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Ziemlich kranke Männer (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2019 | 2. überarbeitete Auflage
289 Seiten
Aufbau digital (Verlag)
978-3-8412-1864-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Ziemlich kranke Männer - Hanna Simon
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Als Medizinische Fachangestellte kennt Anna sich bestens mit kränkelnden Männern aus und kann selbst ihrem Freund Béla helfen, der besonders schwere Symptome der Männergrippe zeigt. Als Annas Onkel überraschend stirbt, fährt sie mit Béla zur Beerdigung in die Pfalz. Dort stellt sich heraus, dass das Weingut ihres Onkels hoch verschuldet ist und die Zwangsversteigerung droht. Doch Anna gibt nicht so einfach auf und kann sich auf die Unterstützung der Dorfgemeinschaft verlassen, die sie herzlich aufnimmt. Und dann ist da noch der geheimnisvolle Manuel. So gar nicht wehleidig, bringt er Anna völlig aus dem Konzept ...



Hanna Simon, 1970 in Bielefeld geboren, arbeitete lange Zeit als Projektleiterin. Deswegen schafft sie es auch immer, die großen und kleinen Familienkatastrophen zu ignorieren, abzuwenden oder aufzufangen - und das meistens sogar fast perfekt. Mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen lebt sie in der Nähe von Frankfurt am Main.

2
Ansteckungsgefahr
(Risiko durch Eindringen, Verbleib und Vermehren von Krankheitserregern)


Ich habe in jenem Januar, mit dem meine Geschichte beginnt, in der Praxis von Allgemeinmediziner (also Hausarzt) Doktor Zobel gearbeitet. Das ist auch so ein süßer, sensibler Mann. Auch der konnte das mit dem Süßsein nicht so zeigen, er war nämlich oft schlecht gelaunt.

Das Wetter draußen hatte sich trotz Weihnachten noch nicht entscheiden können, den Winter in seiner ganzen, weißen Pracht zu zeigen. Es war grau, regnerisch und dunkel, egal um welche Uhrzeit. Es war, als habe das Wetter ebenfalls schlechte Laune. Die Bäume sahen alle aus wie tot (oder kurz davor), auf den Bürgersteigen lagen noch die Reste von den blöden Silvesterböllern (geschätzte Menge: 43.000 Tonnen, Kosten: ca. 103,6 Millionen Euro, häufigste Verletzung: kaputte Hand, weil der Böller als Mutprobe extra lange festgehalten wurde – kommen eigentlich nur Männer drauf). Die einzig Nüchternen auf den Straßen waren die fröhlich orangefarbenen Herren von den Stadtwerken Frankfurt mit ihren Kehrmaschinen.

Bei uns in der Praxis war am ersten Öffnungstag im neuen Jahr der Teufel los gewesen, denn über die Feiertage hatten sich offenbar alle verfügbaren Krankheitskeime unserer Patienten bemächtigt. Und die, die noch gesund waren, hatten zumindest Zweifel bekommen, ob es sie nicht auch bald erwischen könnte, und so waren gefühlt ALLE unsere Patienten auf einmal gekommen. Ohne Termin, versteht sich.

Es ist nicht so, dass ich mich nicht freue, unsere Patienten zu sehen, aber doch bitte nicht alle auf einmal!

»Anna? Anna? Wo sind Sie?«, brüllte mein Chef Doktor Zobel in einer Tour. Brüllen konnte er unglaublich gut. Ich vermute, ärztliches Brüllen ist ein Studienfach mit Master- oder Bachelorabschluss. Es gibt verschiedene Brüll-Gründe für einen Doktor. Bei meinem Chef waren es zum Beispiel, wenn der Herr Mediziner seine Brille nicht fand; wenn sein Drucker nicht machte, was er wollte, oder das Rezept von Walter Kleinschmöller gefressen hatte.

Im Grunde war es einerlei, weshalb Doktor Zobel brüllte, denn egal wie schnell ich in das Behandlungszimmer rannte, es hatte sich unter Garantie entweder erledigt oder es war eine weitere Katastrophe hinzugekommen, die die erste überlagerte.

