dachte. Er konnte die Finger nicht von den Frauen lassen. Fand sich unwiderstehlich, als wäre er der schönste Mann der Welt. Sie war davon überzeugt, dass Sami niemals nur einer Frau treu sein konnte. Er brauchte das Gefühl, umschwärmt zu sein wie die Luft zum Atmen. Alessandra schüttelte angewidert den Kopf und blickte zu der dunkelblauen Spitze, die zwischen den anderen Zelten emporragte. Immer, wenn Kummer an ihrem Herzen nagte, führte ihr Weg sie zu Sanchari. Solange sich Alessandra erinnern konnte, hatte die alte Wahrsagerin ein offenes Ohr für sie gehabt, hatte ihr die Mutter ersetzt, die bei ihrer Geburt gestorben war. Sicher fand ihre Freundin auch diesmal einen Ausweg.

Aus der Ferne hörte sie den Tanzbären brummen und schüttelte erneut verächtlich den Kopf. Ihr Großvater war ein Narr. Was dachte er? Der Bär lebte bestimmt nicht länger als Samis Vater, so grau wie er schon war. Das Geld wäre schnell aufgebraucht, und dann hatte Sami nur noch seine Kugeln, mit denen er auftrat.

Die goldenen Sterne auf der dunkelblauen Zeltplane glitzerten in der Frühlingssonne. Alessandra hielt für einen Moment inne und fuhr mit den Fingerspitzen über den Stoff. Dann schob sie ihn zur Seite und spähte in das Innere des Zeltes. Nachdem sich ihre Augen an das dämmerige Licht gewöhnt hatten, erblickte sie Sanchari, die im Kerzenschein getrocknete Blätter in einer Schale verbrannte. Vor ihr auf dem Tisch lagen in ordentlichen Reihen die Karten, aus denen sie die Zukunft las. In den dichten Rauchschwaden, die sie umgaben, wirkte die alte Wahrsagerin fast gespenstisch.

»Tritt nur ein, mein Kind«, murmelte sie, ohne den Blick von den Karten zu heben.

Wortlos betrat Alessandra das Zelt.

»So ruhig heute?« Sanchari erhob sich von ihrem Schemel und drehte sich zu ihr um.

»Was bedrückt dich, Alessa?« Die alte Frau strich ihr über die Wangen. Ihr Atem roch nach Zwiebeln und Minze.

Alessandra hatte das Gefühl, dass ihr Sancharis smaragdfarbene Augen bis in die Seele schauten. Sie seufzte schwer, richtete den Blick auf den lehmigen Boden und glättete mit der Hand die Falten ihrer Röcke.

»Erzähle mir, was meinem schönen Mädchen die Sprache verschlagen hat.« Sanft hob die Wahrsagerin mit dem Zeigefinger ihr Kinn und zwang sie, ihr in die Augen zu sehen.

Um nicht in Tränen auszubrechen, versuchte sich Alessandra auf die goldenen Fäden in Sancharis Kopftuch zu konzentrieren.

»Du kommst hierher und blickst mich stumm an. Wie soll ich dir da helfen?« Sanchari drückte sie sanft auf den Holzschemel. »Sag mir, was los ist.« Sie stemmte die Hände in die Hüften, die von einer rostroten Schürze umhüllt wurden.

Alessandra versuchte zu schlucken, doch ihre Kehle war so trocken, dass sie husten musste.

»Hier trink, das wird dir helfen und vielleicht auch deine Zunge lösen.« Sanchari reichte ihr einen Becher mit verdünntem Wein.

»Sami hat bei Großvater um meine Hand angehalten. Und er hat zugestimmt.« Alessandra konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Sanchari hob die Augenbrauen. Sie griff nach dem zweiten Schemel, ließ sich neben Alessandra nieder und legte sich ihre mit Henna gefärbten Zöpfe auf den Rücken. »Silvio meint es gut mit dir. Und Sami ist doch ein hübscher Kerl. Ich finde, er passt zu dir.« Alessandras goldenes Amulett blitzte im Schein der Kerze. »Sieh dich an, Alessa. Deine Augen funkeln wie große, schwarze Perlen und deine dunkle Lockenpracht reicht bis zu deiner Hüfte. Ich kann verstehen, dass er gern seine Hände darin vergraben würde.« Ehrfürchtig griff sie nach Alessandras Haar und ließ es durch ihre Finger gleiten. »Du kannst froh sein, dass Silvio dich keinem alten Mann versprochen hat.« Die Wahrsagerin nahm die Karten vom Tisch auf, klopfte sie energisch zusammen und legte sie in ein goldenes Kästchen mit Deckel. »Also, warum sträubst du dich so?«

»Ich will nicht heiraten. Du hast doch auch niemals geheiratet. Warum muss ich es denn unbedingt tun?« Alessandra zog die Nase hoch und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen. »Ich kann Sami nicht ausstehen. Warum wartet Papo nicht, bis ich einen Mann gefunden habe, den ich mag?« Alessandra hob den Deckel des Kästchens an. Versonnen blickte sie auf die oberste Karte, die einen Ritter auf einem Schimmel darstellte.

»Willst du warten, bis ein Prinz kommt und dich mit auf sein Schloss nimmt? So wie in den Märchen, die ich dir erzählt habe, als du noch ein kleines Mädchen warst?«

Alessandra konnte gerade noch die Finger fortziehen, bevor Sanchari den Deckel des goldenen Kästchens zuklappte.

»Nimm dir bitte kein Beispiel an mir. Meinst du, ich hätte mich nie nach den beschützenden Armen eines Mannes gesehnt?«

Alessandra schüttelte den Kopf. »Ich würde mich niemals nach Sami sehnen.«

»Sami ist nicht besonders helle. Wenn du es geschickt anstellst, wird er dir jeden Wunsch von den Augen ablesen.« Sanchari erhob sich von ihrem Schemel.

»Schau in deine Karten, und du wirst sehen, dass ich Sami niemals heiraten werde«, entgegnete Alessandra entschlossen.

»Wir Fahrenden sagen uns niemals gegenseitig die Zukunft voraus. Das weißt du, Alessandra. Und ich werde bestimmt nicht wegen dir dieses Gesetz brechen.« Sanchari griff nach ihrem Umhang aus grober...

Erscheint lt. Verlag 10.4.2020
Reihe/Serie Liebe, Tod und Teufel
Liebe, Tod und Teufel
Liebe, Tod und Teufel
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte geheime Liebe • Liebe • Mittelalter • Seiltänzern • versprochene Ehe
ISBN-10 3-8412-2478-4 / 3841224784
ISBN-13 978-3-8412-2478-1 / 9783841224781
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