Jerry Cotton 3257 (eBook)
64 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-8978-4 (ISBN)
Kein Versteck ist gut genug
Zwei Streifenwagen-Cops stoppten im Morgengrauen ein verdächtiges Fahrzeug. Am Steuer saß David Tucci, ein vom FBI seit Längerem gesuchter Schwerverbrecher. Als die Polizisten von ihm verlangten, auszusteigen und den Kofferraum zu öffnen, erlebten sie eine fatale Überraschung: Ein Mann sprang heraus, entriss einem der Cops seinen Dienstrevolver, erschoss damit Tucci, verletzte die beiden Uniformierten und floh mit dem Wagen, in dessen Kofferraum er gelegen hatte. Als Phil und ich den verletzten Cop im Krankenhaus besuchten, kam uns der Verdacht, dass der Mann aus dem Kofferraum der tot geglaubte Stanley Frankel - den man 'The Brain' nannte - gewesen sein könnte ...
Die Streifenwagenpolizisten hatten sich am Ende einer Baustelle hinter einer großen eisernen Schutttransportmulde unauffällig auf die Lauer gelegt.
Man hatte wegen dringend nötig gewordener Asphaltarbeiten aus drei Fahrspuren eine gemacht und über das Nadelöhr eine Geschwindigkeitsbeschränkung verhängt, an die sich jedoch kaum ein Autofahrer hielt. Schon gar nicht im Morgengrauen.
»Da kommt einer«, murmelte Danny Leach, der am Steuer des Patrol Car saß.
Er war groß, grobknochig und kräftig und hatte einen dicken Fastfood-Schwimmreifen um die Leibesmitte, weil er sich als Junggeselle kaum einmal gesund ernährte.
»Viel schneller als erlaubt«, stellte Ken Goldberg grinsend fest.
Er war – vor allem neben seinem Kollegen – auffallend schlank. Goldberg bekam von seiner Ehefrau stets gut verdauliche Hausmannskost vorgesetzt, und da niemand behaupten konnte, dass sie eine begnadete Köchin war, aß er niemals viel davon.
Der Haken daran war, dass er den Rest am darauffolgenden Tag noch einmal auf den Teller bekam, weil man Genießbares nicht wegschmeißen durfte.
Leach nickte zufrieden. »Ich wusste, dass das hier ein guter Platz für uns ist. An solchen Stellen geht einem immer sehr schnell ein Verkehrssünder ins Netz. Da braucht man nie lange zu warten.«
Der Wagen rollte zügig an ihnen vorbei, und Leach folgte ihm mit Lichtspiel und Musik.
»Bin gespannt, mit welcher Ausrede er uns kommt«, sagte er. »Manchmal sind diese Typen ja amüsant erfinderisch.«
Goldberg feixte. »Ich stehe auf Märchen.«
»Ich auch. Aber nur, wenn sie gut erzählt werden.«
Das Fahrzeug vor ihnen blieb stehen. Leach stoppte den Streifenwagen dahinter und stieg aus. Goldberg faltete sich auf der Beifahrerseite aus dem Patrol Car. Leach legte die Hand lässig auf den Kolben seiner Dienstwaffe und setzte sich gemächlich, fast schlendernd, in Bewegung.
Er genoss diesen Augenblick der Überlegenheit. Hier der gestrenge Arm des Gesetzes. Dort ein reuiger Sünder, der eingeschüchtert auf eine gütige Abmahnung ohne weitere Folgen hoffte … Vergeblich hoffte, weil Leach die Ansicht vertrat, dass Güte Schwäche war. Eine Schwäche, die er sich nicht leisten wollte.
Außerdem hatte er sich mit seinem Kollegen nicht auf die Lauer gelegt, um die Sache dann mit einer nachsichtigen Verwarnung gut sein zu lassen. Verkehrssünden gehörten geahndet. Und – das kam noch dazu – Captain Rooler, ihr Vorgesetzter, wollte Strafmandate sehen. So viele wie möglich.
»Guten Morgen, Sir.« Sergeant Leach ließ seine Stimme harsch und autoritär klingen. Sein Kollege stand etwas weiter hinten, ebenfalls mit der Hand auf der Waffe.
»Officer«, sagte der ertappte Autofahrer zerknirscht.
»Würden Sie bitte Ihre Hände so auf das Lenkrad legen, dass ich sie sehen kann, Sir?«, verlangte Danny Leach.