Unser Chef war Mitte vierzig, und er führte eine wirklich gut gehende Praxis in der Innenstadt von Frankfurt, wobei er allerdings zum Quartalsende hin regelmäßig das große Heulen bekam. Weil er nach eigenen Angaben nicht genug Umsatz machte. Und dann mussten wir ein paar Patienten anrufen, um mit ihnen noch Termine zu machen. Dabei hatte Doktor Zobel eigentlich genug zu tun, weshalb er auch drei Arzthelferinnen beschäftigte. Und zwar Judith, Vicky und mich.

Selbstverständlich nennt man Arzthelferinnen nicht mehr Arzthelferinnen, genauso wenig wie Kindergärtnerinnen heute noch Kindergärtnerinnen sind. Man hat dafür jetzt ganz tolle andere Bezeichnungen.

Das alte, schmale Gehalt ist übrigens geblieben.

Also mein (schöner) Beruf heißt Medizinische Fachangestellte.

Genau, wir sind die, die bei jedem eurer Arztbesuche für die gute Stimmung im Vorzimmer, für die tolle Organisation im Behandlungsraum, für jede Terminvergabe und gerne auch für die unangenehme Spritze zuständig sind.

Wir sind auch die, die die schlechte Laune unseres Chefs aushalten, kleine Pannen ausbügeln müssen und das tägliche Chaos in einer Arztpraxis bändigen. Bei unserer Anstellung haben wir zugesagt, dass wir keine Scheu vor dem Kontakt mit anderen Menschen haben, dass wir pünktlich sind, im Notfall Blut sehen können, uns nie übel und nichts zu viel wird. Wir versprachen, stets auf Zack zu sein und abwechslungsreiche Aufgaben mehr als alles andere auf der Welt zu lieben.

Was uns allerdings nie, absolut nie jemand gefragt hat, war, ob wir Männergrippe heilen können.

Kein Wunder.

Denn Männergrippe kann eigentlich niemand heilen.

Wie gesagt. Wir waren zu dritt.

Judith war die Älteste und hatte schon zwei Kinder. Sie sah aber eigentlich nicht älter als wir aus, weil sie so herrlich lachen konnte. Sie hatte strohblondes Haar, ein Lachen wie aus einem Astrid-Lindgren-Buch und Hände, die fest zupacken konnten.

Vicky war klein und zart, mit langen, dunklen Haaren und langen Wimpern, die zwei herrlich blaue Augen einrahmten. Wenn ein Patient in Panik zu geraten drohte, musste Vicky ihn nur lange ansehen und der Verängstigte beruhigte sich wieder.

Und die Dritte im Bunde war ich. Anna Hälfer. Dreißig Jahre alt, seit zwei Jahren in einer Beziehung, Expertin dafür, wie man alles richtig macht, und gleichzeitig führend darin, es doch nicht richtig zu machen. Dazu ausgestattet mit einem für unsere Familie typischen Helfersyndrom. Das Hälfer-Helfersyndrom (siehe hierzu auch bald den Eintrag im Pschyrembel - DEM medizinischen Wörterbuch.) Ja, mit meinem Namen verhält es sich äquivalent zum Anatomiebuch von Mister Gray. Der gab ja bekanntlich den Namen für die Serie Grey`s Anatomy (aber halt mir e).

Wir drei waren sozusagen Doktor Zobels rettende Engel aus dem Vorzimmer, allerdings nicht in Weiß. Auf Wunsch von Doktor Zobels nerviger Frau mussten wir in aprikosenfarbenen Poloshirts die Praxis mit mobilen Farbtupfern verschönern.

Mein Chef war ein guter Arzt, ganz sicher, aber eben nicht ganz stressfrei in der Handhabung. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn Doktor Zobel nicht so leicht aufzuregen gewesen wäre. Ja, ganz toll hätte es sein können, wenn er in der Lage gewesen wäre, etwas zartfühlender mit Personal und Patienten umzugehen, aber das Leben ist nun mal kein Schneckenschubsen.

Wenn Doktor Zobel zufrieden und somit friedlich seiner heilenden Arbeit nachging, war es unsere Aufgabe im Vorzimmer, die Termine abzustimmen, die Krankenakte parat zu halten, Unterlagen von anderen Ärzten entgegenzunehmen oder weiterzuleiten, den Schriftverkehr im Griff zu haben und vor allem, den Patienten zu umsorgen. Besonders dann, wenn das Wartezimmer voll und die Zeit lang wurde.

So weit der Plan.

