Tom Prox 26 (eBook)
64 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-8498-7 (ISBN)
Späte Vergeltung
Drei Männer schleifen einen vierten hinter sich her. Der Mensch sieht sehr mitgenommen aus, blutet aus mehreren Wunden und kann kaum laufen.
Als die Männer eine alte Eiche erreichen, knüpft einer von ihnen sein Lasso vom Sattelknopf und wirft es über einen dicken Ast. Dann stellen sie ihr Opfer unter den Ast, knüpfen das Lassoende zur Schlinge, legen es ihm um den Hals und ...
Ein Schuss peitscht auf. Dann taucht auf Tom Prox auf!
Leute, die den Wilden Westen kannten, behaupteten, der Herrgott habe die Gegend von Solly Hill im Zorn geschaffen, und Sam Hopkins stimmte ihnen vorbehaltlos zu.
Sam Hopkins war ein großer, schlanker Kerl von höchstens fünfundzwanzig Jahren. Sein Gesicht lag offen und ehrlich wie eine leere Ladenkasse vor dem Beschauer; seine Art zu reden war blumig und kraftvoll.
Damen der besseren Gesellschaft würden die Nasen gerümpft haben, wenn Sam Hopkins sprach. Aber diese Damen pflegten nicht im Wilden Westen zu leben.
Sam war eigentlich Gehilfe des Sheriffs von Otobama. Tom Prox hatte ihn in Ermangelung einer anderen Hilfskraft auf einen Ritt mitgenommen, von dem sich noch nicht sagen ließ, was sein Ergebnis sein würde.
Sam Hopkins war seinem derzeitigen Chef um gute hundert Meter voraus, weil er Hunger verspürte und nach einem passenden Rastplatz suchte.
Sam hatte eigentlich immer Hunger und Durst – versteht sich. Der Ritt, auf dem sie sich befanden, war eine Reise ohne Auftrag, denn der Brief des Sheriffs von Solly Hill rechtfertigte ein Eingreifen der Ghost Squad nicht.
Aber Tom Prox hatte Ferien, und da Solly Hill auf halbem Weg zwischen El Paso, wo sie zuletzt gewesen waren, und Somerset lag, wohin sie wollten, um Pete Simmers zu besuchen, beabsichtigte Tom, einmal nach dem Rechten zu schauen.
Plötzlich ließ Sam Hopkins erstaunt einen leisen Pfiff hören, sprang aus dem Sattel und gab seinem Schimmel Hawk einen Schlag auf die Hinterhand. Das Tier trabte eilfertig davon und brachte sich in Deckung.
In ungefähr hundertfünfzig Metern Entfernung von Sam begann der Wald, den die Freunde zu durchqueren beabsichtigten. Bis zum Waldrand hin gab es dürres, unfruchtbares Land mit hartem Gras und vielen Felsblöcken. Am Waldrand selbst stand eine alte Eiche. Unter dieser Eiche aber …
Drei Männer schleppten eben einen vierten auf die Eiche zu. Der Mensch sah sehr mitgenommen aus. Er blutete aus mehreren Wunden und vermochte kaum noch zu gehen.
Die anderen schleiften ihn hinter sich her wie ein Stück Vieh. Seine Füße hingen oft in der Luft, so zerrten sie an ihm. Als die Männer die Eiche erreichten, knüpfte einer von ihnen das Lasso vom Sattelknopf seines Pferdes und warf es über den untersten, dicksten Ast des riesigen Baumes. Sie stellten ihr Opfer unter den Ast, knüpften das Lassoende zur Schlinge, legten sie ihm um den Hals und …
Während Sam Hopkins überlegte, ob er eingreifen oder das seltsame Schauspiel bis zum bitteren Ende beobachten solle, kam Tom Prox heran.
»Was gibt’s denn zu starren, Sam?«, fragte er leichthin. »Kein guter Platz, um zu rasten! I guess!«
»No, boss«, erwiderte Hopkins. »Aber ein ausgezeichneter Ort, um zuzuschauen, wie man einen armen Teufel aufknüpft! Würde gern erfahren, warum die Sache so eilig ist, dass die Zeit nicht reicht, um den Sheriff zu bemühen.«
Die Männer an der Eiche waren so sehr mit ihrem Opfer beschäftigt, dass sie die Herankommenden nicht bemerkten.