»Okay.« Der Mann gehorchte. Er umschloss das Lenkrad mit seinen sehnigen Fingern so fest, dass die Knöchel weiß durch die Haut schimmerten.
»Wissen Sie, wie schnell Sie gefahren sind?«, erkundigte sich Leach.
»Keine Ahnung. Ich habe nicht darauf geachtet.«
»Haben Sie es eilig, Sir?«, wollte Leach, dessen Uniform über dem Bauch ein wenig spannte, wissen.
»Eigentlich nicht.«
»Darf ich Ihre Papiere sehen?«
Der Autofahrer seufzte geplagt. »Hören Sie, Officer. Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe. Aber können Sie nicht ausnahmsweise ein Auge zudrücken? Um diese Zeit sind die Straßen noch ziemlich leer. Es ist kaum jemand unterwegs. Ich habe niemanden gefährdet …«
»Ihre Papiere, Sir!«, verlangte der Uniformierte schneidend. Ihm kam der Mann irgendwie bekannt vor. Wo hatte er dieses Gesicht schon mal gesehen?
Auf einem Fahndungsfoto vielleicht? Es war natürlich auch möglich, dass er sich irrte, aber er war auf jeden Fall schon mal vage alarmiert.
Plötzlich – ein polterndes Geräusch. Ken Goldberg hörte es zuerst. Aber auch sein Kollege vernahm es und disponierte sofort um.
Die Papiere waren ihm auf einmal nicht mehr so wichtig. Jetzt wollte er wissen, was sich im Kofferraum befand. Er trat angespannt zurück und befahl dem Autofahrer, den Motor abzustellen und auszusteigen.
Der Mann wollte zuerst nicht, öffnete dann aber doch unwillig die Tür und schwang die Beine langsam aus dem Wagen. Er trug Schuhe, die bestimmt nicht billig gewesen waren.
So teure Treter kann ich mir nicht leisten, dachte Danny Leach. Und eine so protzige Uhr, wie er sie am Handgelenk trägt, auch nicht.
»Ich möchte, dass Sie den Kofferraum öffnen, Sir«, sagte er forsch.
Der Mann verdrehte die Augen. »Ich bitte Sie, Officer …«
»Öffnen Sie den Kofferraum!«
»Ich war doch nur etwas zu schnell unterwegs. Was kostet mich der Spaß?«
Leach deutete mit dem Kinn auf den Kofferraum. »Was ist da drin?«
»Nichts Besonderes. Nur …«
Die Spannung fing an zu knistern.
»Aufmachen! Sofort!«
Dem Autofahrer blieb nichts anderes übrig. Er musste gehorchen. Als der Kofferraumdeckel hochschwang, trauten die Cops ihren Augen nicht.
Vor den beiden Uniformierten lag ein gut gekleideter Mann mittleren Alters, der gefesselt gewesen war und sich während der Fahrt offenbar von den Stricken befreit hatte. Sein Mund war mit einem breiten, silbern glänzenden, gewebeverstärkten Plastikband zugeklebt. Jetzt griff er danach und riss es sich mit einem wilden Ruck von den Lippen.
»Hilfe!«, schrie er. »Helfen Sie mir! Der verfluchte Bastard hat mich gekidnappt!«
Er wollte aus dem Kofferraum klettern.
»Bleiben Sie, wo Sie sind!«, verlangte Sergeant Leach.
»Das ist nicht Ihr Ernst, Officer«, protestierte der Entführte. »Ich leide an Klaustrophobie. Wissen Sie, was das ist? Ich bin krank. Ich kann nicht bleiben. Ich muss hier raus. Diese Enge macht mich wahnsinnig. Sie bringt mich um. Wollen Sie, dass ich sterbe? Könnten Sie das verantworten?«
Leach überlegte kurz. Dann nickte er. »Okay, kommen Sie heraus.«
»Sie machen einen großen Fehler, Officer!«, rief der Kidnapper warnend.
Sergeant Leach stand gewaltig unter Strom. Er starrte dem Autofahrer wütend in die Augen.
»Sie halten gefälligst den Mund!«, knurrte er.
Der Entführer zeigte auf sein Opfer. »Der Mann ist brandgefährlich.«
»Maul halten!«, brüllte Danny Leach unbeherrscht.
