Die Pläne der Trickster
Katharina Klinski wurde 1966 in Mannheim geboren und wuchs in Deutschland und Brasilien auf. Sie studierte Werkstoffwissenschaften und arbeitete 15 Jahre lang freiberuflich in der Erwachsenenbildung in Frankfurt und Pforzheim. Von 2008 bis 2015 war die Autorin an der Technischen Universität Darmstadt und am Karlsruher Institut für Technologie in Forschung und Lehre tätig. Seit 2016 widmet sie sich dem Verfassen zeitgenössischer Fantasyromane, die wissenschaftliche und philosophische Themen mit Sagen und Mythen verknüpfen.
Zoes Traumfänger
Mutwillige Zerstörung
Fantastischer Unterricht
Unglaubliche Beobachtungen
Der Spinnengott und die Traumzeit
Das Lügner-Paradoxon
Geheimnisvolle Gespräche
Violas Rache
Der Auftrag der Lehrerin
Wer sucht, der findet
Erwachen der Sinne
Verschollen im Physiklabor
Viele Antworten und noch mehr Fragen
In der Gerüchteküche
Die Hilfe der Raben
Der Duft des Bernsteins
Das Rätsel der Sphinx
Eine Nachricht für die Moiren
Die Höhlen der Spinnen
Außer Kontrolle
Hephaistos’ Hallen
Der Besitzer des Aitialith
Am Ende ihrer Kraft
Felix’ Plan
Der lange Weg ins Dilemma
Neidhard im Nacken
Zoes Entscheidung
Der Meister der Moiren
Schlussendlich
Die silberne Vogelspinne lief schwerfällig auf das offene Fenster zu, den flachen Vorderkörper dicht an der Hauswand. Es war ungewöhnlich kalt für Anfang September, knapp vier Grad über null. Drinnen würde es wärmer sein. Auf der Fensterbank drehte sie sich nach ihren Schwestern um. Ein verschwommenes Leuchten hinter dem Losbaum verriet ihr, dass sie menschliche Gestalt angenommen hatten. Mit ihrer Hilfe wäre es leichter, doch sie missbilligten den Plan. Die Spinne wandte sich dem offenen Fenster zu und lauschte. Das Mädchen atmete gleichmäßig. Noch schlief es tief. Sobald es träumte, würde der Traumfänger seinen vollen Schutz entfalten. Dann konnte sie den Zauber nicht mehr brechen. Eilig krabbelte die Spinne hinein. Auf Holz und Tapete fanden ihre Krallen guten Halt. An der Zimmerdecke nutzte sie ihre Spinndrüsen. Dutzende klebriger Spinnweben quollen aus ihren samtenen Fußsohlen, hafteten sich an die Decke und hinterließen zwei parallele Spuren winziger Seidenbüschel, eine Handspanne voneinander entfernt. Der warme Atem des Mädchens stieg in die Höhe und kreiste um den Traumfänger, ein tropfenförmig gebogener Weidenzweig, umwickelt mit einem faserigen Lederband. Kunstvoll verknüpfte Sehnen füllten sein Inneres. An geflochtenen Büffelhaaren baumelten Eulenfedern, Muscheln und Edelsteine. Die Knoten, an denen sie hingen, schienen Schwachstellen zu sein. Dort, beschloss die Spinne, würde sie angreifen. An der Unterkante des Weidenreifs spann sie feine silberne Fäden in die äußeren Maschen. Sofort leuchteten die Sehnen auf, heller und heller, bis das zarte Gespinst in schimmerndem Rauch verpuffte. Überrascht musterte die Spinne das Netz. Der Traumfänger widersetzte sich ihr sogar im Tiefschlaf! »Das kann ja heiter werden«, stöhnte sie und fing von vorne an. Immer wieder lösten sich ihre Spinnweben auf, doch sie ließ sich nicht beirren. Unablässig füllte sie die Maschen, bis der Traumfänger endlich an Kraft verlor. Kurz bevor das Mädchen zu träumen begann, war ihr Werk vollbracht. Ein silbriger Flor durchwob das Geflecht, nahm die Träume in sich auf und offenbarte sie der Spinne. Aus dem Garten erklang das Knacken von Zweigen. »Klotho!«, hörte sie ihre Schwester Lachesis rufen. »Leise!