Jerry Cotton 3236 (eBook)
64 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-8168-9 (ISBN)
Ein Cop auf Abwegen
Phil und mich erreichte ein merkwürdiger Hilferuf: Der Ex-Cop Nick Reiner hatte Geschäfte mit dem Unterweltcapo Tom Smulders gemacht und musste nun um sein Leben fürchten! Der Fall kam uns gerade recht, waren wir doch ohnehin hinter Smulders und seinen Killern her. Doch dann beging Reiner einen folgenschweren Fehler: Er entführte Smulders Ehefrau, die sehr schöne, aber auch extrem gefährliche Cynthia ...
Zwanzig Minuten nach diesem Anruf stand Phil links neben einer offenen Kanzleitür, ich rechts. Wir hielten unsere Dienstwaffen schussbereit in unseren Händen. Unsere Nerven waren angespannt.
An der Mahagonitür klebten silberne Buchstaben: Hock & Hock. Und darunter stand – nur unwesentlich kleiner –, dass die beiden Rechtsanwälte waren.
Sie hatten sich eine raffinierte Strategie zurechtgelegt, hatten Massenmörder, Großbetrüger, Terror-Paten, kriminelle Broker und dergleichen Ekelpakete mehr für lau verteidigt und sich damit einen Namen gemacht. Sie waren öfter in den Medien präsent als der Außenminister, zogen dadurch betuchte Klienten an wie das Licht die Motten – und denen stellten sie dann fette Honorare in Rechnung.
So waren sie zu Staranwälten geworden und hatten auch für den skrupellosen Unterweltcapo Tom Smulders, der schon seit Längerem ganz oben auf unserer Wunschliste stand, so manche Kartoffel aus dem Feuer geholt.
Aber Smulders war kein dankbarer Mensch. Man munkelte, sie hätten sich aus irgendeinem Grund seinen Unmut zugezogen, und das bedeutete, dass sie ihres Lebens nicht mehr sicher waren.
Sich mit Tom Smulders zu überwerfen, war der größte Fehler, den man machen konnte. Der Mann war der personifizierte Tod, das sichere Ende jeder menschlichen Existenz, und er hatte ein paar widerliche Sensenmänner an der Hand, die mit großer Freude die mieseste Drecksarbeit für ihn übernahmen, wenn er sie nicht selbst erledigen wollte.
Ich sah zu meinem Partner hinüber. »Okay?«
Phil nickte.
Ich schraubte mich durch die offene Tür in ein verwüstetes Vorzimmer. Meine Glock schwang mit.
»FBI!«, rief ich in die Stille.
Es kümmerte keinen.
Phil folgte mir. Auf dem teuren, schmutzabweisenden Teppichboden lag alles, was sich einmal auf einem massiven Eichenholzschreibtisch befunden hatte, und auch der Schreibtisch selbst war umgeworfen worden. In allen anderen Büroräumen sah es genauso aus.
»Hier hat einer sinnlos seine Kraft verschwendet«, murmelte mein Partner.
Ich stieg über eine Digitaluhr, die mir mit blauen Ziffern anzeigte, dass es 19 Uhr 22 war. Sie erinnerte mich an eine Schildkröte, die hilflos auf dem Rücken lag. Allerdings ohne zu strampeln.
Jene, die hier tagsüber beschäftigt waren, waren schon längst nach Hause gegangen. Nur einer nicht: Richard Hock war noch da. Tipptopp gekleidet, wie man ihn aus dem Fernsehen kannte, und tot.
So richtig zufrieden war Nick Reiner nie gewesen. Weder mit seiner Ehe noch mit seinem Beruf, in den ihn sein dominanter Vater gedrängt hatte.
Er hatte eigentlich etwas ganz anderes werden wollen, zum Beispiel Pilot oder Astronaut, auch Schauspieler wäre nicht schlecht gewesen. Doch sein Dad war dagegen gewesen.
