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Unschuldig (eBook)

Die Geschichte einer zerstörten Kindheit. Innocent

(Autor)

eBook Download: EPUB
2020 | 1. Aufl. 2020
240 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-6294-7 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Unschuldig - Audrey Delanay
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Als ihr Vater sie das erste Mal sexuell missbraucht, ist Audrey Delaney erst drei Jahre alt. Aus lauter Angst und völlig verwirrt erzählt sie niemandem davon, was nachts in ihrem Zimmer passiert. Nach außen hin versucht sie ein ganz normales Mädchen zu sein, aber jede Nacht, wenn ihr Dad ins Zimmer kommt, durchlebt sie denselben schrecklichen Albtraum. Sie entwickelt Zwangs- und Essstörungen und experimentiert in ihrer Jugend mit Drogen. Doch niemand hört ihre stummen Hilferufe. Erst als erwachsene Frau findet sie endlich den Mut, sich ihrem Umfeld anzuvertrauen und sich gegen ihren Peiniger zu wehren.
In 'Unschuldig' erzählt Audrey Delaney die Geschichte einer traumatischen Kindheit und von dem langen Weg, den sie gehen musste, um sich von den schmerzlichen Erfahrungen ihrer Vergangenheit zu befreien.

1


Dad war in vieler Hinsicht ein Erfolgsmensch. Er stammte aus ärmsten Verhältnissen und war in einem Mietshaus in der Gardiner Street aufgewachsen, die durch das Herz der nördlichen Dubliner Innenstadt führt.

Mit seinen Eltern und vier Geschwistern teilte er sich eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern. Sie war kalt und feucht, und oft reichte das Essen kaum für die ganze Familie. Es gab nur eine Toilette, die sie mit drei anderen Stockwerken teilten, und sie besaßen wenig oder gar nichts. So wurde es mir zumindest erzählt.

Die Gardiner Street hatte damals einen schlechten Ruf, sie galt als verkommen. Dad war sich seiner Herkunft stets bewusst. Er schämte sich so sehr dafür, dass er es in der Regel verschwieg, woher er stammte. Das ging so weit, dass ich es, als ich heranwuchs, niemandem erzählen durfte, obwohl meine Großeltern, Nanny und Granddad Delaney, immer noch dort wohnten.

Dad verließ die Schule mit zwölf Jahren, aber nachdem er geheiratet hatte, ging er noch einmal aufs College und wurde Steuerberater. Er war ein Selfmademan, jemand, der soziale Vorurteile und Armut überwunden und Erfolg gehabt hatte.

Und erfolgreich war er: Am Ende hatte er ein großes Haus in Castleknock, einem reichen Vorort am Nordrand von Dublin, und schnell erwarb er auch die typischen Insignien des Reichtums: schicke Autos und ein Boot auf dem Shannon. Uns Kindern bläute er stets ein, wie brillant er sei: Immer wieder erzählte er, er habe sein Examen schon nach zwei Jahren gemacht, während alle anderen drei gebraucht hätten.

Aber es war immer nur Dad, der uns das erzählte. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendjemand sonst darüber gesprochen hätte. Wieder und wieder erzählte er mir und meinen Brüdern, er sei der intelligenteste Mensch, dem wir je begegnen würden, und ich glaubte ihm.

Obwohl ich Dad liebte, sah ich schon, als ich noch klein war, eine unschöne Seite an ihm. Er ließ sich keine Gelegenheit entgehen, Leute schlechtzumachen. Ständig zog er über die Eltern meiner Ma her – über Nanny, weil sie rauchte, über Granddad, weil er halb taub war, und über uns Kinder, weil wir ihn dauernd anschrien, damit er uns verstand. Am meisten meckerte er über den Fernseher bei Nanny und Granddad O’Byrne.

»Der Kasten plärrt ständig auf voller Lautstärke, weil euer Granddad taub ist. Jeder, der ein paar Manieren hat, würde ihn abschalten, wenn Gäste kommen«, beschwerte er sich.

Dad hielt sich stets für einen sehr wichtigen Gast. Er fand, jeder, den er besuchte, müsste entzückt sein, ihn zu sehen, und sich die größte Mühe geben, ihm den Aufenthalt angenehm zu machen.