«, mahnte die andere, Atropos. Klotho löste sich vom Traumfänger. Nun konnten sie die Träume des Mädchens von überallher sehen. Eilig verließ sie das Haus, bevor es aufwachte. Nebelschwaden zogen vom Flussufer die verwilderte Böschung hinauf. Auf dem Rasen hinter den Apfelbeeren sanken sie zu einer dünnen Schicht zusammen. Durch diesen Nebelteppich pflügte sich die Spinne, geradewegs auf Atropos und Lachesis zu. Der kalte Dunst wand sich an ihren weißen Gewändern empor. Unter dem zarten Stoff zeichneten sich ihre hageren Körper ab. Lange silbrig-weiße Haare, fein wie Spinnweben, umrahmten ihre fahlen Gesichter. Unmittelbar vor ihnen erhob sich Klotho in ihrer menschlichen Gestalt. Sie war kleiner als ihre Schwestern. Sonst glichen sich die drei vollkommen, fast durchscheinend und farblos wie der Nebel. »Es wäre besser, wenn sie stirbt«, zischte Atropos, die Größte. »Setzt sie den Aitialith ein, ist unsere Macht dahin.« Ihre eisblauen Augen blickten ungerührt zum offenen Fenster. »Das haben wir doch schon geklärt«, fuhr Klotho ihre Schwester an. »Es ist nicht nötig, Zoe zu töten. Wir müssen sie nur daran hindern, den Aitialith zu benutzen.« »Das ist zu unsicher.« »Der Kodex ...« »Immer schiebst du den Kodex vor. Diese Regeln sind vollkommen übertrieben. Erhält sie den Aitialith, kommt alles heraus.« »Es reicht!«, fuhr Lachesis dazwischen. »Wir werden sie im Auge behalten. Sobald der Aitialith auftaucht, holen wir ihn uns.« * * * Zoe träumte vom ersten Schultag nach den Sommerferien: Sie saß allein in ihrem alten Klassenzimmer. Ein Mann in einem langen schwarzen Umhang riss die Tür auf und stürmte an ihr vorbei zum Lehrerpult. Sein Gesicht lag verborgen im Schatten der Kapuze. Er nahm ein Stück Kreide aus der Ablage und zeichnete ein täuschend echtes Tor an die Tafel. »Sind Sie unser neuer Klassenlehrer?«, fragte Zoe. »Lehrer?«, lachte er und rasselte mit einem Schlüsselbund vor ihrer Nase herum. »Ich bin Janus, der Hüter der Türen.« »Der Hausmeister?«, vergewisserte sich Zoe. Janus ließ den Schlüsselbund sinken. »Hausmeister?«, polterte er entrüstet. »Was bringen sie euch an dieser Schule bei?« »Ich bin doch erst in der achten Klasse!« »Dann hoffe ich, dass du nächstes Mal besser Bescheid weißt.« Er steckte einen der Schlüssel in das gezeichnete Schlüsselloch, trat einen Schritt zurück und breitete seine Arme aus. »Da ist es, das Tor in die Traumzeit.« Mit einem durchdringenden Quietschen schwangen die Torflügel auf. Eine Flut von rotem Sand quoll Zoe entgegen und begrub sie bis zum Hals. »Ich bin so gut!«, jauchzte Janus. Zoe spürte, wie sich etwas an ihren Beinen hochzog. Sie versuchte, sich zu befreien, doch je heftiger sie zappelte, umso fester umschloss sie der Sand. Vor ihr erhob sich ein Hügel. Feiner Sand rann durch langes blondes Haar. Ein Kopf tauchte auf und grüne Augen strahlten sie an. »Papa!«, rief sie. »Ihr habt eine Minute«, ermahnte sie Janus. Zoes Vater nahm ihr Gesicht in beide Hände. »Hör mir gut zu! Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder mit dir sprechen kann. Du bist in Gefahr. Sie beobachten dich.« »Bleibst du bei mir, Papa?«, wisperte Zoe. Sie hatte ihre Arme befreit und umschlang ihn. »Ich kann nicht.« Er schüttelte traurig den Kopf und drückte sie fest an sich, nur einen Moment, dann löste er sanft ihre Arme und sah sie eindringlich an. »Geh deinen eigenen Weg! Ganz gleich, wie es auch scheinen mag. Du kannst dein Leben selbst bestimmen.« »Bitte bleib bei mir!