Lassiter 2453 (eBook)
64 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-8325-6 (ISBN)
Vier Gräber am Amargosa
Die Berge rückten näher, das Land wurde grüner und der Amargosa River führte nun durchgehend Wasser. Isabelle beugte sich vom Kutschbock, um zurückzuschauen: Die Mojavewüste war nur noch ein Dreckstreifen unter der Morgensonne. Plötzlich wackelte und holperte der Planwagen und ihr Vater neben ihr begann auf Französisch zu fluchen. Ein Hinterrad hatte sich gelöst und rollte ins Gras. In diesem Moment trennten Isabelle nur noch zwei Schritte von der Hölle.
Der Vater, sowieso schon übel gelaunt, weil der Scout sich über Nacht davongestohlen hatte, rief fluchend nach Louis, und die Mutter zeterte, er solle aufhören zu fluchen. Die anderen Wagen des Trecks rollten weiter.
Isabelle sprang vom Bock, um das Wagenrad aus dem Gras zu holen. Plötzlich sah sie Reiter durch den Fluss heranpreschen. Da trennte nur noch ein Schritt sie von der Hölle.
»Was wollen die?«, fragte der vierzehnjährige Louis, der schon die Werkzeugkiste von der Ladefläche zerren wollte.
»Steig auf den Wagen und hol die Gewehre.« Der Vater richtete sich vor dem Heck auf, wo er die leere Hinterachse inspiziert hatte. »Die Kerle gefallen mir nicht.« Er blinzelte zu den zehn oder zwölf Reitern hinüber; die ersten trieben gerade ihre Pferde aus dem Amargosa.
»Nix da ›Gewehre‹!«, zeterte die Mutter, die gerade Anstalten machte, die vier Ochsen abzuspannen. »Vielleicht ist ja einer der Gentlemen bereit, uns als Scout nach Kalifornien zu führen.
»Wir sind bereits in Kalifornien, nach San Francisco müssen wir«, knurrte der Vater. »Los, Louis – rauf auf den Wagen und her mit den Gewehren.« Isabelles Bruder, drei Jahre jünger als sie, kletterte auf die Ladefläche und verschwand zwischen Hausrat und Mobiliar.
Isabelle strich sich eine Strähne ihres langen schwarzen Haares aus dem schmalen Gesicht und blickte zum nahen Fluss hin. Vier Reiter lenkten ihre Pferde zum Planwagen ihrer Familie, acht galoppierten den vier weiteren Wagen des kleinen Trecks hinterher. Der letzte, inzwischen mehr als dreihundert Meter entfernt, stand jetzt endlich still, den ersten Planwagen sah Isabelle schon nicht mehr. Auch die anderen beiden schaukelten gerade hinter die Hügelflanke, um die herum der Weg ins Death Valley hineinführte.
Isabelle rollte das Rad zum Wagen ihrer Familie, während Hufschlag sich rasch näherte. Die Angst kroch ihr aus dem Bauch in die Brust hinauf. »Ich will Wilhelm heißen, wenn das ein Zufall ist.« Der Vater deutete auf die leere Achse. »Sieht völlig unbeschädigt aus.«
Wilhelm hieß der deutsche Kaiser und Isabelles Vater hasste ihn. Nach dem letzten Krieg gegen dessen Soldaten hatte er den Entschluss gefasst, in die Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern.
»Wie meinst du das?« Isabelle guckte ihren Vater an, und ohne dass er etwas sagen musste, durchzuckte die Antwort sie wie ein heißer Schrecken. »Du glaubst doch nicht etwa, dass Mr. Cooper die Radmutter gelockert hat, bevor er heute Nacht davon geritten ist?« Isabelle war ein bisschen verliebt in Ronnie Cooper, den treulosen Scout des kleinen Trecks.
»Hast du eine andere Erklärung? Ich habe Achsen und Räder gestern Abend überprüft. Jede Wette, dass Cooper …« Der Vater verstummte, denn die vier Reiter waren nun an bei ihnen angekommen. Zwei zügelten ihre Pferde vor dem Vater am Heck des Planwagens, zwei vor der Mutter beim Ochsengespann.
