Stammtisch - Frankenkrimi (eBook)
250 Seiten
ars vivendi (Verlag)
978-3-7472-0052-0 (ISBN)
Tommie Goerz (Dr. Marius Kliesch) hat Soziologie, Philosophie und Politische Wissenschaften studiert und wohnt in Erlangen. Er arbeitete zwanzig Jahre bei einem der größten Agenturnetzwerke der Welt, gewann den Bronzenen Löwen in Cannes und war Dozent an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nu?rnberg und der Faber-Castell-Akademie in Stein. Bei ars vivendi erschienen u. a. seine Kriminalromane Schafkopf (2010), Dunkles und Leergut (beide 2011) sowie Auszeit (2012), Einkehr (2014), Schlachttag (2016) und Nachtfahrt (2018) um Kommissar Friedo Behütuns.
Tommie Goerz (Dr. Marius Kliesch) hat Soziologie, Philosophie und Politische Wissenschaften studiert und wohnt in Erlangen. Er arbeitete zwanzig Jahre bei einem der größten Agenturnetzwerke der Welt, gewann den Bronzenen Löwen in Cannes und war Dozent an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg und der Faber-Castell-Akademie in Stein. Bei ars vivendi erschienen u. a. seine Kriminalromane Schafkopf (2010), Dunkles und Leergut (beide 2011) sowie Auszeit (2012), Einkehr (2014), Schlachttag (2016) und Nachtfahrt (2018) um Kommissar Friedo Behütuns.
Da ist mir denn erst klargeworden, was Schweinebraten heißt.
Und dazu […] das Kulmbacher Bier, das immer frisch gereicht wurde
Theodor Fontane, »Wanderungen durch die Mark Brandenburg«
I
Das war einfach nur dumm: hierherzufahren, ohne das Wörterbuch einzupacken. Er hatte es daheim liegen lassen. Auf dem Küchentisch, er sah es förmlich noch vor sich. Und da saß er nun und scheiterte an der Speisekarte. Bescheuert. Entrée + plat ou Plat + dessert kostete gegen jede Logik fünf Euro weniger als Entrée + plat + dessert? Zweimal Plat sollte günstiger sein als Plat? Oder hatte er eine Blockade im Kopf? Er verstand es nicht. Die unterschiedliche Schreibweise von Plat, einmal groß, einmal klein, hatte sicher nichts zu bedeuten, das war bestimmt ein Schreibfehler. Und auch hier: Was war Bavette d’Aloyau, was Filet de Caille? Er schaltete sein Handy ein, hoffte auf ein gutes Netz.
Es war der Abend des 26. Juli, ein Donnerstag. Friedo Behütuns, Nürnberger Kommissar und Chef der Sonderkommission Metropolregion Nürnberg, befand sich mitten in Frankreich, gut 800 Kilometer von zu Hause entfernt und auf der Fahrt zu dem Häuschen in der Bretagne, das nach dem tragischen Tod seiner Freundin Julie plötzlich seines war, denn sie hatte es ihm, warum auch immer, ohne sein Wissen testamentarisch vermacht. Südlich von Paris hatte ihn die Müdigkeit übermannt. Eine halbe Stunde hatte er sich gequält und wollte es sich nicht eingestehen, dann aber gab er den Widerstand auf. Es machte keinen Sinn weiterzufahren.
