Gadastatt (eBook)
139 Seiten
Zytglogge (Verlag)
978-3-7296-2270-8 (ISBN)
Beat Hüppin, geb. 1976, wuchs als Sohn eines Schweizer Vaters und einer finnischen Mutter in Wangen SZ auf, wo er heute noch lebt. Er unterrichtet an der Kantonsschule Ausserschwyz Latein und Deutsch. ?Gadastatt? ist sein dritter Roman bei Zytglogge.
Beat Hüppin, geb. 1976, wuchs als Sohn eines Schweizer Vaters und einer finnischen Mutter in Wangen SZ auf, wo er heute noch lebt. Er unterrichtet an der Kantonsschule Ausserschwyz Latein und Deutsch. ‹Gadastatt› ist sein dritter Roman bei Zytglogge.
1
Kaum ein Wort wird gesprochen, während Jakob zusammen mit Otto Zippert auf dem Heimweg von der Kirche am Platz* ist. Die meisten Fondeier sind schon beizeiten nach Hause gegangen, doch er hat nach dem Gottesdienst noch ein Geschäft zu erledigen gehabt, einen Viehhandel. Erst danach hat er sein Sunntighääss im Speicher unten am Platz deponiert und den Weg bergan ins Hochtal genommen.
Dieser Weg, den die Fondeier den Sommerweg nennen, weil er nur in der schneefreien Zeit begangen werden darf, ist steil und steinig. Wenn Schnee liegt, ist er lebensgefährlich. Harmlos und ungefährlich ist er aber zu keiner Jahreszeit. Tief unten in der Schlucht, eingezwängt zwischen den ungeheuren Felsen, schäumt, tobt und lärmt der Fondeierbach, auch bei guten Wetterverhältnissen wie jetzt. Ruhig schreiten die beiden Männer auf ihrem Pfad weiter ins Tal hinein. Sie wissen, ein Abrutschen in einem ungünstigen Moment kann das Leben kosten. Sie denken nicht daran. Sie sind den Weg schon so oft gegangen, dass ihre Beine und Füsse die Konzentration auf jeden einzelnen Schritt ganz von selbst leisten, ohne dass der Geist sie dazu anhalten muss.
Jakob denkt über die gehörte Predigt des Pfarrers nach, irgendetwas über das vierte Gebot. Nicht, dass dieses Gebot Jakob Schwierigkeiten bereiten würde. Auf seinen verstorbenen Vater lässt er nichts kommen, und überhaupt, die Älteren lagen mit ihren Ratschlägen so oft richtig. Die Erfahrung im Umgang mit Vieh, Wetter und allem anderen kann nun einmal nur im Verlauf von Jahrzehnten erworben werden. Aber es gibt immer wieder Junge, die meinen, klüger zu sein …
Während Jakobs Füsse einen Schritt um den anderen machen und sein Oberkörper sich leicht im Takt der Schritte wiegt, immer bergauf, taleinwärts, wechseln seine Gedanken die Richtung, wie wenn ein Wildbach auf einen grossen Felsblock stösst, der ihn zur Seite zwingt. Das Kalb, das er soeben verkauft hat, kommt ihm in den Sinn. Der kleine Josias hat natürlich geweint, als Jakob bestimmte, das Kalb müsse verkauft werden. Ein hübsches Kalb war es wohl, aber es half nichts. Auch Jakobs Viehstall bietet keinen Platz für mehr als zwölf Stück Grossvieh. Auch er muss Mensch und Vieh das ganze Jahr hindurch ernähren können. Auch er braucht Geld, und der Verkauf eines Kalbs an den Metzger am Platz bringt ihm welches ein. Der Metzger bezahlt nicht viel, aber er zahlt bar.
Sein Gedankenstrom ändert abermals die Richtung, und er spricht seinen Weggefährten unvermittelt an: «Unsere Stute, die Fanny, ist wieder rössig. Weisst du, Otto, ich hätte schon gerne wieder einmal ein Fohlen zum Aufziehen. Die Fanny wird auch nicht jünger. Aber im Fondei gibt es schon lange keinen Zuchthengst mehr.»