»Nichts da!«, hatte er gesagt. »Diese Flausen kannst du dir aus dem Kopf schlagen. Du wirst Cop wie ich, basta. Es macht was her, wenn man eine Uniform trägt. Du bist jemand, vertrittst das Gesetz, man achtet und respektiert dich. Gesichertes Einkommen, Pensionsanspruch … so etwas schätzen die Frauen. Da kannst du gleich ein paar Etagen höher anklopfen.«
Also hatten die Dinge den Lauf genommen, den Reiner Senior für seinen Junior ins Auge gefasst hatte. Sobald Nick Uniformträger gewesen war, hatte er Sophia, die bildhübsche Tochter eines Bankers, geheiratet, der ihn bei jeder Gelegenheit spüren ließ, wie sehr er ihn, den lächerlichen Kleinverdiener, für den sein geliebtes Kind viel zu schade war, verachtete.
Die Ehe hatte auch nicht lange gehalten. Geplant war gewesen: bis dass der Tod uns scheidet. Doch das von Liebe und Begehren geprägte Bündnis war schon nach zwei Jahren ziemlich arg zerrüttet gewesen und nach weiteren sechs Monaten völlig zerbrochen, weil sich herausgestellt hatte, dass Sophia leidenschaftlich gerne fremdging.
Angeblich konnte sie nichts dafür. Ihre Großmutter war in jungen Jahren genauso veranlagt gewesen, und Sophia hatte dieses »Fremdgeh-Gen« von ihr geerbt.
Negativ geprägt von einem despotischen Vater und gezeichnet von einer schmutzigen Scheidung, hatte Nick Reiner Zuflucht in einer stacheligen Introvertiertheit gesucht und auch gefunden. Er ließ niemanden mehr an sich heran, schloss keine Freundschaften, erledigte seinen Job, und damit musste es gut sein.
Dass seinen Kollegen das nicht passte, konnte er zwar verstehen, aber er war nicht gewillt, auch nur das Geringste daran zu ändern. Deshalb mobbten sie ihn auch fortwährend, machten sich über ihn lustig, verbreiteten Gerüchte über ihn, grenzten ihn aus, zeigten ihm die kalte Schulter – und vor allem wollte ihn niemand zum Partner haben.
Im Moment ging es im Revier zu wie in einem Taubenschlag. Ein dreister Dieb beteuerte dem Beamten, der ihn auf frischer Tat ertappt hatte, er sei unschuldig. Zwei grell geschminkte Mädchen in superkurzen Miniröcken, schenkelhohen schwarzen Lackstiefeln und jugendgefährdend tiefen Dekolletés protestierten zuerst schrill gegen ihre Festnahme und boten den Cops dann absolut unmissverständlich gewisse erotische Dienstleistungen an, wenn sie sie dafür laufen ließen.
Es war das reinste Tollhaus, und mitten in diesem lauten Trubel saß Nick Reiner mit »zugeklappten« Ohren und arbeitete an einem Protokoll, das schon längst hätte fertig sein sollen. Der Dreißigjährige war ein bulliger Typ mit sehr kurz geschnittenen Haaren, die er nie zu kämmen brauchte, hatte ein rundes Gesicht und einen leichten Doppelkinnansatz, der ihn bei jedem Blick in den Spiegel daran erinnerte, dass er von Süßigkeiten lieber die Finger lassen sollte.
Einer seiner Kollegen stieß ihn an.
Er hob den Kopf. »Was gibt’s?«
»Du sollst zum Captain kommen.«
»Ich?«
»Mit wem rede ich gerade?«
»Okay. Ich bin gleich fertig.«
»Der Captain will dich sofort sehen.«
»Zuerst schreibe ich das Protokoll zu Ende.«
Der Kollege zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Wie du meinst.«
Reiner tippte die restlichen Sätze in den Computer, speicherte das Schriftstück in einem bereits vorhandenen Ordner ab und erhob sich. Das Ganze nahm nicht mehr als fünf Minuten in Anspruch.
Auf dem Weg zum Büro des Captain schob eines der beiden leichten Mädchen, schlüpfrig lächelnd, sein Becken vor und machte ihm ein pikantes Angebot.
»Hey, Hübscher, wo hast du dich denn bis jetzt versteckt? Bei einem wie dir könnte ich glatt schwach werden. Hast noch ein bisschen Babyspeck, das finde ich süß. Ich bin in der Horizontalen ’ne Queen. Willst du meine Telefonnummer? Du kannst mich je-der-zeit anrufen – Tag und … Nacht.«
Die Nutte befeuchtete ihre knallroten Lippen ganz langsam mit der Zunge. Ihr Mund blieb halb geöffnet. Doch Nick Reiner ignorierte sie.
