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Das Zeitalter des Kometen #17: Lennox und die Mission im Orbit -  Jo Zybell

Das Zeitalter des Kometen #17: Lennox und die Mission im Orbit (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2020 | 1. Auflage
259 Seiten
Uksak E-Books (Verlag)
978-3-7389-3816-6 (ISBN)
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2,99 inkl. MwSt
(CHF 2,90)
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Eine kosmische Katastrophe hat die Erde heimgesucht. Die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Die Überlebenden müssen um ihre Existenz kämpfen, bizarre Geschöpfe sind durch die Launen der Evolution entstanden oder von den Sternen gekommen, und das dunkle Zeitalter hat begonnen. In dieser finsteren Zukunft bricht Timothy Lennox zu einer Odyssee auf ... Die letzten Tage der ISS vor dem Einschlag des Kometen Alexander-Jonathan werden zu einem blindwütigen Krieg der Besatzungsmitglieder. Jeder glaubt, ein Patentrezept zum Überleben zu haben. Der letzte Überlebende hinterlässt genaue Aufzeichnungen. Tim Lennox wird vom WCA mit einer kleinen Mannschaft in einem Space Shuttle zur Raumstation geschickt und trifft dort nicht nur auf die traurigen Überreste der verstorbenen Besatzung. Ein heimtückischer Feind hat sich hier ausgebreitet und kennt keine Gnade.

6


ISS, 7. Dezember 2011

Der Japaner hantierte mit Pipette und Reagenzgläsern; der kahlköpfige Russe hielt sich an den Griffen des Arbeitstisches fest und beugte sich über das Elektronenmikroskop; der Franzose beobachtete den Monitor des Quantencomputers. In kurzen Abständen wanderte sein Blick von den Daten auf dem Bildschirm zu Bernstein. Und manchmal auch zur Konsole mit den Kommunikationsgeräten. Doch der Monitor dort blieb dunkel. Über eine Stunde war vergangen; Houston hatte sich noch nicht wieder gemeldet.

»Okay.« Jarnyszin hob den Kopf vom Doppelokular und setzte seine schwarze Hornbrille auf. »Laser einschalten«, sagte er mit ruhiger Stimme. Oshi Domoto hatte die Probe aus der Pilzkultur aufs Objektiv geträufelt. Nun drehte er sich um und drückte den Knopf für den Atomlaser. Der Russe blickte sich kurz nach dem Monitor mit den Analysedaten um. Danach nahm er die Brille wieder ab, steckte sie in die Brusttasche seines blauen Baumwollhemdes und presste die Augen erneut gegen das Doppelokular des Elektronenmikroskops. »Stufe zwei … Stufe drei … vier … fünf …« Nach seinen Anweisungen steigerte Domoto die Energiezufuhr des Lasergeräts. Gleichzeitig beobachtete er einen der Monitore.

Domoto war Anfang vierzig, hatte aber die weichen, glatten Gesichtszüge eines Halbwüchsigen. Seine schmächtige Gestalt und der Haarzopf unterstrichen diesen Eindruck noch. Dr. Oshi Domoto war Mediziner. Sein Spezialgebiet: Neurologie und Genetik.

Der Monitor lag in Bernsteins Blickfeld. Er sah ein Gebilde darauf, das ihn an einen Kupferstich mit dem Motiv des brennenden Dornbuschs erinnerte und beim zweiten Blick an zerfranste Lungenbläschen inmitten kleinster Bronchialverästlungen. In Wahrheit aber sah der Commander die hunderttausendfache Vergrößerung eines Pilzes.

So viel wusste auch er.

Sean Bernstein hatte nicht viel verloren hier im Columbus-Modul. Die Labormodule waren die Arbeitsplätze der fünf Wissenschaftler an Bord der ISS. Er war Techniker und Pilot. Sein Platz war im Transhab-Modul vor den Kontrollinstrumenten des Navigationscomputers, oder im Zarya-Modul, wo die Gastanks und die Steuerungselemente untergebracht waren. Aber dort hielt jetzt niemand die Stellung. Taurentbeque hatte den Commander gezwungen, ihn ins Labor des Columbus-Moduls zu begleiten. Der Mikrobiologe wollte ihn offensichtlich nicht aus den Augen lassen.

Ruhig bleiben, sagte sich Bernstein, jede Eskalation im Keim ersticken. Warte auf deine Stunde – auf diese Strategie hatte Bernstein sich festgelegt.

