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Stromaufwärts - Sonja Rudorf

Stromaufwärts (eBook)

Jona Hagens neuer Fall

(Autor)

eBook Download: EPUB
2019
320 Seiten
Societäts-Verlag
978-3-95542-363-6 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
10,99 inkl. MwSt
(CHF 10,70)
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Liebeskummer, vermutet die Therapeutin Jona Hagen, als sie von einer nächtlichen Eskapade ihrer vierzehnjährigen Nichte Melanie erfährt. Kurz darauf wird jedoch die Leiche von Melanies bester Freundin aus dem Main geborgen. Die Tote hat einen Abschiedsbrief sowie mehrere Gedichte hinterlassen, die sich wie eine Anklage lesen. Ein umschwärmter Gitarrist, ein Blog mit poetischen Beiträgen, und Melanies Ausflüchte - Wie passt das alles zusammen? Und wer steckt hinter den mysteriösen Nachrichten, die Melanie und ihre Freundinnen erhalten? Jona Hagen hatte sich eigentlich geschworen, nie mehr auf eigene Faust zu ermitteln. Doch als sie begreift, dass die Mädchen in Gefahr sind, steckt sie plötzlich mitten in ihrem zweiten Fall. Wie immer versteht Sonja Rudorf packend zu erzählen - ein Frankfurt-Krimi, spannend und unvorhersehbar bis zum Schluss!

Sonja Rudorf wurde 1966 in Frankfurt am Main geboren. Ihr Germanistikstudium hat sie 1991 mit dem Magister abgeschlossen. Seither arbeitet sie als Schriftstellerin. 1997 erhielt sie das renommierte Werkstattstipendium des Literarischen Colloquiums Berlin, 2000 erschien ihr erster Roman 'Die zweite Haut', dem weitere Erzählungen und Romane folgten, zuletzt 2016 'Alleingang'. Sonja Rudorf lebt als Autorin, Lektorin und Dozentin für Kreatives Schreiben in Frankfurt am Main.

Sonja Rudorf wurde 1966 in Frankfurt am Main geboren. Ihr Germanistikstudium hat sie 1991 mit dem Magister abgeschlossen. Seither arbeitet sie als Schriftstellerin. 1997 erhielt sie das renommierte Werkstattstipendium des Literarischen Colloquiums Berlin, 2000 erschien ihr erster Roman "Die zweite Haut", dem weitere Erzählungen und Romane folgten, zuletzt 2016 "Alleingang". Sonja Rudorf lebt als Autorin, Lektorin und Dozentin für Kreatives Schreiben in Frankfurt am Main.

