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Traumgefährten (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2019 | 1. Auflage
230 Seiten
Aufbau digital (Verlag)
978-3-8412-1546-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Traumgefährten - Leonhard Frank
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Zwei Frauen, zwei Schicksale: In diesem 1936 erstmals erschienenen Roman erzählt Leonhard Frank die Liebeserlebnisse zweier Frauen. Maria und Eve sind jede für sich in schwierigen Lebenslagen und Beziehungen gefangen. Während die Situation für die eine fatal endet, gelingt der anderen ein Neuanfang mit einem starken Partner an ihrer Seite, mit ihrem 'Traumgefährten'.

Leonhard Frank wurde am 4. September 1882 in Würzburg geboren. Sein Vater war Schreiner, er selbst ging zu einem Schlosser in die Lehre, arbeitete als Chauffeur, Anstreicher, Klinikdiener. Talentiert, aber mittellos, begann er 1904 ein Kunststudium in München. 1910 zog er nach Berlin, entdeckte seine erzählerische Begabung und verfaßte seinen ersten Roman, 'Die Räuberbande', für den er den Fontane-Preis erhielt. Im Kriegsjahr 1915 mußte er in die Schweiz fliehen: Er hatte Zivilcourage gezeigt und handgreiflich seine pazifistische Gesinnung kundgetan. Hier schrieb er Erzählungen gegen den Krieg, die 1918 unter dem berühmt gewordenen Titel 'Der Mensch ist gut' erschienen. Von 1918 bis 1933 lebte er wieder in Berlin, nun schon als bekannter Autor. 1933 mußte er Deutschland erneut verlassen, diesmal für siebzehn Jahre. Die Stationen seines Exils waren die Schweiz, England, Frankreich, Portugal und zuletzt Hollywood und New York. 1952, zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus den USA, veröffentlichte er den autobiographischen Roman 'Links wo das Herz ist'. Leonhard Frank, 'ein Gentleman, elastisch, mit weißen Haaren, der in seinem langen Leben alles gehabt hat: Hunger, Entbehrung, Erfolg, Geld, Luxus, Frauen, Autos und immer wieder Arbeit' (Fritz Kortner), starb am 18. August 1961 in München.

I


Auf einer kleinen Station stieg eine junge Frau aus. Der Schaffner reichte ihr den Koffer hinunter und eine Hutschachtel aus schwarzem Lackleder. Der Zug fuhr sofort weiter.

Sie hatte die telegrafische Mitteilung über den plötzlichen Tod eines Verwandten verspätet erhalten und den Schnellzug nicht mehr erreicht, war die Nacht durch mit Personenzügen gefahren und nach einer viel längeren Reisedauer erst um vier Uhr früh angekommen.

Die zwei noch brennenden Lampen auf dem Bahnsteig, große Milchglaskugeln, hingen fahl in der Morgendämmerung. Dicht über den Wiesen stand der Nebel. Sie blickte suchend über die Gleise hinweg zur dunklen Bahnhofshalle. Kein Mensch. Kein Laut. Das Städtchen schlief.

Den schweren Koffer konnte sie nicht über die Gleise tragen. Sie schlug den schwarzen Mantel enger um sich und blickte auf die Nebelwiese: eine hohe, dünne Gestalt, die leicht auf schlanken Beinen stand.

Sie vernahm ein Geräusch und sah, wie in der Nähe ein Signalarm mit rotem Licht durch einen mit grünem Licht abgelöst wurde. Irgendwo, in einem Wärterhäuschen an der Strecke, mußte also doch noch jemand sein, der diese tote Station betreute.

Der Mann, der von der dunklen Bahnhofshalle aus zugesehen hatte, wie der Zug eingelaufen war, stand jetzt vor einem Plakat für ein Winzerfest und las das rotgedruckte Gedicht, daß der Wein ein Geschenk der Götter sei. Er schrieb mit dem Bleistift ein paar Notenzeichen zu diesem Vers auf das Plakat und summte seine Komposition.

Er wollte gehen, da sah er drüben auf dem Bahnsteig die reglose Gestalt, die mit dem Rücken zu ihm dünn und schwarz gegen die Nebelwiese und den schon heller werdenden Himmel stand. Er schritt aus dem Dunkel heraus, auf die Gestalt zu, die sich erst umwandte, als er das letzte Gleis schon überquert hatte.

Sie sah zwischen dunklen Augen eine scharfe, schmale Nase. Sein unregelmäßig geschwungener Mund, der auch beim Lächeln und beim Sprechen etwas schief blieb, öffnete sich nur wenig. »Hier, jedenfalls, können Sie nicht bleiben.« Er nahm den Koffer, sie die Hutschachtel.

