Die Enkel (eBook)
626 Seiten
Aufbau digital (Verlag)
978-3-8412-1872-8 (ISBN)
Willi Bredel, geboren 1901, war ein deutscher Schriftsteller und gehörte zu den Pionieren der sozialistisch-realistischen Literatur. Als Sohn eines Hamburger Zigarrenmachers lernte er zunächst Dreher und engagierte sich außerdem in der Sozialistischen Arbeiterjugend sowie im Spartakusbund. 1919 trat er in die KPD ein. Während der Weimarer Republik wurde er politisch verfolgt und mehrfach verurteilt. 1933 ging er ins Exil u. a. nach Paris und Moskau und diente von 1937 bis 1939 als Kommissar in einer 'Internationalen Brigade' im Spanischen Bürgerkrieg. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil engagierte er sich als Kulturpolitiker beim Aufbau der DDR und wurde später Präsident der Akademie der Künste der DDR. Bredel verstarb 1964 an einem Herzinfarkt in Ost-Berlin. Bei Aufbau Digital ist seine herausragende Romantrilogie 'Verwandte und Bekannte' mit den Bänden 'Die Väter' (1941), 'Die Söhne' (1949) und 'Die Enkel' (1953) verfügbar.
Zweites Kapitel
I
»Hier ist Geld, Mutter! Ich will doch nicht, dass du es umsonst machst … Nimm schon, ich weiß, was der Junge wegfuttert und was er für Arbeit macht … Umschulen würde ich ihn nicht, sondern in der Schule Wiesendamm lassen.«
Frieda Brenten senkte den Blick von Cat zu ihrem dreijährigen Enkelkind Peter, dem kleinen Jungen ihrer Tochter, der auf dem Fußboden hockte und mit Puppen spielte. Immer hatte sie Kinder zu versorgen gehabt, nicht nur ihre eigenen, auch die ihrer Brüder, ihrer Tochter, ihrer Nachbarn, und nun war Cat mit ihrem großen Jungen gekommen. Frieda Brenten aber war kindermüde geworden, wollte endlich »ihr Reich«, wie sie sagte, für sich allein haben. Sie hatte Carl hoch und heilig versprechen müssen, Kindergeschrei künftig nicht mehr um sich zu dulden.
Arg zerrupft waren die Puppen, die der Kleine da hatte, die Gesichtchen abgestoßen und zerkratzt; aber der Knirps liebte sie und hob, als er den Blick seiner Oma auf sich ruhen fühlte, die aus Stoffresten gewickelte Puppe auf und sagte: »Oma, die Knusperliese … Knusperliese!« Frieda Brenten nickte und lächelte ihm zu. »Und das«, er streckte ihr eine zweite Puppe entgegen, die einmal mit den Augen klappern konnte, »Kulleraugenliese, Oma … Und dies ist die Bauernliese, Oma.« Er strich der Bauernliese über den Rest ihres strohblonden Haarschopfes.
Ein allerliebstes Kerlchen ist er, dachte Frieda Brenten, aber nun soll ich auch noch den Großen von Walter und Cat nehmen? Nein und nochmals nein, ich will nicht mehr … Welche Not hatte sie mit dem Kind ihres Bruders damals gehabt! Der »Graf«, wie der kleine Edmond genannt worden war, ewig kränkelnd, hatte ihr Tag und Nacht keine Ruhe gelassen. Mehr als zwanzig Jahre lag das zurück, aber sie erinnerte sich daran, als wäre es gestern gewesen, sah sich zu Ärzten, in die Poliklinik, in die Apotheke laufen, die Nächte am Bett des Kleinen wachen, tags ihn auf dem Arm herumschleppen. Der Junge hatte eiternde Ausschläge gehabt, die sich über den ganzen Körper ausbreiteten. Verbände mussten gewechselt werden, es musste aufgepasst werden, dass der Junge sie in seinen Schmerzen nicht abriss und sich dadurch neu infizierte. Waren das aufregende Tage und Wochen gewesen … Und die Eltern? Ihr Bruder? Seine Frau Anita? Die hatten in Krach miteinander gelebt, waren damals beide ihre eigenen Wege gegangen. Ihr Gör aber hatte sie am Halse … Und heute? Der »schöne Edmond« wurde er von seinen Eltern stolz genannt. Am Großen Burstah war er in einem Textilwarenladen angestellt. Einmal war sie den Burstah entlanggegangen und hatte vorsichtig in das Geschäft hineingesehen. Ein großer Mann, elegant gekleidet, mit breitem, offenem Gesicht, aber unschwer als