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Ein anderer Takt (eBook)

Roman

****

eBook Download: EPUB
2019 | 1. Auflage
304 Seiten
Hoffmann und Campe (Verlag)
978-3-455-00627-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Ein anderer Takt -  William Melvin Kelley
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'Der vergessene Gigant der amerikanischen Literatur' The New Yorker Die kleine Stadt Sutton im Nirgendwo der Südstaaten. An einem Nachmittag im Juni 1957 streut der schwarze Farmer Tucker Caliban Salz auf seine Felder, tötet sein Vieh, brennt sein Haus nieder und macht sich auf den Weg in Richtung Norden. Ihm folgt die gesamte schwarze Bevölkerung des Ortes. William Melvin Kelleys wiederentdecktes Meisterwerk Ein anderer Takt ist eines der scharfsinnigsten Zeugnisse des bis heute andauernden Kampfs der Afroamerikaner für Gleichheit und Gerechtigkeit. Fassungslos verfolgen die weißen Bewohner den Exodus. Was bringt Caliban dazu, Sutton von einem Tag auf den anderen zu verlassen? Wer wird jetzt die Felder bestellen? Wie sollen die Weißen reagieren? Aus ihrer Perspektive beschreibt Kelley die Auswirkungen des kollektiven Auszugs. Liberale Stimmen treffen auf rassistische Traditionalisten. Es scheint eine Frage der Zeit, bis sich das toxische Gemisch aus Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit entlädt. Mal mit beißendem Sarkasmus, mal mit überraschendem Mitgefühl erzählt hier ein schwarzer Autor vom weißen Amerika. Ein Roman von beunruhigender Aktualität.

William Melvin Kelley wurde 1937 in New York geboren. Mit vierundzwanzig Jahren veröffentlichte er seinen bis heute gefeierten Debütroman A Different Drummer. Nach mehrjährigen Aufenthalten in Paris und auf Jamaika kehrte er mit seiner Familie 1977 nach New York zurück und unterrichtete am Sarah Lawrence College Kreatives Schreiben. Für seine Romane, Kurzgeschichten, Essays und Filme wurde Kelley vielfach ausgezeichnet. Er starb 2017 in Harlem.

William Melvin Kelley wurde 1937 in New York geboren. Mit vierundzwanzig Jahren veröffentlichte er seinen bis heute gefeierten Debütroman A Different Drummer. Nach mehrjährigen Aufenthalten in Paris und auf Jamaika kehrte er mit seiner Familie 1977 nach New York zurück und unterrichtete am Sarah Lawrence College Kreatives Schreiben. Für seine Romane, Kurzgeschichten, Essays und Filme wurde Kelley vielfach ausgezeichnet. Er starb 2017 in Harlem.

Cover
Titelseite
William Melvin Kelley – Foto
Den größeren Teil von [...]
Der Staat
Der Afrikaner
Harry Leland
Mister Leland
Ein Geburtstag im Herbst vor langer Zeit
Die Willsons
Dymphna Willson
Dewey Willson III.
Camille Willson
David Willson
Die Männer auf der Veranda
Nachwort
William Melvin Kelley
Biographien
Impressum

Der Afrikaner


Jetzt war es vorbei. Die meisten Männer, die auf der Veranda von Thomasons Lebensmittelgeschäft saßen oder standen, aufrecht oder angelehnt, waren am Donnerstag, als das alles angefangen hatte, draußen auf Tucker Calibans Farm gewesen, auch wenn keiner von ihnen, mit Ausnahme von Mister Harper vielleicht, gewusst hatte, dass es der Anfang von etwas gewesen war. Den ganzen Freitag und den größten Teil des Samstags hatten sie den Negern von Sutton zugesehen, die, mit oder ohne Koffer, am Ende der Veranda auf den stündlich verkehrenden Bus gewartet hatten, der sie über die Hügel im Osten und vorbei an Harmon’s Draw zum Bahnhof von New Marsails bringen würde. Aus dem Radio und den Zeitungen hatten sie erfahren, dass Sutton nicht der einzige Ort war, wo das passierte. In allen großen und kleinen Städten bis hin zum letzten Kaff benutzten die Neger alle verfügbaren Transportmittel, einschließlich ihrer eigenen Beine, um sich über die Staatsgrenze nach Mississippi, Alabama oder Tennessee zu begeben, wo manche (allerdings nur die wenigsten) sich sofort nach einem Dach über dem Kopf und Arbeit umsahen. Die Männer wussten auch, dass die meisten nicht gleich hinter der Grenze bleiben, sondern weiterziehen würden, bis sie irgendeinen Ort erreicht hatten, wo sie leben oder wenigstens in Würde sterben konnten, denn in der Zeitung hatten sie Bilder vom Bahnhof gesehen, wo alles voller Neger war, und die lange Karawane der mit Negern und ihrem Zeug vollgestopften Wagen auf der Landstraße zwischen Willson City und New Marsails hatte sie in der Überzeugung bestärkt, dass diese Leute das nicht auf sich nahmen, um nach bloß hundert Kilometern gleich wieder anzuhalten. Und sie hatten die Erklärung des Gouverneurs gelesen: »Es gibt keinen Grund zur Sorge. Wir haben sie nie gewollt, wir haben sie nie gebraucht, und wir werden sehr gut ohne sie zurechtkommen; der Süden wird sehr gut ohne sie zurechtkommen. Auch wenn unsere Bevölkerungszahl um ein Drittel verringert ist, werden wir prima zurechtkommen. Es sind noch immer genug gute Männer da.«

