Mission SOL 2020 / 8: Das Gelbe Universum (eBook)
64 Seiten
PERRY RHODAN digital (Verlag)
978-3-8453-5149-0 (ISBN)
1.
VAMTHUS
Mitten im Einsatz
Ennyas Anchi war ein Blender. In Wahrheit konnte er nichts, und das wusste er auch. Es war nur eine Frage der Zeit, bis alle anderen es ebenfalls merkten.
Aktuell bestand diese Gefahr jedoch nicht. Es bestand nämlich gar keine Gefahr. Dies war der langweiligste Einsatz des Universums. Er hoffte, dass es so blieb.
Sie waren in Phase eins des Plans. Seit Stunden trottete Anchi neben Peet Matabiau und Minon Crompton her. Die Landschaft – wenn man es so nennen konnte – bot kaum Abwechslung. Das Einsatzteam durchstreifte gerade ein Areal, das nur aus halb demontierten Industrieanlagen bestand. Überreste von Hallen und Turmbauten säumten die Straßen, reckten sich als stählerne Gerippe dem Sternenmeer von Yahouna entgegen. Es waren die Ruinen einer endlosen Stadt, die VAMTHUS vollständig bedeckte. Der Konstrukteur dieser gigantischen Raumstation musste ein Wahnsinniger gewesen sein.
Roi Danton führte sie an, zusammen mit dem Mor'Daer Zerbone und dem Kuum. Wie viele Kilometer hatten sie schon zurückgelegt, seit sie nach einer halben Stunde Treiben durchs All die Station endlich betreten hatten? Zehn? Zwanzig?
Anchi setzte mechanisch einen Fuß vor den anderen, versuchte, die Beklemmung zu ignorieren. Nur ihre Raumanzüge vom Typ SERUN schützen ihn und seine Begleiter vor dem Vakuum. Die Prallschirme, die einst die künstliche Atmosphäre über den drei terrassenförmigen Siedlungsringen festgehalten hatten, existierten nicht mehr. TRAITOR brauchte Teile der ehemaligen Dienstburg für andere Zwecke. Es war ein Wunder, dass die ebenfalls künstliche Schwerkraft noch funktionierte!
Sie erreichten eine Art Schlucht, die den unteren Siedlungsring in zwei Hälften schnitt. Vor Anchis Füßen fiel der Boden senkrecht ab. Nur ein schmaler Steg spannte sich über den Abgrund. Der jenseitige Kluftrand lag in etwa zweihundert Metern Entfernung. Dahinter ragte eine Hochhaussilhouette ins All.
Plötzlich blieb der Kuum stehen, kniff die roten Augen zusammen und hob die Hände zum Helm, als hätte er Kopfschmerzen. Anchi hatte sich noch nicht daran gewöhnt, das blasse Gesicht des Manns sehen zu können, das normalerweise von der Kapuze seiner dunklen Kutte verhüllt war.
Mit einer Handgeste gebot Danton auch Anchi und den anderen, haltzumachen.
Was ist los? Anchi verkniff sich die Frage im letzten Moment. Der Helmfunk war tabu.
Dantons Befehl war klar gewesen: »Niemand darf unsere Anwesenheit bemerken. Obwohl VAMTHUS verlassen zu sein scheint, könnten wir uns ohne Funkstille den Demontagekommandos von TRAITOR verraten.«
Stattdessen blendete Anchi den holografischen Orientierungsplan der Raumstation auf die Innenseite seiner Helmscheibe ein. Eine gelbe Linie gab die Route vor. Sie führte über den Steg auf die andere Seite der Schlucht, wo es einen Wartungszugang zu den Aggregaten im Untergrund des Stadtrings gab.
Das Ziel des Einsatzteams war mit einem roten Punkt markiert: der »Transversal-Umsetzer«, ein riesenhaftes Gerät tief in einem der Maschinensäle. Eine Ziffernfolge zeigte an, dass nur noch wenige Kilometer sie von dort trennten.
