Der Notarzt 348 (eBook)
64 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-8283-9 (ISBN)
Ein Wochenende ohne Wiederkehr?
Während eines Kurzurlaubs bricht der Junge zusammen
Von Karin Graf
Zusammen mit seinem Vater lebt Vincent seit zwei Jahren in Bonn. Noch oft denkt er an die Zeit davor zurück, als er gemeinsam mit Mama, Papa und seiner Oma in einem wunderschönen Haus in Frankfurt gewohnt hat. Warum sein Vater und er damals abrupt wegziehen mussten und sie die beiden geliebten Frauen nie wiedergesehen haben, hat er nie erklärt bekommen.
Schließlich kommt der Tag, an dem Vincent die Idee, die schon so lange in seinem Kopf herumspukt, endlich in die Tat umsetzt: Er macht sich heimlich und allein per Anhalter auf den Weg nach Frankfurt, um dort ein paar Tage zu verbringen. Er sehnt sich so sehr nach seinem alten Zuhause, nach seiner Mama und seiner Oma!
Tatsächlich erreicht der Junge seine Heimatstadt wohlbehalten, doch dort kommt dann plötzlich alles ganz anders. Vor Vincents Augen spielen sich beängstigende Dinge ab, er flüchtet panisch und bricht schließlich zusammen. Als er in die Frankfurter Sauerbruch-Klinik eingeliefert wird, ist er nicht mehr ansprechbar ...
Ein Wochenende ohne Wiederkehr?
Während eines Kurzurlaubs bricht der Junge zusammen
Karin Graf
Zusammen mit seinem Vater lebt Vincent seit zwei Jahren in Bonn. Noch oft denkt er an die Zeit davor zurück, als er gemeinsam mit Mama, Papa und seiner Oma in einem wunderschönen Haus in Frankfurt gewohnt hat. Warum sein Vater und er damals abrupt wegziehen mussten und sie die beiden geliebten Frauen nie wiedergesehen haben, hat er nie verstanden. Leider ist es dem Elfjährigen auch nicht möglich, mit seinem Papa darüber zu sprechen, denn der wehrt entsprechende Fragen immer brüsk ab.
Schließlich kommt der Tag, an dem Vincent die Idee, die schon so lange in seinem Kopf herumspukt, endlich in die Tat umsetzt: Er macht sich heimlich und allein per Anhalter auf den Weg nach Frankfurt, um dort ein paar Tage zu verbringen. Er sehnt sich so sehr nach seinem alten Zuhause, nach seiner Mama und seiner Oma!
Tatsächlich erreicht der Junge seine Heimatstadt wohlbehalten, doch dort kommt dann plötzlich alles ganz anders. Vor Vincents Augen spielen sich beängstigende Dinge ab, er flüchtet panisch und bricht schließlich zusammen. Als er in die Frankfurter Sauerbruch-Klinik eingeliefert wird, ist er nicht mehr ansprechbar …
„Ach, Hanni, so sind manche Menschen nun einmal. Aus den Augen, aus dem Sinn. Zwei Jahre! Und er hat es kein einziges Mal für nötig gehalten, dir wenigstens ein paar Blumen zu bringen. Na ja …!“
Mascha Conrads nahm den verwelkten Strauß aus der Vase, die auf der schwarzen marmornen Grabplatte montiert war, und steckte stattdessen das üppige, knallbunte Arrangement hinein, das sie mitgebracht hatte.
Rosen in allen Farben, sattblaue Kornblumen, weiße und feuerrote Lilien, Gladiolen, Dahlien, die letzten Pfingstrosen und ein paar prächtige Sonnenblumen, die erst heute Morgen, zeitgleich mit ihrer großen Schwester hoch oben am Himmel, aufgegangen waren.
„Schön, nicht? Die Dunkelroten sind von dem Strauch, den du gepflanzt hast. Die blühen in diesem Jahr ganz besonders üppig. Herr Hobbs vom Blumenladen dürfte den Strauß nicht sehen. Der würde die Nase oder überhaupt gleich sein ganzes Gesicht rümpfen und mir mit seinem bescheuerten Blumen-Knigge kommen.“
Mascha verstellte ihre Stimme zu einem weinerlichen Lamento.
„Zu viele Farben, zu viele Sorten, Alles Kraut und Rüben durcheinander, so bindet man doch keinen Strauß, Frau Conrads. Man muss dabei doch beachten, dass … bla, bla, bla.“
Sie lachte laut auf.