Nach den ersten Schritten, auf dem Wege zum Hotel, wechselte er die Seite und ging rechts von ihr. Woher er das wußte, daß es ihr angenehmer war, wenn ein Mann rechts von ihr ging! Ihr Mann hatte nie etwas Derartiges gefühlt.

Sie spürte ein Rieseln in den Gliedern. Körperliches Verlangen hatte sie bisher nicht gekannt – sie war überrascht und verwirrt und wollte sich innerlich wieder zumachen.

Mit festem Griff umfaßte er ihren Oberarm, drängte sie leicht von der unebenen Straße gegen den Bürgersteig, der asphaltiert war, und ließ den Arm wieder los. Ihr war, als hätte er unterjochend in ihr Gefühl hineingegriffen.

Zunächst versuchte sie nicht mehr, sich zu wehren. Sie sah zu, wie er den Meldezettel ausfüllte, stieg vor ihm die Treppe empor und setzte sich, mit Hut und Mantel, auf das Doppelbett. In sich wußte und fühlte sie, hinter hundert Schutzwänden, den Punkt, bis zu dem er ja doch nicht gelangen würde. Er nicht und leider niemand auf der Welt! Aber seine äußere Erscheinung gefiel ihr.

»Jedenfalls besser als auf dem Bahnsteig, nicht wahr?« Er lehnte an der Wand.

»Aber Sie haben vergessen, für sich ein Zimmer zu nehmen.«

»Das wäre das wenigste. Ich könnte auch wieder gehen.«

Sie fragte lächelnd: »Wer sind Sie eigentlich? Wie heißen Sie?«

»Frimar. Baron Frimar.«

»Sind Sie verheiratet?«

»Meine Frau hat sich das Leben genommen.«

›Seinetwegen!‹ dachte sie sofort und fragte ihn.

Er hob kaum merklich die Schulter. »Selbstmord hat selten nur einen Grund ... Mit meiner zweiten Frau befinde ich mich in Scheidung.«

›Sein Mund ist nicht schön, zu dünn‹, dachte sie. »Und werden Sie noch ein drittes Mal heiraten?«

»Ich besitze nichts mehr.« Ganz ruhig gesagt und wieder mit diesem schmalen Lächeln.

Der deutsche Zweig seiner Familie war verarmt. Frimar hatte viel gelesen und behalten und versuchte sich als Komponist. Begabt war er als Klavierspieler. Die Beziehungen zu den Kreisen, denen er der Geburt nach angehörte, pflegte er sorgsam und aus Neigung.

»Und Sie? Verheiratet?«

Sie nannte den Namen eines millionenreichen Offiziers und Gutsbesitzers. Er hatte ihren Mann vor Jahren flüchtig kennengelernt.

»Ich gebe zur Zeit Klavierunterricht. Drei Mark, manchmal fünf die Stunde!«

›Dennoch ein überlegener Mann? Vielleicht! Er müßte es erst beweisen.‹ Sie puderte Wangen und Nase. Und während sie, das längliche Gesicht verziehend, sich im winzigen Spiegelchen betrachtete: »Waren Ihre Frauen schwierig?«

»Nur die schwierigen sind Frauen und wert, gewählt zu werden.«

»Und dann bringen sie sich um!«

»Wenn das Glück nicht glückt! Und das wieder kann tausend und zehn Gründe haben.«

»Oder auch nur einen, der beim Manne gelegen sein könnte.«

»Natürlich auch denkbar ...! In einer so schlechten Ehe leben Sie?«

Sein schneller Rückschluß gefiel ihr. Sie sah kurz auf und gleich wieder ins Spiegelchen. ›Ihm könnte ich manches sagen von mir. Wenigstens versteht er schnell.‹ Nachdenklich schraubte sie am Lippenstift.

»Lieben Sie Ihren Mann?«

»Nein, ich bin ganz ehrlich, wenn ich ihn auffordere, andere Frauen zu haben«, sagte sie und setzte erklärend hinzu: »Mein Vater war maßlos streng zu mir, und nicht nur streng. Ich wollte endlich fort von zu Hause. Ein schwerer Fehler und eine Versündigung ...! Mein Mann ist Soldat, ein Kriegsheld mit allen Tapferkeitsmedaillen – und vor mir heult er, weil er mich nicht hat. Heult und bettelt! Er tut mir leid. Aber das nützt ihm ja nichts. Im Gegenteil!«

»Sie sind allerdings schwerer zu nehmen als ein Fort ... Heulen müßten Sie. Sie!«

