Tom Prox 32 (eBook)
64 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-9012-4 (ISBN)
DAS TAL DER SCHATTEN
Das 'Shadow Valley' hat seinen Namen von fünf uralten riesigen Zedern. Die stehen wie Wächter an seinem Eingang und machen das Tal düster und unfreundlich. Die Bewohner des Tales sind von der übrigen Welt so gut wie abgeschnitten. Sie kennen es nicht anders und wünschen es nicht besser. Doch eines Tages reiten zwei Fremde ins Tal. Sie haben mehrere Steckbriefe im Gepäck ...
Der Abend brach herein. Einsam war die Gegend. Baldwin Greene befand sich allein. Weit und breit kein Mensch.
Baldwin Greene war Cowboy auf der Caro-Strich-Ranch, einer jener fünf Anwesen, die im »Tal der Schatten« lagen.
Dieses Tal war ein großer Kessel am Nordhang der westlichen Sierra Madre, dort, wo der Hauptzug des Gebirges nach Osten hin in das Sierra-Madre-Plateau überging. Das »shadow valley« hatte seinen Namen von fünf uralten riesigen Zedern. Die standen wie Wächter an seinem engen Eingang und machten das Tal düster und unfreundlich.
Jede dieser fünf Zedern gehörte einer der fünf Ranches im Tal der Schatten. Es war eine einsame, weltvergessene Gegend. Die Bewohner des Tales waren von der übrigen Welt so gut wie abgeschnitten. Nun, sie kannten es nicht anders und wünschten es nicht besser. Sie hatten ja vollauf mit sich selber und ihrer Arbeit zu tun.
Baldwin Greene hatte Weidezäune ausgebessert und beabsichtigte, zu einem Cowboytrupp der Caro-Strich-Ranch zu stoßen, der einige Meilen weiter westwärts übernachtete. Er hatte sich verspätet und überlegte schon, ob es nicht ratsamer wäre, die Nacht hierzubleiben und sich nicht ins Ungewisse auf den Weg zu machen und dabei die Freunde vielleicht zu verfehlen.
Plötzlich fiel ihm eine merkwürdige Unruhe in der Herde auf; diese weidete eine halbe Meile von ihm entfernt nach dem Gebirge hin. Die Tiere waren sonst um diese Stunde dabei, sich für die Nacht zu richten.
Baldwin Greene erhob sich und legte die Hand über die Augen, um besser sehen zu können.
Er zerbiss sich einen Fluch zwischen den zusammengepressten Zähnen. Ungefähr dreihundert Meter von ihm entfernt ritten zwei Männer durch die Dämmerung. Die Gents trugen mexikanische Kleidung und sahen wie Leute aus, denen man am besten aus dem Wege ging. Sie führten zwei Häupter Vieh mit sich. Es waren hässliche, abgemagerte Kühe, die kaum noch laufen konnten. Die Männer zerrten sie mit Gewalt hinter sich her.
»Zum Teufel!«, schimpfte Baldwin Greene vor sich hin. Kamen diese Kerle wahrhaftig von der mexikanischen Seite herüber, um Vieh aus den Herden seines Herrn zu stehlen. Allerdings suchten sie sich die ältesten und klapprigsten Tiere aus, wie es schien.
Baldwin Greene schüttelte den Kopf. Er würde den beiden zeigen müssen, was sich gehörte!
Der Cowboy pfiff sein Pferd heran und schwang sich in den Sattel. Die beiden Gauner hörten seinen Pfiff, hielten und beratschlagten kurz. Dann hieben sie auf ihre Pferde ein, um sich rasch davonzumachen.
Seltsamerweise nahmen sie ihren Weg nicht nach den Bergen hin, sondern ritten auf die Herde zu, von der sie doch eigentlich hergekommen sein mussten.
Baldwin Greene trieb seinen Gaul an. Die Männer schienen die Absicht zu haben, ihre Tat ungeschehen zu machen. Als sie die Herde erreichten, schnitten sie die Stricke durch, mit denen die gestohlenen Tiere an ihre Sattelknöpfe gebunden waren, und gaben die beiden Gefangenen frei.
Die Kühe setzten sich schwerfällig nach der Herde zu in Bewegung. Die Männer rissen ihre Sombreros von den Köpfen und winkten.
