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Aichiens Sohn - Die ersten Jahre:  Eine Kindheit in den 1950er Jahren -  Wilfried A. Hary

Aichiens Sohn - Die ersten Jahre: Eine Kindheit in den 1950er Jahren (eBook)

eBook Download: EPUB
2019 | 1. Auflage
140 Seiten
Uksak E-Books (Verlag)
978-3-7389-3364-2 (ISBN)
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Aichiens Sohn - Die ersten Jahre Eine Kindheit in den 1950er Jahren von Wilfried A. Hary Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten. Eine Kindheit in den 1950er Jahren im Saarland: Der Krieg ist zwar schon Jahre vorbei, aber trotzdem prägt er noch immer das gesamte Leben. So auch bei dem Jungen Wilfried. Der Vater ist ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, die Kinder spielen in Ruinen. Aber es gibt Hoffnung auf bessere Zeiten. Wilfried A. Hary ist ein bekannter Autor, der vor allem durch seine Science Fiction-Romane und die von ihm erfundene Gruselserie Mark Tate hervortrat. In diesem autobiografischen Roman kehrt er dorthin zurück, wo alles begann.

Aichien blieb übrigens bei alledem nach seiner Rückkehr aus der Hölle nicht arbeitslos. Er hatte ja in der Stahlindustrie gearbeitet, die ihm jetzt gleich wieder einen Job anbot. Deutschland musste ja wieder aufgebaut werden, nachdem die Alliierten daraus eine gigantische Schutthalde gemacht hatten. Ohne Schuldzuweisungen natürlich: Was zerstört war, musste trotzdem neu aufgebaut werden. Es sei denn, alle damals betroffenen Deutschen wären geflohen, aber wohin? Niemand hätte sie haben wollen.

Böse Zungen behaupten heute noch, dass zumindest den Saarländern die Flucht gelungen sei – in die Obhut der Franzosen, die es wirklich gut mit ihnen meinten. Auch eine Methode, die damaligen Verhältnisse zu umschreiben, zugegeben, aber bis heute nicht im Geringsten meine eigene Sichtweise. Klar waren die Franzosen gut zu uns, aber aufbauen mussten die Saarländer ihr geschundenes Land schon selber! In dieser Hinsicht ging es ihnen keineswegs besser als sonst einem Bundesland von heute in der damaligen Zeit.

Eine Zeit, an die ich mich nur zu gut erinnere, obwohl es doch heißt, dass Unangenehmes gern vergessen wird und Angenehmes mit der Zeit überwiegt. Beides, das Unangenehme wie das Angenehme, waren jedoch so dicht miteinander verwoben, dass ich es gar nicht vergessen konnte, selbst wenn ich das gewollt hätte.

Zum Beispiel der Säbel, den wir fanden. Er stammte noch aus dem ersten Weltkrieg, weil es im zweiten Weltkrieg keine Säbel mehr gegeben hatte, auch nicht als Symbol für Führungskräfte wie Offiziere. Übrigens nannten wir den Säbel damals Schwert, weil wir den Unterschied noch nicht gekannt haben...

Wir kleinen Kinder, zu Beginn der Fünfziger, hüteten ihn wie einen Schatz. Das hieß, eigentlich wurde er meiner eigenen Obhut überlassen. Ich brachte ihn in den Kellerverschlag, in dem allerlei Krempel untergebracht war, den niemand stehlen wollte. Deshalb gab es auch kein Schloss am Eingang zu diesem Verschlag.

Damals wohnten wir in Miete. Mein Bruder erzählte mir später, dass wir vorher im ersten Stock des Hauses gewohnt hatten, mit Bad und Toilette, aber für Aichien, der niemals wirklich gesund geworden ist nach dem Krieg, war die Miete zu hoch gewesen. Also war er mit Frau und Kind ein Stockwerk höher gezogen, unter das Dach, ohne Toilette oder gar Bad. Die Toilette im ersten Stock durften wir mit benutzen.