Tom Prox griff, ohne ein Wort zu verlieren, nach seiner Winchesterbüchse. Er legte an und schoss. In der gleichen Sekunde flog einem der Männer bei der Eiche der Sombrero vom Kopf, segelte durch die Gegend und ließ sich schließlich ermattet auf den Erdboden fallen.
Tom steckte seine Winchester seelenruhig wieder in den Gewehrschuh. Dann holte er eine arg zerdrückte Zigarette aus der Tasche und zündete sie an. Seine Blicke wichen dabei nicht von der Gruppe an der Eiche.
Unter dem Baum gab es inzwischen einige Aufregung. Der Mann, dessen Hut sich selbstständig gemacht hatte, war sehr verwirrt. Er tastete zunächst einmal seinen Kopf ab, um zu untersuchen, ob er heil geblieben sei. Dann lief er dem Hut nach.
Seine Komplizen ließen von ihrem Opfer ab. Es war ihnen im Augenblick wichtiger, zu ergründen, woher der Schuss gekommen sei.
Da sie nur einen einzigen Menschen sahen, wurden sie mutig. Sie fluchten und schrien, rissen ihre Colts aus den Holstern und begannen ein Scheibenschießen nach dem einsamen Mann zwischen den Felsen.
Tom Prox hielt es nicht für nötig, aus dem Sattel zu springen und in Deckung zu gehen. Hundertfünfzig Meter Entfernung machten das Treffen mit dem Colt zur Glückssache.
Schließlich griff er wieder nach seiner Büchse. Er legte an, schoss, repetierte und schoss von Neuem … mit dem Erfolg, dass der eine der Männer unter dem Baum verblüfft seinem Colt nachsah, der sich plötzlich selbstständig gemacht hatte und davonflog, während der andere seine rechte Hand schlenkerte, als habe er in glühendes Blei gegriffen.
Die Männer unter der Eiche hielten es nun für angebracht, sich zu empfehlen. Sie schwangen sich in die Sättel, gaben ihren Gäulen die Sporen und ritten davon.
Sie galoppierten zunächst am Waldrand entlang. Dann erreichten sie den Weg, der in den Wald hineinführte. Wenige Sekunden später waren sie verschwunden.
Sam Hopkins hatte es nicht für nötig gehalten, sich an dem kleinen Intermezzo zu beteiligen. Jetzt sprang er auf, schüttelte den Kopf und erklärte missbilligend: »Eure Menschenfreundlichkeit geht ein bisschen weit, Mr. Prox! Warum habt Ihr den Kerlen nicht etwas Ordentliches aufs Leder gebrannt?«
»Schätze, wir kümmern uns um den armen Teufel mit der Schlinge um den Hals«, schlug Tom vor und ritt auf die Eiche zu.
Der Mensch, den man ins Jenseits hatte befördern wollen, lag bewusstlos unter dem Baum. Sein Gesicht war blutverschmiert und von Schmutz überkrustet; Hose und Hemd waren zerrissen. Das Kerlchen schien blutjung zu sein.
»Mager, als ob er nur jeden vierten Tag zu essen bekäme«, stellte Sam grinsend fest. Er sprang vom Pferd, kniete neben dem Bewusstlosen nieder, befühlte ihn und erklärte schließlich: »Edle Teile sind nicht verletzt, Mr. Prox. Das am Arm ist eine Fleischwunde, die in vierzehn Tagen verheilt, und das Gesicht haben ein paar Boxhiebe anschwellen lassen. Aber nun wollen wir das Baby trockenlegen.«
Er holte seine Labeflasche, ließ einen Schuss Wasser auf das Reittuch des jungen Mannes fließen und wischte ihm das Gesicht ab. Dann machte er sich daran, die Armwunde des Bewusstlosen zu verbinden.
Endlich erhob er sich mit einem Seufzer.
»Der Himmel ist mein Zeuge, Mr. Prox!«, stöhnte er. »Ich habe es hinausgezögert, solange es ging. Ich dachte, er würde so wieder zu sich kommen. Nun muss ich aber doch an unseren Whisky gehen.«
»Okay«, lachte Tom. »Schätze, er ist für solche Zwecke da.«
Sam Hopkins machte sich an der Flasche zu schaffen. Er versuchte, die Sache so einzurichten, dass er Tom dabei den Rücken kehrte. Aber dieser verteufelte Ghost passte auf – es ergab sich keine Gelegenheit, einmal einen Schluck zu nehmen. Tom war unerbittlich.