»Gut, und jetzt wieder runter auf drei.« Sergej Jarnyszin gab dem Japaner ein Handzeichen.

»Gott im Himmel – die Pilze haben sich ja verzehnfacht! Seht ihr die roten Stäbchen zwischen den Chlorophyll-Molekülen? Was sagst du dazu, Lou? Das ist doch Sauerstoff, oder was behauptet der Computer?«

Verbissener als sonst konzentrierten sie sich auf ihre Experimente. Es entging Bernstein nicht. Nur nicht hinsehen, nur nicht über die Situation an Bord reden – das schien ihre Devise zu sein. Bernstein hätte schreien mögen.

Seine Gedanken kreisten um Marsha. Hagen, dieser Eisberg – würde er sich benehmen können? Wie alle hatte er seit Wochen keine Frau gehabt. Wie alle, außer Bernstein. Hagen war Gentleman, Hagen war Akademiker, Hagen war die personifizierte Selbstkontrolle, und dennoch: Wer eine Meuterei in einer Raumstation anzettelte, wer die NASA unter Druck setzte, wer Kollegen bedrohte – war so einem nicht alles andere auch zuzutrauen?

»Sauerstoff? Schon möglich.« Von einer Sekunde auf die andere hatte Taurentbeque nur noch Augen für die beiden Monitore. Für den mit den Messdaten und den, der wiedergab, was Jarnyszin im Elektronenmikroskop sah. »Der Rechner hält es für Stickstoff und Phosphor.«

»Und diese roten Strukturen?« Domoto zog einen Stift aus der Brusttasche seines Hemdes.

Alle bis auf Marsha trugen sie diese blaue Baumwoll-Hemden mit weißen Nähten und Knopfleisten. »Das ist kein Gas.« Er beugte sich zum Monitor, vor dem der Franzose saß, und zeigte mit dem Stift auf die feinen Stäbchen. »Vergrößere, Sergej. Das könnte ein Peptid sein. Ein Enzym vielleicht, oder ein Hormon?«

Mit den Feinheiten der mikrobiologischen und genetischen Experimente war Bernstein nicht vertraut, wie gesagt. Aber selbstverständlich wusste er grob, worum es ging. Immerhin hatte die NASA die Besatzung von üblicherweise sieben auf acht Astronauten aufgestockt. Für so wichtig hielt man das seit sechs Jahren laufende Forschungsobjekt, dass man einen zusätzlichen Wissenschaftler mit an Bord genommen hatte.

Und das war es auch: Das Wissenschaftsteam experimentierte mit Pilzen, die in einer Symbiose mit Pflanzen lebten. Ein derartiges Bündnis – eine sogenannte Mykorrhiza, auch diesen Begriff hatte der Commander sich gemerkt – war gang und gäbe auf Erden. Seit Jahrmillionen schon. Die Pilze versorgten die Pflanzenwurzeln unterirdisch über ein Geflecht von Fäden mit Mineralien, und die Pflanze revanchierte sich mit organischen Nährstoffen aus Abfallprodukten der Photosynthese.

Genau diese von der Evolution geschaffenen Symbiose wollten die europäischen und japanischen Wissenschaftler nun für die Raumfahrt nutzbar machen. Zu dem Zweck hatten sie zwei Pilzarten genetisch verändert und ihnen synthetische Wachstumshormone eingebaut. Das Hauptziel: Die Nutzpflanzen im Gewächshaus des Observatoriums auf dem Mond sollten schneller wachsen. Und langfristig auch die Pflanzen in den geplanten Gewächshäusern, die eine für 2019 geplante zweite Marsexpedition auf dem roten Planeten errichten sollte. Die erste, von einem zivilen Finanzier geförderte Marsmission war im Jahr zuvor verschollen.

Und das Nebenprodukt der Experimente: Man wollte einen Weg finden, Stickstoff und vor allem Sauerstoff für das Leben im All zu produzieren. Für Daueraufenthalte in der Raumstation und zukünftigen Planetenkolonien brauchte die NASA einen sicheren und billigen Weg zur Herstellung von Atemluft. Ein spannendes Abenteuer also für einen leidenschaftlichen Raumfahrer, wie Commander Sean Bernstein einer war.

»Sieht gut aus«, sagte Taurentbeque.

