Über den Simplon (eBook)
254 Seiten
Zytglogge (Verlag)
978-3-7296-2282-1 (ISBN)
Mirjam Britsch Lehmann Geb. 1962 in Ried-Brig, studierte Psychologie und Ethnologie in Bern und Freiburg. Promotion in Arbeitspsychologie. Unternehmensberaterin im Bereich Führungskräfte-Assessments als Mitinhaberin der Firma papilio ag in Zürich. Bisher erschienen: ?Wallis im Wandel? (1994) und ?Endstation Belalp? (2009). Die Autorin ist verheiratet und lebt in Zug.
Mirjam Britsch Lehmann Geb. 1962 in Ried-Brig, studierte Psychologie und Ethnologie in Bern und Freiburg. Promotion in Arbeitspsychologie. Unternehmensberaterin im Bereich Führungskräfte-Assessments als Mitinhaberin der Firma papilio ag in Zürich. Bisher erschienen: ‹Wallis im Wandel› (1994) und ‹Endstation Belalp› (2009). Die Autorin ist verheiratet und lebt in Zug.
1
Mit einem Ruck nahm er den alten Lederkoffer von Onkel Theo hoch und stellte ihn gleich wieder hin. Die Rotacker von letztem Herbst wogen schwer an Edis Arm.
«Bringen wirs hinter uns», stiess er hervor, kickte den Milcheimer und ging los. Dolores musste sich sputen, wenn sie das Tempo mithalten wollte, und kam ins Stolpern.
Edi spürte Schweissperlen auf der Stirn, nahm sich aber zusammen, denn er hoffte, im Tausch dafür etwas vom Kloster zu erhalten: einen Sack Mehl oder Reis, Salz, Zucker oder sogar etwas Kaffee. Rotacker waren nicht ideal für Apfelkuchen. Die Klosterfrauen mochten lieber Reinetten, aber es war bereits Frühling, so war die Auswahl bescheiden.
Edi wechselte den Koffer in die andere Hand, während er einen kurzen Blick auf die Druckmale auf seinen Fingern warf. Dolores wollte helfen, doch er lehnte ab, schüttelte kurz den Arm aus und sagte, er werde den Koffer wohl noch allein tragen können. So ging er durch das Dorf, dann den schmalen Weg hinunter die Bachstrasse entlang in Richtung des nahe gelegenen Städtchens Brig. In den blühenden Obstbäumen jubilierten die Vögel, als übten sie für ein Hochzeitsorchester. Es war ein angenehm warmer Frühlingstag. Bald würde man Gras mähen können, dachte Edi.
Er blickte gegen Westen, wo die beiden seitlichen Bergketten des Rhonetals in der Ferne ineinander übergingen. Seine Schwester zupfte ihn am Ärmel und sah ihn an. «Hä?», meinte er, hatte sie ihn etwas gefragt?
Er merkte es am ungeduldigen Unterton in ihrer Stimme, dass sie die Frage wiederholte: «Welcher ist der Ärmste?»
Edi starrte sie an. Was sollte diese Frage? Dann erkannte er an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie ihn durch eines ihrer Spielchen ablenken wollte, und machte mit: «Von den Äpfeln?», und er tat so, als überlege er es sich lange, «appa der Chäfrigo1?»
«Nein», triumphierte sie.
Er schüttelte den Kopf. «Keine Ahnung.»
«Der da!», zeigte sie auf einen prächtig glänzenden Rotacker und hielt ihren Kopf schräg, als sie ihn ansah.
«Der Schönste?», fragte Edi erstaunt.
«Der stirbt als Erster. Wenn Hedwig ihn sieht, beisst sie gleich hinein», meinte sie.
Hedwig. Seit ihrer ewigen Profess hiess sie Schwester Immacolata. Untereinander nannten sie die Tante immer noch beim alten Namen.
«Fer was doch Güoge güet sind2», lachte Edi und sie setzten ihren Marsch fort.