Während Sam dem Bürschchen etwas von dem kostbaren Nass zwischen die Lippen flößte, überlegte er, ob es nicht angebracht sei, selbst einen kleinen Ohnmachtsanfall zu bekommen.
Der junge Mann würgte einige Male krampfhaft, dann öffnete er die Augen. Er blickte Tom Prox und den langen Hopkins erstaunt an. Seine Finger tasteten nach dem Hals und fühlten die Schlinge, die immer noch darum lag. Ein ängstliches Flackern stieg in seine Augen.
»Schätze, es ist ein kleines Dankgebet fällig, Bürschchen«, sagte Tom gutgelaunt. »Dem Himmel bist du mit knapper Not entkommen – für die Hölle reicht es bei dir wahrscheinlich noch nicht. Wohin sollen wir dich bringen, sobald du wieder ordentlich atmen kannst?«
Der junge Mann richtete sich auf. Er musste alle Kraft zusammennehmen, um auf den Beinen zu bleiben. Er lächelte verlegen und fragte dann: »Kann ich noch einen Schluck aus der Flasche haben, stranger?«
Sam hielt ihm die Whiskyflasche hin. Kein Mensch wusste, wie viel innere Überwindung es ihn kostete.
»Darf man nach deinem Namen fragen, stranger?«, erkundigte er sich, während der andere trank.
Der junge Mann nahm einen kräftigen Schluck; danach reichte er Sam die Flasche zurück.
»Thanks, stranger«, erwiderte er. »Ihr dürft fragen. Schätze jedoch, ich werde nicht antworten.«
Sam Hopkins verschlug es die Sprache.
In diesem Augenblick geschah es: Der Junge, eben noch schwach und taumelnd, sprang mit einem gewaltigen Satz an Sam vorüber, schwang sich auf Hopkins Schimmel, stieß einen anfeuernden Ruf aus und preschte davon. Er raste auf den Weg zu, der in den Wald führte, und verschwand.
Sam war so überrascht, dass er sich auf den Erdboden setzte. Er geriet dabei mit der backside in einen Kaktus.
Tom Prox nahm im gleichen Augenblick, in dem der unverschämte junge Bursche davonpreschte, die Verfolgung auf. Er hatte sich dem Pferdedieb bis auf zwanzig Meter genähert, als er die Stelle erreichte, an welcher der Weg in den Wald einbog.
Susy entwickelte einen Eifer, der Pferd und Reiter zum Verhängnis wurde. Die brave Stute stieß gegen einen Stein, kam ins Stolpern und brauchte eine Zeit lang, um sich wieder zu fangen.
Tom bemüht, dem Tier die notwendige Hilfe zu gehen, bemerkte den heimtückischen Ast nicht, der den Weg in Brusthöhe sperrte. Er wurde aus dem Sattel gerissen und schlug so hart auf dem Boden auf, dass ihm der Schädel dröhnte.
Von dem Geflüchteten war nichts mehr zu sehen: Sam Hopkins kam zu Fuß um die Wegecke. Er war damit beschäftigt, Kaktusstacheln aus seiner Rückfront zu entfernen.
»Hell and devil!«, knurrte er zornig, als er seinen Chef erreichte. »Wie stehen wir nun da? Ist das jetzt ein Grund, einen Schluck aus der Whiskyflasche zu tun oder nicht?«...
| Erscheint lt. Verlag | 17.9.2019 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Tom Prox | Tom Prox |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer-Roman • alfred-bekker • Bestseller • billy-jenkins • bud-spencer • buffalo-bill • Cassidy • Chaco • clint-eastwood • Country • Cowboy • Deutsch • e Book • eBook • E-Book • e books • eBooks • Erwachsene • Exklusiv • für • GF • g f barner • gf unger • G. F. Unger • Indianer • jack-slade • Jugend • Karl May • kelter-verlag • Kindle • Klassiker • Krimi • Laredo • larry-lash • Lassiter • lucky-luke • Männer • martin-wachter • pete-hackett • peter-dubina • Reihe • Ringo • Roman-Heft • Serie • sonder-edition • Unger • Western • western-bestseller • Western-roman • Westernromane • Wilder-Westen • Winnetou • Wyatt-Earp |
| ISBN-10 | 3-7325-8498-4 / 3732584984 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-8498-7 / 9783732584987 |
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