«Ich wüsste einen. Ich habe gehört, in Jenaz drüben gebe es jetzt einen rassigen, beim Flury.»
«In Jenaz? Das ist aber eine strenge Tagesreise.»
«Jänu, wenn es dir ernst ist mit dem Fohlen, dann wird dir nichts anderes übrig bleiben. Der Hengst kommt nicht zur Fanny, da kannst du lange warten.»
Jakob überlegt. Wie soll er die Sache mit Fanny bewerkstelligen? Er schätzt, dass der Zeitpunkt günstig ist, aber kann er der Stute eine solch strenge Reise durch die Fideriser Heuberge hinab nach Jenaz zumuten, wenn sie dort gedeckt werden soll? Womöglich gleichentags wieder zurück?
«Was ist das überhaupt für ein Flury?», fragt er nach.
«Ich weiss auch nicht genau. Du musst dich in Jenaz eben durchfragen, man wird es dir schon sagen.»
Schon nähern sich die beiden Männer Gretanegga und wischen sich den Schweiss von der Stirn. Sie kommen an einem sorgfältig aufgeschichteten Bretterstapel vorbei, der ihnen anzeigt, dass sie sich wieder den bewohnten Gebieten des Fondeis nähern. Es ist dasselbe Holz, aus dem auch ihre sonnenverbrannten Häuser gebaut sind, ihre Heubargen, ihre Heuschlitten, ihre Möbel und Werkzeuge. Es ist das Holz, das sie mit Pferden und Meni bevorzugt im Winter aus dem Arannawald herüberholen, von jenseits des Durannapasses, wo sie von alters her Holzbezugsrechte besitzen.
Ein Stück oberhalb von Gretanegga trennen sich ihre Wege. Jakob schreitet alleine weiter taleinwärts, vorbei am Strassberg, der grössten Ansammlung von Häusern im Fondei, bis er endlich bei seinem Zuhause in der Gadastatt ankommt, dem Zuhause, das er von seinem Vater übernommen hat. Dem Zuhause, in dem er zusammen mit seinen Geschwistern aufgewachsen ist. Mit seinem jüngsten Bruder, Christian, den er in seinen Armen in den Schlaf gewiegt hat, für den er Spielsachen aus Holzresten und Tannzapfen gemacht hat, den er gestützt hat, als dieser gehen lernte. Er war ganz vernarrt in den Kleinen. Christian war damals aber auch zu niedlich mit seinem dunklen Lockenkopf, den Kulleraugen und dem Stupsnäschen mitten im Gesicht.
Und selbst später, als der Kleine schon nicht mehr so klein und possierlich war, waren der Älteste und der Jüngste unzertrennlich. Christian half beim Besorgen des Viehs, sie rangelten und rauften gemeinsam im Stroh, an seinem ältesten Bruder konnte Christian seine Kräfte messen, und Jakob liess es geduldig und grossmütig zu.
Der Nachmittag ist schon vorgerückt, und Jakob erkennt, dass Verena Fanny schon in ihren Stall gebracht hat. Genau genommen ist es nur ein bescheidener Anbau am eigentlichen Viehstall, und ausser der Stute findet nichts anderes Platz darin. Er will nach dem Tier sehen, um die Anzeichen für ihre Rössigkeit noch einmal zu überprüfen, und öffnet die niedrige Tür zum Verschlag. Da steht das Tier angebunden im kleinen, düsteren Stall und frisst sein gewohntes Heu. Fanny wiehert aufgeregt, lässt es sich aber gefallen, dass er ihr den Hals tätschelt. Jakob hat kaum noch Zweifel, sie ist ohne ersichtlichen Grund deutlich aufgeregter als sonst. Sie steht sonst auch nicht so breitbeinig da. Wenn der Entschluss, nach Jenaz zu reisen, vorher erst halb gefällt war, so reift er in diesem Augenblick endgültig. Wenn nicht jetzt, wann dann?