Das wollten alle glauben. Sie hatten noch nicht lange genug in einer Welt ohne schwarze Gesichter gelebt, um irgendeine Gewissheit zu haben, doch sie hofften, dass alles gut gehen würde, und versuchten sich einzureden, es sei jetzt wirklich vorbei, ahnten aber, dass es für sie jetzt gerade erst anfing.

Zwar hatte das Ganze hier seinen Anfang genommen, doch inzwischen war ihnen der Rest des Staates weit voraus: Sie hatten in sich noch nicht die Wut und Verbitterung gespürt, über die sie in der Zeitung gelesen hatten, sie hatten nicht versucht, die Neger aufzuhalten, wie es andere weiße Männer in anderen Städten getan hatten, die es als ihr Recht ansahen, schwarzen Händen die Koffer zu entreißen und Faustschläge zu verteilen. Ihnen war die entmutigende Feststellung erspart geblieben, dass solche Bemühungen vergeblich waren, oder vielleicht war ihnen diese Demonstration gerechten Zorns auch regelrecht verwehrt worden – Mister Harper hatte ihnen erklärt, dass die Neger sich ohnehin nicht aufhalten ließen, und Harry Leland war so weit gegangen zu sagen, sie hätten ein Recht darauf zu gehen –, und so wandten sie sich an diesem späten Samstagnachmittag, als die Sonne hinter den schmucklosen, ungestrichenen Gebäuden auf der anderen Seite der Landstraße unterging, wieder Mister Harper zu und mühten sich zum tausendsten Mal in drei Tagen, zu begreifen, wie es eigentlich angefangen hatte. Sie konnten nicht alles wissen, aber das, was sie wussten, enthüllte ihnen vielleicht einen Teil der Antwort, und sie fragten sich, ob an dem, was Mister Harper über die »Stimme des Blutes« gesagt hatte, vielleicht etwas dran war.

Mister Harper erschien gewöhnlich morgens um acht auf der Veranda, wo er seit zwanzig Jahren Hof hielt, und zwar in einem Rollstuhl, so alt und sperrig wie ein Thron. Er war pensionierter Army-Offizier. General Dewey Willson persönlich hatte ihn nach West Point empfohlen, und so war er nach Norden gegangen und hatte gelernt, Kriege zu führen, die zu führen er dann nie Gelegenheit bekommen hatte: Er war zu jung für den Bürgerkrieg, kam erst nach Kuba, als der Spanisch-Amerikanische Krieg längst vorbei war, und war zu alt für den Ersten Weltkrieg, in dem er seinen Sohn verlor. Der Krieg hatte ihm nichts gegeben, aber alles genommen. Vor dreißig Jahren war er zu dem Schluss gekommen, das Leben sei es nicht wert, dass man ihm stehend begegnete, denn es schlug einen ja doch bloß nieder, und so hatte er sich in den Rollstuhl gesetzt, betrachtete die Welt fortan von der Veranda aus und erklärte ihr willkürliches Wirken den Männern, die sich täglich um ihn scharten.

In all den Jahren hatte er diesen Stuhl vor den Augen der Welt nur einmal verlassen – und zwar am vergangenen Donnerstag, um sich Tucker Calibans Farm anzusehen. Jetzt saß er wieder wie festgewachsen, als hätte er sich nie erhoben. Das glatte weiße, in der Mitte gescheitelte Haar war lang und hing zu beiden Seiten seines Gesichts herab wie das einer Frau. Seine gefalteten Hände ruhten auf einem kleinen, aber ausgeprägten Bauch.

Thomason, der, weil es so wenig Kunden gab, eher selten in seinem Laden war, stand direkt hinter Mister Harper und lehnte an der schmutzigen Schaufensterscheibe. Bobby-Joe McCollum, kaum zwanzig und der jüngste der Gruppe, saß auf der Verandatreppe und rauchte eine Zigarre. Loomis, der ebenfalls zum Kern der Gruppe gehörte, saß auf einem Stuhl, den er nach hinten gekippt hatte. Er war auf der Universität in Willson gewesen, wenn auch nur drei Wochen lang, und fand Mister Harpers Erklärung für die Ereignisse zu unwahrscheinlich, zu einfach. »Also, ich kann das nicht glauben, dieses ganze Zeug von wegen Stimme des Blutes und so.«

