Die blaue Blume (eBook)
250 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-76246-1 (ISBN)
»Was ich gesucht, habe ich gefunden, / Was ich fand, das fand auch mich. «
Friedrich von Hardenberg, besser bekannt als Novalis, ist 22, als er Sophie von Kühn erstmals trifft - eine Viertelstunde, die über sein Leben entschieden hat, wie er später seinem Bruder gestehen wird. Hals über Kopf hat er sich verliebt und verlobt sich schon bald mit »Söphgen«.
Für den romantischen Dichter ist die viel Jüngere seine blaue Blume, die Verkörperung seiner Poesie und all seiner Sehnsucht. Doch das Glück steht unter keinem guten Stern: Sophie erkrankt an Tuberkulose ...
Penelope Fitzgerald erzählt die dramatische Liebesgeschichte des Paares, dessen Schicksal bis heute berührt, und sie zeigt Novalis in einem neuen Licht.
<p>Penelope Fitzgerald (1916-2000) studierte in Oxford und war während des Zweiten Weltkrieges Mitarbeiterin bei der BBC. Sie war Dozentin an der Italia Conti Academy und an der Queen's Gate School in London, außerdem arbeitete sie einige Jahre in einer Buchhandlung in Southwold, Suffolk. Sie gehört laut <em>Times </em>zu den wichtigsten englischen Autoren nach 1945. 1979 wurde sie mit dem renommierten Booker Prize und 1998 als erste nichtamerikanische Autorin mit dem amerikanischen National Book Critics Circle Award for Fiction ausgezeichnet.</p>
22. Kapitel
Ich muß Sie recht nach Ihren Eigenheiten fragen
Während seiner beiden Tage bei den Rockenthiens staunte Fritz, wie sehr sich das tägliche Leben in Schloß Grüningen vom Alltag in der Weißenfelser Klostergasse unterschied. In Grüningen gab es keine Verhöre, keine Gebetsstunden, keine Sorge, keinen Katechismus, keine Angst. Ärger, wenn er überhaupt aufkam, verflog im Augenblick, und, wie man in Weißenfels sagen würde: Eine Menge Zeit wurde vergeudet. Beim Frühstück schmetterte in Grüningen niemand die Tasse auf den Tisch, und niemand brüllte: »Satt!« Das ständige Kommen und Gehen rund um die seelenruhige Frau Rockenthien (die wie die Freifrau von Hardenberg ein neugeborenes Baby zu versorgen hatte) wirkte wie eine Metapher der ewigen Wiederkehr, so daß die Zeit sich kaum als Feindin zeigte.
In Grüningen konnte man über die Ereignisse in Frankreich sprechen, ohne große Aufregung und Kummer hervorzurufen. Als George mit einer Weste in den Farben der Trikolore auftrat, war nicht einmal ein erstauntes Gemurmel zu hören. Schmerzlich berührt verglich Fritz den leichtlebigen, lärmenden kleinen Teufel George mit Bernhards sonderbarem Wesen. Und weiter: Onkel Wilhelms Besuche in Weißenfels waren immer bedrohliche Angelegenheiten, man betete, daß er wieder abreisen möge, in Grüningen dagegen strömten Verwandte und Freunde ohne Unterschied herein, und alle, auch wenn sie erst gestern dagewesen waren, wurden so herzlich begrüßt, als hätte man sie seit Monaten nicht gesehen.
»Wenn der Sommer kommt, essen wir den Nachtisch draußen bei den Fliederbüschen«, erzählte Frau Rockenthien ihm. »Dann müssen Sie uns vorlesen.« In Weißenfels liefen alle nach dem Essen auseinander, sobald das Dankgebet gesprochen war. Fritz wußte nicht einmal, ob sie Flieder im Garten hatten. Er hielt es eher für unwahrscheinlich.
