Die Modestilistin (eBook)
316 Seiten
Morawa Lesezirkel (Verlag)
978-3-99084-582-0 (ISBN)
Mein Leben hat viel mit Italien zu tun ... und meine Passion ist schreiben und kochen ... ... beides hat mit Italien zu tun, denn meine Romane spiegeln die italienische Lebensart wider und meine Küche ist mediterran. Ich esse gerne in einer kleinen Trattoria oder Osteria, wo die Mamma oder Oma noch nach alten Familienrezepten kocht. Diese Lokale sind für mich ein unerschöpflicher Fundus an Geschichten und Inspirationen und bieten ungeahnte Möglichkeiten für Schreibideen. Ich veröffentliche meine Romane bewusst unter einem Pseudonym ... ... Kreativität ist ein anstrengender Prozess und hat immer auch mit Ängsten und Unsicherheit zu tun, die dich bremsen und hemmen können. Mein Trick dagegen: Ich schreibe und teile mich in meiner Kunstfigur mit und kann freier, direkter und ehrlicher sein. Mehr über mich und meine Bücher unter: www.elmabuch.website
Kapitel 1
1
Der Schrei hallt durch das große Haus, dringt in alle Winkel, schallt nicht enden wollend mit hoher Lautstärke die spiegelblank gespachtelten Wände entlang und das Stiegenhaus hinauf zu den oberen Räumen. Seine starke Emotion drückt großen Schmerz sowie Schrecken aus und die angstvolle Übersteuerung der Tonhöhe scheint nicht mehr kontrollierbar. Rosa, die Kammerfrau, befindet sich gerade in einem der Gemächer im ersten Stock, hält jetzt mitten in ihrer Bewegung alarmiert inne, eilt besorgt quer durch das Zimmer zur Tür und die Treppe nach unten. Dieser fürchterliche Schrei erfüllt den ganzen Flur und verdichtet, durch seinen angstvollen Unterton, die Atmosphäre. Rosa bleibt auf der letzten Stufe kurz stehen, dann weiß sie: „Er kommt aus dem Salon”, sie läuft den Gang entlang, öffnet schwungvoll die Tür und bleibt einen Augenblick später wie angewurzelt stehen.
Mitten im Raum steht regungslos Vanessa, bleich, die Augen weit geöffnet wie im Schockzustand, ihr Mund sperrangelweit aufgerissen, dass man im Rachen bis zu ihren Mandeln sehen kann und das einzig Lebendige an ihr ist dieser beinahe unmenschliche Schrei. Rosa stürzt zu dem Kind, beugt ihre alten Knie, nimmt es in die Arme: „Vanessa, amore mio, was ist passiert?“ Sie streicht ihr liebevoll über das Haar. Das Mädchen ist am Ende seiner Kräfte und sein Schreien erstickt nun in Tränen. Es wiederholt schluchzend immer wieder: „Die Mama, die Mama“, erst jetzt bemerkt Rosa, dass sie nicht allein mit dem Kind im Salon ist und blickt über die Schulter der Kleinen in Richtung offener Kamin. Dort sitzt, unbeweglich in einem großen, wuchtigen Polstersessel, deren Mutter Isabella de Lorca. Das feine Leinentischtuch, an dem sie seit ein paar Monaten stickt auf dem Schoß, ihre linke Hand umklammert den Stickrahmen, die andere liegt darauf und hält noch die eingefädelte Nadel mit rotem Garn. Den Kopf leicht nach vorne geneigt, sitzt sie kerzengerade und wie aus Stein gemeißelt in ihrem Stuhl. Rosa erhebt sich langsam und als sich das Kind weigert, auch nur einen Schritt in Richtung seiner Mutter zu machen, geht sie alleine zu ihr. Das Gesicht der Padrona ist kreidebleich, zeigt keinerlei Regungen, Rosa fasst an deren Hand und kann nur mehr einen zarten Pulsschlag fühlen. Dann dreht sie sich zu dem Mädchen um: „Bleib hier! Ich hole Hilfe!“, und eilt aus dem Wohnzimmer. Vanessa bleibt unbeweglich, stumm wie ihre Mutter, an ihrem Platz stehen und blickt sie starr vor Angst unentwegt an.