«, bettelte Zoe. »Es wird Zeit«, drängte Janus. Kaum hatte er ausgesprochen, floss der Sand zurück ins Tor und riss ihren Vater mit sich. »Ich liebe dich«, rief er noch, bevor er verschwand. Das Tor schloss sich und wurde wieder zu einem Bild auf der Tafel. »Papa!«, schrie Zoe und schreckte aus dem Traum auf. Zwei Raben erhoben sich krächzend in den dämmrigen Himmel. »Schnell!«, flüsterte Zoe, sprang auf und lief zum Schreibtisch. »Sonst vergesse ich, wie er aussieht.« Sie schüttete die Farbstifte aus dem Mäppchen und zeichnete ein Gesicht. »Lange blonde Haare«, murmelte sie. »Er hat glatte, lange blonde Haare, so wie ich. Und er hat dunkelgrüne Augen und eine schmale, gerade Nase, so wie ich.« Zoe hielt inne und betrachtete ihre Zeichnung. Sie hatte sich selbst gemalt. Enttäuscht wandte sie sich zum Nachttisch um. An der Wand darüber hingen die anderen Bilder von ihrem Vater. Früher hatte sie oft von ihm geträumt. Nach jedem dieser Träume hatte sie ein Bild von ihm gezeichnet. Zu ihrem Leidwesen sahen alle unterschiedlich aus. Eines Tages war ein Paket mit einem Traumfänger gekommen, adressiert an Zoe, ohne Absender. Sie glaubte fest daran, dass ihr Vater es geschickt hatte. Vor ihrer Geburt war er auf eine Reise gegangen und nie zurückgekehrt. Das hatte ihre Mutter erzählt. Es gab weder Fotos noch Briefe von ihm, nur den Traumfänger. Seit er über ihrem Bett hing, hatte sie nicht mehr von ihrem Vater geträumt. »Buh!«, ertönte es hinter ihr. Zoe fuhr herum. Draußen am Fenster stand Felix. Die Morgensonne ließ seine braunen Augen golden aufleuchten. Flink kletterte er auf die Fensterbank und sprang mit einem großen Satz ins Zimmer. »Kannst du nicht vorne rumkommen?« Zoe griff hastig nach ihren Kleidern und schob sich an ihm vorbei ins Bad. »Warum bist du denn heute so empfindlich?«, rief Felix ihr hinterher und zupfte sich ein paar Fussel von der Jeans. »Das weißt du doch«, erwiderte Zoe durch die geschlossene Tür. »Seit gestern ist meine Mutter drei Wochen lang in Portugal. Jetzt bin ich ganz allein im Haus.« »Sturmfreie Bude!«, jubelte Felix, »wie cool!« Er schnappte sich die Dose Haargel vom Schminktisch, nahm eine kleine Portion und brachte seine braunen Locken in Form. »Ich wäre froh, wenn meine Mutter mal für eine Weile verschwinden würde.« Kritisch musterte er sein Outfit im Spiegel über Zoes Schminktisch. Die hellgraue Sweatjacke über dem aschfarbenen Poloshirt hatte er mit einem schmalen blauen Schal aufgepeppt. Seine Sommerbräune kam dadurch gut zur Geltung. Er war kompakt, aber athletisch, ein guter Sportler. Im Großen und Ganzen war er zufrieden mit seinem Aussehen. Er fand nur, dass er für einen Dreizehnjährigen ziemlich klein war. Zoe schlüpfte in ein himbeerrotes Shirt und ihre abgewetzte Lieblingsjeans. Die war fast zu kurz, aber da sie kaum Hosen für ihre schlanke Figur fand, hatte ihre Mutter sie bisher nicht überreden können, sie auszumustern. Ihr letzter Streit fiel Zoe wieder ein. Ihre Mutter hatte kurzfristig eine Dienstreise antreten müssen und keine Betreuung für Zoe gefunden. Wäre es nach ihr gegangen, hätte ihre Schwester diese Aufgabe übernommen. Tante Hulda hatte selbst keine Kinder, daher bemutterte sie ihre Nichte gerne. Bei dem Gedanken an die Mahlzeiten, die ihre Tante zubereitete, schauderte Zoe. Zwar schmeckte die Gänseblümchenpastete ganz gut, aber die schleimige Brennnesselsuppe und der bittere Löwenzahnsalat verdarben ihr für Tage den Appetit. Obendrein mischte sich Tante Hulda in alles ein. Zoe sollte nur Kleidung aus Biobaumwolle tragen, am besten