Da er vermutlich nur ein bis zwei Tage lang eingeschneit sein würde, wußte Fritz, daß er seine Zeit klug nutzen müsse. »Nun ist Ihr Wunsch erfüllt, Fräulein Sophie«, sagte er und betrachtete sie, wie sie am selben Fenster im Saal stand. Ihr rosiger Kindermund öffnete sich gerade, und ohne es selbst zu merken, streckte sie die Zungenspitze ein wenig heraus, weil sie so gern die Schneekristalle außen am Fenster probiert hätte. Herr Rockenthien stampfte vorbei, mit George und Hans im Schlepptau, und blieb stehen, um Fritz nach seinen Studien zu fragen. Er fragte jeden, der ihm begegnete, mit echtem Interesse nach dem Beruf; das hatte er sich während seiner Militärzeit als Hauptmann im Dienst des Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen angewöhnt. Fritz redete eifrig von Chemie, Geologie und Philosophie. Er erwähnte Fichte. »Fichte erklärte uns, daß es nur ein einziges absolutes Selbst, eine Identität für die gesamte Menschheit gibt.«
»Na, dieser Fichte hat aber Glück«, dröhnte Rockenthien. »Ich muß in meinem Haushalt für zweiunddreißig Identitäten sorgen.«
»Papa kümmert sich um nichts auf der Welt«, sagte George. »Als ihn der Gärtner heute verzweifelt suchte, weil er Anweisungen wegen der verstopften Gräben brauchte, da war er zum Jagen in den Schnee hinausgegangen.«
»Ich habe in der Armee Karriere gemacht, nicht im Gemüsebeet«, sagte Rockenthien gutlaunig. »Und das Schießen ist keine Freizeitpassion für mich. Ich bin in aller Herrgottsfrühe mit meiner Flinte aufgebrochen, um meine Familie zu ernähren.« Wie ein Zauberkünstler zog er etwas aus der Tasche, was er offenbar bis zu diesem Augenblick vollkommen vergessen gehabt hatte: eine ganze Kette aus kleinen toten Vögeln, die Kopf an Schwanz auf einer Schnur aufgefädelt waren. Die Prozession schien gar kein Ende nehmen zu wollen – ein oder zwei Vögel verhakten sich, dann mußte er am Faden reißen und zerren.
»Hänflinge! Die reichen nicht weit!« rief George. »Drei auf einmal kann ich mit einem Biß aufessen.«
»Alle meinen, ich hätte nichts zu tun«, sagte Herr Rockenthien, »obwohl wir in dieser Zeit alle Hände voll zu tun haben; ich muß auch dafür sorgen, daß beim Adventsmarkt Ordnung herrscht.«
»Wo ist dieser Markt?« fragte Fritz – Fichtisieren ist hier nicht am Platz, ermahnte er sich – besser nicht mehr davon sprechen.
»Oh, in Greußen, zwei Meilen von hier«, rief Sophie. »Das einzige, was je hier passiert, außer der Sommer- und Herbstmesse, und die sind auch in Greußen.«
»Waren Sie denn noch nie auf der Leipziger Messe?« fragte Fritz.
Nein, bis Leipzig war Sophie noch nie gekommen. Beim bloßen Gedanken daran strahlten ihre Augen, und die Lippen öffneten sich. Er grübelte: Wem sieht sie ähnlich? Woran erinnert sie mich, mit diesem üppigen Haar und der hübschen langen Nase, die der ihrer Mutter so gar nicht gleicht? Auch die geschwungenen Augenbrauen nicht. Im dritten Band von Lavaters Physiognomischen Fragmenten war eine Abbildung, nach einem Kupferstich von Johann Heinrich Lips, von Raffaels Selbstporträt im Alter von dreiundzwanzig Jahren. Dieses Bild gab Sophies Wesen genau wieder. Auch wenn Farbe und Ton der Haut nicht zu sehen waren, konnte man auf dem Kupferstich erkennen, daß der Ausdruck weltabgekehrt, »apostolisch« und menschlich und daß die Augen nachtschwarz waren.