der kleine Edmond wiederzuerkennen, hatte mit einer Kundin gesprochen. Ein wirklich schöner Mann war er geworden, kräftig und stattlich. Sie hatte sich nicht hineingetraut, da er sie seit zehn Jahren wohl nicht mehr besucht hatte. Zehn Jahre … Ihm machte sie nicht einmal Vorwürfe, wohl aber ihrem Bruder, den der Stolz auf seinen Sohn aufgeblasen und eingebildet gemacht hatte. Nein, sie wollte nicht mehr, nie wieder … War nicht Cat gekommen, als gäbe es für sie, die Oma, überhaupt keine Wahl, als wäre alles selbstverständlich? »Der Große, der ist doch eigentlich schon eine Hilfe«, hatte Cat gemeint. Warum hatten die beiden sich nicht längst zusammengetan? Wenn ein Kind da war, trug man doch die Verantwortung dafür … Sie machte auch ihrem Sohn Vorwürfe, der sich – wie sie fand – seiner Vaterpflichten nicht bewusst war. Aber schließlich: wer außer Cat und ihm konnte wissen, wie sie zueinander standen … Dennoch, mochte sein, was wollte, wo nun der Junge da war, hätten die beiden längst heiraten sollen. Das war doch so kein Leben …
Was für schreckliche, für unbegreiflich schreckliche Zeiten angebrochen waren. Carl, ihr Mann, war nun schon seit zwei Monaten verhaftet, ohne dass sie irgendeine Nachricht von ihm hatte. Der Gedanke allein, dass ihr Carl im Gefängnis saß, war für sie unfassbar und unerträglich. In ihr lebte trotz allem, was in Deutschland geschah, immer noch die Vorstellung, man war entehrt, wenn man erst einmal ins Gefängnis kam. Sie wusste zwar – jaja, sie wusste –, dass ihr Mann kein Verbrecher war, aber – er saß im Gefängnis! Sie wusste, dass auch ihr Sohn kein Verbrecher war, aber – die Polizei suchte ihn! Es war für des redlichen Johann Hardekopfs Tochter schwer zu begreifen, dass in solcher Zeit die Verfolgten die Anständigen und Rechtschaffenen, ihre Verfolger aber die Schurken und Verbrecher waren.
Im Februar – oder war es schon März gewesen? – hatte sie Walter das letztemal gesehen. Einer dieser neuen Machthaber sprach gerade über den Rundfunk und rief mit heiserer Hassstimme die Polizei auf durchzugreifen, zu verhaften, zu schießen, die Kommunisten auszurotten. Walter hatte die Mutter beim Abschied umarmt. Da hatte sie gespürt, dass es ein Abschied für lange war. Umarmungen gehörten in ihrer Familie nicht zu den Alltäglichkeiten. »Junge, alle sind gegen euch!« Die Tränen waren ihr übers Gesicht gelaufen. Er hatte sie an sich gedrückt. »Alle? Mutter, wir sind nicht wenige. Und du? Gehörst du nicht auch zu uns?« Er lächelte sogar. Sie aber hatte Angst gehabt, namenlose Angst. »Mein Junge, ich seh dich vielleicht nie wieder! Vater ist ein alter Mann, den werden sie eines Tages wieder laufen lassen. Wenn sie aber dich fassen, dann …« Er hatte ihr die Tränen aus dem Gesicht gewischt und gesagt: »Ich werd mir Mühe geben, dass sie mich nicht kriegen, Mutter.«
Cat saß schweigend der Großmutter ihres Sohnes gegenüber, sah ihren abwesenden Blick und hätte gern gewusst, woran sie dachte.
Frieda Brenten dachte daran, dass ihr Sohn illegal lebte, irgendwo. Als er ihr gesagt hatte, dass er künftig illegal leben würde, hatte sie nicht gewusst, was das bedeutete, sich aber geniert, ihn zu fragen. Anderntags aber hatte sie den Kolonialwarenhändler gefragt. Der hatte ihr den Sinn dieses Wortes erklärt. Seitdem war sie noch mehr verängstigt. Ungesetzlich also lebte er, unterirdisch, jede Stunde tags und nachts auf der Flucht, ständig verfolgt, nirgends sicher, fried- und schutzlos. Armer, armer Junge!
Ja, und nun war Cat gekommen. In dieser ganzen Wirrnis und Verworrenheit benahm sie sich erstaunlich ruhig und überlegen. Frieda bewunderte sie geradezu. Aber es hielt Cat nie zu Hause, dauernd war sie unterwegs und der Junge den lieben langen Tag auf sich selbst angewiesen.
