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WoidBluad (eBook)

Kriminalkurzgeschichten aus dem Bayerischen Wald
eBook Download: EPUB
2019 | 1. Auflage
304 Seiten
HePeLo-Verlag / edition golbet
978-3-943926-22-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

WoidBluad -
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Psychopathen, Auftragskiller, Giftmörder und Verzweiflungstäter - schon wieder ist es vorbei mit Ruhe und Idylle im Bayerischen Wald. 25 Autorinnen und Autoren nehmen unsere wunderschöne Region auch 2019 zum Anlass, nach Herzenslust ihr literarisches Unwesen zu treiben. Wahrlich, die Anthologie zum Ralf Bender-Preis ist auch diesmal ein Schlachtfest krimineller Ideen geworden. Dabei trieft beileibe nicht aus jeder Seite das Blut. Oftmals wird mit einem Augenzwinkern beschrieben, was uns einen wohligen Schauer über den Rücken jagt. Doch Vorsicht, es besteht doppelte Suchtgefahr: Beim Lesen der meisterhaft gestrickten Geschichten und beim Betreten des mystisch schönen Bayerischen Waldes. Tun Sie beides, Sie werden es nicht bereuen!

RICHARD FLIEGERBAUER

Gewinner des Ralf Bender-Krimipreises 2019
Hauptpreis

aus dem Raum Stuttgart

geboren in Röhrnbach, Bayerischer Wald

Konzeptioner, Werbetexter

Richard Fliegerbauer absolvierte Ausbildungen zum Verlagskaufmann und Redakteur. Er schreibt Kurzgeschichten, Phantasie und Krimis mit einem Hang zum Blickwinkel des Täters. Bislang wurden in mehreren Anthologien Kurzgeschichten von ihm veröffentlicht.

Nachtschicht

Bist du völlig übergeschnappt? Scheißt dir vor dem Schwabenweib in die Hosen.”

Bruno zuckte so heftig zusammen, dass er befürchtete, entdeckt zu werden. Bis eben hatte er, zwar genervt bis in die Haarspitzen, aber trotzdem völlig ruhig, unter den dichten Uferhecken gelegen. Genervt von diesen zwei Trotteln, die ihm ausgerechnet heute ins Handwerk pfuschten. Ruhig, weil das nun mal zu seinem Job gehörte. Wenn man bei der Nachtschicht nicht die Ruhe bewahrte, dann konnte man es gleich vergessen. Nachtschicht – so nannte Bruno es, wenn er einem Auftrag nachging.

Er erledigte seine Arbeit am liebsten nachts. Dann war die Welt um ihn herum aufgeräumter als am Tag. Und ruhiger. Normalerweise. Heute nicht. Heute hatte die Welt Streit. Direkt vor ihm.

Bruno kannte das. Am Samstagabend floss das Bier zügig aus dem Zapfhahn. Dann wurden die Stimmen lauter, die Augen glasiger und die Schädel noch dickköpfiger als sie das ohnehin schon waren. Bruno hielt sich raus. Er war nun mal eher der ruhige Typ. Kurz hatte er überlegt, sein Versteck zu verlassen. Einfach auf die Straße laufen und so tun, als wäre nichts geschehen. Bevor die beiden überhaupt gemerkt hätten was los ist, wäre er längst ums nächste Hauseck verschwunden.

Seinen Auftrag konnte er eh vergessen. Sein Ziel hatte genau in dem Augenblick, in dem die beiden vor ihm aufgetaucht waren, den Kopf aus der Hofeinfahrt gestreckt. Vorsichtig, wie immer. Hatte kurz die beiden Streithähne fixiert und war Sekunden später Richtung Weißer Regen in der Dunkelheit verschwunden. Über eine halbe Stunde hatte Bruno genau für diesen Moment unter den Büschen gelegen. Die Nase tief im Dreck, den Bauch schon feucht vom Gras. Alles umsonst. Aus die Maus, das war für heute gelaufen.

Er hasste es, wenn man ihn bei der Arbeit behinderte. Wenn er einen Auftrag hatte, dann wollte er ihn auch sauber erledigen. Und zeitnah, wie sein ehemaliger Boss Theo immer zu sagen pflegte. Wenn der Boss gesagt hatte: „Bruno, kümmer dich drum!”, dann kümmerte sich Bruno. Bis letzten Herbst. Da war Charlotte, Theos Tochter, von zu Hause weggezogen. Der Liebe wegen. Soll’s geben. Dem Boss war das nicht recht. Er machte sich Sorgen.