Vor dem Einsatz waren Anchi, Matabiau und Crompton mit Informationen förmlich bombardiert worden. Das meiste hatte er sich nicht gemerkt. Wichtig war nur: Sie mussten den Transversal-Umsetzer einschalten, um der CALAMAR den Durchgang in ein anderes Universum zu ermöglichen.
Einfach nur einen Schalter umlegen, sinnierte er. Rein, Knopf drücken, raus. Worauf warteten sie also noch? Darauf, dass der Kuum seinen Migräneanfall überwand?
Anchis Blick heftete sich auf den Rücken des Mutanten. Dessen Schultern hoben und senkten sich nun heftig, offenbar rang er nach Atem. Oder »witterte« er in der Nähe ein Demontagekommando? Irgendwie spürte der Kuum die Anwesenheit von Intelligenzwesen. Aus diesem Grund hatte Danton ihn mitgeschleppt.
Anchi ging es trotzdem nicht in den Kopf. Der Kuum und Zerbone waren Schurken: der eine ein Kriegsverbrecher, der andere ein ehemaliger Diktator. Ihnen zu trauen, war Irrsinn. Ob Danton wusste, was er tat? Die beiden machten Anchi nervös.
Der Moment dehnte sich. Danton, Zerbone, Matabiau und Crompton warteten. Der Lichtkegel von Anchis Helmscheinwerfer tanzte über Fassaden aus anthrazitfarbenem Material, das sich dem Blick entzog. Wann immer er hinsah, löste es sich zu Spiralmustern auf. Der Effekt machte ihn kribbelig.
Schließlich wandte sich der Kuum ihnen zu, gestikulierte in Richtung der Brücke. Durch die Helmscheibe erkannte Anchi die Aufregung in seinem Gesicht. Was auch immer der Kuum gespürt oder vorausgesehen hatte: Anscheinend näherten sich die Unbekannten von dort.
Wieder erteilte Danton wortlose Befehle. Sie verließen die Hauptstraße und zogen sich hinter eine Lagerhalle zurück, welche die Demontage bislang überstanden hatte. Die Fassade schützte das Einsatzteam vor möglichen Blicken.
Anchi lehnte sich aus der Deckung und spähte in Richtung der Schlucht. Er wollte sehen, was da auf sie zukam!
Nach wie vor lag die Brücke verlassen da. Die Stadt war wie ausgestorben. Hatte sich der Kuum geirrt?
Ein Schatten zog über sie hinweg.
Anchi zuckte zusammen. Seine Lethargie verflog. Er legte den Kopf in den Nacken. In der geisterhaften Stille des Vakuums schob sich ein deltaförmiges Raumschiff zwischen VAMTHUS und den einsamen Stern, um den die Station kreiste. Der Umriss blockierte das schwache Sonnenlicht.
Das Deltaschiff landete jenseits der Stahlschlucht. Anchi beobachtete, wie etwa ein Dutzend humanoider Gestalten in Raumanzügen aus der Bodenschleuse kletterte und nach kurzer Unterhaltung in einem mehrstöckigen schmucklosen Metallbau verschwand. Weitere Raumfahrer folgten nach und schleppten Geräte und Material aus dem Schiff.
Kurze Zeit später glitt ein Konvoi aus unförmigen Baufahrzeugen um eine Häuserecke. Kranarme streckten sich nach dem Dach der Halle. Die Humanoiden hängten abmontierte Gebäudeteile daran.
Anchi ließ zu, dass Matabiau ihn am Rückentornister in die Deckung zurückzerrte. Die gelbe Linie in der Holokarte erlosch. Auch die Anzugpositronik erkannte, dass dieser Weg nun blockiert war. Die Demonteure würden sicher eine ganze Weile beschäftigt sein.
Dantons linke Handfläche wies nach oben, während die rechte eine Zickzackbewegung vollführte. »Wir brauchen eine alternative Strecke!«, hieß das. Dabei sah er Zerbone an.