Cat erhob sich, unwillig, aber noch unschlüssig. Sie verstand nicht, dass unter diesen besonderen Umständen die Großmutter ihres Kindes, das doch auch Walters Kind war, zögern konnte, es aufzunehmen. Sie verstand es um so weniger, als sie wusste, wie bitter wenig ihre Schwiegermutter besaß, um das Notwendigste kaufen zu können. Sie brachte ihr doch nicht nur den Jungen, sondern auch Geld. Wenn sie wüsste, dachte Cat, wie schwer es aufzutreiben war! Sie konnte doch nicht sagen, dass sie Zeit und Bewegungsfreiheit für ihre illegale politische Arbeit brauchte.
Frieda Brenten sah aus ihrer Sofaecke auf. Sei nur ungehalten, meine Tochter! Hättest du meine Erfahrungen, du würdest mich verstehen.
Der Kleine zu ihren Füßen unterhielt sich mit der Kulleraugenliese, weil sie nicht schlafen wollte. Er schüttelte sie, gab ihr einen Klaps. Frieda Brenten betrachtete ihn und hatte plötzlich das Verlangen, den Knirps in die Arme zu nehmen, ihn an sich zu drücken.
»Peterchen, komm zu Oma!«
Der Kleine ließ sogleich von den Puppen, kletterte aufs Sofa und schmiegte sein Gesicht an das ihre. Liebebedürftig war das kleine Wesen.
Sie fragte: »Willst du, dass auch Viktor zu Oma kommt?«
Da nickte der Kleine lebhaft und schlang seine Ärmchen um sie.
Cat atmete erleichtert auf.
II
Ein paar Tage später saß Frieda Brenten abends in ihrer Wohnstube und stopfte die arg zerlöcherten Strümpfe, die Cat ihrem Großen mitgegeben hatte. Viktor war mit seinen Schularbeiten beschäftigt. Da klingelte es, und ein ungewöhnlicher Besucher trat ein: Herbert, ihres Bruders Ludwig ältester Sohn.
»Du? Ist was passiert bei euch?«
»Nein, Tante Frieda. Ich wollte dich nur mal besuchen.« Er gab auch Viktor die Hand.
Frieda Brenten aber war noch misstrauisch. »Schickt Papa dich?« – »Nein! Und Mama weiß auch nichts davon … Eigentlich, Tante Frieda, bin ich hauptsächlich wegen Viktor gekommen.« – »So, wegen Viktor?« – »Ja, in Schulsachen … Wir sind doch beide in der Wiesendamm-Schule.«
Viktor kannte Herbert Hardekopf nur flüchtig. Irgendwann hatte er einmal davon gehört, dass er mit ihm verwandt sei. Und nun war er seinetwegen gekommen? Er ließ keinen Blick von ihm, musterte ihn, und – Herbert gefiel ihm. Lange Beine hatte Herbert und kurze, viel zu enge Hosen. Der Mantel, den er ablegte, war auch zu kurz.
Prüfend betrachtete Frieda Brenten den Neffen. Er war lange nicht bei ihr gewesen und in der Zwischenzeit mächtig in die Höhe geschossen. Aber, er war nicht gut genährt. Na ja, bei der Mutter … Sie fand in seinem Gesicht auch nicht eine Spur von Ähnlichkeit mit Hermine und dachte: Man ein Glück! Um so mehr glich er seinem Vater. Akkurat so hatte Ludwig mit vierzehn Jahren ausgesehen. War sein Sohn auch aus dem weichen, leicht zu knetenden Material? Sie hatte damals, nur knapp zwei Jahre älter, nicht schlecht mit ihrem Bruder herumkommandiert.
Herbert sah seine Tante an, etwas verlegen.
Frieda Brenten fragte: »Sind alle...
| Erscheint lt. Verlag | 12.7.2019 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Verwandte und Bekannte |
| Verwandte und Bekannte | Verwandte und Bekannte |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror | |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2. Weltkrieg • Antifaschismus • Arbeiterfamilie • DDR • Familiengeschichte • Hamburg • Kommunismus • Machtergreifung • Nationalsozialismus • Sozialismus • Sozialistische Literatur • Sozialistischer Realismus • Verwandte und Bekannte • Widerstand • Widerstand im Nationalsozialismus • Willi Bredel • Zweiter Weltkrieg |
| ISBN-10 | 3-8412-1872-5 / 3841218725 |
| ISBN-13 | 978-3-8412-1872-8 / 9783841218728 |
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