An der Strasse unterhalb vom Dorf sahen sie Jules, der in seinem Baumgarten am Sense-Dängellu3 war, eine Pfeife im Mundwinkel. Sein weisser Bart reichte ihm bis zur Brust und bedeckte seinen Hemdkragen. Er trug dafür kaum Haupthaare und Edi fand, er gleiche der Mosesstatue in der Kirche. Er mähte etwas frisches Gras, um es dem Rest Heu vom Winternutz beizumischen. Jetzt, wo der Heustock langsam kleiner wurde, musste man ergänzen.
Jules unterbrach seine Arbeit und nickte ihnen freundlich zu. «Schwer?», erkundigte er sich.
Edi schüttelte leicht den Kopf. Jules hätte ein Fuhrwerk, dachte er, das wäre praktisch, aber für die paar Äpfel lohnte es sich nicht. Man müsste ihm etwas geben und das Geld sparte man lieber für die Alpauffahrt.
«Wann fährt ihr auf?», fragte Jules und blinzelte in die Sonne.
«Je nachdem», sagte Edi.
Jules brummte nur etwas, nickte und machte sich wieder an die Arbeit.
Nach gut einer halben Stunde näherten sich die beiden Geschwister dem Torbogen am oberen Ende der alten Burgschaft in Brig. Die mit Kopfsteinen gepflasterte Strasse verengte sich hier und führte danach entlang der seitlichen hohen Klostermauern steil ins Städtchen hinab. Sie sahen die Klosterkirche und weiter unten die Aussenmauern des Mariaheims vom Kloster St. Ursula. Von da waren es nur noch wenige Meter bis zur Klosterbäckerei. Edi atmete erschöpft aus, stellte den Koffer nochmals hin und rieb sich die Hände.
«Siid er mus4?», hörten die beiden eine heisere Männerstimme.
Sogleich stellten sich Edis Nackenhaare auf. Er drehte sich um. Der Stimme nach ein Goner, einer von z Schgudrisch5.
Edi blickte ins Dunkel unter dem Torbogen und sah nichts. Wenn sie doch bloss den anderen Weg genommen hätten, dachte er. Hoffentlich war es nur einer. Edi spürte, wie Dolores sich näher an ihn heranschmiegte. Er nahm den Griff des Koffers wieder in die Hand, hob ihn auf und stiess hervor: «Geht schon, komm Dolores.»
Sie schritten mit mulmigem Gefühl unter dem Torbogen hindurch in den dunklen Gang hinein. Da sahen sie, wie eine Gestalt sich langsam auf sie zubewegte. Und eine weitere. Und noch eine.
Edi durchfuhr ein unangenehmes Ziehen im Unterleib. Er blickte nach beiden Seiten und sah drei der vier Gonerbrüder, Jakob, Ludwig und Hans-Anton, aus dem Halbdunkel hervortreten. Alle hatten sie dieselben rötlich-braunen, kurz geschnittenen Haare und um den Mund diesen spöttischen Zug. Und jeder hatte im Knopfloch ein Tannenzweiglein gegen böse Geister, wie ihr Vater das zu Hause nannte.
«Langsam, langsam», meinte Ludwig, der Zweitjüngste, in gedehntem Ton. «Immer mit der Ruhe. Wo solls denn heute hingehen? Dem Koffer nach uf Paris?» Das Gelächter füllte den dunklen Raum und in den hohen Mauern des Torbogens hallte das Echo zurück.
Edi musste an die Sache mit dem Aufsatz denken. Eine dumme Idee des Lehrers.
«Oder appa es Chäsji6?» Jakob glotzte.
Hans-Anton, der mit Edi in derselben Klasse war, stand daneben und hielt die Hände in den Hosensäcken. Es fehlte nur Siegfrid.
Edi überlegte fieberhaft, wie er seine Schwester und sich selbst aus dieser Situation bringen konnte. Plötzlich spürte er rechts von sich eine Bewegung. Sein Herz pochte auf einmal stärker, er drehte sich um. Es war stockfinster unter dem Torbogen. Langsam gewöhnten seine Augen sich an die Dunkelheit, da sah er ihn: Siegfrid, der Älteste.