ungefärbt. Bei ihr durfte sie ihre Haare nicht mit dem Apfelshampoo waschen und musste ihre Zähne mit einer grauen Kräuterpaste putzen. Nichts konnte sie selbst entscheiden. Alles wollte Tante Hulda bestimmen. Es war zwar ein bisschen unheimlich, so lange allein zu Hause zu bleiben, aber drei Wochen mit Tante Hulda zu verbringen, war zweifellos schlimmer. Beim Zähneputzen mit ihrer minzfrischen Zahnpasta schwor sich Zoe, ihrer Mutter zu beweisen, dass sie allein zurechtkam. So schwer war das nicht. Zweimal täglich Zähne putzen, Obst und Gemüse essen, wenig fernsehen, die Toilette immer mit der Klobürste reinigen und das Zimmer aufräumen. Ihre Mutter würde stolz auf sie sein. Nie wieder sollte Tante Hulda ihr vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen hatte. Felix inspizierte den Inhalt des Kühlschranks. Im obersten Fach stapelten sich bis oben hin Käse, Schinken und Salami. In der Ablage darunter standen Becher mit Joghurt und Quark zwischen allerlei Broten und einer Frühstücksdose. »Wo ist denn der Süßkram?« Er zog die Schublade auf. Sie war bis oben hin mit Tomaten und Gurken gefüllt. »Unter dem Gemüse«, antwortete Zoe auf dem Weg in ihr Zimmer. »Mama glaubt, so nascht sie weniger.« Sie setzte sich an den Schminktisch und schaltete die Beleuchtung am Spiegel an, um nachzusehen, ob der Pickel verheilt war, den sie am Vortag ausgedrückt hatte. Nur ein kleiner roter Fleck war auf ihrem Kinn zurückgeblieben. Sie betupfte ihn mit einem Abdeckstift. Felix tauchte mit einem Kuchenriegel in der Zimmertür auf. »Voll der Fressomat, euer Kühlschrank.« Er riss seinen Mund für einen großen Bissen auf. Zoe gähnte. »Aha!« Er ließ die Cremeschnitte sinken. »Lange geglotzt?« »Gar nicht. Mein Traumfänger ist kaputt.« Er musterte den Weidenreif. »Sieht aus wie immer. Könnte mal geputzt werden.« »Er funktioniert nicht mehr.« Felix lachte. »Das ist nicht lustig. Ich hatte einen Albtraum.« »So ein Unsinn.« »Das ist überhaupt kein Unsinn!«, entgegnete Zoe. »Das ist uralte Indianermagie. Der Traumfänger fängt alle schlechten Träume ein und lässt nur die guten durch das Loch in der Mitte entweichen. Seit er über meinem Bett hängt, hatte ich keine Albträume mehr, bis heute.« »Weil du daran glaubst, haben sie aufgehört«, sagte Felix. »Inzwischen bist du älter geworden und weißt, dass das Quatsch ist. Deshalb funktioniert es nicht mehr.« Zoe überging Felix’ Einwand und fuhr fort: »Vor langer Zeit hatte eine Indianerin ein kleines Kind, das jede Nacht weinte, weil es Albträume hatte. Da bat sie die weise Spinnenfrau um Hilfe. Diese nahm einen Weidenzweig und bog ihn zu einem Ring. Dann verwandelte sie sich in eine Spinne und webte ein Netz hinein. An den Ring knüpfte sie magische Dinge: die Federn einer weisen Eule für die Kraft der Luft, eine Muschel mit der Macht des Wassers, einen Stein mit dem Geist der Erde und einen mit dem Geist des Feuers. So entstand der erste Traumfänger. Die Indianerin hängte ihn über dem Kopf ihres Kindes auf. Von dieser Nacht an hatte es keine Albträume mehr.« »Das ist ein Mythos.« Felix schob sich den Rest der Kuchenschnitte in den Mund und leckte sich die Schokolade von den Fingern. »Mythen haben oft einen wahren Kern.« Zoe fuhr sich trotzig mit der Bürste durch die Haare. Felix verdrehte die Augen. Obwohl sie reichlich Zeit hatten, behauptete er: »Wir müssen los.