Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de

Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance (eBook)

Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss
eBook Download: EPUB
2020 | 1. Auflage
224 Seiten
Piper Verlag
978-3-492-99618-1 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance -  Jeremias Thiel
Systemvoraussetzungen
12,99 inkl. MwSt
(CHF 12,65)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen
Als Jeremias Thiel elf Jahre alt ist, macht er sich auf den Weg zum Jugendamt. Er hält es zu Hause nicht mehr aus, hat Angst, der Armut und Verwahrlosung, die dort herrschen, niemals entkommen zu können. Seine Eltern sind psychisch krank und leben von Hartz IV, die häusliche Situation ist mehr als schwierig. Von da an lebt er im SOS-Jugendhaus, bis er als Stipendiat auf ein internationales College geht und im Herbst 2019 sein Studium in den USA beginnt. Er ist sich sicher, dass viele, die in ähnlichen Verhältnissen leben, nicht die Möglichkeit haben, sich daraus zu befreien. In diesem Buch erzählt Jeremias seine Geschichte und liefert zugleich einen bewegenden und aufrüttelnden Appell für mehr soziale Gerechtigkeit.

Jeremias Thiel, geboren 2001 in Kaiserslautern, wuchs unter schwierigen Bedingungen auf: Die Eltern sind langzeitarbeitslos, das Geld ist immer knapp. Als er elf ist, verlässt Jeremias die Familie auf eigene Initiative und lebt von da an im SOS-Kinderdorf. 2019 machte er Abitur am UWC in Freiburg. Derzeit studiert er Umwelt- und Politikwissenschaften am renommierten St. Olaf College in Minnesota.

Jeremias Thiel wurde 2001 in Kaiserslautern geboren. Er und sein Zwillingsbruder wuchsen unter schwierigen Bedingungen auf, die Eltern sind beide langzeitarbeitslos und das Geld ist immer knapp. Die Eltern sind psychisch krank und beide oft nicht in der Lage, sich um die Kinder zu kümmern. Als Jeremias 11 ist, spitzt sich die Situation so dramatisch zu, dass er seine Familie auf eigenen Wunsch verlässt. Von da an lebt er in einem SOS-Kinderdorf . Im Frühjahr 2019 wird er sein sein Abitur am internationalen College in Freiburg absolvieren und danach sein Studium in den USA aufnehmen.

Prolog: Der Verrat


Der letzte Abend, den ich in meiner Familie verbracht habe, war der 10. September 2012. Nein, eigentlich stimmt das nicht. Ich habe ihn nicht mit meiner ganzen Familie verbracht, sondern mit meinem Zwillingsbruder Niklas und meinem Halbbruder Stephan, der eigentlich bei einer Pflegefamilie in Polen lebte und uns zu dieser Zeit besuchte. Bis dahin hatte ich ihn noch gar nicht gekannt, aber in den Monaten, als er bei uns war, haben wir viel miteinander unternommen. Ab und zu sind wir mit dem Sozialausweis unserer Eltern ins Freibad gefahren. An sehr viel mehr erinnere ich mich nicht mehr. Meine Mutter hatte meinen Halbbruder irgendwann rausgeworfen, als er zwanzig war. Sie kam überhaupt nicht mit ihm klar.

An diesem Abend im September 2012 war ich elf. Ein kleiner, schmächtiger Elfjähriger, Schüler der sechsten Klasse, Gesamtschule Bertha von Suttner, Kaiserslautern. Bis zu diesem Abend hatte ich mir alle Mühe gegeben, so etwas wie ein Familienleben aufrechtzuerhalten. Ich habe morgens alle aufgeweckt, meinen Bruder für die Schule fertig gemacht, uns Frühstück gemacht, so gut ich konnte. Nach der Schule habe ich eingekauft, Geld am Automaten geholt und ab und zu geholfen, wenn mal wieder ein Antrag ausgefüllt werden musste. Doch allmählich spürte ich, dass das so nicht weiterging. Ein elfjähriger Junge kann nicht die Verantwortung für seine Eltern übernehmen, schon gar nicht für seine ganze Familie. Und schon dreimal nicht für eine Familie wie unsere. So klar war mir das an diesem Abend allerdings nicht, es war mehr ein undeutliches Gefühl. Eine Art Panik, die in mir aufstieg. Ich wusste nicht, dass ich mir etwas Unmögliches aufgehalst hatte. Ich wusste nur, dass ich total überfordert war und nicht mehr konnte. Ich brauchte Hilfe, und zwar ganz schnell.

