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ROOTS (eBook)

Wie ich meine Wurzeln fand und der Kaffee mein Leben veränderte

(Autor)

eBook Download: EPUB
2019
253 Seiten
Goldmann Verlag
978-3-641-25268-7 (ISBN)

Lese- und Medienproben

ROOTS - Sara Nuru
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Als Sara Nuru mit 19 Jahren als erste dunkelhäutige Kandidatin die Castingshow »Germany's Next Topmodel« gewinnt, steht sie plötzlich im Scheinwerferlicht, es folgen Jobangebote und Reisen um die Welt. Sara ist dankbar für die Chancen und den Erfolg, doch nach einigen Jahren beginnt die Tochter äthiopischer Einwanderer ihren Weg zu hinterfragen. Die Suche nach ihren Wurzeln führt sie immer wieder nach Äthiopien, wo sie als Botschafterin für »Menschen für Menschen« tätig ist. Durch die Gespräche mit den vielen starken Frauen dort findet auch Sara den Mut, ihren eigenen Weg zu gehen und sich von den Erwartungen anderer zu befreien. Schließlich gründet sie mit ihrer Schwester Sali ein Social Business, nuruCoffee, und einen Verein, nuruWomen. Mit Mikrokrediten ermöglichen sie äthiopischen Frauen ein selbstbestimmtes Leben, eröffnen im Land ihrer Familie neue Perspektiven und können so etwas von dem zurückgeben, das ihre Eltern ihnen in der neuen Heimat Deutschland ermöglicht haben.

Sara Nuru wurde am 1989 in Bayern geboren und gewann 2009 bei Germany’s Next Topmodel den 1. Platz. Heute ist Sara ein erfolgreiches Model, als Vortragsrednerin deutschlandweit unterwegs und seit Jahren Botschafterin für Menschen für Menschen. 2017 gründete sie mit ihrer Schwester Sali das Food-Start-up nuruCoffee sowie ihren eigenen Verein nuruWomen, mit dem sie in Äthiopien – der Heimat ihrer Eltern und dem Ursprungsland des Kaffees – Frauen bei der Existenzgründung unterstützt.

Die Seifenblase, in der wir leben


Seit ich denken kann, fühle ich mich meiner Schwester Sali besonders verbunden. Wir haben schon als kleine Mädchen ein Zimmer geteilt. Jetzt leben wir wieder unter einem Dach, in einer Wohnung in Berlin. Wir sind gemeinsam durch die Welt gereist und haben einander nach nicht bestandenen Prüfungen getröstet. Sali war stolz auf mich, als ich Germanys Next Topmodel gewonnen habe, und hat mich verstanden, als ich das Modeln satthatte. Wir waren füreinander da, wenn Beziehungen in die Brüche gingen. Haben miteinander gelacht, wenn der Herzschmerz vergessen war. Wir sind in Tel Aviv die Strandpromenade entlangspaziert, haben in New York die Nacht durchgefeiert und in Erding am Esstisch unserer Eltern verhandelt, wer das letzte Stück Kuchen essen darf. Sali reicht ein Blick, um zu erkennen, wenn es mir nicht gut geht, und wenn ich eine wichtige Entscheidung treffen muss, dann ist sie die Erste, die ich anrufe. Und seit Kurzem sind wir auch noch Geschäftspartnerinnen und importieren mit unserer Firma nuruCoffee gemeinsam Kaffee aus Äthiopien.

Und doch gibt es etwas, das ich mit Sali nicht teilen kann. Seit fast zehn Jahren komme ich als Botschafterin für Menschen für Menschen (MfM) in das Heimatland unserer Eltern. Ich besuche Dörfer, besichtige Schulen in marodem Zustand und rede mit Landwirten. Mein Bewusstsein über die Lage in Äthiopien und die Sorgen der Menschen dort macht es mir möglich, in Deutschland glaubwürdig für die Arbeit von Menschen für Menschen zu werben, Fundraising zu betreiben und die Organisation nach außen zu vertreten. Seit ich das erste Mal mit der Stiftung in Äthiopien war und gesehen habe, wie die Menschen dort leben, mit welchen Widrigkeiten sie aufwachsen und wie es ihnen doch gelingt, mit Stolz und Hoffnung durchs Leben zu gehen, fühle ich mich meinen Eltern in einer Tiefe verbunden, die ich nie mit Sali und meinen Geschwistern teilen konnte.