« Ohne auf die Uhr zu sehen, schnappte sich Zoe ihre Schultasche. Auf Felix’ Zeitgefühl war Verlass. Seit fünf Jahren liefen sie gemeinsam zur Schule. Er kam immer so früh, dass sie sich nicht hetzen musste, und gab das Kommando zum Start so, dass sie pünktlich waren. Im Flur ließ Zoe sich Zeit, ihre Sweatjacke und die Sneaker anzuziehen, bis Felix das Messingschild mit der Gravur »Zoe und Vita Corban« poliert hatte. Es war ein Geschenk von ihm, und immer, wenn er daran vorbeikam, rieb er es mit dem Ärmel blank. Felix stammte aus einer der ältesten Familien in Portus, einer Großstadt am Nordrand des Schwarzwalds. Sein Vater, Gerik Dynhoger, leitete das Familienunternehmen zur Verarbeitung von Edelmetallen in achter Generation. Die Dynhogers lebten drei Häuserblocks entfernt in einer prächtigen Villa. Sie hatten mehrere Hausangestellte, etliche Autos und einen Swimmingpool. Trotz all dieses Luxus war Felix bescheiden geblieben. Das war einer der Gründe, warum Zoe ihn so mochte. »Was hast du denn geträumt?« Er hauchte das Schild an und wischte ein letztes Mal darüber, dann trat er zur Seite und ließ Zoe aus dem Haus. »Da war ein Typ in einem schwarzen Umhang, Janus, oder so.« Sie schloss ab und stieg die drei Stufen zu dem schmalen Weg durch den Vorgarten hinunter. »Janus?« Felix sprang in das Blumenbeet, das von der Stechpalme bis zum Gartentor reichte. »Oder so.« Er hüpfte von einem Trittstein zum nächsten und sprang mit einem langen Satz über die frisch gepflanzten Veilchen vor Zoe auf den Weg. Mit einer tiefen Verbeugung öffnete er das Tor und säuselte: »Mylady.« Zoe schritt hoheitsvoll hindurch. »Und dann?« »Er hat ein Tor in die Traumzeit an die Tafel gezeichnet. Daraus kam eine Menge Sand und mittendrin steckte mein Vater. Er hat mich vor irgendwas gewarnt.« Sie seufzte. »Ich weiß aber nicht mehr wovor. Ich wollte nur, dass er bei mir bleibt. Da hab ich nicht so genau zugehört.« »Woher weißt du, dass es dein Vater war?« Traurig zuckte Zoe mit den Achseln. Tränen traten ihr in die Augen. Felix hätte sie gerne getröstet, wusste aber nicht wie. Stattdessen boxte er sie freundschaftlich in die Seite. »Lass uns heute Nachmittag ins Café Fama gehen. Im Internet finden wir bestimmt was zu deinem Traum.« Zoe musste lächeln. Felix’ Mutter hatte eine Firma beauftragt, eine Kindersicherung auf seinem Computer zu installieren. Außer Babyseiten und Lernprogrammen konnte er so gut wie nichts damit anfangen. Daher hielten sie sich häufig im Internetcafé neben dem Ärztehaus in der Rabenstraße auf. Zoe selbst besaß keinen Computer. Bei Bedarf nutzte sie das Notebook ihrer Mutter, doch das hatte Vita Corban mit nach Portugal genommen. »Wenn ich ein Smartphone hätte«, sagte Felix, »könnte ich sofort nachsehen, aber meine Eltern sind total stur.« »Meine Mutter auch. Es ist unfair. Alle haben ein Handy nur wir nicht.« Auf der Hälfte des Schulweges hörten sie hinter sich einen Motor aufheulen. Felix stöhnte: »Was hab ich jetzt schon wieder vergessen?« Ein signalroter Sportwagen raste an ihnen vorbei, bremste mit quietschenden Reifen und setzte zurück. Felix’ Mutter riss die Fahrertür auf und rief: »Zwockele!« Er schlug die Hände vors Gesicht. »Zwockele?«, kicherte Zoe. »Das ist neu.« »Gestern hat sie mich wieder mal gemessen.« Felix schaute sich um, ob jemand den peinlichen Auftritt seiner Mutter beobachtet hatte. Niemand war zu sehen. »Mama!«, raunte er. »Nicht so laut!« »Du hast dein Pausenbrot liegenlassen«, trällerte sie und trippelte mit ihren weißen Plüschpantoffeln über den Asphalt. Ihre Aufmachung überraschte Zoe. Die sonst so stilvoll gekleidete zierliche Frau trug einen blassgelben Bademantel. Zwar war sie wie üblich dezent geschminkt, doch ihre schulterlangen braunen Haare ragten wirr aus einer großen Haarkralle oben auf ihrem Kopf. »Wie siehst du denn aus?