Sie war zu ihr gelaufen, um ihr von den kleinen Katzenkindern zu erzählen, die ihr die Köchin gezeigt hat. Zuerst denkt sie an ein neues Spiel, so eine Art Versteckspiel, weil ihre Mutter nicht antwortet, sich irgendwie in ihrem Körper zu verbergen scheint. Sie ruft nach ihr, berührt ihren Arm erst zart, dann heftiger und bekommt, von ihr verstört zurückweichend, plötzlich furchtbare Angst. Sie versteht auf einmal, dass etwas Schreckliches mit ihrer Mutter geschehen ist. Dieses Angstgefühl ist so gewaltig, dass es den furchtbaren Schrei auslöst und sie diese Empfindungen nie mehr vergisst.
Später erinnert sie sich nur noch an das starre Gesicht ihrer Mutter, nicht an die alarmierten Personen, die in den Raum stürmen. Den Doktor, für den es ohne Zweifel eine Lähmung ist und auf dessen Anweisung hin ihre Mutter in ein Spital gebracht wird. Am Abend kommt ihr Vater in das Kinderzimmer und setzt sich an ihr Bett: „Mama ist sehr krank, aber sie kommt bestimmt bald wieder nach Hause“, versucht er sie zu trösten, streicht ihr flüchtig über das Haar, das etwas dunkler als das von Isabella ist, aber das zarte Gesichtchen zeigt schon die große Ähnlichkeit mit ihrer Mutter. Dann steht er auf, lächelt sie aufmunternd an und verlässt leise das Zimmer. Vanessa ist sechs Jahre alt und hat bis zu diesem Tag keinerlei Ahnung, was Krankheit oder Tod bedeuten.
Isabella de Lorca liegt viele Wochen in einem Spital in Siracusa und als sie endlich wieder nach Hause kommt, hat sich an ihrem Zustand nichts geändert. Sie wirkt zerbrechlich und schmal in ihrem großen Bett. Mehrere Male am Tag besucht Vanessa sie in dem extra für ihre Mutter eingerichteten Zimmer. Erzählt ihr von all den Dingen, die ihr Interesse im Haus und im Garten geweckt haben, hält ihre Hand, aber ihr verlorener Blick zur Zimmerdecke ändert sich nicht, sie bleibt stumm, bewegungslos und wie erloschen.
Immer wieder passiert es, dass die Kammerfrau schreit: „Sie hat sich bewegt, sie hat sich bewegt!“ Ihr Vater eilt herbei, es kommt der Doktor, aber vielleicht hat sie sich ja auch nur in der Fantasie der guten, alten Rosa bewegt.
2
Vittorio Neroni steht am Fenster und starrt dumpf in die schon tief stehende Sonne. Ein im Zenit stehender Mann, groß, stattlich, mit vollem schwarzem Haar und ebensolchen Augen. Er verbringt immer mehr Zeit auf seinen Feldern, um sich durch Arbeit abzulenken, kümmert sich persönlich um die Landwirtschaft, schläft oft in dem einfachen, etwas abgelegenen Verwalterhaus und bleibt dem Gutshof für Tage fern. Er ist in diesem aufgewachsen, da schon sein Vater Gutsverwalter war. Das Landgut kultiviert Weinreben, Oliven, Orangen und Zitronen, auch ein großer Stall mit Kühen, Hühnern und Hasen gehört dazu.
Für Neroni ist es entsetzlich. Er kann sich, auch jetzt nach fast zwei Jahren, mit der Krankheit seiner Frau nicht abfinden. Es fällt ihm immer schwerer, sie in diesem Zustand sehen zu müssen, versucht sich einzureden, dass sie ihn wieder so wie früher lächelnd empfangen wird, wenn er nach Hause kommt. Und so, als wollte er seiner Frau oder dem Schicksal dafür genügend Zeit geben, kehrt er nur noch einmal in der Woche von den Feldern zurück.