»Hör mal, du arrogantes …« Sie verkniff sich das beleidigende Wort. »Bin ich dir nicht gut genug?«, rief sie ihm ärgerlich nach. »Wofür hältst du dich, eh? Für Bradley Cooper?«
Er erreichte den Glaskäfig, in dem Captain Lee Brice residierte, und klopfte an die offene Tür.
»Captain?«
»Kommen Sie herein, und schließen Sie die Tür, Sergeant«, sagte der dicke, schwarze Vorgesetzte, der seinen massigen Schädel kahl geschoren hatte. Sein Bauch sah aus wie ein prall gefüllter Getreidesack, und er wirkte immer so, als würde ihn alles anwidern: der Job, die Kollegen, das Leben.
»Sie wollten mich sprechen?«
»Ja, aber schon vor fünf Minuten. Wieso kommen Sie erst jetzt?«
»Ich hatte noch ein Protokoll abzuschließen.«
»Wenn ich mit jemandem reden will, hat der nicht erst übermorgen anzutanzen, sondern sofort«, sagte Brice unwirsch. »Setzen Sie sich.«
Nick Reiner nahm auf einem der beiden Stühle, die vor dem Schreibtisch standen, Platz.
Sein schwerer Vorgesetzter lehnte sich zurück und musterte ihn verdrossen.
»Ich muss Ihnen leider sagen, dass ich mit Ihnen meine liebe Not habe, Sergeant Reiner«, eröffnete er das unangenehme Gespräch. »Sie sind ein echtes Problemkind in diesem Revier, ein schwarzes Schaf. Ich habe Ihren Vater gekannt. Horace Reiner war ganz anders. Es ist sehr schade, dass er nicht mehr lebt. Er war fleißig, loyal, zuverlässig, beliebt … Ein Mann wie ein Felsen. Ein Cop von echtem Schrot und Korn. Sie hingegen …«
Er wischte mit der Hand über seine glänzende Glatze, als wäre er ratlos.
»Es tut mir leid, wenn Sie mit mir nicht zufrieden sind, Captain.«
»Da bin ich leider nicht der Einzige, Sergeant. Jeder in diesem Revier ist unzufrieden mit Ihnen.«
»Ich gebe mein Bestes, Sir.«
»Sind Sie sicher?«
»Dass mir die Schuhe meines Vaters nicht passen, ist mir bewusst, aber ich bin zuversichtlich, dass ich in sie hineinwachsen werde. Ich brauche nur etwas Zeit dafür.«
»Sie sind nicht teamfähig, kümmern sich immer nur um Ihre eigenen Angelegenheiten«, zählte der Captain Reiners negative Eigenschaften auf. »Keiner kann Sie leiden. Sie schließen sich von allem aus, halten sich von jeder gemeinsamen Aktivität, die den allgemeinen Zusammenhalt festigen soll, fern …«
Er unterbrach sich, hatte aber offenbar noch sehr viel mehr im Köcher.
»Das liegt nicht nur an mir, Captain«, verteidigte sich Nick Reiner.
»An wem denn sonst? An mir vielleicht?«
»Ich versuche mit allen Kollegen gut auszukommen, aber sie machen es mir nicht leicht, zeigen mir sehr oft die kalte Schulter.«
»Warum wohl?«, fragte Lee Brice polternd....
| Erscheint lt. Verlag | 25.6.2019 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton | Jerry Cotton |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • Action Abenteuer • action romane • action thriller • action thriller deutsch • alfred-bekker • Bastei • bastei hefte • bastei heftromane • bastei romane • bastei romane hefte • Bestseller • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste fälle • Fall • gman • G-Man • Hamburg • Heft • Heftchen • Heftroman • heftromane bastei • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Krimi deutsch • krimi ebook • Krimi kindle • Kriminalfälle • Kriminalgeschichte • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Kriminalromane • kriminalromane 2018 • kriminalromane deutsch • Krimi Reihe • Krimireihen • krimi romane • Krimis • krimis&thriller • krimis und thriller kindle • Krimi Urlaub • letzte fälle • martin-barkawitz • Polizeiroman • Romanheft • Roman-Heft • schwerste fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • spannende Thriller • Spannungsroman • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-8168-3 / 3732581683 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-8168-9 / 9783732581689 |
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