« »Ich bin noch nicht fertig.« Sie verstaute ein übergroßes Paket in Felix’ Schultasche, kniff ihn in die Wangen, küsste ihn auf die Stirn und huschte zurück zu ihrem Wagen. Die Gangschaltung krachte, dann preschte Aglaia Dynhoger davon. »Zum Glück hat sie es diesmal so schnell gemerkt«, sagte Felix. »So ein Auftritt direkt vor der Schule wäre mein Ende.« Auf seiner Stirn glitzerte perlmuttfarbener Lippenstift. Zoe zog ein Taschentuch aus ihrer Jackentasche und streckte es ihm hin. »Meine Mutter kann es auch nicht lassen.« »Was?« Er nahm das Tuch und rieb sich die Stirn sauber. »Diese Knutscherei.« Noch warf die Sonne lange Schatten auf die Hügel der Stadt. In ihrem Zentrum flossen die Nagold und die Würm in die Enz. In seiner langen Geschichte war Portus mehrmals zerstört und wieder aufgebaut worden. Deswegen waren die Bauten aus Stahl, Beton und Glas in der Innenstadt viel moderner als die stattlichen Villen auf ihrem Schulweg. Zoe und Felix liefen den Hügel hinunter und durch den Stadtgarten, einen Park am Ufer der Nagold, in dessen Zentrum die Schule lag. Vor fast zweitausend Jahren hatten die Römer ihren Grundstein gelegt, Gerüchten zufolge auf einer heiligen Stätte der Kelten. Im Laufe der Jahrhunderte war das Gebäude nach und nach ergänzt worden. Der jüngste Anbau, die vorgelagerte Eingangshalle, war zweihundert Jahre alt. Die Säulen um den Vorbau erinnerten an einen antiken Tempel. Der Säulengang an den Flanken war nur wenige Schritte breit und öffnete sich an der Vorderseite zu einer luftigen Vorhalle. Obwohl die Seitenflügel dreihundert Jahre älter waren, passten sie gut zum Eingangsbereich. Ihre geradlinigen Formen verliehen beiden ein schlichtes, aber elegantes Aussehen. Eine dichte Hecke grenzte den weitläufigen Schulhof vom Park ab, nur durchbrochen von zwei Kieswegen, die in nördliche und südliche Richtung führten. Im Gestrüpp an einem ausgetrampelten Pfad durch diese Hecke wartete Ixodida. Ein unerträglicher Hunger quälte sie. Seit fünf Jahren hatte sie nichts gegessen. Sie konnte weitere fünf Jahre ertragen, bevor sie zugrunde ging, doch vorher würde das Mädchen hoffentlich vorbeikommen. Die Schwester hatte ihr eingeschärft, dass sie nur sein Blut trinken durfte. Sie hatte Ixodida mit seinem Geruch vertraut gemacht und im Gebüsch zurückgelassen. Sie hatte versprochen, dass das Mädchen kommen würde, aber nicht gesagt, wann. Mit den sechs hinteren Beinen krallte sich Ixodida an der Spitze eines Blattes fest. Die beiden Vorderbeine spreizte sie zur Seite ab, um das Mädchen zu orten. Überall um sich herum witterte sie Atem, Schweiß und Urin. Viele Menschen kamen vorbei. Ihr Blut wäre gut genug. Was wäre, wenn sie einen anderen Wirt wählte? Ixodida verwarf den Gedanken. Die Schwester duldete keinen Ungehorsam. Sie musste warten. Zoe und Felix nahmen die Abkürzung durch die Büsche. Ixodida erkannte den Duft. Das Mädchen nahte! Sie fühlte die Erschütterung und spürte die Körperwärme. Ein raues Gewebe strich über sie. Sie ließ los und krallte sich daran fest. Endlich würde sie ihren Hunger stillen! Sofort machte sie sich daran, nach einer geeigneten Stelle mit dünner Haut zu suchen. Warm musste sie sein, vielleicht sogar ein bisschen feucht. Zoe trat auf den Kiesweg und wurde umgerannt. Ein älterer Junge, der an der Hecke entlang spurtete, hatte sie nicht rechtzeitig gesehen. Felix sprang vor, um sie zu halten. Zu spät. Sie stürzte, fing sich mit den Händen ab und blieb auf dem Boden sitzen. »Entschuldige«, keuchte der Junge und half ihr wieder auf die Beine. »Ich hab dich nicht gesehen. Hast du dir wehgetan?