Wie erklärt man jemandem, der noch nie in das Landesinnere gefahren ist und gesehen hat, wie die Menschen in Äthiopien abseits der großen Metropole Addis Abeba leben, dieses Land? Afrika, mit all seinen Widersprüchen, ein Kontinent, der von Armut gezeichnet ist, aber auch von stolzen Kulturen und einem Reichtum an Leben, den viele nicht sehen können, nie zu sehen bekommen, weil man immer wieder zurückkommen muss, um zu begreifen, dass kleine Veränderungen so unendlich groß sein können. Die Schönheit Äthiopiens erschließt sich nicht sofort, zu weit weg ist das Leben hier von dem, das wir kennen. Viele sehen nur das Elend und Leid, sind erschüttert von der Armut und Entbehrung und bekommen keinen Zugang zu dem, was das Leben in Äthiopien eben auch prägt: die Wärme der Menschen, der Duft des Kaffees, der ständig in der Luft liegt, die Gastfreundschaft, mit der man in die Häuser eingeladen wird. Die Dankbarkeit für die kleinen Dinge: eine funktionierende Dusche, eine warme Mahlzeit, ein neuer Brunnen im Dorf.

Es ist 2017, vor acht Jahren habe ich die Sendung Germany’s Next Topmodel für mich entschieden. Seit einigen Monaten arbeiten Sali und ich gemeinsam an der Verwirklichung eines Lebenstraums: Wir wollen mit den Erlösen unserer Firma nuruCoffee Mikrokredite für Frauen in diesem Land finanzieren. Aber wie das genau funktionieren könnte, ist uns noch nicht klar. Wir stehen noch ganz am Anfang unserer Reise, und wenn wir ehrlich sind, begeben wir uns mit dem, was wir da gerade tun, oft auf Glatteis und verlassen fast täglich unsere Komfortzone, aber wir wissen genau, dass es das Richtige ist und dass wir es tun müssen. In uns reift der Beschluss, gemeinsam in das Landesinnere zu reisen, dahin, wo die Kredite besonders dringend benötigt werden. Also trete ich an Menschen für Menschen heran und frage, ob es möglich wäre, mit Frauen ins Gespräch zu kommen, die schon Mikrokredite bekommen haben. Ich bin überglücklich, als aus der Münchner Zentrale eine positive Antwort kommt.

In den Wochen vor unserer Abreise planen meine Kollegen von der Stiftung und ich akribisch unsere Route. Zu meiner Überraschung lässt mich Sali einfach machen. Sie ist die Ältere, und es ist ein ziemlicher Rollentausch, dass ich dieses Mal sie an die Hand nehme. Sonst war Sali meist diejenige, die sich um alles gekümmert hat. Für unsere Reise nach Äthiopien packt Sali ihre eigene Bettwäsche in den Koffer, dazu einen regelrechten Medikamentenschrank inklusive Desinfektionsspray. Sie hat sich schon Monate vorher impfen lassen, gegen so ziemlich alles. Ich nehme für diese Reise noch nicht einmal die Malarone-Tabletten gegen Malaria, denn mittlerweile finde ich deren Nebenwirkungen schlimmer als die geringe Chance, mich anzustecken. Am Abend vor der Abreise schmeiße ich meistens nur ein paar Sachen in den Koffer: Flip-Flops, bequeme Hosen, einen Kapuzenpullover, meine Kamera, mein Tagebuch. Irgendwann steht Sali im Türrahmen unseres Wohnzimmers und fragt mich mit todernstem Blick: »Haben wir eigentlich genug Mückenspray?« Ich bin fertig mit Packen, liege auf der Couch und surfe auf meinem Laptop im Internet. Als ich sie so sehe, mit diesem fragenden Gesichtsausdruck, bricht es aus mir heraus. Ich kann nicht anders, als lauthals zu lachen. Die Frage ist typisch Sali. Als sie mich lachen sieht, verdreht sie die Augen, schüttelt theatralisch den Kopf und muss selbst über die Situation lachen.

In der Nacht vor dem Abflug machen wir kein Auge zu. Irgendwann klopfe ich an Salis Tür und lege mich zu ihr ins Bett. Wir reden darüber, wie verrückt es ist, dass wir endlich unseren Traum verwirklichen. »Seit Jahren sitzen wir im Wohnzimmer und reden davon, wie toll es wäre, Frauen in Äthiopien zu unterstützen, irgendetwas Eigenes zu starten«, sage ich. »Ich weiß, und jetzt ist es endlich so weit«, antwortet Sali. Wir erinnern uns an unsere erste und einzige gemeinsame Reise nach Äthiopien, als Teenager, mit unseren Eltern. Ich war 14, Sali war 18, und für mich war es der erste Besuch in der Heimat meiner Eltern. Sali, die als Säugling das Land verlassen hatte, konnte sich nicht erinnern. Damals war es für uns einfach nur Urlaub, vielleicht ein bisschen der Versuch, den eigenen Wurzeln nachzuspüren. Jetzt knüpfen wir an diese lange vergessene Tradition an, aber dieses Mal geht es um so viel mehr.

