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Verschollen in Marrakesch -  Wilhelm R. Vogel

Verschollen in Marrakesch (eBook)

Julius Wondraschek und die Freuden einer Gruppenreise
eBook Download: EPUB
2019 | 1. Auflage
336 Seiten
Morawa Lesezirkel (Verlag)
978-3-99093-314-5 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
7,99 inkl. MwSt
(CHF 7,80)
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Julius Wondraschek reist mit seiner Freundin Maria nach Marrakesch. Beide sind durch und durch Individualisten, aber nachdem sie kürzlich die Pension angetreten haben, wollen sie es einmal mit einer Gruppenreise versuchen. Anders als Maria interessiert sich Julius, obwohl ungläubig, für Religion. Er hat mehrere Bücher über den Islam gelesen und kurz vor dem Abflug sogar die große Moschee in seiner Heimatstadt Wien besucht. In Marrakesch angelangt begibt er sich erst einmal alleine in die Souks, verliert völlig die Orientierung, macht erste Erfahrungen und bekommt langsam eine Vorstellung von dieser Stadt, die für ihn den Orient verkörpert. Auch seinen Mitreisenden gilt sein Interesse. Eine alte Dame, die mit ihrer Tochter reist, findet ebenso seine Beachtung wie zwei Frauen und ein Mann, die in einer pikanten Konstellation zu stehen scheinen. Auch die anderen erweisen sich als anregende Begleiter. Dann geschieht etwas Unerwartetes: Eine Person aus der Reisegruppe verschwindet plötzlich! Ein krimineller Hintergrund ist nicht auszuschließen. Julius kann nicht umhin, sich dieses Falles anzunehmen. Er beginnt zu recherchieren. Marokko fasziniert ihn. Aber er merkt sehr bald, wie schwer es für ihn ist, das Land und seine Menschen zu verstehen.

Wilhelm R. Vogel ist in Baden aufgewachsen und lebt in Wien Floridsdorf. Nach dem Studium der Biologie arbeitete er im Bereich der Forschung und Lehre an der Universität Wien und später in der öffentlichen Verwaltung. Im Juli 2018 veröffentlichte er mit "Der Lockruf des Pirols" seinen ersten Roman. Mit "Unerwartetes" präsentierte er eine erste, mit dem "Ultimativen Risotto" seine zweite Sammlung von Kurzgeschichten. Weitere Informationen zum Autor finden Sie unter www.wrvogel.eu

Er würde sich beschränken müssen. Missmutig wanderte Julius Wondraschek im Wohnzimmer auf und ab. Die Dielen seiner Altbauwohnung knarrten und knarzten bei jedem Schritt. Ein großer Koffer lag aufgeklappt auf dem riesigen Tisch in der Mitte des Raumes, daneben häuften sich Berge jener Dinge, die er mitzunehmen gedachte. Das Missverhältnis war offensichtlich. Das zweite Paar Schuhe, die Hausschuhe und die paar Kleidungsstücke waren kein Problem. Auch die Medikamente nicht: Blutdruckmittel, Vitamine, etwas gegen die Gicht, Mittelchen für und gegen Durchfall und ein paar Salben für etwaige Eventualitäten benötigten kaum Platz. Und er war eben nicht mehr der Jüngste.

Aber die Bücher! Völlig ausgeschlossen. Die würden niemals in den Koffer passen, vom Gewicht einmal ganz abgesehen.

Julius setzte sich in seinen bequemen Lehnstuhl und dachte nach. Er hatte die Dinge zusammengetragen, um einen ersten Überblick zu gewinnen. Und die Botschaft war klar: Er durfte kaum Literatur mitnehmen. Sieben bis acht Bücher gingen sich aus, mehr war nicht möglich. Das müsste eben ausreichen. Zwar würde er vor Ort keine Auswahl haben, aber zum Lesen war es genug. Damit gäbe es auch etwas Platz für etwaige Einkäufe. In zwei Wochen ging es los. Er würde mit Maria für knapp zehn Tage nach Marrakesch fliegen.