« Er war mittelgroß und sportlich, trug Jeans, Turnschuhe und eine braune Lederjacke. Unter seiner beigen Kappe quollen schwarze Locken hervor. Die Steine hatten Zoes Haut aufgeschürft. Es tat weh, doch sie wollte sich nichts anmerken lassen. »Alles okay«, sagte sie und versteckte ihre Hände hinter dem Rücken. »Sehr tapfer.« Er nickte anerkennend und streckte ihr die Hand hin. »Ich heiße Hugo.« »Zoe.« Sie schüttelte seine Hand. Es brannte so sehr, dass sie ihren Griff schnell wieder lösen wollte, doch er machte keine Anstalten, loszulassen. »Kann ich meine Hand wiederhaben?« Sein Lächeln verschwand. »Erstaunlich«, murmelte er und ließ sie los. Was meinte er? Zoe sah an sich hinunter. Ihre Kleidung? Oder hatte er den Pickel gesehen? Sie befühlte ihr Kinn. Der Junge drehte sich ruckartig um und lief weiter Richtung Schule. Obwohl er lässig davonschlenderte, bewegte er sich rasend schnell auf eine große Menschenmenge zu. Warum sah der Schulhof trotz dieses Getümmels so leer aus? »Oha!«, rief Felix. »Die haben den Baum plattgemacht!« Jemand hatte dem alten Olivenbaum am Haupteingang der Schule alle Äste abgehackt. Der knorrige Stamm ragte kahl aus der Menschenmenge. An diesem Anblick ergötzte sich eine riesenhafte Gestalt, die sich zwischen den Sträuchern am Rand des Schulhofs versteckte. Ihr platinblondes Haar fiel in dünnen Strähnen über den Kragen des schwarzen Mantels. Auf ihrem ebenmäßigen Gesicht lag ein begieriges Lächeln. Schadenfroh blinzelte sie mit eisengrauen Augen in die Morgensonne, die spitze Nase verächtlich gekräuselt. Als der Junge zwischen den Schülern und Lehrern verschwand, löste sie sich aus dem Schatten und folgte ihm.
Aus dem Kopf der Lehrerin wuchsen leuchtende Fäden. Entgeistert beobachtete Zoe, wie sich die hauchdünnen Gebilde durch den Raum schlängelten. Einer nach dem anderen wand sich um ihre Mitschüler, zuerst um Winifred, danach um Neidhard und Lukas, Kaspar und Felix. Schließlich schlang sich auch einer um Zoe. Sie spürte nichts, aber die Geschichte, die Frau Memorete erzählte, nahm Gestalt an. Das Klassenzimmer verschwand und ein Wald erschien. Auf einer sonnigen Lichtung lausten sich Affen gegenseitig. Eine Affenmutter trug ein Junges am Bauch, eine andere säugte ihr Kleines. Im Schatten der Bäume am Rand der Waldwiese maßen Halbwüchsige ihre Kräfte. Etwas abseits sonnte sich ein Affenweibchen. Ein Männchen näherte sich ihr und versuchte, zärtlich zu sein. Sie wies ihn ab. Immer wieder wollte er ihr näherkommen. Jedes Mal rückte sie von ihm weg. Schwankend erhob sich das Männchen und lief auf zwei Beinen zu einem Strauch mit Früchten. Er pflückte davon, so viel er tragen konnte. Das Weibchen sah ihm aufmerksam zu, nahm die Gabe an und ließ sich lausen. Wie im Zeitraffer sah Zoe Generationen von Affen entstehen und vergehen. Im Laufe der Zeit wurde das Klima trockener. Mit dem Regen verschwanden die Bäume. Der dichte Wald wich einer offenen Savanne. Die Affen richteten sich immer häufiger auf, hielten sich aber weiterhin vor allem auf Bäumen auf. Bei einer Gruppe aufrecht gehender Affen, die überwiegend auf dem Boden lebten, verweilten sie. Eine Affenmutter saß mit ihrem Nachwuchs vor einem