Siegfrid hatte als Einziger der Brüder keine rötlichen Haare, seine waren aschblond. Er hatte keine Locken, sein Haar lag am Kopf wie angeklebt. Man vermutete, er streiche Melkfett darauf, denn es glänzte in der Sonne, und wenn der Wind hineinfuhr, bewegte sich kein Härchen. Kein einziges.
Siegfrid löste sich langsam von der Wand, an der er die ganze Zeit gelehnt hatte, stellte sich breitbeinig vor Edi und Dolores hin und blinzelte sie aus halb geschlossenen Augen an. Dabei bewegte er die ganze Zeit einen Strohhalm im Mund. Ohne ein Wort zu sagen, blickte er auf Edi und den Koffer und wandte dann seinen Blick Dolores zu. Er musterte sie lange von oben bis unten, seine Augen zogen sich zusammen und er nahm mit zwei Fingern den Strohhalm aus dem Mund. Er räusperte sich und spuckte auf den Boden vor ihnen.
Edi spürte Schweissperlen auf der Stirn. Er drückte die Hand von Dolores. Was konnte er tun? Sie waren in der Überzahl. Am besten liess man sie gewähren. Mit Goners war nicht zu spassen. Er brachte hervor, «nur ein paar alte Äpfel fürs Kloster.»
Da spürte er einen Schlag in der Magengegend und krümmte sich nach vorn. Ein zweiter Schlag traf ihn am Kopf. Er fiel hin, behielt den Koffergriff mit der rechten Hand umklammert.
«Inspektion», befahl jetzt Siegfrid und sogleich machten sich Jakob und Ludwig mit Hans-Anton daran, Edi den Koffer zu entreissen.
Edi versuchte gar nicht, sich zu wehren, sie waren stärker. Er dachte kurz an die Märtyrer, die sie im Religionsunterricht behandelt hatten.
Die Brüder machten sich am Koffer zu schaffen. Da geschah es: Die Schnur, die um den Koffer gebunden war, riss entzwei. Hans-Anton hielt den Koffergriff in der Hand, die andere Kofferhälfte öffnete sich mit einem Ruck, alle Äpfel fielen auf den Boden und kullerten die Strasse hinunter. «Äh, nur ein paar blöde Äpfel!»
«Sa-sa-sag ich d-doch», wimmerte Edi.
In dem Moment marschierte von der Kollegiumskirche eine Gruppe Studenten heran.
Die Gonerbrüder packten ihre Mützen und rannten weg. Dabei lachten, johlten und pfiffen sie. Nur Siegfrid löste sich langsam von der Szene. In aller Ruhe ging er seinen Brüdern nach, ohne zurückzublicken.
Edi sass am Boden. Sein Herz klopfte immer noch bis zum Hals. Er hob die auseinandergefallenen Kofferhälften auf, kein einziger Apfel war darin geblieben. «Verflucht», stiess er hervor, klappte den Koffer notdürftig zusammen und sah mit Dolores zu, wie die Äpfel immer schneller die Strasse hinunterkullerten. Einzelne von ihnen hüpften durch die Luft, als freuten sie sich über die plötzliche Freiheit. Wenn es nicht so ärgerlich gewesen wäre, hätte man lachen mögen.
Die Studenten hoben Äpfel vom Boden auf und stopften sie in ihre Hosensäcke.
Edi schluckte und hob seine Faust: «He! Hört auf! Diebe!»
Sie beachteten ihn nicht. Er...
| Erscheint lt. Verlag | 3.9.2019 |
|---|---|
| Verlagsort | Basel |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Schlagworte | 1910 • Alpen • Blériot • Brig • Chavez • Erzählung • Flug • Flugzeuge • Geo • Geo Chavez • Historischer • Historischer Roman • Mailand • Pass • Roman • Simplon • Wallis • Wettbewerb |
| ISBN-10 | 3-7296-2282-X / 372962282X |
| ISBN-13 | 978-3-7296-2282-1 / 9783729622821 |
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