2


Niederrad war ein Stadtteil, der sich wie viele andere in den letzten Jahren stark gewandelt hatte. Discounter dominierten das Straßenbild, an jeder zweiten Ecke gab es Imbissbuden und Internetshops und von Abgasen verfärbte Häuserfassaden. Längst war der Glanz der Pferderennbahn verblasst und das Gelände verkauft. Stand der Wind ungünstig, hing das Raunen der Flugzeuge wie eine Mahnung über dem Viertel. Und doch hatte es nie den eigenen Sound verloren. Das Besondere lag in dem Nebeneinander von Traditionsgeschäften, Supermarktketten, liebevoll geführten Läden, den kleinen Häuschen mit Hinterhof und den im Grünen gelegenen Wohnsiedlungen jenseits des Zentrums, im Widerspruch von blühender Natur und dem, was allmählich in den Zustand der Natur zurückzukehren drohte. Niederrad atmete aus allen Poren Geschichte.
Wann immer Jona an den Schauplatz ihrer Jugend zurückkehrte, spürte sie eine leise Wehmut. Niederrad war heimliches Küssen am Bahndamm zwischen der Bürostadt und den Gleisen, war Rauchen im Gebüsch, Mutproben am abbruchreifen Vereinshaus, waren Machtkämpfe mit anderen Kindern der Wohnsiedlung und ihre späteren Besuche am Stadionsee, an dem sie ihre halbe, unverstandene Pubertät verbracht hatte.
Doch obwohl ihre Schwester Iska viel besser in dieses Korsett aus Heimat und Enge passte, war es Jona ein Rätsel, warum sie ausgerechnet hier ihr Erwachsenenleben weiterführte.
Im Schritttempo fuhr sie durch den verwitterten Torbogen, durchquerte den Hinterhof und parkte ihren Roller vor den Mülltonnen.
Inmitten von Baustellen und abbruchreifen Häusern nahm sich Iskas Reihenhaushälfte mit dem Komposthaufen im Vorgarten wie ein kleines Biotop aus.
Kurz darauf lehnte Jona mit einer Tasse Tee an der Spüle und sah ihrer Schwester beim Kochen zu.
„Hat sie inzwischen was gesagt?“
Die Art, wie Iska das Messer durch Zwiebeln und Gemüse jagte, war Antwort genug.
„Irgendwelche Hinweise auf etwas Schlimmes? Ich meine, im Zimmer.“
„Glaubst du, ich spioniere in den Schränken meiner Kinder?“
„In manchen Fällen geht es vielleicht nicht anders.“ Jona nippte an dem Tee und schwieg, bis ihre Schwester sich langsam umwandte. Ihr sonst so offenes Gesicht mit den braunen, schräg gezogenen Augen und der viel zu akkuraten Ponyfrisur wirkte blank.
„Ich würde die ganze Sache gerne behutsam klären.“
„Welche Sache?“
„Sag du es mir. Dir erzählt sie bestimmt mehr.“
Die Pfanne, die sie aus dem Hängeschrank zog, lag wie ein Baseballschläger in ihrer Hand. „Sie kommt um drei. Bis dahin können wir essen und mit der Einweisung für den Bulli anfangen, um den du mich bitte gebeten hast, ja?“ Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung brachte sie etwas wie ein Lächeln zustande. „Ist von einer Freundin aus der BI Fluglärm und hat so seine Macken, die man kennen sollte.“
„Ich leihe mir einen Öko-Lieferwagen?“
„Ich will nicht, dass Melanie denkt, du kommst zum Spionieren. Ist doch auch praktisch bei dem Wetter. Ich hol mal den Schlüssel.“
Verdutzt blieb Jona in der Küche zurück und sah ihre Schwester zur Garage über den Hof eilen. Eine Notlüge, und das von Iska! Wovor hatte sie Angst? Plötzlich war sie sicher, dass sie bereits im Zimmer ihrer Tochter nachgesehen hatte und auf Dinge gestoßen war, die sie nicht begriff oder sich zu begreifen weigerte. Iska war der korrekteste Mensch der Welt. Das war vielleicht ihr Problem. Sie schob das gewürfelte Gemüse zu einem Haufen, goss Öl in die Pfanne und begann, die Zwiebeln anzudünsten. Gemeinsam zu Mittag essen und einen Weg suchen, Melanie aus möglichen Schwierigkeiten zu helfen, war eine Sache. Aber eine Bespitzelung unter fadenscheinigen Gründen kam nicht in Frage. Es war nicht nur albern, sondern auch …
„Seit wann kochst du bei uns?“
Jona fuhr herum und sah ihre vierzehnjährige Nichte im Türrahmen stehen. Ihr Gesicht wirkte angespannt und blass wie der Kunststoffkragen ihrer Jacke. Statt ihr wie sonst um den Hals zu fallen, zog sie ihre Schultasche von den Schultern.
„Ich wollte mir nur kurz euren Wagen leihen.“
„Ist deine Vespa kaputt?“
„Ein Freund zieht um.“ Die Ausrede war ihr wie von selbst über die Lippen gekommen. Doch Mel schien die Lüge nicht zu bemerken. Ihre Frage nach der Vespa hatte teilnahmslos geklungen, auch die Bewegungen, mit denen sie sich aus Jacke und Schuhen löste, besaßen etwas Mechanisches. Sie trug knallenge Jeans wie alle Mädchen in ihrem Alter und einen rosafarbenen Sweater mit Silberaufdruck. Etwas an ihrer Körperhaltung stimmte nicht.
„Hilfst du mir beim Kochen?“
„Ich muss Mathe machen.“
„Okay. Aber wenn wir gegessen haben …“