„Bruno. Du gehst bitte mit”, hatte er gesagt. „Einer muss ja auf mein kleines Mädel aufpassen.” Wenn der Boss so etwas sagte, dann war das keine Bitte. Und so war Bruno umgezogen, von Landsberg am Lech nach Thürnstein am Regen.

Die Liebe hatte nicht lange gehalten. Soll’s auch geben. Der Mann war weg, aber Charlotte war geblieben. Ein wenig aus Trotz. Aber auch, weil sie sich in die Gegend und den kleinen Bauernhof verliebt hatte. Auf jeden Fall war das „kleine Mädel” jetzt sein neuer Boss: Charlotte Boss. Oder Donna Boss. Für Bruno kein Problem. Wenn es eines sein sollte, dann, dass die junge Donna von ihrer Mutter zwar das Temperament geerbt hatte, nicht aber die Kochkünste. Insgeheim hatte Bruno sie „Donna Dosenöffner” getauft. Aber das behielt er besser für sich.

Brunos Problem waren im Moment zwei Männer. Den Jüngeren kannte Bruno vom Wegsehen. Unangenehmer Kerl, war hier aus dem Ort. Ein Kerl wie ein Baum, groß und kräftig. Er hieß Manfred und lief nur in Latzhose herum, was ihm den Spitznamen Blaumanni eingebracht hatte. Er machte zu viel Lärm mit seinem Motorrad, und wenn er in den Spiegel schaute, dann war das kein schöner Anblick. Seine dünnen langen Haare hielt ein Kabelbinder zu einem Pferdeschwanz zusammen. Seine breite Boxernase war der Beweis, dass er sie zu oft in Dinge gesteckt hatte, die ihn nichts angingen, und das hatte er mehrfach schmerzhaft zu spüren bekommen. Das frische Blaugrün rund um sein linkes Auge unterstrich diesen Eindruck.

Den anderen hatte Bruno noch nie gesehen. Dünn, schlank und deutlich kleiner als Blaumanni. Und deutlich verärgerter. Er stand mit dem Rücken zu Bruno, und so konnte er nicht viel erkennen. Der Mann war ein Schatten. Einer von der Sorte, die keinen Eindruck hinterließen. Man kann sich hinterher nie so richtig an sie erinnern. Aber man war froh, wenn sie weg waren.

Die beiden störten. Sie hatten seinen Auftrag vermasselt und stahlen seine Zeit. Sie standen so dicht vor Bruno, dass er die Schuhcreme an ihren Stiefeln riechen konnte. Bruno hatte große Lust aufzuspringen, laut zu schreien und den Streithähnen einen gehörigen Schrecken einzujagen. Vielleicht würde sich einer einen Herzinfarkt einfangen. Verdient hätten sie es ja, aber er ließ es bleiben.

Bruno kannte die Regeln. Nicht auffallen war eine. Außerdem: Da war dieser Name gefallen.

„Bist du völlig übergeschnappt? Scheißt dir vor dem Schwabenweib in die Hosen.”

„Schwabenweib.”

Das war der wenig schmeichelhafte Name, den ein abgeblitzter Verehrer seiner Donna Charlotte gegeben hatte. Der Verehrer hatte eine gescheuert bekommen und war abgerauscht, der Spitzname war geblieben. Und die beiden kannten ihn. Was hatten diese Kanalratten mit seiner Donna zu schaffen?

„Was hätte ich denn machen soll’n? Die stand plötzlich vor mir.” Blaumanni war hörbar kleinlaut.

„Ach so. Und dann gibst du ihr einfach so deinen Rucksack.”

„Ja”, zischte es trotzig zurück. „Weil sie mich so nett darum gebeten hat – mit ihrer Flinten in der Hand.”

„Die drückt doch nicht ab! Hättest sie halt einfach stehen lassen. Was macht die überhaupt da oben bei dem Dreckswetter?”

Das waren vielleicht zwei Trottel. Ja, was hat die Donna Boss wohl da oben gemacht? Sie legte eben hin und wieder den Dosenöffner aus der Hand, nahm die Doppelläufige und füllte den Kühlschrank mit einem nicht ganz legal erworbenen Reh.