Termitenhügel und lehrte ihn das Angeln nach Insekten. Sie steckte einen dünnen Ast in einen der vielen Gänge und zog ihn wieder heraus. Es wimmelte darauf von Termiten. Sie leckte ihn ab und schob ihn wieder in den Bau. Die Kleinen versuchten, es ihrer Mutter nachzumachen. Die ersten Stöckchen, die sie sich suchten, waren zu dick für die Öffnung, doch im Nu beherrschten es auch die Jüngsten. Ein halbwüchsiges Weibchen saß am Ufer eines Sees und beugte sich über das Wasser. Regungslos starrte sie auf die Oberfläche. Nach einer Weile tippte sie ins Wasser und betrachtete die Wellen auf ihrem Spiegelbild. Dann schnitt sie Grimassen und hielt sich Gras und Steine an den Kopf. Unversehens wurde Zoe aus der Savanne zurück ins Klassenzimmer gezogen. Der Faden war gerissen. Das lose Ende schwebte vor ihrem Gesicht. Frau Memorete sah sie erstaunt an. Ein neuer silberner Faden trat aus ihrem Kopf heraus, schlängelte sich auf Zoe zu und wand sich um sie. Die Lehrerin nickte zufrieden. Ihre Schilderung hatte sie dabei nicht unterbrochen: »Vor zwei bis drei Millionen Jahren lebte in Ostafrika der Urmensch. Er stellte bereits einfache Werkzeuge aus Stein her, die zum Zerlegen der Beute genutzt wurden. Vor weniger als zwei Millionen Jahren entwickelte sich der Frühmensch. Sein Gehirn war ein bisschen kleiner als das der heutigen Menschen, aber schon deutlich größer als das seiner Vorfahren.« Wieder flog Zoe über eine Savanne. Sie beobachtete, wie die Urmenschen Werkzeuge fertigten, das Feuer bändigten und die Erde eroberten, doch es fesselte sie nicht mehr. Sie musste an die Geschichten des Straßenkünstlers vor dem Café Fama denken und verglich sie mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen darüber, wie die Erde entstanden war. Die Erklärung der Wissenschaftler war logisch. Es war spannend, zu erleben, wie sich das Sonnensystem aus einer Staubwolke gebildet hatte, über einen langen Zeitraum, von sich aus, nur gesteuert durch physikalische Gesetze. Auch die Entwicklung der Menschen erschien ihr schlüssig. In Millionen von Jahren hatten sich ihre Vorfahren in kleinen Schritten fortentwickelt. Sie hatten Stück für Stück gelernt, zu denken und zu handeln, wie es heute für die Menschen üblich ist. Vielleicht hatte Felix recht und die Welt war eine Maschine. Sie selbst wäre dann ebenfalls eine Maschine. Eine schreckliche Vorstellung! Wie Sisyphos würde sie automatisch handeln, ohne freien Willen. So fühlte sie sich aber nicht. Sie machte sich Gedanken und fällte Entscheidungen. Alles, was sie tat, hatte einen Sinn. Und das fehlte den wissenschaftlichen Erklärungen: der Zweck. Warum gab es die Erde oder die Menschen? Deshalb fand sie die Schöpfungsmythen so anziehend. Götter erschufen die Welt und dafür hatten sie sicherlich einen Grund.
| Erscheinungsdatum | 13.12.2019 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Historische Romane | |
| Kinder- / Jugendbuch ► Jugendbücher ab 12 Jahre | |
| Schlagworte | Abenteuer & Action • Biologie • Chemie • Fantasy & Science Fiction • Freier Wille • Freundschaft • Geschichte • Götter • Götterwelt • Jungen • Mädchen • Mathematik • Mystery • Pforzheim • Philosophie • Physik • Sagen • Schicksal • Schule & Lernen • Spannung • Spinnen • Traumfänger • Wissenschaft • Witz & Unterhaltung • Zufall |
| ISBN-10 | 3-00-064330-3 / 3000643303 |
| ISBN-13 | 978-3-00-064330-9 / 9783000643309 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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