»Stickstoffproduktion um vierzig Prozent gestiegen …« Er las die Analysedaten von einem der Bildschirme ab. »Phosphor siebzehn Prozent, Chlorophyllmoleküle einundzwanzig Prozent …« Sein Interesse an Bernstein schien erloschen. »… Karotinoidmoleküle dreizehn Prozent – hoppla, was haben wir denn da?«

»Sauerstoffmoleküle«, sagte Domoto. »Es sind Sauerstoffmoleküle, ohne Zweifel!« Er spähte zu den Terrarien. Die rechteckigen Glaskästen enthielten Humus und verschiedene Pflanzen: Kartoffelpflanzen, Spinat, eine junge Eiche, ein Apfelbäumchen, Wirsing und Sojastauden. »Ich denke, der Geosiphon ist so weit. Setzen wir ihn dem Grünzeug in den Pelz.«

Geosiphon – so hieß einer der beiden Pilze, mit denen an Bord der ISS experimentiert wurde. Jochpilz hieß er für Laien, wenn Bernstein sich recht erinnerte. Den Namen des zweiten Pilzes konnte er sich besser merken: Aspergillus Niger, schwarzer Gießkannenschimmelpilz. Mit ihm wurde im Destiny-Modul experimentiert.

Das Destiny-Modul diente vor allem medizinischen Experimenten. Domoto versuchte ein neuartiges Antibiotikum aus dem Schimmelpilz zu gewinnen. Dazu hatte er ihn mit Wachstumshormonen verändert.

Taurentbeque und Jarnyszin hatten den vergrößerten Pilz tatsächlich dazu gebracht, Sauerstoff zu produzieren.

»Aber diese rötlichen Strukturen …« Mit gerunzelter Stirn blickte Jarnyszin ins Elektronenmikroskop. Er wirkte unzufrieden. Viel hatte das nicht zu bedeuten: Der kahlköpfige Russe mit der Hornbrille wirkte meistens mürrisch und melancholisch. »Das ist kein Sauerstoff, das ist kein Stickstoff, das ist tatsächlich ein Peptid, aber was für eins, will ich wissen.«

»Vielleicht ein mutiertes Somatotropin«, sagte Domoto. »Versuch es mit dem Laser zu isolieren. Wir werden es analysieren.« Er wandte sich an den Franzosen. »Holt ihr die Kulturen?« Ein scheuer Seitenblick traf Bernstein. »Vielleicht hilft dir Sean.«

Der Commander nickte und mimte den Gleichgültigen. Dabei schlug sein Herz plötzlich so schnell, dass er meinte, man müsste seine Halsschlagader pulsieren sehen: Die Pilzkulturen steckten in den Brutschränken des japanischen Labor-Moduls. Und was rückte im Kibo-Modul in greifbare Nähe? Das Geheimfach im mittleren Laborschrank. Die Schusswaffe. Bernstein konnte sein Glück nicht fassen.

Der Franzose schob sich an ihm vorbei. Ihre Blicke trafen sich kurz. Zwing mich nicht zum Äußersten, schien der Blick Taurentbeques zu sagen. Bernstein drehte sich noch einmal um. Weder Domoto noch Jarnyszin kümmerten sich noch um ihren verdammten Pilz. Sie belauerten ihn, als wäre er der Meuterer und nicht der Franzose. »Ich werd mich gelegentlich bei euch bedanken«, zischte der Commander.

Hinter Taurentbeque her zog er sich an der Haltestange durch das Zwischenschott und dann durch den Verbindungstunnel zum Kibo-Modul. Das japanische Labormodul und das Columbus-Modul lagen sich praktisch gegenüber. Nur ein kurzes Verbindungsstück trennte sie, von dem aus man auch nach oben in die Zentrifuge und nach links über das Destiny-Modul in die unterhalb der Sonnensegel liegenden Abschnitte der Internationalen Raumstation gelangen konnte.

»Ich versteh dich nicht, Lou«, sagte Bernstein. »Einerseits willst du nicht zurück auf die Erde, weil du den Weltuntergang fürchtest, und andererseits butterst du Kraft und Zeit in solche Experimente, als hätten wir noch ein Zukunft. Was soll das? Ich versteh es nicht.« Unter dem geschlossenen Schott der Zentrifuge hindurch hangelte sich Taurentbeque der runden...

Erscheint lt. Verlag 10.3.2020
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Fantasy / Science Fiction Science Fiction
ISBN-10 3-7389-3816-8 / 3738938168
ISBN-13 978-3-7389-3816-6 / 9783738938166
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