 

Unsere Familiensituation war damals mehr als schwierig. Meine Mutter leidet, so vermute ich, unter ADHS und war lange Zeit spielsüchtig. Mein Vater leidet unter einer bipolaren Störung – früher sagte man wohl manisch-depressiv dazu – und war zu dieser Zeit am tiefsten Punkt einer manischen Phase angekommen. Außerdem wohnte er damals gar nicht bei uns in der Wohnung. Meine Eltern hatten schon zwei Jahre zuvor entschieden, dass sie nicht mehr miteinander leben wollten. (Inzwischen haben sie sich wieder zusammengetan und sogar wieder geheiratet.) Daraufhin ist meine Mutter mit uns Kindern in unserer Familienwohnung geblieben, mein Vater ist ein Stockwerk tiefer gezogen. Dort lebte er mehr schlecht als recht in einer Einzimmerwohnung. Wenn seine psychischen Probleme zu groß wurden, lag er in dem abgedunkelten Zimmer im Bett, neben sich ein Rucksack voller Tabletten, hauptsächlich Psychopharmaka. Meine Tante kam ab und zu mal vorbei, um bei ihm zu putzen. Und ich besuchte ihn auch ziemlich oft. Wenn es oben zu laut und hektisch wurde oder wenn es Streit gab, zog ich eine Weile zu ihm. An diesem letzten Abend habe ich bei ihm noch ein Computerspiel gespielt: einen Bus-Simulator, mit dem ich durch New York City fuhr. Ich kann mich an vieles an diesem Abend nicht mehr gut erinnern, aber dieses Computerspiel sehe ich noch ganz genau vor mir.

Die Situation meiner Eltern war also schon ziemlich schwierig. Beide waren nicht in der Lage zu arbeiten, hatten nie wirklich gearbeitet, lebten von Hartz IV und trieben haltlos durch einen chaotischen Alltag, der keine Struktur hatte. Und dann war da noch mein Zwillingsbruder Niklas. Er lebte eigentlich auch nicht bei uns, sondern war schon seit zwei Jahren in einer Spezialeinrichtung für Kinder mit besonderem Förderungsbedarf untergebracht. Auch davor hatte er einige Tageseinrichtungen durchlaufen, weil meine Mutter nicht mit ihm zurechtkam und weil seine Schulprobleme zu groß geworden sind. Im Sommer 2012 wohnte er aber gerade bei uns, weil er einen Fahrradunfall hatte und danach viermal am Bein operiert wurde. Während die Verletzung ausheilte, war er von der Einrichtung freigestellt. Zur Schule ging er in dieser Zeit nicht.

Eine ADHS-kranke, oft aggressive und dazu spielsüchtige Mutter. Ein manisch-depressiver Vater. Und ein ADHS-kranker Bruder. Alle drei nicht in der Lage, Verantwortung für sich oder andere zu übernehmen. Alle drei total darauf angewiesen, dass sich jemand um sie kümmerte. Und dieser Jemand …

Tja, dieser Jemand war ich.

An diesem Abend im September ist meine Mutter ausgegangen und hat uns – Stephan, Niklas und mich – in der Wohnung eingeschlossen. Da wir befürchteten, sie könnte tagelang nicht wiederkommen, und wir keine Ahnung hatten, wann sie uns wieder aus der Wohnung lassen würde, war es ein ziemliches Drama. Zum Glück konnten wir aus dem Fenster nach meinem Vater rufen, der einen Schlüssel zu unserer Wohnung hatte und uns schließlich befreite. Das hatte er schon ein paarmal getan. Doch diesmal hörte er unser Rufen nicht sofort, und die Nachbarn riefen die Polizei. Die Beamten, die dann herbeigeeilt kamen, unternahmen allerdings nichts weiter, weil mein Vater ja da war und uns bereits befreit hatte.

Dieses Ereignis war wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Denn an diesem Abend stand ich da und wusste auf einmal, dass ich so keinen einzigen Tag mehr weitermachen konnte und würde.

Die Angst ist einfach zu groß geworden. Nicht nur, weil ich nicht wusste, wo meine Mutter war und wann sie wiederkommen würde. Ich hatte auch furchtbare Angst, in diesem irrsinnigen Leben stecken zu bleiben. Ich wusste damals nicht, dass es dafür einen Namen gibt: Kinderarmut. Ich wusste auch nicht, dass es Statistiken und wissenschaftliche Studien darüber gibt. Ich wusste nur, dass mein Leben nicht in Ordnung war. Jeden Tag in der Schule konnte ich sehen, wie meine Mitschüler*innen lebten. Die wenigsten von ihnen kamen aus besonders wohlhabenden Familien, aber sie führten trotzdem ein normales Leben. Ein ganz normales Kinderleben, in dem ihnen die meisten Sorgen von ihren Eltern abgenommen wurden. Ganz abgesehen von alltäglichen Dingen, die für sie selbstverständlich waren: Kino, Urlaub, ordentliche Schulsachen und ein Pausenbrot, das diesen Namen verdiente.

Ich hatte kein normales Kinderleben. Ich steckte fest in meiner ziemlich kaputten Familie, und manchmal hatte ich tatsächlich das Gefühl, ich würde nach Armut riechen. In der vierten Klasse hatte ich keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen, obwohl meine Noten dafür gesprochen hätten. Auf dem Etikett, das man mir aufgeklebt hatte, stand: schlauer Kerl, aber arm, keine Unterstützung aus der Familie, schlechte Prognose. In der Schule glaubte man einfach nicht an mich. Nix mit Gymnasium.