«Brave Fanny», sagt Jakob und tätschelt sie nochmals am kräftigen braunen Hals, «du hast morgen einen weiten Weg vor dir. Gleich in der Früh ziehen wir zwei miteinander los. Wollen wir mal sehen, was Verena und die Kinder zu unseren Plänen sagen.»
Als ob die Stute seine Worte verstanden hätte, hebt sie den Vorderhuf, wie um loszumarschieren. Jakob wirft ihr eine Extraportion Heu hin. Die Energie wird sie auf dem ihr bevorstehenden Marsch noch brauchen.
«Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes», murmelt Jakob. Erst dann schliesst er die Tür zum Verschlag und begibt sich zum Wohnhaus.
Als er in den Flur tritt, hört er schon von weitem fröhliche Kinderstimmen. In der Tat spielen Josias und seine jüngere Schwester Anna in der kleinen Stube, in die kaum etwas vom Spätnachmittagslicht dringt, mit den Beinachüe, von denen sie schon eine hübsche kleine Herde beieinanderhaben. Daneben schläft trotz des nicht gerade leisen Spiels der älteren Geschwister Michael, der erst etwas über halbjährig ist. Jakob hat den Stubenwagen aus einigen Planken Lärchenholz geschreinert, kurz bevor Josias zur Welt gekommen ist. Nach Josias hat auch Anna darin gelegen und nun Michael.
Verena rüstet schon das Abendessen. Gerade schlägt sie Eier auf und verrührt sie mit Mehl zu einem Teig. Auf dem Tisch wartet frisches Grün aus dem kleinen Krautgarten, der neben dem Haus liegt: die ersten Spinatblätter dieses Frühjahrs.
«Und, wie ist es mit dem Kalb gegangen?», fragt sie ihren Mann, während sie den Teig glatt schlägt. Ihre Hände sind derb, ihr schmales Gesicht ist von Falten durchzogen, und beides lässt sie älter aussehen, als sie in Wirklichkeit ist.
«So wie immer. Ich habe kein Vermögen herausgeholt, aber mit dem Geld kommen wir doch wieder eine ganze Weile durch.»
In der Stube nebenan hört der kleine Josias, dass vom Kälbchen gesprochen wird. Gleich kommt er herbeigelaufen: «Vater, du hast es also wirklich verkauft?»
«Natürlich habe ich es verkauft. Hast du gemeint, ich führe es umsonst den ganzen weiten Weg an den Platz hinunter? Aber ich habe für dich eine andere Überraschung, die dich für das verlorene Kälbchen mehr als entschädigen wird. Mutter, hör auch gleich mit: Die Fanny soll wieder einmal ein Fohlen bekommen, damit wir es nachziehen können.»
Begeistert springt Josias auf: «Ein Fohlen, wie schön! Wann soll es denn zur Welt kommen?»
«Nun, so schnell geht es dann doch nicht», muss Jakob seinem kleinen Sohn beibringen. «Selbst im besten Fall dauert es noch beinahe ein Jahr. Die Fanny muss ja zuerst einmal trächtig werden. Es ist nicht gewiss, dass es gleich klappt.»
«Ein Jahr», fragt Josias, «ist das lange? Wie oft muss ich da noch schlafen?»
«Und...
| Erscheint lt. Verlag | 20.9.2019 |
|---|---|
| Verlagsort | Basel |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Schlagworte | Alpentourismus • Arosa • Belletristik • Bergbauern • Davos • Fondei • Graubünden • Historischer • Historischer Roman • Moderne • Roman • Schweiz • Tradition |
| ISBN-10 | 3-7296-2270-6 / 3729622706 |
| ISBN-13 | 978-3-7296-2270-8 / 9783729622708 |
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