Jerry Cotton Sonder-Edition 116 (eBook)
80 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-8856-5 (ISBN)
Die Insel des Würgers
Der Kerl war wie ein Phantom. Er holte sich sein Opfer und verschwand spurlos.
WÜRGER HAT WIEDER ZUGESCHLAGEN! SIEBZEHNJÄHRIGE ERDROSSELT!
Das lasen wir am nächsten Morgen in der Presse. Als Schlagzeile, unübersehbar. Und man zerriss uns in der Luft. Uns, das FBI New York. »Das sind Pfeifen!«, sagten die Leute.
Wir jagten diese Bestie in Menschengestalt, Tag und Nacht. Dann hörten wir von jener Insel. Der Insel des Würgers. Keiner kannte sie. Ich wünsche mir noch heute, dass ich sie niemals kennengelernt hätte ...
Zwischen den Bäumen des Parks hing die Dunkelheit dicht und undurchdringlich wie schwarze Watte.
Der Mörder stand an den glatten Stamm einer Buche gelehnt. Er wartete. Äußerlich wirkte seine Haltung träge, fast schläfrig, doch er stand sprungbereit, und seine Sinne waren aufs Äußerste gespannt.
Schritte näherten sich. Leichte, schnelle Schritte. Der Mörder kniff die Augen zusammen. Er spähte zu dem Weg hinüber, der zwischen den Büschen und Bäumen nur wie ein schmales graues Band sichtbar war. Ein paar Sekunden vergingen – dann tauchte eine Gestalt aus dem Dunkel auf und trat in den Lichtkreis einer vereinzelten Peitschenleuchte.
Die Augen des Killers glitten über das kurze rotblonde Haar der jungen Frau, über die schlanke Figur im roten Minikleid, über die langen gebräunten Beine. Sie war nicht älter als neunzehn Jahre. Sie schwenkte eine Basttasche am kleinen Finger, ging schnell und strebte offenbar eilig auf die Middle Neck Road zu, die den Park auf der Nordseite begrenzte.
Der Mörder wartete, bis sie mit ihm auf gleicher Höhe war.
Seine Lippen hatten sich zusammengepresst, in den schmalen dunklen Augen lag ein fiebriger Glanz. Seine Hände reckten sich vor, die Finger krümmten sich wie Krallen. Mit einem langen, geschmeidigen Schritt glitt er an die ahnungslose nächtliche Passantin heran – und als sie das Geräusch hinter sich hörte, war es bereits zu spät.
Sie wollte sich herumdrehen – doch da schlossen sich schon die Hände des Würgers um ihren Hals. Seine Nägel bohrten sich in ihr Fleisch, seine Finger drückten zu mit mörderischer, erbarmungsloser Gewalt.
Sie konnte nicht einmal mehr einen einzigen Schrei ausstoßen.
***
Joyce Kendall warf die Tennisschläger auf den Notsitz des giftgrünen Siata Spring. Sie verzichtete darauf, die Tür zu benutzen, und schwang sich mit einer gekonnten Flanke in den offenen Wagen.
Während sie mit der Linken den Zündschlüssel drehte, tastete sie mit der Rechten nach der Sonnenbrille und warf noch einen Blick zu dem großen, L-förmigen Bungalow zurück.
Ihr Vater stand auf der Terrasse und sah ihr nach.
Joyce winkte ihm zu, dann ließ sie den Motor kommen. Der kleine, auf Oldtimer getrimmte Wagen setzte sich in Bewegung, ließ den Kies vor der Garage aufspritzen und kurvte auf die Straße.
Joyce schlug den Weg zur Küste ein. Die Plätze des Tennisklubs, dem sie angehörte, lagen an der Hempstead Bay, ziemlich einsam, abgeschirmt gegen neugierige Blicke und nahe genug am Strand, um nach einem heißen Match ein kühles Bad zu gestatten.
Joyce fuhr ein Stück über die Middle Neck Road, winkte einem ihr bekannten jungen Mann zu, der in einem offenen roten Roadster an ihr vorbeirauschte, und bog nach ein paar Minuten in die schmale, sandige Straße ein, die in die Dünen führte.
Während sie den Siata um die Kurven steuerte, schweiften ihre Gedanken ab. Sie dachte an das Strandfest, zu dem sich die jungen Leute ihres Bekanntenkreises morgen Abend verabredet hatten. Musik, Tanz, Barbecue im Freien – es sollte eine großartige Sache werden.