Er hatte diesmal eine neue Route ausprobiert. Autobahn Frankfurt, Karlsruhe, Metz bis kurz vor Reims, bei Châlons-en-Champagne auf die E17 und nach Süden, bei Troyes via E54 wieder westwärts über Sens bis Courtenay, und da endlich runter von der Autobahn. Eintauchen ins Land, das man nur auf den Landstraßen wahrnimmt, spürt. Autobahnen sind überall gleich. Steril. Nur zum Ankommen gebaut, nicht zum Fahren. Auf ihnen ist das Ziel das Ziel, nicht der Weg. Dann aber, noch vor Montargis, hatte ihn die Erschöpfung eingeholt, ihn gepackt und nicht mehr losgelassen. Eigentlich hatte er durchfahren wollen. Nürnberg–Saint-Gildas-de-Rhuys in einem Rutsch, rund 1.300 Kilometer. Musste doch gehen, früher waren sie die mehr als 1.400 Kilometer bis an die Côte d’Argent ja auch am Stück gefahren. Nur Landstraße. Und mit Autos, die noch viel langsamer waren. Mit Käfern oder Enten, die deutlich weniger PS hatten. Schräge Beschreibung eigentlich: Käfer und Enten mit weniger Pferden. Aber Autofahrer waren oft nicht ganz richtig im Kopf, das sah man auch an den Panzern, mit denen sie heute durch die Städte fuhren. Dreieinhalb Tonnen Unsinn für Kleinhirngesteuerte. Er schob den Gedanken beiseite, Dumme gab es immer und überall. Wo war er stehen geblieben? Ach ja, bei der Müdigkeit. Nach 800 Kilometern hatte er es sich eingestehen müssen: Er schaffte es nicht mehr. Mit zunehmendem Alter macht sich halt doch manchmal ein bisschen Vernunft bemerkbar – oder verhielt sich die Vernunft umgekehrt proportional zur Fitness? Je schlapper du bist, desto vernünftiger? Keine Chance, diese Frage jetzt zu klären. Die Augäpfel rollten sich ihm nach hinten, die Lider wurden bleischwer, und es halfen weder Frischluft oder Trommeln aufs Lenkrad noch lauter Gesang. Alles in ihm schrie nach einer Pause. Also hielt er nach einem Parkplatz Ausschau, um sich eine Mütze Schlaf zu gönnen, da sprang ihn bei Sury-aux-Bois unverhofft ein Schild an der Straße an: Hôtel. Chambres. Château de Chicamour. à 1 km – und urplötzlich brach sich der Wunsch nach einem weichen Bett Bahn. Unaufhaltsam. Wahrscheinlich ebenfalls das Alter. Würde er halt erst morgen Nachmittag ankommen, er hatte ja keine Termine. Zumindest wollte er sich das Hotel einmal ansehen. Also bog er gute zwei Kilometer später – in Frankreich muss man die Entfernungsangaben auf Hinweisschildern zu Hotels oder Restaurants grundsätzlich verdoppeln, kein Mensch weiß, warum – nach links ab, als das Schild zum Hotel auftauchte. Und augenblicklich löste sich die Aussicht auf Rettung, also auf ein bequemes Bett, in Luft auf, konnte er seine Hoffnung, hier vielleicht ein Zimmer zu bekommen, nein, es sich überhaupt leisten zu können, begraben. Das war nicht seine Kragenweite. Als er seinen kleinen Ford durch das hochherrschaftlich große, schmiedeeiserne Tor lenkte, sah ihn von weit hinten, halb verdeckt durch uralte Bäume, aus einem riesigen Park ein Schloss an. So majestätisch thronte es da, dass es jeden Ankömmling sofort kleinmachte. Verwinzlichte. Der Adel damals wusste schon, wie er sich über die Plebs erhebt. Ließ sich vom gemeinen Volk, den Armen und Bedürftigen, ein Schloss bauen und sah dann von dort aus auf alles herunter. Gut, dass die meisten dann ab 1789 aus ihren Palästen verjagt worden waren. Liberté, égalité, fraternité. Und in Deutschland? Heute? Die Würde des Menschen ist unantastbar? Hohles Geschwätz, folgenloses. Die Würde des größten Teils der Bevölkerung – und das waren doch Menschen, oder nicht? – wurde permanent und mit aufreizender Selbstverständlichkeit nicht nur angetastet, sondern mit Füßen getreten und verlacht. Wer über viel Geld verfügte, ob als Privatperson oder Unternehmen, konnte politische Entscheidungen in seinem Sinne beeinflussen. Wer wenig hatte, niemals. Das beeinträchtigte die Würde in hohem Maß, kümmerte aber niemanden – auch, weil Eigentum längst nicht mehr verpflichtete, es sei denn zur Demonstration von Macht. Da lag nun also das Schloss und sah, obwohl auf keinerlei Hügel, noch weit entfernt und hinter Bäumen, auf ihn herab. Der Weg dorthin führte in weitem Bogen auf knirschendem Kies durch den Park. Zwang zu Demut und Langsamkeit. Nein, diesen Palast würde er sich nie und nimmer leisten können, außerdem hatte das Schlosshotel wahrscheinlich ohnehin geschlossen, denn es parkte weit und breit kein einziger Wagen davor. Also waren auch keine Gäste hier. Jaguars hätten hier stehen müssen und Rolls-Royce, vielleicht gerade noch Citroëns C6 oder Mercedes Benze ab 500 aufwärts, Porsches hätten hier schon zu ordinär, Maseratis oder Lamborghinis zu vulgär gewirkt. Trotzdem fuhr er seinen Ford furchtlos direkt vor den Treppenaufgang zum Schloss, stieg aus, stieg die Stufen hinauf und probierte die Klinke.