„Ich hoffe, du hast längst vergessen, wie spießig es hier unten manchmal zugeht. Ich wette, dort, wo du jetzt bist, dort hört man nicht ständig: Man darf nicht, man soll nicht, man kann doch nicht, das geht nicht, was denken sich denn da die Leute, guck doch mal in den Engel-Knigge, der schreibt vor, dass …“
Sie füllte die blecherne Gießkanne, die am Brunnenrand stand, mit Wasser, goss es in die Vase und benetzte auch die Blüten damit.
„Ich habe ihn mit ganz viel Liebe und Verständnis großgezogen. Alex meine ich jetzt natürlich, nicht Herrn Hobbs. Vielleicht war das ein Fehler? Vielleicht hätte er ab und zu eine kleine Abreibung gebraucht?“
Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Ach was, das hätte wahrscheinlich auch nichts gebracht. Der Egoismus ist eine Art neue Volkskrankheit. Alle denken nur noch über sich selbst nach. Bin ich erfolgreich? Bin ich schön? Bin ich gesund? Bin ich beliebt? Überall hört man nur noch ich, ich, ich! Das Du ist irgendwie verlorengegangen, wie mir scheint.“
Mascha nahm einen Handfeger aus ihrer Tasche und kehrte Staub und welke Blätter von der Marmorplatte.
„Zwei Jahre!“, seufzte sie abermals. „Weißt du, dass ich unseren kleinen Puuh-Bären seither nicht mehr wiedergesehen habe? Ich habe nach langer Suche die Adresse herausbekommen. Sie leben jetzt in Bonn. Ich glaube, ich habe Winnie schon mindestens tausend Briefe und Postkarten geschickt. Aber er hat sich nie bei mir gemeldet.“
Mit dem Feger befreite sie auch noch den Grabstein vom Staub.
„Wahrscheinlich fängt Alex die Briefe ab, und Winnie bekommt keinen einzigen davon zu sehen“, seufzte sie wehmütig. „Apropos! Du siehst doch ab und zu nach unserem Kleinen?“
Sie winkte schmunzelnd ab.
„Jeden Tag, wie ich dich kenne. Sag ihm, dass ich ihn nicht vergessen habe. Sag ihm, dass ich mich nach ihm sehne. Sag ihm, dass …“ Sie brach seufzend ab. „Ach was! Er wird mich längst vergessen haben. Zwei Jahre sind für ein Kind doch eine Ewigkeit. Elf ist er vor drei Wochen geworden. Jetzt ist er schon ein großer Junge. Wie schnell doch die Zeit vergeht!“
Sie holte eine neue Kerze aus ihrer Tasche, steckte sie in die Laterne und zündete sie mit einem Feuerzeug an.
„Also dann, Hanni, ich komme bald wieder. Jetzt muss ich aber los. Ich habe ein volles Haus. Die warten sicher schon alle auf ihr Frühstück. Mach‘s gut, wo immer du jetzt bist. Vielleicht kannst du ja irgendwas drehen?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Was, weiß ich auch nicht. Sein Herz mit einem Fleischhammer weichklopfen oder so? Wenn das geht, dann tu es bitte bald. Ich bin siebenundsechzig. Nein, nein, mir fehlt nichts. Es geht mir gut, aber ewig werde ich bestimmt nicht leben.“
Mascha stopfte ihr Zeug wieder in die Tasche zurück, brachte die Gießkanne zum Brunnen und wollte den Friedhof am grünen Frankfurter Stadtrand gerade verlassen, als sie zwei rötliche spitze Ohren hinter einem Grabstein hervorlugen sah.
„Ja, hallo, wen haben wir denn da?“, rief sie lockend. „Zeig dich ruhig, ich tu dir bestimmt nichts.“
Das erwartungsvolle Lächeln fiel ihr schlagartig aus dem Gesicht, als sich eine klapperdürre rötliche Katze ein Stück weit hinter dem Stein hervorschleppte. Das Fell war verdreckt, mit Kletten übersät und glanzlos. Die Augen der Katze tränten, und die pelzigen Wangen darunter waren dick mit einer gelblichen Substanz verkrustet.
„Heiliger Birnbaum! Bist du dem Tod von der Schippe gesprungen? Du siehst aus wie gefressen, geschluckt und wieder hochgewürgt. Junge, Junge!“
Mascha suchte in allen Hosen- und Jackentaschen nach etwas Essbarem. Aber ausgerechnet heute hatte sie nichts eingesteckt. Sie machte einen langsamen Schritt auf das arme Tier zu, doch es zog sich sofort zurück.