Aber sie wusste noch nicht genau, ob sie hingehen würde. Gestern hatte sie sich mit ihrem Freund verkracht. Eine Unmutsfalte erschien auf ihrer Stirn, als sie an Ralph dachte. Er war ein Snob, arrogant und entsetzlich von sich eingenommen. Joyce fragte sich, wieso sie das nicht von Anfang an bemerkt hatte.
Als Begleiter kam dieser blöde Kerl jedenfalls nicht in Frage. Eher würde sie zu Hause bleiben oder allein gehen oder …
Ihre Gedanken stockten.
Ein Wagen tauchte vor ihr auf. Ein uralter, klappriger Ford Edsel. Er stand quer, er versperrte fast die ganze Straße, und sein Besitzer war mit Kopf und Oberkörper unter die geöffnete Motorhaube getaucht.
Joyce trat auf die Bremse.
Sie tat es nicht aus besonders ausgeprägter Hilfsbereitschaft und auch nicht, weil ihr irgendetwas an der mageren Gestalt des Edsel-Fahrers interessant erschienen wäre. Aber sie verstand etwas von Autos, sie hatte einen Pannenkursus mitgemacht und legte Wert darauf, ab und zu ihre diesbezüglichen Kenntnisse unter Beweis zu stellen. Besonders Männern gegenüber.
Lässig stieß sie den Wagenschlag auf, stieg aus und schlenderte zu dem Burschen hinüber, der immer noch den defekten Motor betrachtete.
»Hallo«, sagte sie. »Kann ich Ihnen helfen?«
Der Mann richtete sich auf.
Er war um die fünfzig Jahre alt, hatte ölig glänzendes Haar und engstehende dunkle Augen. Sein grauer Anzug schlotterte, die Krawatte saß schief. Einen Moment lang sah er sie starr an, musterte ihren knappen Tennisdress, das halb von der Sonnenbrille verdeckte Gesicht, die nackten braunen Beine, dann zog er die Lippen von den Zähnen und grinste.
»Keine Ahnung, warum er nicht mehr läuft«, sagte er heiser. »Vermutlich Altersschwäche.«
Joyce lachte. »Darf ich mal sehen?«
»Bitte! Wenn Sie was davon verstehen …«
Er machte einen Schritt zur Seite. Joyce trat an den Wagen heran. Mit einer selbstbewussten Geste nahm sie die Sonnenbrille ab, kniff die Augen zusammen und beugte sich vor.
»Starten Sie mal«, bat sie. »Wenn der Motor läuft, kann ich vielleicht sehen …«
Weiter kam sie nicht.
Die jähe Bewegung hinter sich nahm sie zwar wahr, doch sie achtete nicht darauf. Und Sekunden danach war es zu spät.
Ein Schatten fiel über sie. Heißer, erregter Atem schlug in ihren Nacken, und Joyce Kendall spürte nur noch die Hände, die sich wie Eisenklammern um ihre Kehle schlossen …
***
Neben mir auf dem Beifahrersitz lag eine Zeitung. Sie war aufgeblättert, und ab und zu streifte mein Blick die balkendicke Schlagzeile:
Würger schlägt wieder zu
Siebzehnjährige erdrosselt
Bilder vom Tatort und dem Opfer illustrierten den Bericht. Ein nettes dunkelhaariges Mädchen, etwas füllig, mit Sommersprossen auf der Nase und lustigen Grübchen. Mir gab es einen Stich, und zwangsläufig fielen mir die gestochen scharfen, grausam deutlichen Aufnahmen der Mordkommission ein. Ich vermied es, mich an Einzelheiten zu erinnern, blickte angestrengt geradeaus und konzentrierte mich auf meine Umgebung.
Ich fuhr durch Port Washington – durch den alten Teil des Orts, wo nicht Bungalow-Siedlungen, Hotels und Nachtklubs, sondern graue Mietskasernen das Bild beherrschten. Irgendwo in diesem Häusermeer, zwischen dem Luxus der Millionärskolonie und der Armut sanierungsreifer Slums, trieb ein wahnsinniger Mörder sein Unwesen. Sechs junge Frauen hatte er umgebracht – erdrosselt in Parks, am Strand, in einsamen Hinterhöfen. Er lauerte ihnen auf, fiel sie an, versuchte die Leichen beiseitezuschaffen. Drei seiner Opfer waren spurlos verschwunden. Aber wir hatten ihre Wagen gefunden, Handtaschen, Stofffetzen, Blutspuren, Zeichen des Kampfes, und es gab nicht den geringsten Zweifel darüber, welches Schicksal sie ereilt hatten.