Unsere Patienten waren im Großen und Ganzen ganz liebe Menschen, die mit ihren Sorgen und Gebrechen zu uns kamen, die ein bisschen Aufmunterung brauchten und denen wir ja auch in der Regel helfen konnten. Einfach ein paar Scherze gemacht, während man Herrn Schäfer das Blut abnahm, Frau Hindemitt den Schirm hinterher trug oder Frau Wagenknecht die Abrechnung der Krankenkasse erklärte.

Medizin ist wunderbar, aber ein paar freundliche Worte und ein paar liebe Gesten können Wunder bei der Unterstützung des Heilungsprozesses bewirken.

Sobald Doktor Zobels Stimmlage allerdings einen gewissen Härtegrad erreicht hatte, weigerten sich Judith und Vicky standhaft, in seine Nähe zu geraten, also blieb es immer an mir, dem erfolgreichsten und bekanntesten Allgemeinmediziner (nach Angaben seiner Frau) von ganz Frankfurt zu assistieren. In solchen zobelschen, medizinischen Stimmungstiefs war ich es, die das Rezept noch einmal ausdruckte, die Brille wiederfand, den verschütteten Kaffee aufwischte oder die plötzlich verschwundene Krankenakte hervorzaubert (meist aus der Ritze zwischen Tisch und Schrankwand).

Kein Problem.

Das machte ich gerne. Ich kann gut mit Menschen umgehen. Vielleicht sogar besonders gut mit den schwierigen und sensiblen. Ich mag es einfach, netten Leuten zu helfen. Ich habe mal gelesen, dass man deswegen nicht notgedrungen gleich ein guter Mensch sein muss, es ist einfach eine Art Hobby und das Gutsein nichts anderes als die Befriedigung eines egoistischen Bedürfnisses. Schade, ich bin also kein Engel.

Abgesehen von meiner Sozialkompetenz kannte ich die Namen aller Patienten und die meisten ihrer Krankheitsbilder und Diagnosen auswendig. Ich habe grundlegende technische Kenntnisse von Druckern, dazu (und darauf bin ich besonders stolz) verfüge ich über ein umfangreiches Wissen alle meteorologischen Phänomene Mitteleuropas betreffend, so dass man mit mir ein profundes Gespräch über das Wetter führen kann. Außerdem kann ich mir sensationell gut merken, was alles in unserem Alltag ungesund und umweltschädigend ist. Aber das nützt mir nichts, denn ich verzichte deswegen nicht unbedingt auf diese Dinge.

Nein, ich bin also auch kein blauer Engel.

Vicky war führend, was die Kenntnis von Peinlichkeiten seitens diverser Politiker betraf, vornehmlich jener, die westlichen Großmächten vorstanden. Und sie war über alle Verkehrsunfälle im südlichen Hessen und alle Flugzeugabstürze weltweit informiert.

Judith hingegen wusste alles über Promis und deren momentanes Liebesleben. Dazu brillierte sie mit regionalem Fachwissen, welches Geschäft wo in Frankfurt neu aufgemacht hatte und ob es sich lohnte, da hinzugehen.

Wir waren also das perfekte Team.

Wir konnten alles, wir waren immer da, immer adrett, immer gut gelaunt und wussten einfach alles: »Ach, Kindchen, wie heißen noch diese Pillen?« - »Meinen Sie, ich vertrage vielleicht keine Milchprodukte?« - »Wie komme ich am schnellsten zur Zeil« - »Was schenke ich meinem Gatten bloß zum Geburtstag?« - »Wie heißt denn noch der Laden da die Straße runter?« - »Wie wird das Wetter nächste Woche?« - »Ach, Kindchen, Sie wissen aber wirklich alles, zauberhaft«.

Echt wahr. So ging das den ganzen Tag.

Außer …

es ging um Männer.

Meine Güte, man kann ja nicht alles wissen! Wir verstanden kranke Männer nicht wirklich. Wir konnten...

Erscheint lt. Verlag 24.5.2019
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Comic / Humor / Manga
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Beziehungen • Chick-Lit • Frankfurt • Hanna Simon • Humor • Kerstin Gier • Liebe • Liebeschaos • Liebesroman • Liebe und Beziehungen • Männergrippe • Männerschnupfen • Pfalz • Weingut • Ziemlich beste Mütter
ISBN-10 3-8412-1864-4 / 3841218644
ISBN-13 978-3-8412-1864-3 / 9783841218643
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