Nicht abgesperrt.
Er öffnete die quietschende Tür, die hakte, weil sie verzogen war, und trat in eine kleine Empfangshalle mit Tresen. Ein Schoßhündchen, zusammengerollt auf einem Sessel, öffnete kurz die Augen, stellte die Ohren auf und drehte sie, schloss dann aber wieder die Augen, schlug zwei-, dreimal mit dem Schwanz und grunzte sich zurück in den Schlaf. Behütuns schaute sich um. Niemand zu sehen.
An der Rezeption fand er ein Telefon mit dem Hinweis, via Nummer 11 den Service zu rufen. Er betätigte die Wählscheibe. Junge Menschen wären wahrscheinlich schon an dieser technischen Anforderung gescheitert. Viel zu analog.
»Oui, juste une minute, s’il vous plaît, j’arrive«, flötete eine Frau aus dem Hörer, und keine Minute später kam sie die geschwungene Treppe herunter.
Ob er ein Zimmer haben könne?
»Oui oui«, selbstverständlich, kein Problem.
»Pour une nuit?«
»Oui.«
»Seulement une personne?«
»Oui, oui.«
Sie sah ihn an. »Avec petit-déjeuner?«
Er nickte. »Combien?«, fragte er vorsichtig. Er sah sich schon abwinken, weil es zu teuer war, und das komische Gefühl der Scham klopfte ganz unwillkürlich an, da er würde zugeben müssen, dass er sich ein Zimmer dieser Preiskategorie nicht leisten konnte oder wollte. Er mochte dieses Gefühl nicht, empfand es als entehrend und kämpfte dagegen an. Und ärgerte sich, dass es überhaupt entstand. Was war das für ein atavistisches Empfinden? Was für eine Insuffizienz? Wozu war das gut?
»64 Euro.« Swassongkattröroh.
64 nur? So billig? Hier in dem Schloss? Er sagte sofort Ja.
Und ob es ein Abendessen gebe?
Selbstverständlich, wenn er wolle. Das Restaurant öffne um 19.00 Uhr.
Madame gab ihm den Schlüssel. Erster Stock, Zimmer 4, Connemara, benannt nach einer irischen Ponyart. Auch die anderen Zimmer waren nach Pferderassen benannt: Haflinger, Shetland, Lipizzan, Appaloosa, Tennessee Walker und so weiter, klapperdiklapp. Warum, kapierte er, als er aus seinem riesigen Fenster sah: Hinter dem Schloss war ein Gestüt, deshalb drehte sich hier alles ums Pferd! Und das Zimmer so französisch, wie es typischer nicht hätte sein können: tiefer, tiefblauer Teppichboden, schwere, tiefblaue Vorhänge, vogelwild vollflächig gemusterte, weiß-blaue Tapete. Tisch, Bett, Stuhl und Schrank alles in weißem Schleiflack. Eine einzige Orgie in Tiefblau und Weiß. Die vielen Muster und die dunkle Farbe machten das Zimmer heimelig und klein.
Er duschte, warf sich aufs Bett und nickte kurz ein. Erfrischt ging er danach hinunter. Unternahm einen kleinen Spaziergang durch den uralten Park, besah sich die halb verfallene Orangerie neben dem Schloss und ging dann hinüber auf die Terrasse, nahm schon mal ein Bier. Und jetzt diese Speisekarte. Er scheiterte bereits am Verständnis der Varianten.
Formule à 23 € (Entrée + plat ou Plat + dessert)
Formule à 28 € (Entrée + plat + dessert)
Menü eins: Vorspeise, Gang oder Gang, Nachspeise für 23 €, Menü zwei: Vorspeise, Gang, Nachspeise für 28 €. Was war da der Unterschied? Er fragte nach – und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen: Er hatte das...
| Erscheint lt. Verlag | 30.7.2019 |
|---|---|
| Verlagsort | Cadolzburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Bierkrimi • dunkles • Einkehr • Frankenkrimi • Fränkischer Krimi • Friedo Behütuns • Marius Kliesch • Nachtfahrt • Nürnberg • Provinzkrimi • Schafkopf • Schlachttag • Wirtshaus • Wirtshauskrimi |
| ISBN-10 | 3-7472-0052-4 / 3747200524 |
| ISBN-13 | 978-3-7472-0052-0 / 9783747200520 |
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