Meinen Jaguar hatte ich zu Hause gelassen. Der klapprige rote Ford, den ich fuhr, hatte weder Funk noch Sirene, aber dafür passte er zu meiner Rolle. Seit drei Tagen war ich nicht mehr der G-man Jerry Cotton, sondern der Fotoreporter Jeff Bender, der in einem heruntergekommenen Apartment hauste, ständig eine Kamera mit Blitzlicht um den Hals trug und eine Story über den Würger schreiben wollte.
Bisher allerdings sah es nicht so aus, als ob ich auf diesem Weg weiterkommen würde. Ich seufzte leicht – und dabei sah ich die Bewegung rechts von mir.
Zwei Gestalten im Schatten einer schmalen Einfahrt. Die lange rote Mähne einer Frau. Und ein breitschultriger Lederjacken-Typ, der …
Verdammt, ja, er hatte sie gegen die Wand gedrängt, und es sah ganz so aus, als versuche er, sie bei der Kehle zu packen!
Ich rammte den Fuß auf die Bremse.
Die Reifen des alten Ford quietschten erbärmlich. Ehe der Wagen ganz stand, stieß ich schon die Tür auf und sprang ins Freie. Der Lederjacken-Typ merkte nichts davon. Er wandte mir seinen breiten Rücken zu, ich sah, wie er an der Bluse der jungen Frau riss, und im nächsten Moment begann sie zu schreien.
»Nein!«, gellte ihre Stimme. »Hilfe! Du Schwein, du dreckiges Miststück, du …«
Die Hand des Kerls zuckte hoch und traf ihren Mund. Sie verstummte. Mit einem ratschenden Geräusch zerriss der Stoff der Bluse, und in der gleichen Sekunde war ich heran.
Ich bekam schwarzes Leder zu fassen und riss den Burschen herum. Die Frau stieß einen schrillen Schrei aus, der Kerl starrte mich an, als wäre ich ein zweiköpfiges Mondkalb. Er war neunzehn oder zwanzig Jahre alt, blond und kräftig gebaut, trug die Lederjacke auf der nackten Haut – und schien sich mächtig stark zu fühlen.
»Hau ab, oder ich mach dich alle, du Laus!«, fauchte er mich an.
Ich beförderte meine Kamera von der Brust auf den Rücken, wo sie im Zweifelsfalle weniger schnell zu Bruch gehen würde.
»Nimm den Mund nicht so voll«, warnte ich. »Ich könnte sonst …«
Er stürzte sich einfach auf mich. Sein erster, mäßig harter Haken landete in meinem Rippenbogen, ich konterte mit einer Doublette, die auch nicht von schlechten Eltern war, und tänzelte zurück, um den nächsten wütenden Hieben auszuweichen.
Aber da war der Kampf bereits zu Ende. Polizeisirenen heulten. Offensichtlich hatte einer der Anwohner die Cops alarmiert – und ebenso offensichtlich verspürte der Lederjacken-Jüngling wenig Lust, dem Auge des Gesetzes ins Blickfeld zu geraten.
Der...
| Erscheint lt. Verlag | 22.10.2019 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton Sonder-Edition | Jerry Cotton Sonder-Edition |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • Action Abenteuer • action romane • action thriller • action thriller deutsch • alfred-bekker • Bastei • bastei hefte • bastei heftromane • bastei romane • bastei romane hefte • Bestseller • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste fälle • Fall • gman • G-Man • Hamburg • Heft • Heftchen • Heftroman • heftromane bastei • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Krimi deutsch • krimi ebook • Krimi kindle • Kriminalfälle • Kriminalgeschichte • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Kriminalromane • kriminalromane 2018 • kriminalromane deutsch • Krimi Reihe • Krimireihen • krimi romane • Krimis • krimis&thriller • krimis und thriller kindle • Krimi Urlaub • letzte fälle • martin-barkawitz • Polizeiroman • Romanheft • Roman-Heft • schwerste fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • spannende Thriller • Spannungsroman • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-8856-4 / 3732588564 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-8856-5 / 9783732588565 |
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