Noch vor einem Jahr wäre Julius einer derartigen Reise ausgesprochen kritisch gegenüber gestanden. Aber kurz nach Beginn seines Ruhestands war sein bester Freund gestorben. Die Polizei war von einem Suizid überzeugt, was für ihn unvorstellbar gewesen war. Und so hatte er, der immer noch voller Tatendrang war und dem die Arbeit fehlte, zu recherchieren begonnen. Lebensgefährlich zwar, aber letzten Endes erfolgreich, wie sich herausgestellt hatte.1

Dank der gewonnenen Erkenntnis, dass ihm auch seine gemütliche Altbauwohnung keinen wirksamen Schutz vor der Unbill dieser Welt zu bieten vermochte, hatte er sich langsam mit dem Gedanken angefreundet, wieder mehr zu reisen. Sehr zur Freude seiner Freundin Maria, deren Reiselust keine Grenzen kannte, die vor wenigen Wochen ebenfalls ihre Pension angetreten hatte und die jetzt kaum erwarten konnte, die gewonnene Freizeit zu nutzen. Eine Zeit freilich, die bei ihr als Wissenschafterin ohnehin anders aussehen würde.

Bei Julius, einem höherrangigen Verwaltungsbeamten in Wien, war die berufliche Tätigkeit mit dem Eintritt in den Ruhestand von einem Tag auf den anderen beendet gewesen, da es für ihn nichts mehr zu verwalten gab. Als pensionierter Beamter hatte er keine Funktion, aus der heraus er E-Mails schreiben, Meetings organisieren, Vorträge halten oder Strategien entwickeln konnte. Es war aus. Punkt! Und wenn man danach etwas anderes tun wollte als zu warten, dann musste man die Initiative ergreifen. Aber die Rentenüberweisungen kamen pünktlich. Das wusste er zu schätzen. Sonst geschah nichts von selbst. Freilich, wenn er Kinder und Enkelkinder hätte, dann wäre das sicher anders. Aber er war kinderlos geblieben. Wofür also leben? Das war die Frage, die er sich immer häufiger stellte.

Mit seinen kriminalistischen Recherchen hatte sich dieses Thema kurz nach dem Pensionsantritt erst einmal erübrigt. Aber nachdem der Fall nach einem Monat endlich gelöst war, war es mit unverminderter Heftigkeit wieder aufgetaucht. War das dem Leistungsdenken geschuldet, das er im Laufe seiner Karriere entwickelt hatte, was ihm nun zum Verhängnis wurde und ihn daran hinderte, endlich fröhlich und ohne Pflichten vor sich hin zu leben? Wäre dieses In-den-Tag-hinein-Leben nicht der Normalzustand des Homo sapiens, des vernunftbegabten Menschen, sobald dieser seinen Hunger und andere primäre Bedürfnisse gestillt hatte? Sollte es nicht genügen, Bücher zu lesen und sich ein wenig für die Gemeinschaft zu engagieren? Leistungsdenken als Fallstrick? Nicht nur für das einzelne Individuum, sondern für die ganze Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der ein Teil verbissen Überstunden machte, und in der ein anderer Teil keine Arbeit hatte, nach lange anhaltender Berufslosigkeit das Arbeiten verlernte und auch noch sein Selbstwertgefühl verlor. Er hatte ein erfülltes Berufsleben hinter sich. Das wusste er zu schätzen. Aber jetzt?

Hatte er sich nicht immer gewünscht, endlich Zeit zu haben, um all das zu tun, was ihm bisher sein Terminkalender verwehrt hatte? Konnte er nicht nach Belieben Bücher lesen, um etwas über die Welt zu lernen? Warum war er immer noch unzufrieden, wenn er nichts zu tun hatte? Aber das Reisen würde ihm helfen, sich die Zeit zu vertreiben und die Welt besser zu verstehen.

Bei Maria war das anders. Als habilitierte Universitätsprofessorin plante sie, weiter Vorlesungen zu halten. Für die Forschung hatte man ihr sogar einen kleinen Raum am Institut überlassen. Aber gegenwärtig stapelten sich in ihrer Wohnung vor allem Reisekataloge. Sie würden in den nächsten Jahren reisen. Viel reisen!

Beide freuten sich auf Marokko. Julius, der sich, wenngleich ungläubig, für Religionen interessierte und schon lange kein islamisches Land besucht hatte und Maria, die Land, Leute und vor allem Flora und Fauna des Landes, in dem auch sie noch nie gewesen war, kennenlernen wollte. Maria war Biologin und hatte sich auf Spinnen und deren Verhalten spezialisiert.