In der ersten Viertelstunde am Fenster des großen Saales hatte Fritz Sophie schon sein Herz geöffnet. Nun möchte ich sie kennenlernen, dachte er. Wie schwierig wird das sein? »Wenn wir unser Leben zusammen zubringen wollen«, sagte er, »dann möchte ich alles von dir erfahren.«
»Ja, aber Sie sollen nicht Du zu mir sagen.«
»Gut, das werde ich nicht tun, bis Sie es mir erlauben.«
Er dachte sich, versuchen will ich's, obwohl es gut sein kann, daß sie lieber mit Brüderchen und Schwesterchen spielen würde. Sie waren auf der großen breiten Terrasse zwischen Haus und Garten, die fast ganz schneefrei gefegt war. Mimi und Rudi, jung und aufmüpfig, liefen mit ihren eisenbeschlagenen Reifen neben ihnen her. »Laß das, Baron, du weißt doch nicht, wie man den Reifen treibt«, hatte Rudi gezischt, aber Fritz wußte es wohl, schließlich war er in einem Haus mit vielen Reifen aufgewachsen, und er schlug erst den einen und dann den anderen kräftig und genau, so daß sie sehr weit wegsprangen, man sah sie kaum noch und mußte lange hinterher laufen.
»Nun sagen Sie mir, was Sie sich aus Poesie machen.«
»Ich mache mir nicht viel daraus.«
»Aber Sie wollen doch die Gefühle eines Dichters nicht verletzen.«
»Ich möchte niemandes Gefühle verletzen.«
»Sprechen wir von etwas anderem. Was ist Ihr Lieblingsessen?«
»Kräutersuppe«, teilte Sophie ihm mit, »und ein schöner Räucheraal.«
»Wie halten Sie's mit Wein und Tabak?«
»Wein trinke ich gern.«
»Rauchen Sie auch?«
»Ja, mein Stiefvater hat mir eine Pfeife gegeben.«
»Und Musik?«
»Ah, Musik liebe ich. Vor ein paar Monaten waren Studenten in der Stadt und haben ein Ständchen gebracht.«
»Was haben sie denn gespielt?«
»Sie haben gespielt: ›Wenn die Liebe in deinen blauen Augen‹. Damit konnten sie natürlich nicht mich meinen, meine Augen sind ja dunkel, aber es war sehr schön.«
Singen ja. Tanzen auch, sehr sogar, aber sie durfte noch nicht zu öffentlichen Bällen gehen, erst wenn sie vierzehn war.
»Wissen Sie noch die Frage, die ich Ihnen gestellt habe, als ich Sie zum erstenmal sah, dort am Fenster?«
»Nein, die weiß ich nicht mehr.«
»Ich habe Sie gefragt, ob Sie schon je an eine Ehe gedacht haben.«
»Nein, ich habe einen Schreck für die Ehe.«
»Das haben Sie nicht gesagt, als wir am Fenster davon sprachen.«
Sie wiederholte: »Ich habe einen Schreck dafür.« Nachdem Rudi und eine weinerliche Mimi in seinem Schlepptau zurückgekommen und wieder weggeschickt worden waren (»Die Armen! Sie kommen ganz außer Atem!« sagte Sophie), fragte er sie nach ihrem Glauben. Sie antwortete bereitwillig. Die Bußtage hielten sie natürlich ein, und sonntags gingen sie in die Kirche, doch sie glaubte nicht alles, was dort gepredigt wurde. An ein Leben nach dem Tod glaubte sie nicht.
»Aber Sophie, Jesus Christus ist auf die Erde zurückgekehrt!«
»Für ihn war das auch nicht so schwer«, sagte Sophie....
| Erscheint lt. Verlag | 14.7.2019 |
|---|---|
| Nachwort | Candia McWilliam |
| Übersetzer | Christa Krüger |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 18. Jahrhundert • 20. Jahrhundert • 50plus • Best Ager • Biografie • Biografischer Roman • Blaue Blume • C.H. Beck Übersetzerpreis 2009 • Das College • Dichter • Die Buchhandlung • Ein Hausboot auf der Themse • Generation Gold • Golden Ager • insel taschenbuch 4718 • IT 4718 • IT4718 • Liebe • Man-Booker-Prize • Man Booker Prize 1979 • National Book Critics Circle Award for Fiction 1997 • Novalis • Poesie • Rentner • Rentnerdasein • Romantik • Ruhestand • Sachsen • Sehnsucht • Senioren • Sophie von Kühn • The Blue Flower deutsch • Tod • Trauer • Weißenfels |
| ISBN-10 | 3-458-76246-9 / 3458762469 |
| ISBN-13 | 978-3-458-76246-1 / 9783458762461 |
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