Die Zeit verging, und je mehr Umgang Dad mit gebildeten und erfolgreichen Leuten hatte, desto unangenehmer wurde er. Aber nicht sein widerwärtiges Benehmen weckte meine Abneigung. Was ich wirklich hasste, war das, was er zur Schlafenszeit zu tun pflegte. Und das tat er, solange ich zurückdenken kann.

***

Allem Anschein nach stimmt es nicht, dass alle Babys schön sind, denn alle sagen, als ich zur Welt kam, sah ich aus wie ein gerupftes Huhn mit zu weiter, faltiger Haut. Ich wurde im Schlafzimmer unseres damaligen Hauses in Ballsbridge geboren, aber beinahe wäre meine Mutter im Badezimmer niedergekommen, denn die Tür klemmte, und nur weil die Hebamme die Tür einschlug, schaffte Ma es noch rechtzeitig ins Schlafzimmer. So erzählte man es sich jedenfalls in unserer Familie.

Ich war das erste Mädchen in der Familie, und ich bin sicher, meine Ma war entzückt, dass mein älterer Bruder nun eine kleine Schwester haben würde. Er war drei Jahre alt, als ich zur Welt kam.

Als ich selbst drei Jahre alt war, schenkte Ma mir und Mark einen kleinen Bruder. Fergus war ein glückliches, friedliches und ausgesprochen pflegeleichtes Baby.

Meine Kindheitserinnerungen setzen ungefähr bei meinem dritten Lebensjahr ein. Manche werden sagen, man kann sich an das, was in diesem frühen Alter passiert ist, nicht erinnern, aber ich glaube, man kann es. Man weiß vielleicht nicht mehr, ob es Winter oder Sommer war, oder ob man im Flur oder im Wohnzimmer war, und vielleicht hat man auch die Einzelheiten vergessen, aber die Gefühle, die mit den Erlebnissen verbunden waren, prägen sich ein.

Ich habe sehr klare Erinnerungen an diese frühen Jahre. Ich kann mich an bestimmte Ereignisse erinnern. Und wenn Ereignisse mit negativen Gefühlen verbunden sind, ist es noch schwerer, sie zu vergessen.

Ich weiß nicht, wann genau Dad anfing, abends in mein Zimmer zu kommen. Sicher weiß ich nur, dass die schlechten Gefühle begannen, als ich ungefähr drei Jahre alt oder ein bisschen älter war. Ich war noch sehr klein, als er anfing, mich zu missbrauchen. Ich habe deutlich das Bild vor Augen, wie er sich in mein Zimmer schleicht.

Er legte sich immer neben mich ins Bett und erzählte mir Geschichten aus Grannys Kinderzeit. Wie sie auf dem Land in einen Feenring geriet und nicht mehr herauskonnte, oder wie Granny auf einer Kuh zur Schule geritten war. Ich hörte diese Geschichten gern, aber ich hatte es nicht gern, wenn er seine Hand in mein Höschen schob und meinen Intimbereich streichelte. Während er erzählte, fummelten seine Finger ständig an meiner Vagina herum, und das tat weh.

Lange Zeit dachte ich, es sei normal, dass Väter ihre Töchter da unten berührten; es sei das Gleiche wie ein Gutenachtkuss oder eine Umarmung. Ich war so geschädigt, und mein Denken war so verkorkst, dass ich mich fragte, wie die Väter anderer Kinder es mit ihnen machten, besonders wenn sie mehr als eine Tochter hatten. Es war ein ganz normaler Teil meines Lebens.

Der einzige Unterschied zwischen einem Gutenachtkuss und dem, was mein Dad tat, bestand darin, dass es sich nicht schön anfühlte. Es tat weh und fühlte sich schmutzig an. Ich dachte mir, wenn man sich jedes Mal die Hände waschen musste, nachdem man auf dem Klo gewesen war, dann musste da unten auf jeden Fall etwas Schmutziges sein. Das würde auch die Frage beantworten, weshalb keine meiner Freundinnen je erzählte, dass ihr Vater sie dort berührte. Also sagte ich auch nichts. So fing es an. Ich war ein kleines Mädchen, als er begann, meinen Intimbereich zu berühren, und in den nächsten Jahren ging es weiter und wurde nach und nach immer schlimmer. Wenn ich jetzt, als Erwachsene, zurückschaue, sehe ich, dass ich keine Wahl hatte. Das Umfeld, das unsere Eltern für uns schaffen, akzeptieren wir als normal, und er schuf von Anfang an ein Umfeld, das von sexuellem Missbrauch geprägt war. Er machte mich von klein auf zu seinem Opfer. Es gab keine Hoffnung für mich.