Mit Religion konnte sie nichts anfangen. Aus einer Atheistenfamilie kommend fehlte ihr dazu jeglicher Zugang. Daher würde er die Moschee in Floridsdorf in ein paar Tagen auch alleine besuchen. Julius hatte eine Einladung zu einer Führung gefunden und freute sich darauf. Gewissermaßen als Vorbereitung für Marokko, wo allerdings, soweit er wusste, nur Muslime die Moscheen betreten durften.

Dass es eine Gruppenreise, also eine geführte Reise, sein würde, hatte sich zufällig ergeben. Julius, dem diese Reiseform sicherer schien, hatte das Angebot entdeckt und Maria, die diese Reise ohnehin nur als den Anfang einer intensiven Reisetätigkeit betrachtete, hatte begeistert zugestimmt.

Eine Gruppenreise, dachte Julius, während er in seinem Lehnstuhl saß und die Mühen des Wegpackens ein wenig zu verzögern suchte, war sicherlich geeignet, um interessante Gespräche zu führen. Wie bei vielen intensiv berufstätigen Menschen war sein Freundeskreis immer kleiner geworden und hatte sich zuletzt auf ein paar Arbeitskollegen beschränkt. Von diesen teilte allerdings keiner seine privaten Interessen. Auch bei Maria gab es dafür Grenzen – so war etwa Religion etwas, mit dem sie nichts anfangen konnte. Julius erschien das nur natürlich. Dass manche an ihren Partner den Anspruch stellten, er müsse für alle Themen der ideale Gesprächspartner sein, schien ihm als Anmaßung.

Es musste sein! Julius stand auf und räumte den Tisch leer, er würde erst am Abend vor der Reise packen.

Erneut setzte er sich in seinen Lehnstuhl und schrieb eine Liste der mitzunehmenden Bücher. Die Auswahl fiel ihm leichter als erwartet. Er würde das grüne, recht dünne Heftchen mitnehmen, das er gekauft hatte, um die arabischen Schriftzeichen zu lernen, auch wenn er bisher bloß die ersten sechs Zeichen durchgearbeitet hatte. Eine unerwartete Schwierigkeit war dadurch aufgetreten, dass die Zeichen, je nach ihrer Stellung im Wort, anders geschrieben wurden. Ein und derselbe Laut konnte alleinstehend, am Anfang, in der Mitte und am Ende eines Wortes unterschiedlich aussehen, womit nicht bloß 25, sondern fast 100 Zeichen zu lernen waren. Darüber hinaus schien es eine Menge Hilfszeichen zu geben. Auch gab es offenbar so etwas wie unterschiedliche Schreibtraditionen. Und an eine Entschlüsselung der eindrucksvollen und mit vielen Schlaufen und Windungen versehenen Dekorativschriften hatte er sich ohnehin noch nicht herangewagt. Aber es war ja auch sein erster Versuch auf diesem Gebiet. Zwei Reiseführer setzte er auf die Liste. Ein Buch über marokkanische Märchen und Legenden, zwei Bücher über den muslimischen Glauben und ein Buch über die Zeit der Aufklärung im Islam ergänzten seine kleine Reisebibliothek. Den Rest würde er eben vor oder nach dem Aufenthalt in Marokko lesen.

Morgen, so hatte ihm der Verkäufer versichert, könne er sein neues Smartphone abholen. WLAN sollte es ja in jedem Hotel geben. Er hatte sich lange geweigert, ein solches Mobiltelefon zu kaufen, aber jetzt, nachdem er sich einmal entschieden hatte, schien es ihm unverzichtbar. Nicht zum Telefonieren, dafür würde er es selten verwenden. Aber die Aussicht, jederzeit und überall im Internet recherchieren zu können, versetzte ihn in Aufregung. Was er bisher nur daheim am Laptop eruiert hatte, war damit in jedem Kaffeehaus, in der Straßenbahn und sogar auf der Straße möglich. Zumindest in der EU, wo bei seinem Vertrag kaum Roaming-Gebühren anfielen. Er konnte es kaum erwarten, das Gerät in den Händen zu halten.

Julius fand diese Demokratisierung des Wissens erstaunlich. Was früher nur große Bibliotheken zu leisten imstande gewesen waren, konnte man jetzt mit einem dieser kleinen Geräte...

Erscheint lt. Verlag 13.11.2019
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur
ISBN-10 3-99093-314-0 / 3990933140
ISBN-13 978-3-99093-314-5 / 9783990933145
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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