»Guten Morgen, Gentlemen.« Isabelles Mutter war bleich, ihre Stimme heiser. »Will einer von Ihnen sich vielleicht ein paar Dollar verdienen und uns nach San Francisco führen?«
»Ich werde mich hüten auch nur einen zusätzlichen Dollar zu verachten, Ma’am«, sagte einer der Reiter, ein kräftig gebauter Kerl in langem Wildledermantel. Er hatte ein rundes, glattes Gesicht und kurze, blonde Locken. »Doch leider mag ich San Francisco nicht besonders.«
Feixend stieg er vom Pferd und trat zur Mutter. Isabelle sah, dass ihm an der rechten Hand der kleine Finger fehlte. »Wie man hört, könnten wir auf eurem Wagen den einen oder anderen zusätzlichen Dollar finden, ohne dass wir vorher nach Frisco reiten müssen.«
»Cooper, dieser Dreckskerl!«, hörte Isabelle ihren Vater auf Französisch zischen. »Er steckt mit ihnen unter einer Decke.«
»Und auch sonst hat man uns von ein paar Kleinigkeiten im Wagen berichtet, die sich zu Geld machen lassen«, sagte der Blonde.
Isabelle dachte an den Familienschmuck, als sie das hörte. Sie dachte an die Gewehre, die Uhren und das Werkzeug ihres Vaters, der ein Uhrmachermeister war. An ihr Leben und das ihrer Familie dachte sie nicht; und an ihre Unschuld und Ehre auch nicht. Noch nicht.
Auch die anderen drei stiegen nun aus den Sätteln. »Wollen wir doch mal sehen, was wir so alles finden«, sagte ein junger, drahtiger Bursche mit einem Gesicht voller Pockennarben. Er war nicht viel älter als Isabelle.
Der dritte, ein langer dürrer Mann in grauem Frack und mit grauem Haar und braunen Zähnen, stieg auf den Kutschbock und lugte auf die Ladefläche. Was, wenn er nun Louis mit einem Gewehr dort entdeckte? Isabelle hielt den Atem an. Doch der Dürre entdeckte ihren Bruder nicht, wahrscheinlich hatte Louis sich zwischen Kisten und Möbeln geduckt. Isabelle war erleichtert.
Doch nicht lange, denn der vierte Reiter, ein Mexikaner, kam auf sie zu. Er hatte langes, schwarzes Haar und an seinen Ohren baumelten große, goldene Kreolen. Unter seinem schmutzigen Pelzmantel kreuzten sich zwei Patronengurte. Mit gierigem Blick taxierte er Isabelle, und die Angst griff nach ihrem Herzen wie eine eisige Klaue.
»Hören Sie, Mister«, wandte der Vater sich an den Blonden. »Wir sind anständige Leute, die in Ruhe leben und arbeiten wollen.« Dass seine Stimme merkwürdig leise klang und ein wenig zitterte, steigerte Isabelles Angst noch. »Ich schlage vor, Sie helfen uns für ein paar Dollar, unseren Wagen zu reparieren und lassen uns dann in Ruhe unseren Weg ziehen.«
Die Männer lachten laut. »Selbstverständlich lassen wir euch ziehen!«, rief der Blonde. »Aber erst wenn ihr euer Geld rausgerückt habt. Und den Schmuck, die Uhren und dein Werkzeug natürlich auch. Neben einem prallen Sparstrumpf habt ihr auch Gewehre aus Frankreich mitgebracht, wie man hört.«
Der Vater blickte zum vorletzten Wagen hin. »Merde!«, zischte er, denn die große irische Familie, die vor ihnen hergefahren war, seit sie den Mississippi überquert hatten, stand vollzählig und mit erhobenen Armen vor dem Heck, während die Banditen die Ladefläche leerräumten.
»Dein Bruder hat gar nicht erzählt, dass die Kleine aussieht wie eine Apachensquaw, Terry.« Der Mexikaner strich Isabelle übers Haar und wickelte eine Strähne um seinen Finger. »Schaut euch nur dieses rabenschwarze Haar an.« Isabelle begann zu zittern, ganz übel wurde ihr vor Angst. »Und Augen wie glühende Kohlen hat das süße Kind!« Der Mexikaner griff in ihr Haar und zog sie an sich.« Er stank aus dem Mund.
»Finger weg von meiner Tochter!« Der Vater sprang herbei, packte den Mexikaner an der Schulter und riss ihn herum. Der griff blitzschnell in seinen Gürtel, und als er ausholte, sah Isabelle eine Klinge in seiner Faust aufblitzen.
Im nächsten Moment stieß der Vater einen gurgelnden Laut aus, griff sich an den blutenden Hals und stürzte rücklings neben den Planwagen. Blut sprudelte ihm zwischen den Fingern hervor und aus panisch aufgerissenen Augen starrte er seine blutigen Hände an. Die Mutter schrie auf und stürzte zu ihm.