Greene deutete dieses Winken als Aufforderung, sie unbehelligt zu lassen. Er schüttelte verwundert den Kopf. Die Sache war seltsam.
Die Männer preschten, so rasch ihre abgetriebenen Gäule vorankamen, auf die Felsen zu, die dem Gebirge vorgelagert sind. Noch ehe Greene die Herde erreichte, waren die beiden verschwunden.
Der Cowboy kümmerte sich nicht weiter um sie, sondern hielt auf das Vieh zu. Den zurückgegebenen Tieren wollte er wenigstens die Strickenden vom Hals nehmen, die ihnen lästig sein mussten.
Er hatte die Tiere noch nicht erreicht, als es von den Felsblöcken her, hinter denen die Kerle verschwunden waren, hart und böse aufhellte.
Als die erste Kugel vorüberpfiff, ließ er sich der Vorsicht halber aus dem Sattel gleiten. Die zweite Kugel traf ihn mitten in die Stirn. Alles, was bisher sein Leben ausgemacht hatte, war in dieser Sekunde für ihn zu Ende.
Baldwin Greene rührte sich nicht mehr. Sein Gaul schnupperte eine Zeit lang an ihm herum. Dann trottete er davon.
Die beiden Mexikaner ritten hoch ins Gebirge hinauf. Der Weg war steil und schlecht.
Die Männer sprachen kein Wort miteinander. Sie konzentrierten sich darauf, jene Abzweigung nicht zu verfehlen, die sie nehmen mussten, um die Blockhütte zu erreichen, ein armseliges, baufälliges Ding.
Sie brauchten fast zwei Stunden, um hinzukommen. Kurz nach Mitternacht waren sie endlich am Ziel und stießen die Balkentür auf, die hineinführte.
Drinnen war es stockfinster. Nichts rührte sich. Nachdem sie eine lange Minute in der offenen Tür gestanden hatten, ohne sich zu rühren, glühte im Innern der Hütte eine Zigarette auf.
Sie erkannten den Menschen nicht, der hier auf sie gewartet hatte. Aber es war immer so, dass der Mann, wenn er mit ihnen zu reden hatte, im Dunkeln blieb. Wahrscheinlich wäre es ihnen auch schlecht bekommen, in diesem Augenblick etwa ein Streichholz anzuzünden.
»Okay?«, fragte eine heisere Stimme aus der Finsternis heraus. »Alles in Ordnung?«
»Alles in Ordnung, Boss«, beeilte sich einer der beiden zu versichern. »Allerdings haben wir einen Mann das Wirkende kosten lassen müssen.«
»Die Leiche fortgeschafft?«, erkundigte sich der Mann hinter dem Tisch knapp.
»Natürlich, Boss«, log der Mann, der gesprochen hatte.
»Wollte ich euch geraten haben«, knurrte der Mann im Dunkel. »Fünfzig Dollars waren ausgemacht. Stimmt’s?«
»Stimmt, Boss! Fünfzig Dollars«, erwiderte der Sprecher. Seine Stimme klang gierig.
»Also«, erwiderte der Geheimnisvolle, »geht beiseite!«
Die Männer traten in die Hütte, aber sie machten nur einen einzigen Schritt hinein. Sie stellten sich mit dem Gesicht zur Wand auf. Der Mann hinter dem Tisch erhob sich, schritt lautlos auf die Tür zu und verschwand.
Die Mexikaner warteten einige Augenblicke. Dann vernahmen sie Pferdegetrappel. Sie grinsten aufatmend, wagten sich jedoch immer noch nicht zu rühren. Erst als das Geräusch verklungen war, stießen sie einander an.
»Los!«
Der andere holte Streichhölzer hervor. Auf einem Brettchen dicht neben der Tür stand ein Kerzenstummel. Er zündete ihn an. Dann traten sie an den Tisch.
Auf der dreckigen alten Tischplatte lag ein Stein. Sie fegten ihn mit einer Handbewegung zu Boden. Unter dem Stein lagen Zehn-Dollarnoten; abgezählte fünf Stück. Sie fielen über das Geld her wie Geier über ein verendetes Stück Vieh. Dann nahmen sie den Zettel auf, der unter dem Stein lag.
Mühsam entzifferten sie ihn bei dem flackernden Licht der Kerze. Es stand nicht viel darauf.