***

In meinen frühesten Erinnerungen gibt es die meiste Zeit nur Ma, die beiden Jungen und mich. Dad war sehr selten zu Hause, und wenn er schlechte Laune hatte, war das ganze Haus von einer düsteren Atmosphäre erfüllt. Dad verdiente das Geld und bezahlte die Rechnungen, und Ma kochte, putzte und sorgte für uns alle. Damals wurde alles von Hand gemacht, und deshalb war die Hausarbeit zehn Mal schwerer als heute. Ich werde den Tag nie vergessen, an dem Dad mit einer Waschmaschine ankam: Von da an brauchten die Frotteewindeln nie wieder mit der Hand in einem Eimer gewaschen zu werden.

Dad hielt sich für den besten Ehemann der Welt, wenn er Ma solche modernen Haushaltsgeräte schenkte. Er lächelte so breit, dass ich mich fragte, warum sein Gesicht nicht auseinanderbrach. Von da an hatten alle seine Geschenke mit dem Haushalt zu tun. Natürlich hatte meine Ma wie die meisten Frauen nichts gegen Geräte, die ihr das Leben erleichterten, einzuwenden, aber als sie zum Geburtstag und zu Weihnachten nichts anderes mehr bekam, war sie vermutlich nicht allzu glücklich.

Ich war ungefähr drei Jahre alt, als wir von Ballsbridge nach Fairview am nördlichen Rand von Dublin zogen. Das war 1970. Damals bedeutete das einen Aufstieg.

Das neue Haus war eine Doppelhaushälfte – ein Eckhaus – mit Garage. Zu beiden Seiten der kleinen Sackgasse standen zehn Häuser. An unserem Ende der Siedlung war eine hohe Mauer, hinter der ein Obstgarten lag. Dieser Garten war ein wunderbarer Ort für uns Kinder. Im Laufe der Jahre haben die meisten von uns irgendwann bei dem Pfarrer und seiner Haushälterin, die dort wohnten, das eine oder andere Mal Äpfel geklaut.

Unser Haus in Fairview war recht ansehnlich. Es hatte, soweit ich mich erinnere, ein geräumiges Gästezimmer, ein Wohnzimmer und eine kleine Küche. Meiner Ma gefiel es sehr, und sie war froh darüber, das alte, feuchte Backsteinhaus in Ballsbridge los zu sein.

Ich fand meine ersten Freundinnen in dieser Siedlung in Fairview. Ich spähte durch das Gartentor vor dem Haus auf die Straße hinaus und sah eine Reihe von neugierigen kleinen Gesichtern, alle ungefähr in meinem Alter.

Sie schnatterten durcheinander und stellten mir alle möglichen Fragen, wie Kinder es tun. Sie waren fasziniert von meinen blonden Haaren und blauen Augen, und immer wieder schoben sie ihre dünnen Ärmchen durch das vergitterte Tor, um mein Haar zu berühren und festzustellen, ob es nicht nur anders aussah, sondern sich auch anders anfühlte als ihr eigenes, braunes Haar. Diese Mädchen sollten zum harten Kern meiner Grundschulbande werden.

In...

Erscheint lt. Verlag 28.2.2020
Übersetzer Rainer Schmidt
Verlagsort Köln
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Erfahrungsbericht • Erfahrungsbücher • Erinnerung • Erkrankung • Hilfe • Kindesmissbrauch • Kindheit • Krankheit • Lebensweg • Missbrauch • Missbrauchtes Kind • Peiniger • Psychologie • Schicksal • Schicksalsschlag • Wahre GEschichte
ISBN-10 3-7325-6294-8 / 3732562948
ISBN-13 978-3-7325-6294-7 / 9783732562947
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