»Was soll es denn sonst sein?« Mister Harper drehte sich zu Loomis um und blinzelte ihn durch die herabhängenden Haare an. Er sprach anders als die anderen Männer – seine Stimme war hoch und belegt, sie klang trocken und akzentuiert wie die eines Neuengländers. »Wohlgemerkt: Ich bin keiner von diesen abergläubischen Schwätzern, ich glaube nicht an Geister und so weiter. Für mich ist das rein genetisch: etwas Besonderes im Blut. Und wenn irgendjemand auf der Welt etwas Besonderes im Blut hat, dann Tucker Caliban.« Er senkte die Stimme, bis sie beinahe ein Flüstern war. »Ich sehe geradezu, wie es gewartet hat: Es hat geschlafen, und eines Tages ist es aufgewacht und hat Tucker tun lassen, was er getan hat. Kann gar nicht anders sein. Wir hatten nie irgendwelchen Ärger mit ihm, genauso wenig wie er mit uns. Aber auf einmal hat das Blut in seinen Adern aufbegehrt, und er hat diese … diese Revolution angefangen. Und mit Revolutionen kenne ich mich aus – das ist eine der Sachen, die sie uns in West Point beigebracht haben. Was meint ihr wohl, warum ich es so wichtig fand, dass ich von meinem Stuhl aufgestanden bin?« Er starrte über die Straße. »Es ist das Blut des Afrikaners! Ganz einfach.«

Bobby-Joe stützte das Kinn in die Hände. Er drehte sich nicht zu Mister Harper um, und so merkte dieser nicht gleich, dass der Junge sich über ihn lustig machte. »Von diesem Afrikaner hab ich schon mal gehört, und ich weiß auch, dass mir vor langer Zeit mal einer die Geschichte erzählt hat, aber ich kann mich ums Verrecken nicht erinnern, wie sie ging.« Mister Harper hatte sie schon viele, viele Male erzählt, zuletzt erst gestern. »Erzählen Sie doch mal, Mister Harper, damit wir verstehen, was das mit dem Ganzen hier zu tun hat. Na, wie wär’s?«

Mister Harper hatte inzwischen gemerkt, was los war, doch das machte nichts. Er wusste, dass manche der Männer fanden, er sei zu alt und solle eigentlich tot sein, anstatt sich jeden Morgen auf die Veranda schieben zu lassen, aber er erzählte die Geschichte eben gern. Trotzdem wollte er sich ein bisschen bitten lassen. »Ihr kennt diese Geschichte doch so gut wie ich.«

»Och, Mister Harper, wir wollen doch bloß, dass Sie sie uns noch mal erzählen.« Bobby-Joe sprach, als wäre der alte Mann ein kleines Kind. Einer, der hinter Mister Harper stand, lachte.

»Na, egal. Ich erzähle sie euch, ob ihr sie hören wollt oder nicht – nur um euch zu ärgern.« Er lehnte sich zurück und holte tief Luft. »Würde natürlich keiner behaupten, dass alles daran wahr ist.«

»Das ist wahr, wenn auch sonst nichts wahr ist.« Bobby-Joe zog an seiner Zigarre und spuckte aus.

»Vielleicht lässt du mich einfach erzählen.«

»Ja, Sir!«, sagte Bobby-Joe betont zackig, doch als er sich umsah, fand er in den beschatteten Gesichtern der anderen Männer keine Zustimmung; Mister Harper hatte sie bereits in seinen Bann geschlagen. »Ja, Sir.« Diesmal war es aufrichtig gemeint.

 

Wie gesagt, keiner würde behaupten, dass alles an dieser Geschichte wahr ist. Anfangs vielleicht schon, aber seitdem hat bestimmt der eine oder andere gedacht, er könnte die Wahrheit verbessern. Und da hatte er recht. Eine Geschichte ist viel besser, wenn sie halb erlogen ist. Ohne Lügen wird das nichts. Zum Beispiel die Sache mit Samson. Das war sicher nicht ganz so, wie man’s in der Bibel liest; irgendeiner hat sich wohl gedacht, wenn da einer ist, der ein bisschen stärker ist als die meisten anderen Männer, kann’s ja nicht schaden, ihn viel stärker zu machen. Und das ist wahrscheinlich das, was die Leute hier gemacht haben: Sie haben den Afrikaner genommen, der sowieso schon ziemlich groß und stark war, und haben ihn noch größer und stärker gemacht.

Ich würde sagen, sie wollten sichergehen, dass wir ihn nicht vergessen. Obwohl … wenn man’s bedenkt, gibt’s...

Erscheint lt. Verlag 30.8.2019
Übersetzer Dirk van Gunsteren
Verlagsort Hamburg
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Rassismus • Südstaaten • USA • Weiße • Wiederentdeckung
ISBN-10 3-455-00627-2 / 3455006272
ISBN-13 978-3-455-00627-8 / 9783455006278
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