Ich hatte Angst, dass die Leute, die nicht an mich geglaubt hatten, recht behalten würden. Dass ich irgendwann in dem Wahnsinn unseres Familienalltags genauso untergehen würde wie meine Eltern und mein Zwillingsbruder. Deshalb beschloss ich, etwas zu unternehmen.

 

Am nächsten Morgen schnappte ich mir Niklas und machte mich gemeinsam mit ihm auf den Weg zum Jugendamt in Kaiserslautern. Wir nahmen überhaupt nichts mit, weil wir nicht wirklich damit gerechnet haben, dass man dort sofort etwas unternehmen würde. Wir gingen eher davon aus, dass man unsere Bitten anhören, uns dann aber erst mal wieder nach Hause schicken würde. Schließlich – das habe ich aber erst viel später erfahren – bestand ja schon seit dem Jahr 2000 Kontakt zwischen dem Jugendamt und meiner Familie. Niklas und meine Eltern waren schon oft dort gewesen, unsere Familie war den Beamten seit vielen Jahren bekannt.

Für mich jedoch war es das erste Mal, dass ich das rosa verputzte Haus betrat. Ich hatte eine Heidenangst. Vor all den Klischees, die ich im Kopf hatte zum Thema Kinderheim. Vor prügelnden Betreuern, ungerechten Strafen, Mobbing durch andere Kinder, noch mehr Perspektivlosigkeit. Und vor allem davor, meine Familie zu verraten – ganz besonders meinen Vater. Was tat ich meinen Eltern und Niklas an, wenn ich ging? Ich fühlte mich wie ein Verräter. Und manchmal holte mich dieses Gefühl in den Jahren danach wieder ein.

Wäre ich ein paar Jahre älter gewesen, hätte ich mir vielleicht Mut angetrunken, bevor ich das Jugendamt betrat. Stattdessen haben Niklas und ich uns in einen regelrechten Zuckerrausch versetzt. Bevor wir die Wohnung verließen, haben wir auf dem Boden einen Zehneuroschein gefunden und mitgenommen. Den haben wir beim Bäcker in Donuts und Brezeln umgesetzt. Und so waren wir, als wir das Jugendamt betraten, nicht nur übernächtigt, zerzaust und schmutzig, sondern auch leicht zuckerschwindelig und hatten unglaublich klebrige Finger.

Als wir an die Zimmertür von Herrn Biller klopften, müssen wir einen vollkommen verwahrlosten Eindruck gemacht haben. Jedenfalls sahen wir wohl schlimm genug aus, dass er sofort alarmiert war. Ich bin diesem Mann bis heute sehr dankbar. Er hat sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt, um für mich eine Unterbringung zu organisieren, auch wenn es erst mal nur ganz provisorisch war. Ich bin vorerst in die Wohngruppe meines Bruders gekommen, wo ich drei Tage lang unter Kindern und Jugendlichen lebte, die Verhaltensdefizite aufwiesen. Richtig toll war das natürlich nicht. Außerdem war diese Wohngruppe etwa 30 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt. Das bedeutete unweigerlich auch, dass ich ein paar Tage nicht zur Schule gehen konnte, nichts von meinen Freunden hörte und auch sonst von allem isoliert war, was sich irgendwie »normal« anfühlte.

Nach ein paar Tagen holte mich Herr Biller vom Jugendamt in der Wohngruppe ab. Inzwischen war klar, dass ich im Jugendhaus des SOS-Kinderdorfs in Kaiserslautern leben würde. Dort verbrachte ich die nächsten fünf Jahre und durfte endlich so etwas wie Stabilität und Kindsein erleben. Mir fiel ein riesengroßer Stein vom Herzen.

Ich werde nie den Moment vergessen, als ich mein neues...

Erscheint lt. Verlag 16.3.2020
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Sachbuch/Ratgeber Geschichte / Politik Politik / Gesellschaft
Sozialwissenschaften Politik / Verwaltung
Schlagworte Armut • Aufwachsen in Armut • Bildungschancen • Bildungssystem • Chancengleichheit • Hartz IV • Kinderarmut • Maischberger • SOS Kinderdorf • Soziale Ungerechtigkeit • Soziale Ungleichheit
ISBN-10 3-492-99618-3 / 3492996183
ISBN-13 978-3-492-99618-1 / 9783492996181
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Wasserzeichen)

DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasser­zeichen und ist damit für Sie persona­lisiert. Bei einer missbräuch­lichen Weiter­gabe des eBooks an Dritte ist eine Rück­ver­folgung an die Quelle möglich.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich
Mit Beiträgen von Christian Baron, Dietmar Dath, Aladin El-Mafaalani, …

von Wolfgang M. Schmitt; Ann-Kristin Tlusty

eBook Download (2024)
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
CHF 16,60
Die großen Fragen ethisch entscheiden

von Alena Buyx

eBook Download (2025)
Fischer E-Books (Verlag)
CHF 19,50
Die neue Verletzlichkeit als Herausforderung der Freiheit

von Frauke Rostalski

eBook Download (2024)
C.H.Beck (Verlag)
CHF 11,70