Der Umzug erfolgte zu einer Zeit, an die ich mich nicht erinnern kann, oder gibt es jemanden, der weiß, was außerhalb des Mutterleibes geschah, während er zum Baby heranwuchs? Natürlich nicht! Ohne meinen Bruder wüsste ich es gar nicht, weil unsere Eltern dies niemals mehr angesprochen haben.

Nur der Bretterverschlag im Keller blieb derselbe, und dort traf ich mich mit den anderen Kindern, um das alte, rostige Schwert (das ja in Wirklichkeit ein Säbel war) aus dem ersten Weltkrieg in die Hände zu nehmen. Es war dermaßen schwer für uns, dass wir uns unmöglich vorstellen konnten, wie man damit umgehen sollte.

Es kam, wie es kommen musste: Wir fielen auf. Logisch, es fiel auf, dass sich die Kinder aus der Nachbarschaft mit mir immer wieder in diesem Kellerverschlag trafen. Was war da im sprichwörtlichen Busch? Und wir waren noch zu klein, um uns darüber im Klaren zu werden. So war der Schock besonders groß, als ich zur Rede gestellt wurde von meinen sehr besorgten Eltern.

Gerade Aichien, immer noch vom Krieg gezeichnet, konnte absolut nicht verstehen, dass so ein Schwert/Säbel für uns eine Art Schatz sein sollte.

Das Ding verschwand. Bis heute. Ich habe wirklich nie erfahren, was daraus geworden ist, aus unserem Schatz. Das einzige, was uns Kindern damals geblieben war, das war die gemeinsame Erinnerung an diesen Schatz, der in unserer Erinnerung von Tag zu Tag wertvoller wurde und uns irgendwie eine ganze Weile noch regelrecht zusammenschweißte.

Bis ich zur Schule kam und ab da ganz andere Sorgen hatte.

Ich hatte mich übrigens enorm auf die Schule gefreut und mich vorher sachkundig gemacht, soweit dies ging. Da wurde von Schultüten geredet und einem großen Fest bei der Einschulung. Als es dann für mich endlich so weit war, blieb beides aus. Mehr noch: Ich ging in eine Klasse, die sich mit einer anderen Klasse abwechseln musste, weil nicht genügend Räumlichkeiten zur Verfügung standen. Wenn ich mich recht erinnere, waren wir fast vierzig Kinder in einem engen Raum, um jeweils entweder morgens oder mittags Unterricht zu haben. Die andere Klasse haben wir nie kennengelernt. Wenn wir da waren, fehlten sie und umgekehrt.

So richtig Spaß machte das absolut gar nicht. Obwohl ich es mir vorher so sehr gewünscht hatte. Nicht etwa wegen Fächern wie Französisch, Mathematik oder so, sondern nur wegen einem einzigen Fach: Deutsch! Ich wollte endlich richtig lesen können, weil es für mich ungemein faszinierend war, wenn mein Vater täglich die Zeitung las. Er starrte dabei auf riesige Blätter mit kaum erkennbaren Schwarzweißbildern, deren Aussage ich nicht wirklich begreifen konnte, und es langweilte ihn überhaupt nicht, irgendwelchen Symbolen zu folgen, die diese riesigen Blätter füllten.

Ich kann mich auch noch an Illustrierten erinnern, die Aichien mir zeigte. Nicht das, was darin geschrieben stand, sondern Bilder, mit denen versucht wurde, die Vorgänge vor dem zweiten Weltkrieg aufzuarbeiten.

Als Kleinkind, das kaum sprechen konnte, starrte ich darauf, ohne etwas zu sehen. Das waren für mich lediglich Grauschattierungen bis hin zu Schwarz, ohne die Begriffe hierfür natürlich zu kennen. Sonst nichts. Wieso wurde mir das gezeigt? Was war der Sinn? Wenn Aichien das wenigstens kommentiert hätte, aber das war und blieb ja für ihn tabu.

Mir dämmerte allerdings, dass etwas dahinter stand, was ich noch nicht begreifen konnte, also weckte es meinen Ehrgeiz, dies eines Tages begreifen zu lernen.