»Er ist ein Killer!«
»Es reicht, Mann!«
Weder Danny Leach noch sein Kollege hatten jemals eine so verrückte Situation erlebt. Und die Sache eskalierte … Leach verlangte von seinem Kollegen, er möge sich mit der Zentrale in Verbindung setzen.
Im selben Moment drehte der Gekidnappte komplett durch. Niemand hatte damit gerechnet. Offenbar hatte der Aufenthalt in dem engen, finsteren Kofferraum dem Verstand des Entführungsopfers mehr geschadet, als man ihm ansah, denn kaum war er aus dem Wagen geklettert, griff er Sergeant Goldberg an. Konnte er den Freund nicht mehr vom Feind unterscheiden?
Ken Goldberg kassierte einen gewaltigen Volltreffer am Kinn. Er hatte die Faust nicht einmal kommen gesehen. Der unverhoffte Treffer riss ihn um und raubte ihm mindestens achtzig Prozent seiner Reflexe.
Während er schwerstens benommen umfiel, griff sich der abgedrehte Entführte seine Dienstwaffe. Sergeant Leach riss verdattert die Augen auf.
»Was zum Teufel …«
Er zog seinen Revolver, konnte ihn aber nicht mehr auf den offenbar Geistesgestörten richten, denn der war sehr viel schneller und machte kurzen Prozess mit dem Cop.
Irgendwie – im Unterbewusstsein – hatte Danny Leach immer befürchtet, dass er einmal in eine solche entsetzliche Situation geraten würde.
Vermutlich ging es den meisten Cops so, weil man, wenn man Realist ist, davon ausgehen musste, dass man beim Dienst auf der Straße nicht ein ganzes Leben lang immer nur Glück haben konnte. Es gab da einfach zu viele Gefahren. Und Typen mit Waffen. Leute, für die ein Menschenleben keinen Wert hatte. Die eiskalt über Leichen gingen.
Die erste Kugel des Gekidnappten traf Danny Leach, die zweite Ken Goldberg. Das war eine Aktion, die mit unbeschreiblicher Rasanz ablief.
Der von den Streifen-Cops gestoppte Autofahrer schien für Sekundenbruchteile nicht zu wissen, was er tun sollte. Er war bewaffnet, aber bis er seine Kanone herausgefingert hatte, hatte ihm der Kerl, den er entführt hatte, garantiert schon mindestens drei Kugeln verpasst, denn der Bursche war schneller als eine zubeißende Klapperschlange.
Und tödlicher.
Deshalb ließ er die Pistole stecken und wirbelte herum. Er wollte in den Wagen springen und abhauen, doch das ließ der andere nicht zu.
Das Opfer drückte seinem Entführer die Polizeiwaffe hart ins Genick.
Der Kidnapper erstarrte.
»Tu das nicht, Mann«, sagte er heiser.
»Nenn mir einen Grund, weshalb ich dich am Leben lassen sollte, David.«
»Das – das war nichts Persönliches, Stanley«, stammelte David Tucci. Sein pechschwarzes Haar hing ihm in die dunkelbraunen Augen, doch er änderte nichts daran. Das war jetzt nicht wichtig. Schweiß glänzte in seinem breiten Gesicht. Er fletschte die gebleichten Zähne. »Du weißt, wie das läuft. Man bekommt einen Auftrag und führt ihn aus.«
»Und wenn es schiefgeht – ist man tot«, sagte Stanley Frankel roh und drückte ab.
Tucci, der gebürtige Neapolitaner,...
| Erscheint lt. Verlag | 19.11.2019 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton | Jerry Cotton |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • Action Abenteuer • action romane • action thriller • action thriller deutsch • alfred-bekker • Bastei • bastei hefte • bastei heftromane • bastei romane • bastei romane hefte • Bestseller • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste fälle • Fall • gman • G-Man • Hamburg • Heft • Heftchen • Heftroman • heftromane bastei • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Krimi deutsch • krimi ebook • Krimi kindle • Kriminalfälle • Kriminalgeschichte • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Kriminalromane • kriminalromane 2018 • kriminalromane deutsch • Krimi Reihe • Krimireihen • krimi romane • Krimis • krimis&thriller • krimis und thriller kindle • Krimi Urlaub • letzte fälle • martin-barkawitz • Polizeiroman • Romanheft • Roman-Heft • schwerste fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • spannende Thriller • Spannungsroman • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-8978-1 / 3732589781 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-8978-4 / 9783732589784 |
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