»Übermorgen zwei Uhr Silver Falls«, lasen sie, und zum Schluss: »Fünfzig Dollars.«
Die Männer am Lagerfeuer musterten die Ankömmlinge mit misstrauischen Blicken. Das war kein Wunder. Man befand sich hier in einsamer Gegend, und die Grenze verlief in allernächster Nähe. Aber die Fremden sahen nicht danach aus, zur Zunft der Viehdiebe, Banditen und Killer zu gehören.
»Evening!«, erwiderte Joe Tarr, Vormann der Rotte, die das Lagerfeuer angezündet hatte, auf den freundlichen Gruß der Fremden. »Kommt ein wenig näher heran, wenn’s beliebt, aber nicht zu dicht – bis wir euch besehen haben. Könnt uns das nicht übel nehmen, Leute!«
»Absolut nicht«, erwiderte Tom Prox, sprang aus dem Sattel und musterte die Leute am Feuer lachenden Gesichtes. »Sind nicht von der Sorte, die leicht übel nimmt. Bitten um ein Plätzchen am Feuer, das ist alles. Decken haben wir selber.«
Ein paar Minuten lang herrschte Schweigen. Snuffy Patterson, der mit Tom Prox ritt, feixte über das ganze Gesicht.
»Geschieht uns recht, Chief«, erklärte er trocken. »Haben so oft Steckbriefe hinter fremden Menschen hergeschickt, dass wir uns gefallen lassen müssen, auch selber mal gemustert zu werden, ob wir auch keine Steckbriefvisagen haben.«
Der Vormann blickte seine fünf Cowboys, die mit ihm am Feuer lagen, der Reihe nach an. Keiner der Männer sprach ein Wort.
Das genügte Joe Tarr. Er nickte den Fremden zu und erklärte langsam: »In Ordnung, Leute! Kommt näher! – Wo wollt ihr denn hin? Gibt weit und breit keine Straße, und ihr seht nicht aus, als ob irgendein Sheriff hinter euch her wäre, vor dem ihr über die Grenze getürmt seid.«
»Ist es weit bis dahin?«, fragte Prox, »Und wenn ihr lacht wie die Hühner – wir sind zu unserem Privatvergnügen unterwegs. Leute, die aus dem Westen stammen, müssen immer einmal zum Westen zurück. Das ist nun mal so, und es lässt sich daran nichts ändern.«
»Und wo kommt ihr her?«, wollte der Vormann vorsichtig wissen. »Entschuldigt schon – aber wer wie ich ewig in der Einsamkeit lebt, der wird neugierig wie ein altes Weib.«
»San Francisco«, warf Tom Prox gleichmütig hin. »Haben dort einen Job, der was einbringt. Aber sobald wir in der Lage sind, Ferien zu machen, streifen wir gern durch den Westen. Es sind die glücklichsten Tage, die ich mir denken kann.«
In diesem Augenblick fiel irgendwo in der Ferne ein Schuss. Ein zweiter folgte. Sie horchten auf; dann blickten sie einander verwundert an.
Der Vormann schüttelte den Kopf. Er sah einen Augenblick lang vor sich hin, ehe er brummend meinte: »Das gefällt mir nicht! Das gefällt mir auf keinen Fall!«
»Der Schuss eben?«, fragte Prox gelassen. »Denke, es gibt eine ganze Menge Weidereiter, die ab und zu in die Gegend knallen und ein Loch in den...
| Erscheint lt. Verlag | 10.12.2019 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Tom Prox | Tom Prox |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer-Roman • alfred-bekker • Bestseller • billy-jenkins • bud-spencer • buffalo-bill • Cassidy • Chaco • clint-eastwood • Country • Cowboy • Deutsch • e Book • eBook • E-Book • e books • eBooks • Erwachsene • Exklusiv • für • GF • g f barner • gf unger • G. F. Unger • Indianer • jack-slade • Jugend • Karl May • kelter-verlag • Kindle • Klassiker • Krimi • Laredo • larry-lash • Lassiter • lucky-luke • Männer • martin-wachter • pete-hackett • peter-dubina • Reihe • Ringo • Roman-Heft • Serie • sonder-edition • Unger • Western • western-bestseller • Western-roman • Westernromane • Wilder-Westen • Winnetou • Wyatt-Earp |
| ISBN-10 | 3-7325-9012-7 / 3732590127 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-9012-4 / 9783732590124 |
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