Blaumanni war jetzt richtig eingeschnappt: „Schwätzer. Du sitzt im Wirtshaus und wartest. Aber ich muss da von Neuern über die Grenze und schauen, dass mich keiner erwischt.”

„Genau. Nicht mehr und nicht weniger. Und sogar dazu bist zu blöd.”

„Sag das nochmal, dann …” Der Jüngere hatte einen Schritt nach vorne gemacht und beide Arme nach oben genommen.

„Dann was?” Bruno konnte sehen, wie sich bei dem Älteren alle Muskeln anspannten.

„Siehst du dann schon. Das war’s auf jeden Fall mit uns. Ich bin raus.”

„Von wegen, du bist raus! Schaff das Zeug her!” Es war, als spuckte der Ältere die Worte regelrecht aus.

„Vergiss es. Das Schwabenweib hat gesagt, sie verpasst mir eine Ladung Sauschrot, wenn ich mich noch mal bei ihr blicken lasse.”

Die beiden schwiegen und die schlechte Stimmung materialisierte sich. Bruno zog eine Schnute und beinahe sah es so aus, als würde er lächeln. Aber er lächelte nie. Schon gar nicht, wenn er arbeitete. Noch weniger, wenn ihn jemand nervte.

Der Schatten sog lautstark Luft durch die Zähne und Blaumanni legte nach.

„Mit dir bin ich auf jeden Fall fertig. Ich krieg noch meinen Anteil, dann bin ich weg. Ich hab das Zeug abgeholt und über die Grenze gebracht. Mein Job ist erledigt.”

„Ja, leck mich doch. Dein Job war, das Zeug zu mir zu bringen. Also, wo ist es?”

„Nix is’”, fauchte Blaumanni, „ich will meinen Anteil, sonst lass ich dich hochgehen. Bis morgen um Zwölf, dann bin ich bei der Polizei.”

Falsche Antwort, dachte Bruno. Ganz falsche Antwort. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten und sie nötigte Bruno allen Respekt ab. Mit einer einzigen fließenden Bewegung, eher einer Ballettfigur gleich, war die linke Hand des Älteren nach vorne geschossen und hatte das Kinn seines Gegenübers gepackt. Die Rechte hatte einen Halbkreis beschrieben, dabei ein Messer aus dem Gürtel gezogen und es Manni in den Hals gerammt.

Der Mann war Profi, das musste Bruno neidlos anerkennen, ein Kollege sozusagen. Der machte keine halben Sachen, der fackelte nicht lange. Schnell, lautlos, professionell. So, wie man das eigentlich von Brunos Arbeit gewohnt war. So, wie es eigentlich heute für ihn hätte laufen sollen. Wenn, ja wenn da nicht diese beiden Idioten dazwischen gekommen wären. Aber das zählte jetzt nicht mehr. Jetzt ging es um etwas ganz anderes. Jetzt ging es um Donna Boss.

Ein leises Gurgeln kam aus dem Schnitt durch Blaumannis Kehle. In seinen weit aufgerissenen Augen steckten vielen Fragen. Vor allem die eine, die überflüssigste, die man dort so oft sah, wo der Tod unerwartet Quartier bezog: Warum? Eine Antwort darauf gab es nie. Blaumanni ging in die Knie, kippte nach vorne und landete mit dem Gesicht im Sand, keine Stiefellänge vor Brunos Versteck.

Der Schatten hatte das Messer schon wieder weggesteckt und war unterwegs in Richtung seines Wagens. Und als das Auto mit durchdrehenden Reifen den Parkplatz verließ, hieß es für Bruno vor allem eines: schnell sein.

Er nahm die Abkürzung durch den Pferdehof. Um diese Zeit war der Rottweiler schon an der Kette. Den Radau, den der Hund machte, ignorierte er. Weiter durch den Tomatengarten und über den Hüterweg. Er folgte den Schatten der Wände zum schmalen Durchgang und stieg dann auf das Dach der Garage.

Das schien ihm ein guter Platz, um sich ein Bild zu machen.

Luft holen, Puls beruhigen, vorsichtig an den Rand des Garagendachs schleichen. Der Schatten war schon da. Und...

Erscheint lt. Verlag 28.10.2019
Verlagsort Schönberg
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Anthologien
Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-943926-22-2 / 3943926222
ISBN-13 978-3-943926-22-4 / 9783943926224
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