Ennyas Anchi beneidete die Fähigkeit des Einsatzleiters, sich ohne Worte verständigen zu können. Wie lange hatte der Unsterbliche daran wohl gefeilt? Spätestens seit dem ersten gemeinsamen Abenteuer im Mauritiussystem verehrte Anchi Danton als Vorbild.
Zerbone legte den Kopf schräg. Dann malte er mit dem Fuß unsichtbare Linien auf den Boden. Die Positronik von Anchis SERUN erfasste diese Bewegungen und projizierte sie über den holografischen Stadtplan im Helmvisier.
Eine neue Route entstand vor Anchis Augen: die Alternative, um die Danton gebeten hatte. Zwar führte sie weg vom Demontagekommando und der Brücke – allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Die Anzeige des verbliebenen Restwegs schnellte in die Höhe. Wo eben noch knapp zweitausend Meter gestanden hatten, hieß es nun sechseinhalb Kilometer. Mehr als das Dreifache!
Anchi stöhnte. So dicht vor dem Ziel sollten sie eine Ehrenrunde drehen? Er hob ein Knie, wollte sich durch den Anzugstiefel den Knöchel massieren. Natürlich blieb der Versuch erfolglos, das Material war zu steif. Er spürte nicht einmal den Druck seiner Finger am Fuß.
Danton nickte Zerbone zu und machte eine ausladende Handbewegung, dorthin, wo die neue Routenmarkierung zwischen den Häuserfronten verschwand. »Führ uns hin«, interpretierte Anchi.
Der Mor'Daer ging voraus. Zögernd blickte Anchi hinterher. Er misstraute dem Fremdwesen mit seinem schlangenähnlichen Kopf. Er verabscheute es, sich einem ehemaligen Diener TRAITORS anzuvertrauen. War er der Einzige, der sich über so etwas Gedanken machte?
Zerbone leitete sie durch ein Gewirr aus Gängen und Unterführungen. Sie erreichten einen Platz, um den niedrige Balustraden eine Galerie bildeten. In seiner Mitte gähnte ein Loch – eindeutig ein Antigravschacht. Der Mor'Daer trat an den Rand und wies in die Tiefe. Offenbar kannte er sich aus.
Anchi blickte hinab. Ihm schwindelte. Die Leuchtkörper, die in regelmäßigen Abständen aus der Schachtwandung ragten, spendeten kein Licht. Sein Blick verlor sich in der Schwärze. Auf der gegenüberliegenden Seite führte ein Rohr senkrecht abwärts – eine Energie- oder Datenleitung, wie Anchi vermutete.
Rund um die Öffnung lagen Bauteile verstreut: Fassadenplatten, Metallträger, Schaftbolzen. Ein weiteres Demontagekommando musste sie zurückgelassen haben. Matabiau nahm eins der Teile vom Boden – ein handspannenlanger Zylinder aus gelblich schimmerndem, gummiartigem Material – und warf ihn in den Schacht. Ungebremst stürzte er in die Tiefe.
Kein Antigravfeld! Anchi hatte es sich gedacht. Er bewegte den rechten Zeigefinger zu dem Mehrzweckarmband an seinem linken Handgelenk, um das Flugaggregat des SERUNS zu aktivieren. Dann schweben wir eben aus eigener Kraft nach unten!
Kurz bevor er den Sensor berührte, schloss sich eine Hand um seinen Unterarm. Sie gehörte Roi Danton, er schüttelte den Kopf. »Ortungsgefahr!«, formten die Lippen hinter seinem Helmvisier. »Die Antigravs bleiben aus!«
Anchi fluchte lautlos. Natürlich! Schon die Emissionen der Lebenserhaltungssysteme und der Anzugpositroniken erhöhten das...
| Erscheint lt. Verlag | 25.6.2020 |
|---|---|
| Reihe/Serie | PERRY RHODAN-Mission SOL 2 |
| Verlagsort | Rastatt |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Neo • Perry Rhodan • Perryversum • Science Fiction |
| ISBN-10 | 3-8453-5149-7 / 3845351497 |
| ISBN-13 | 978-3-8453-5149-0 / 9783845351490 |
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