„Ich geh nachher nochmal weg.“ Wieder dieser fremde Gesichtsausdruck und ein bedauerndes Schulterzucken. Bisher hatte Melanie sie selten angelogen, kleine Notlügen, doch jedes Mal mit hochrotem Kopf und vielen, schnellen Worten. Heute drang nicht die kleinste Gefühlsregung an die Oberfläche.
Als die Haustür aufgeschoben wurde und Iska in den Flur trat, erzählte sie in zwei knappen Sätzen, dass den Geschichtslehrer die Grippe erwischt hatte und der Schule allmählich die Ersatzlehrer ausgingen.
„Für Mathe treffe ich mich heute mit den anderen. Bei Kim.“
„Lad sie doch hierher ein. Ich bin ohnehin weg. Benjamin muss zum Karate.“
In die Stille, die entstand, wehte ein Geruch nach Verbranntem, und Iska eilte in die Küche. Ohne ein weiteres Wort wandte Melanie sich ab und flüchtete die Wendeltreppe hinauf in ihr Zimmer.
„Verstehst du jetzt, was ich meine?“
„Das kann ganz normaler Liebeskummer sein“, hörte Jona sich ohne Überzeugung sagen und sah ihrer über den Herd gebeugten Schwester dabei zu, wie sie einzelne angebrannte Zwiebelstücke aus der Pfanne fischte.
Zehn Minuten später saßen sie gemeinsam um den ovalen Esstisch. Ihre Nichte pikste mit der Gabel einzelne Gemüsestücke vom Teller und kaute lustlos darauf herum. Auch Iska vermied es, jemanden anzusehen, bis Jona ihr Besteck beiseitelegte und geräuschvoll ausatmete.
„Was ist eigentlich los?“
Es dauerte keine zwei Sekunden, bis die Vierzehnjährige ihren Kopf hob und schulterzuckend ein „Sorry, ich bin müde“ in die Runde warf. Sie streifte die Serviette von ihren Knien und knüllte sie neben ihren halbvollen Teller.
„Bleib bitte sitzen.“
„Wenn du gekommen bist, um mich auszuquetschen, vergiss es.“
Jona fuhr sich durchs Haar.
„Mel. Man muss nicht alles erzählen. Aber wenn irgendwas passiert ist …“
„… kannst du mit mir über alles reden. Natürlich. Tun wir einfach so, als wäre ich in deiner Praxis und lösen das Problem.“
Jona spürte, wie ihr Lächeln verrutschte. Gestern hatte sie selbst noch liebevoll an ihre allzu vernünftige Nichte gedacht, der es gut tat, einmal aufzubegehren, altersgerecht und wichtig. Manches klang eben nur in der Theorie gut.
„Entschuldige.“ Jona nahm ihre Gabel zur Hand. Der perplexe Blick ihrer Nichte sprach Bände. Schweigend starrte die Vierzehnjährige auf ihren Teller und dann ins Leere, während das Klappern der Bestecke und das Tellerrücken die einzigen Geräusche waren. Als das Schweigen unerträglich wurde, rückte Melanie ihren Stuhl vom Tisch und setzte sich gerade.
„Vesna ist verschwunden.“
„Verschwunden? Du meinst abgehauen?“, fragte Iska alarmiert.
„Keine Ahnung. Frau Ikanovic hat gesagt, dass sie nicht nach Hause gekommen ist. Aber es fehlen keine Sachen. Nur ihre Tasche. Die Polizei war schon in der Schule.“
„Und du hast gestern Abend nach ihr gesucht“, sagte Jona behutsam, während das Bild der hübschen, serbischen Freundin ihrer Nichte vor ihrem geistigen Auge erschien.
Melanie senkte den Kopf und legte ihr Gesicht in beide Hände. Das Haar, aus dem sich ein paar widerspenstige Strähnen kräuselten, schob sich wie ein Vorhang davor.
„Ich war mir ganz sicher, dass sie am Mawi sitzt.“
„Wo?“
Nach kurzem Zögern nannte Melanie ihr das Marianne-Willemer-Häuschen, eine Gedenkstätte Goethes auf dem Frankfurter Mühlberg.
Jona betrachtete das Gesicht mit den violetten Ringen unter den Augen, das von einer durchwachten Nacht zeugte. Vermutlich brach Melanie gerade einen geheimen Schwur.
„Aber deine Freundin war nicht da.“
„Nein. Und auf meine WhatsApp hat sie auch nicht reagiert. Sie hat sie noch nicht mal geöffnet.“
„Moment mal.“ Iska legte beide Hände auf die Tischplatte. „Glaubst du wirklich, Vesna setzt sich spätabends an so einen verlassenen Ort? Was macht sie denn da?“
Schulterzucken. „Sie sitzt da einfach. Ist mal für sich und denkt nach.“
„Nachts? Bei der Kälte?“
„Es ist eben nicht alles vernünftig im Leben.“ Der zornige Blick ihrer Nichte fuhr Jona durch Mark und Bein. Sie ließ eine Weile verstreichen, bevor sie fragte, ob noch jemand diesen Geheimplatz kannte.
„Nur Kim und ich.“ Die Finger ihrer rechten Hand legten sich um das geflochtene Armbändchen, das straff um ihr rechtes Handgelenk saß. Dann holte sie tief Luft.
„Hätte ich das den Polizeibeamten sagen müssen? Und dass ich da war?“
„Du hast sie ja nicht angetroffen“, erwiderte Iska rasch und wich Jonas Blick aus. „Weißt du denn gar nichts? Ihr erzählt euch doch sonst alles.“
„Ich hab sie am späten Nachmittag...

Erscheint lt. Verlag 1.11.2019
Verlagsort Frankfurt
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Schlagworte Casting • Casting-Show • Frankfurt • Frankfurt-Krimi • Gruppenzwang • Jona Hagen • Krimi • Peerpressure • Pubertät • Regionalkrimi • Teenager
ISBN-10 3-95542-363-8 / 3955423638
ISBN-13 978-3-95542-363-6 / 9783955423636
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