Der Mexikaner fuhr herum, packte Isabelle am Kragen und säbelte ihr mit dem blutigen Messer die Knöpfe ihres Kleides ab. Ihre Mutter sprang vom sterbenden Vater auf, hing sich an seinen Mörder, schrie und schlug ihn mit den Fäusten ins Gesicht. Der Mexikaner rammte ihr die Klinge in die Brust.
Wie festgefroren stand Isabelle und musste mit ansehen, wie ihre Mutter sterbend zusammenbrach und auf den toten Vater fiel. Ein böser Traum, dachte sie, lieber Gott, lass es weiter nichts als einen bösen Traum sein. Der Mexikaner aber wischte seelenruhig sein blutiges Messer an Isabelles Kleid ab und steckte es zurück in seinen Gurt. Dann riss er ihr das Kleid vom Leib.
Auf einmal fiel ein Schuss. Der Mexikaner zuckte zusammen, stöhnte auf und langte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Schenkel. »Weg von meiner Schwester!«, brüllte Louis. Mit einem Gewehr in der Hand stand er vor dem Heck des Planwagens.
Augenblicklich ging der Blonde neben den Ochsen in Deckung, schoss unter dem Wagen hindurch und traf Louis Beine. Stöhnend brach Isabelles Bruder zusammen. Die anderen beiden, die sich sofort nach dem Schuss ins Gras geworfen hatten, nahmen Isabelles Bruder unter Feuer. Nach vier oder fünf Schüssen zuckte Louis nicht einmal mehr.
Isabelle stand wie festgewachsen. Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund starrte sie auf ihre toten Eltern und ihren toten Bruder. Das Innere ihrer Brust verwandelte sich in Stein.
»Lass das Mädchen in Ruhe, Fernandez«, sagte der Blonde, während er aufstand und seinen Revolver wegsteckte. »Wir nehmen sie mit. Ich habe Ronnie versprochen, dass er sie zuerst kriegt. Danach habt ihr alle Zeit der Welt, euern Spaß mit ihr zu treiben.«
Die Männer durchsuchten den Planwagen. Sie lachten, als sie den Strumpf mit dem Geld fanden. Auch sonst steckten sie alles ein, was ihnen wertvoll erschien: die französischen Gewehre, Mutters Erbschmuck und Vaters teure Uhrmacherwerkzeuge.
Als sie die Beute in ihren Satteltaschen verstaut hatten, setzte der Blonde Isabelle vor sich auf sein Pferd. An der Spitze der Bande ritt er mit ihr über den Fluss. Und noch tiefer in die Hölle hinein.
☆
Zehn Jahre später stand sie vor drei schiefen Holzkreuzen, die zwischen dem Weg ins Death Valley und dem Amargosa-River hinter drei Steinhaufen aus dem Gras ragten. Sieben Männer waren bei ihr, alle schwer bewaffnet.
Einer hatte den Arm um Isabelle gelegt und stierte mit versteinerter Miene auf die Kreuze. Lange schwarze Locken quollen unter seiner Melone heraus und er war ungewöhnlich groß. Unter seinem Frack trug er einen Offizierssäbel, auf seinem Rücken ein Gewehr.
Der Mann hieß Jacques Durant und war der jüngste Bruder von Isabelles Vater. Weil er lange als Offizier bei der französischen Armee gedient hatte und als furchtlos und kampferfahren galt, hatte die Familie Durant ihn dazu bestimmt, Isabelle zurück nach Amerika zu begleiten.
Bei ihm hatte Isabelle schießen und reiten...
| Erscheint lt. Verlag | 23.7.2019 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Lassiter | Lassiter |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer-Roman • Abenteurer • alfred-bekker • Bestseller • bud-spencer • buffalo-bill • Cassidy • Chaco • clint-eastwood • Country • Cowboy • Deutsch • e Book • eBook • E-Book • e books • eBooks • erotisch • Erwachsene • erwachsene Romantik • Exklusiv • für • g-f • GF • g f barner • g f unger • Indianer • jack-slade • Karl May • kelter-verlag • Kindle • Klassiker • Krimi • Laredo • larry-lash • lucky-luke • Männer • martin-wachter • Nackt • pete-hackett • peter-dubina • Reihe • Ringo • Roman-Heft • Serie • Sexy • sonder-edition • Unger • Western • Western-Erotik • Western-roman • Westernromane • Wilder Westen • Wilder-Westen • Winnetou • Wyatt Earp • Wyatt-Earp |
| ISBN-10 | 3-7325-8325-2 / 3732583252 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-8325-6 / 9783732583256 |
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