Er seufzt tief, geht zum Schrank, schenkt sich ein Glas vom hauseigenen Wein ein, setzt sich in den einzigen bequemen Stuhl in diesem Raum und lehnt den Kopf zurück. Gedankenverloren betrachtet er das große Gemälde vom Herrschaftshaus, das vor ihm an der Wand hängt. Sein Vater hatte es einmal als Geschenk bekommen.
Der barocke, lang gestreckte Bau wirkt beeindruckend mit seinen weißen Marmoreinfassungen am Eingangstor und an den Fensteröffnungen. Dem Haus vorgelagert ist eine große Terrasse mit barocken halbhohen Säulen und reich verzierten geschmiedeten Gitterfeldern. Der mittlere der drei geschwungenen breiten Stufenaufgängen führt zu einer großen Terrasse. Über dem imposanten Eingang mit zwei Türflügeln befindet sich eine ovale Marmorplatte mit der Jahreszahl 1677. Den riesigen, mit Schotter bedeckten Platz davor zieren große Amphoren aus Terrakotta mit Blumen und Sträuchern. Die seitlichen Bauten links und rechts davon sieht man auf diesem Bild nicht. Er trinkt von dem Wein, schließt die Augen und lässt seine Gedanken wieder in sein weitläufiges Refugium der Erinnerungen fliehen.
Es war ein heißer Sommertag, der am späteren Nachmittag, unterstützt durch einen frischen, leichten Wind, gnädig seine Temperaturen senkte, als Sandro de Lorca, der Gutsbesitzer und Nachkomme eines alten Landadels, seine Gäste begrüßte. Gartenfeste am Landgut der Lorcas gab es in den vergangenen Jahren eher selten und die Vorfreude aller auf dieses Fest war daher groß, bot es doch eine Gelegenheit bei der die Damen ihre neuen Kleider ausführen konnten. Auch Vittorios Vater, als Verwalter des Gutes, war mit seiner Familie eingeladen, und so fuhren sie ein paar Wochen zuvor gemeinsam nach Siracusa, um sich dem Anlass entsprechend einzukleiden.
Der schwere Duft der vielen Rosenstöcke und Blumen in dem großen Garten begleitet Vittorio noch immer bei seinen Vergangenheitsbildern, wenn er an dieses schicksalhafte Fest denkt.
Als er mit seinen Eltern ankam, tummelten sich zwischen den vielen gedeckten Tischen unzählige fröhliche Menschen, von denen Vittorio die meisten aber nicht kannte. Nachdem sie von Sandro de Lorca begrüßt wurden und sich am Buffet gestärkt hatten, ließ er mit einem Glas Wein in der Hand seine Blicke über eine kleine Ansammlung festlich gekleideter Gäste gleiten. Plötzlich entdeckte er durch eine Lücke in dem Gewirr ein junges Mädchen mit langen blonden Haaren, das genau wie er, das Getümmel beobachtete. Er betrachtete sie interessiert und folgte ihr mit den Augen, wenn sie ihren Platz wechselte. Ihre Bewegungen waren rhythmisch, bezaubernd und sinnlich. Sie trug ein weißes Kleid aus zartem, fast durchsichtigem Stoff, der das anliegende Oberteil darunter, sowie den Unterrock durchscheinen ließ und ihre perfekt modellierte Figur, eine zarte Taille und lange schlanke Beine erahnen ließ.
Inzwischen drängten sich schon mehrere Paare um das Tanzpodium, denn eine kleine Gruppe von Männern hatte mit typisch sizilianischen Musikstücken auf ihren Instrumenten, zu spielen begonnen. Schließlich bahnte er sich einen Weg zu ihr, um den anderen jungen Männern zuvorzukommen und bat die schöne Unbekannte mit einer kleinen...
| Erscheint lt. Verlag | 25.4.2019 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| ISBN-10 | 3-99084-582-9 / 3990845829 |
| ISBN-13 | 978-3-99084-582-0 / 9783990845820 |
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