„Angst, was? Hast wohl keine besonders guten Erfahrungen mit meinesgleichen gemacht? Pass mal auf, wir machen das so: Ich gehe langsam voraus, und wenn du mitkommen möchtest, dann folgst du mir. Ich wohne oben am Waldrand, und du bist herzlich eingeladen.“
Mascha ging zwei Schritte weit auf das große schmiedeeiserne Friedhofstor zu, doch dann besann sie sich und kehrte um.
„Wir nehmen doch lieber die kleine Pforte hinten und gehen über die Wiese rauf. Das ist zwar grauenhaft steil, und ich werde wie eine alte Dampflok keuchen, aber so musst du nicht die Straße entlanglaufen.“
Ganz langsam durchquerte sie den Friedhof und öffnete die knarrende hölzerne Pforte, die hinter einer kleinen Kapelle verborgen war.
Bitte wieder schließen!, stand auf einem Schild an der Tür, doch Mascha ließ sie weit offen stehen. „Die, die hier wohnen, laufen bestimmt nirgendwo mehr hin. Und wenn doch, dann hält eine Tür sie auch nicht auf“, murmelte sie schmunzelnd und drehte sich vorsichtig um.
„Ich kann dich sehen!“, sagte sie leise lachend, als sie gerade noch eine zuckende rote Schwanzspitze hinter einem steinernen Engel verschwinden sah. „Gut so, komm nur. Das kriegen wir schon wieder alles hin. Zuerst bekommst du gleich mal ein leckeres Fresschen, dann ruhst du dich ein bisschen aus, und danach sehen wir uns mal deine Augen an. Die sind wohl entzündet. Vielleicht rufen wir zur Sicherheit Dr. Schiwago an.“
Leise und beruhigend plapperte sie vor sich hin, um den Kontakt mit der Katze nicht abreißen zu lassen.
„Also, so heißt er natürlich nicht wirklich. Er heißt bloß Schimko, nicht Schiwago. Aber manchmal kann ich es einfach nicht lassen, die Leute umzutaufen.“
Der Aufstieg über die Wiese bis zum Waldrand, wo Mascha ein großes Haus inmitten eines riesigen Grundstücks besaß, brachte sie schon nach den ersten paar Metern zum Keuchen.
Doch um den bequemen Weg, der in Serpentinen bis vor ihren Besitz führte, zu erreichen, hätte sie ein paar Meter weit die Straße entlanggehen müssen. Und verschreckt, wie das arme Tier ohnehin schon war, hätte es vermutlich sofort Reißaus genommen, wenn ihnen lärmende Kinder, Autos oder gar Hunde entgegengekommen wären.
„Mein Enkel, zum Beispiel, er ist jetzt elf, der heißt Vincent. Aber ich habe ihn immer nur Winnie genannt. Nach Winnie Puuh, weißt du? Also, jetzt nicht mehr. Nicht, weil er etwa schon zu groß dafür wäre – für mich wird er auch mit fünfzig noch Winnie sein –, sondern weil ich ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen habe.“
Sie schmunzelte, als sie sich umdrehte und die Katze sich rasch hinter einen Busch flüchtete.
„Schön,...
| Erscheint lt. Verlag | 23.7.2019 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Der Notarzt | Der Notarzt |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Arzt • arzt deutsch • arzt kindle • arzt krimi • arzt-krimi • arzt liebe • Arzt Liebesroman • arzt liebesroman deutsch • Arzt Roman • arztroman buch • arzt romance • Arztromane • arztromane deutsch • arztromane e-books • arztromane e-books und liebesromane • arztromane hefte • arztromane kindle • arztromane kindle ebook • arztromane kindle ebooks deutsch • arzt roman familie • arzt romanhefte • arzt romantik • Bergdoktor • Bestseller • Bianca • Chefarzt • Cora • Deutsch • Doktor • dr daniel • dr laurin • dr norden • Dr Stefan Frank • eBook • E-Book • eBooks • Fortsetzungsroman • für den strand • für Frauen • Großdruck • große-schrift • Happy End • Happy-End • Hedwig Courths Mahler • Heftchen • Heft-Roman • heftromane bastei • Julia • kaipurgay • Kelter • Kindle • Klinik • Krankenhaus • Krankenschwester • Landarzt • Liebe • Liebesgeschichte • Liebesroman • Liebesromane • Medizin • Medizin Roman • Mira • Modern • Notarzt • Patient • Praxis • Reihe • reihe in bänden • Romance • Romanheft • romantik deutsch • romantisch • Schicksal • Schicksalsroman • schöner roman • Serie • spannend • Wohlfühlroman |
| ISBN-10 | 3-7325-8283-3 / 3732582833 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-8283-9 / 9783732582839 |
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