»Das kann nie geschehen.«

»Und auch wenn es Ihnen geschähe, bei einem Mann und in seinen Armen, hätte er sie noch nicht ... Sie müssen nachgiebiger sein beim Nächsten, sonst gelingt Ihnen und ihm die Liebe nicht. Das schafft keiner.«

Er betrachtete ihre Hände, die Stift und Spiegel hielten, die langen, sehr dünnen Finger. Als sie den Stift weglegte, faßte er nach dieser dünnen Hand und spürte, daß sie überraschend hart war. ›Sie lebt mit dem Willen. Nur mit dem Willen! Wer diese Frau einmal weich machen könnte, der hätte sie. Aber wer vermöchte das! Auch wenn sie sich hingibt, gibt sie sich nicht hin.‹ – »Sie sind eine großartige Frau.«

»Das wissen Sie schon jetzt?«

»Und wenn Sie dazu noch den Mut hätten, eine Frau zu sein und nichts als das, wäre auf der Welt nicht leicht eine Ihresgleichen zu finden.«

Sie strich zwischendurch mit dem Stift über die Lippen. »Man soll nicht alles wollen. Wenn man sich auf jemand stützt, wird alles unsicher und gefährdet, auch das, was man vorher war und hatte.«

»Aber das Glück ist nicht zu gewinnen ohne den letzten Einsatz.«

Sein schmales Lächeln machte sie unsicher. ›Zweifellos, der wäre imstand, zu gehen, selbst wenn ich wollte, daß er bliebe.‹ Sie erhob sich und zog den Mantel aus. Da muß sie also ein paar Schritte tun, damit er ihre Gestalt, jetzt ohne Mantel, auch von rückwärts sehen kann.

»Sie sind gewachsen!«

Sie lachte. Es klang zustimmend.

»Aber zu wie eine Faust!«

»Wie könnte eine Frau anders sein! Was würde aus ihr werden! Jeder Mann, auch wenn er glücklich verheiratet ist oder sich gerade bis über den Kopf neu verliebt hat – ausnahmslos jeder will uns haben. Manche erzählen uns stundenlang, daß sie krank sind vor Sehnsucht nach einer bestimmten Frau, ziehen sie aus vor uns, schildern sie und das mit allen Einzelheiten, und zum Schluß wollen sie mit uns schlafen. Dann muß es plötzlich nicht die Ersehnte sein. Alle sind sie so.«

»Das allerdings muß eine Frau wissen und sich danach richten. Wenn sie es erst praktizieren muß, um es zu wissen, ist sie als Frau schon kaputt, bevor sie es gelernt hat.«

»Dann sind wir ja einig ... Und die wirkliche Liebe, auf die ich schon als Zwölfjährige gewartet habe, muß das Allerfurchtbarste sein. Übel wird mir, wenn ich daran nur denke, richtig übel, im Kopf und im Magen. Sicher bricht die ganze mühsam aufgebaute eigene Welt zusammen, wenn man liebt.«

»Und im Vertrauen zum Geliebten baut sie sich dann wieder auf. Aber Sie sprechen da ja von etwas, das Sie noch nicht kennen.« Er ließ eine Pause verstreichen und sagte dann auf ihre gesenkte Stirn hinab: »In der echten Liebe wird die Hingabe zu einer ungeheuren Intimität.«

Ihr Gesicht verwandelte sich, die Härte verschwand, wie weggewischt, sie konnte nicht schnell genug verheimlichen, daß dieses Wort sie stark berührt und einige Schutzwände in ihr durchbrochen hatte. Das war ihr bisher noch nicht geschehen. Ihr war, als hätte sie durch dieses Wort sich selbst erkannt.

Sie saß ganz gerade auf dem Bettrand, Beine und Füße genau geschlossen, sah ihre dünnen Hände an, die ausgestreckt und symmetrisch auf den langen Schenkeln lagen, und lächelte klein – sie fühlte sich von ihm betrachtet. Ihr Haar, flacher, runder Knoten im Nacken, war so schwarz wie ein Steinkohlenstück an der glänzenden, geschieferten Bruchstelle.

Er sah lange nur ihren exakt geschminkten Mund an. Die Oberlippe war klar modelliert, die Unterlippe weich und schmal....

Erscheint lt. Verlag 6.12.2019
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Klassiker / Moderne Klassiker
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Ehe • Frauenschicksal • Irrenanstalt • Leonhard Frank • Liebesgeschichte • Misshandlung • Selbstmord • Starke Frau
ISBN-10 3-8412-1546-7 / 3841215467
ISBN-13 978-3-8412-1546-8 / 9783841215468
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