In einem war Aichien ganz besonders vorbildlich: Er versuchte mir schon früh, das Lesen beizubringen, als er bemerkte, wie sehr mich das interessierte. So richtig geklappt hat das zwar nicht, weil ihm die pädagogische Erfahrung fehlte, aber zumindest habe ich dabei gelernt, diese Schwarzweißschattierungen als Bilder zu erkennen. Da wurden Personen und ihre Handlungen gezeigt! Als ich das endlich begriff, wobei die Darstellungen wie aus einem Nebel des Unverständnisses heraufstiegen, war es ein Gefühl, wie ich es niemals wieder vergessen würde.

Ein ähnliches Gefühl entstand dann in der Schule, als ich begann, diese halbwegs sinnlos erscheinenden Zeichen und Symbole als Texte zu interpretieren. Das war dermaßen faszinierend für mich, dass dabei in meinem kleinen Kopf Bilder entstanden, nur weil ich diese Texte las. Dabei wagte ich mich an Texte heran, die ich so jung unmöglich schon begreifen konnte. Sie erzeugten trotzdem eine Resonanz in meinem Kopf.

Später erst erfuhr ich, dass man dies Kopfkino nennt. Und ich habe auch erfahren, dass nicht jeder Mensch so etwas wie ein Kopfkino besitzt. Das haben nur Menschen, die Spaß am Leben kriegen. Alle anderen werden das möglicherweise nie und nimmer verstehen können, weil für sie Texte einfach nur aneinandergereihte Wörter sind, ohne dass in ihrem Kopf so eindringliche Bilder entstehen können.

Ich bin mir sicher, dass ich das so offen niederschreiben kann, ohne jemanden zu verärgern, weil dies ja keiner jemals lesen wird, der über kein Kopfkino verfügt. Die lesen in der Regel ja gar nichts. Höchstens so etwas wie Fachliteratur. Vielleicht auch die neuesten eMails oder sonstige Kurznachrichten, aber ansonsten... Sie werden keinen Grund haben, sich über mich ob meiner Bewertung zu ärgern, weil sie es ja nie erfahren werden.

Ich habe hingegen die Freude am Lesen sehr früh erfahren, und sie ließ mich nie mehr los. Nicht nur was Pflichtlektüre in der Schule betraf. Mit sieben Jahren war ich zum Beispiel längst glühender Fan der Heftchenserie „Rolf Torrings Abenteuer“. Sie erschienen alle zwei Wochen im Kleinformat. Mein Bruder kaufte sie im Wechsel zu der Serie „Jörn Farrow“. Diese war damals seine Lieblingsserie, ich hingegen bevorzugte Rolf Torring beziehungsweise dessen Freund und Erzähler Hans Warren. Der schrieb damals übrigens beide Serien, gemeinsam mit seinem Bruder, wie ich erst Jahrzehnte danach erfahren sollte.

Ich erinnere mich auch noch daran, dass mein Bruder eines Tages nach Hause kam und Exemplare von Rolf Torring mitbrachte, die in alter deutscher Schrift geschrieben waren. Sie waren vor dem Krieg erschienen, bis die damaligen Machthaber sie verboten hatten, als „Schmutz und Schund“.

Nebenbei bemerkt: Als einer meiner Lehrer in der Schule später Romanheftchen als „Schmutz und Schund“ bezeichnete, machte ich ihn darauf aufmerksam, dass genau das auch als Argument der Gründer des sogenannten Dritten Reiches gedient hatte. Man wisse ja, wie so etwas endet...

Was soll ich sagen: Man weiß bis heute, wie es endet, wenn ein Schüler solches zu seinem Lehrer sagt! Wir hatten niemals die Chance, Freunde zu werden, was ich einerseits begrüßte, aber was mir andererseits das Leben in der Schule durchaus erschwerte.

Das ging durch alle Klassen so weiter: Außer meinem ersten Lehrer, bis in die vierte Klasse hinein,...

Erscheint lt. Verlag 15.10.2019
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Literatur Historische Romane
Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-7389-3364-6 / 3738933646
ISBN-13 978-3-7389-3364-2 / 9783738933642
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