Es ist ein schönes Gefühl, mich am nächsten Morgen nicht wie sonst an der Wohnungstür von Sali zu verabschieden, sondern mit ihr ins Taxi zu steigen. Auf der Fahrt denke ich an meine erste richtige Äthiopienreise zurück. Ich war 19, als ich das erste Mal mit Menschen für Menschen ins Landesinnere reiste und sah, wie die Mehrzahl der Menschen im Heimatland meiner Eltern lebt. Diese Reise sollte mein Leben verändern. Ich sah, mit wie wenig die Leute dort auskommen müssen und wie aufrecht sie trotzdem durch ihr Leben gehen. Mit welcher Wärme sie Gästen begegnen. Seitdem haben die jährlichen beruflichen Reisen in die Heimat meiner Eltern Priorität für mich. Sie sind Fixpunkte, auf die ich mich freue. Denn nichts erdet mich so sehr, bringt mich wieder in Einklang mit dem wahren Leben, mit den Dingen, die zählen, nichts verschafft mir so schnell ein Bewusstsein für das Wesentliche. Ich freue mich, dass Sali all das nun ebenfalls durchleben wird. Manchmal wünschte ich, ich könnte selber noch einmal an diesen Punkt zurück. Ich bin gespannt, was diese Erfahrung wohl mit ihr macht.

Im Flugzeug sinken wir in unsere Sitze, machen ein Selfie und schicken es an unsere Eltern und unserer älteren Schwester Susann. Wir sind voller Vorfreude. Als wir das letzte Mal gemeinsam in Äthiopien waren, waren wir noch Teenager. Und irgendwie fühlt es sich auch für mich jetzt so aufregend an wie damals, obwohl ich seitdem so oft alleine nach Äthiopien geflogen bin. Weil wir auf einmal in eigener Sache unterwegs sind: als Unternehmerinnen, die mit ihrer neu gegründeten Firma Gutes tun wollen. Wir freuen uns auf alles, was wir auf dieser Reise erleben, auf die Geschichten, die uns die Frauen erzählen werden, die mit so viel weniger zufrieden sein müssen als Frauen wie wir, die das Glück haben, im Westen, in einer Industrienation geboren zu sein.

Als wir um kurz nach ein Uhr nachts in Addis Abeba aus dem Flieger steigen, fühle ich mich sofort wohl. Ich gehe routiniert in Richtung Immigrationsschalter, Sali folgt mir. »Weißt du noch, als wir das erste Mal hier waren«, sagt sie. »Da sind wir noch direkt vom Flugzeug auf das Rollfeld gelaufen.« Ich nicke und fühle mich sofort zurückversetzt zu dieser Reise, als mich die Wärme und Luftfeuchtigkeit regelrecht erschlagen haben. Die Luft roch für mich damals nach Abenteuer, ganz anders als in Deutschland, nach verbranntem Holz, frisch geröstetem Kaffee und Berbere, einer landestypischen Gewürzmischung aus Chili, Ingwer, Zimt, Piment und Nelken.

Wie sehr sich der Flughafen seitdem doch verändert hat. Jetzt hat jede Maschine eine Gangway. Früher gab es nur ein Terminal, keine Restaurants und Cafés, keine Boutiquen, nur einen Shop. Heute spürt man, wie international und aufstrebend Äthiopien geworden ist. In den Läden in Addis Abeba werden jetzt Spiegel, Duschgel, Shampoo und Make-up verkauft. Was für uns selbstverständlich klingt, war hier noch vor knapp fünfzehn Jahren undenkbarer Luxus. Selbst im Landesinneren tragen die Menschen jetzt Schuhe, auch das war früher nicht der Fall. Je weiter man sich von der Hauptstadt entfernt, desto größer wird die Armut, das ist auch heute noch so, aber das Elend ist weniger geworden. Jetzt, wo ich seit acht Jahren hierher komme, kann ich diese Entwicklung sehen. Ich denke an mein Entsetzen zurück, als einer der Mitarbeiter von Menschen für...

Erscheint lt. Verlag 14.10.2019
Co-Autor Sarah Borufka
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Schlagworte Afrika • Alice Hasters • Äthiopien • Biografie • Biographien • #blacklivesmatter • Black lives matter • BlackLivesMatter • Catwalk • eBooks • female empowerment • Gemeinschaft • Germany's Next Topmodel • Gesellschaft • GNTM • Heidi Klum • Home office • Inspiration • Kaffee • Kaffee trinken • Kleine Geschenke • Lebenstraum • Michelle Obama • Nachhaltigkeit • Power • Reni Eddo-Lodge • Selbstbestimmung • Wahre GEschichte • Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen • Welt • Zukunft
ISBN-10 3-641-25268-7 / 3641252687
ISBN-13 978-3-641-25268-7 / 9783641252687
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